{"id":2166,"date":"1998-10-01T00:00:00","date_gmt":"1998-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2166"},"modified":"2022-07-26T12:59:14","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:14","slug":"schwules-gejammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/schwules-gejammer\/","title":{"rendered":"Schwules Gejammer"},"content":{"rendered":"<p>Gerhard Schr\u00f6der (SPD) verspricht im Wahlkampf die Einf\u00fchrung eines Rechtsinstituts f\u00fcr schwule\/lesbische PartnerInnenschaften, um somit die schwul\/lesbischen W\u00e4hlerInnen zu gewinnen. Ebenfalls kurz vor der Wahl hat das rot-gr\u00fcne Hamburg als rein symbolischen Akt die standesamtliche Eintragung homosexueller PartnerInnenschaften &#8211; ohne jede rechtliche Bedeutung &#8211; eingef\u00fchrt. Alles klar also mit der Gleichstellung von Lesben und Schwulen?<\/p>\n<p>Dem ist nat\u00fcrlich nicht so, und das liegt nicht so sehr an der fehlenden M\u00f6glichkeit einer &#8222;Homo-Ehe&#8220;. Dennoch ist eine radikale Schwulenbewegung nicht in Sicht, was es dem b\u00fcrgerlichen Schwulenverband in Deutschland (SVD) erm\u00f6glicht, f\u00fcr die nicht mehr pr\u00e4sente Bewegung zu sprechen und diese f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche Gleichstellungspolitik zu vereinnahmen.<\/p>\n<p>Eike Stedefeldt zeigt diesen Proze\u00df auf 222 Seiten durchaus detailliert und mit Insiderblick auf. Deutlich wird dabei, wie letztlich durch Einsatz von Macht und Beziehungen emanzipative Ans\u00e4tze zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden, und die Kommerzialisierung der Schwulenszene nutzbar gemacht wurde f\u00fcr die Durchsetzung einer Gleichstellungspolitik, die es sich in der bestehenden Gesellschaft bequem macht. Ob es nun um die &#8222;Homo-Ehe&#8220; geht, um Schwule im Milit\u00e4r, oder um die Entpolitisierung des Christopher Street Day &#8211; mit der Durchsetzung b\u00fcrgerlicher Gleichstellungskonzepte geht eine Anpassung an den gesellschaftlichen (heterosexuellen) Mainstream und eine Kommerzialisierung einher.<\/p>\n<p>In der Kritik an diesem Proze\u00df kann ich Eike Stedefeldt daher nur zustimmen, dennoch fehlt mir vieles in seinem Buch. W\u00e4hrend sich Stedefeldt in der Kritik am SVD und dessen &#8222;Machern&#8220; (insbesondere Volker Beck) in Details verliert (und nicht immer deutlich durchblicken l\u00e4\u00dft, da\u00df er selbst an manchen Auseinandersetzungen auf der Verliererseite beteiligt war), bleibt er dennoch viel zu oberfl\u00e4chlich in der Analyse. Bei der Lekt\u00fcre seines Buches scheint es einem fast so, als ginge die Misere einer radikalen Schwulenbewegung allein auf das Konto des b\u00f6sen SVD, der hier f\u00fcr nahezu alles verantwortlich gemacht wird.<\/p>\n<p>Eine radikale Schwulenpolitik, die sich in der Kritik an b\u00fcrgerlichen Ans\u00e4tzen ersch\u00f6pft und ansonsten den alten Zeiten nachtrauert, in denen die Gleichung &#8222;schwul = links&#8220; noch galt, ansonsten aber keine politische Handlungsperspektive anzubieten hat, braucht sich aber nicht zu wundern, da\u00df sie zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft ist. Vielleicht ist es das Tragische am Erfolg der radikalen Schwulenbewegung der 70er Jahre, da\u00df sie den b\u00fcrgerlichen Schwulen das Coming Out erm\u00f6glicht hat, und dadurch gleichzeitig in der Bewegung in die Minderheit geraten ist.<\/p>\n<p>Wie jedoch mit dieser Tragik konstruktiv umgegangen werden kann, wie eine emanzipatorische Schwulenpolitik auszusehen hat, der es nicht um die Teilhabe an den Fleischt\u00f6pfen des Patriarchats geht, dazu kann auch Stedefeldt nicht mehr als Allgemeinpl\u00e4tze anbieten. Mehr als die Selbstbest\u00e4tigung frustrierter und perspektivloser linker Schwuler hat das Buch daher leider nicht zu bieten. Schade eigentlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Schr\u00f6der (SPD) verspricht im Wahlkampf die Einf\u00fchrung eines Rechtsinstituts f\u00fcr schwule\/lesbische PartnerInnenschaften, um somit die schwul\/lesbischen W\u00e4hlerInnen zu gewinnen. 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