{"id":2173,"date":"1998-10-01T00:00:15","date_gmt":"1998-09-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2173"},"modified":"2011-11-12T20:58:39","modified_gmt":"2011-11-12T18:58:39","slug":"plus-est-en-toi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/plus-est-en-toi\/","title":{"rendered":"&#8222;Plus est en toi!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Jacques Brel ist einer der bekanntesten Chansonniers. In diesem Jahr gab es anl\u00e4\u00dflich seines 20. Todestages eine Reihe von W\u00fcrdigungen und Auff\u00fchrungen seiner Lieder. Der franz\u00f6sische Schriftsteller und Journalist Olivier Todd hat bereits 1984 eine umfangreiche Biographie geschrieben, die nun in einer wundersch\u00f6nen, mit vielen Text\u00fcbersetzungen versehenen deutschsprachigen Ausgabe vorliegt.<\/p>\n<p>Jacques Brel wird 1929 geboren. Seine Familie stammt aus der b\u00fcrgerlichen Mittelklasse. Standesgem\u00e4\u00df schickt sein Vater seine S\u00f6hne in eine Privatschule. In der Schule bleibt Jacques ein paar Mal sitzen. Der Zweite Weltkrieg beeinflu\u00dft den jungen Brel stark. 1947 wird er von der Schule befreit und entgeht so dem Rauswurf. Brel arbeitet im Gesch\u00e4ft der Familie, der Kartonagenfabrik Vanneste &amp; Brel. Angeblich wird er sp\u00e4ter &#8222;bedauern, den klassischen Bildungsweg abgebrochen zu haben&#8220; (S. 51). Kurz danach taucht er bei Hector Bruyndonckx auf, der die Jugendbewegung der Franche Cord\u00e9e ins Leben gerufen hat &#8211; auf die ausdr\u00fcckliche Bitte eines Pfarrers hin, der die Jugend vom rechten Weg abgekommen sah. Das Motto der Jugendlichen hei\u00dft &#8222;Plus est en toi&#8220; (In dir ist mehr!). Jacques Brel wird sein Leben lang nach diesem Mehr in sich selbst suchen. Jacques findet in Hector einen spirituellen Mentor. Die beiden werden eine Art Vater-Sohn-Beziehung eingehen &#8211; mit all ihren Euphorien und Mi\u00dfverstandnissen. In der Franche Cord\u00e9e singt Brel seine ersten Lieder zur Gitarre. Dort lernt er auch Th\u00e9r\u00e8se Michielsen, genannt &#8222;Miche&#8220;, kennen. Sie heiraten im Juni 1950. 1953 zieht Brel nach Paris, weil er \u00fcberzeugt ist, da\u00df sein Talent in Belgien nicht anerkannt werden wird. Es beginnt die Karriere des gro\u00dfen Chansonniers, Theaterschauspielers und Kinoregisseurs Jacques Brel.<\/p>\n<p>Todd ordnet die f\u00fcnfzehn Kapitel seiner Biographie sowohl thematisch als auch chronologisch an. Auf Grund mancher \u00dcberschneidungen wird der Zeitrahmen manchmal etwas unklar. Hilfreich w\u00e4ren zudem ein Inhaltsverzeichnis, eine Lebenschronologie und auch eine Auflistung von Brels Liedern mit der Zeit ihrer Entstehung gewesen.<\/p>\n<p>Olivier Todd will objektiv erz\u00e4hlen und betont immer wieder sein Anliegen, nicht den Mythos Brel darzustellen, sondern den Menschen, wie er eben war, mit seinen Qualit\u00e4ten und Schw\u00e4chen. Zum Teil ist ihm das gut gelungen, insbesondere im letzten Abschnitt seines Buches. Allerdings tr\u00e4gt dieser Hang zur Objektivit\u00e4t auch oft zur Verwirrung bei. So anerkennt er Brels anarchistische Einstellung zum Leben, gleichwohl ist sie in den Beschreibungen von Todd kaum zu bemerken. Zwar erw\u00e4hnt er, da\u00df Brel den Staat, die Kirche und die Armee beschimpft (S. 276), aber er beschreibt diese Kritik nicht innerhalb des politischen Kontextes, wodurch die Bedeutung von Brels \u00c4u\u00dferungen abgeschw\u00e4cht wird.<\/p>\n<p>Die Biographie von Todd zeichnet einen Brel, der politisch letztendlich keine Ahnung hat. So habe der Flame Brel angeblich nichts von der Geschichte des fl\u00e4misch-wallonischen Konflikts in Belgien verstanden, was ihm viele Flamen \u00fcbel genommen h\u00e4tten. Alles was Brel wei\u00df, scheint von seinem besten Freund Georges Pasquier, genannt &#8222;Jojo&#8220;, her zu stammen. Allerdings ist &#8222;Jojo&#8220; Sozialdemokrat, im Gegensatz zu Brel. Insgesamt \u00e4u\u00dfert sich Brel wenig \u00fcber diese Unterschiede, um seine Freunde nicht zu kr\u00e4nken. Todd behauptet, Brel wolle keine politische Botschaft durch seiner Lieder verbreiten: &#8222;Der K\u00fcnstler Brel sp\u00fcrt, da\u00df die rauhe politische Wirklichkeit in seinen Werken nichts zu suchen hat. Er ist kein engagierter S\u00e4nger und will es auch niemals werden &#8211; Chansons wie Les Bourgeois und Jaur\u00e8s bilden Ausnahmen in seinem Repertoire&#8220; (S. 384). Ist es wirklich so? Wie bewertet denn Todd Les Singes, Ces gens-l\u00e0, Au suivant, Sur la place, La colombe est bless\u00e9e? Au\u00dferdem ist Brel oft provokativ und fordert die Zuh\u00f6rerInnen auf, sich und ihr Leben kritisch zu betrachten. Ist das etwa nicht politisch? Todd sagt selbst, da\u00df Brel gerade durch seine &#8222;anarchistische Lebenseinstellung&#8220; (S. 235) mit dem acht Jahre \u00e4lteren libert\u00e4ren Chansonnier Brassens verbunden ist.<\/p>\n<p>Todd verwirrt uns nicht nur bei Brels politischen Haltungen, sondern er zeichnet auch sehr widerspr\u00fcchliche Bilder von Brels Beziehungen zu Frauen. Sp\u00e4testens ab 1954 &#8222;betr\u00fcgt&#8220; &#8211; wie die b\u00fcrgerliche Bezeichnung lautet &#8211; Brel seine offizielle Ehefrau Miche immer wieder. Aber was bedeutet Jacques\u2019 und Miches Satz, das sei &#8222;our way of life&#8220;? Ist Miche einverstanden? Ist es das, was sp\u00e4ter im Buch als &#8222;Vereinbarung&#8220; (S. 539) bezeichnet wird? Miche hat l\u00e4nger als Jacques gelebt, aber Todd l\u00e4\u00dft weder sie noch die anderen Frauen in Jacques\u2019 Leben oft zu Wort kommen. Nirgendwo gibt es einen Brief oder Kommentare von Miche in dieser Biographie, abgesehen von dem einen offiziellen Interview auf S. 261. Brel ist zweifellos ein Macho gewesen, ein schlechter Vater, und war egoistisch gegen\u00fcber nahestehenden Freundinnen. Gleichzeitig liebte Brel mit seinem ganzen K\u00f6rper und seiner ganzen Seele und weniger als leidenschaftlich wollte er auf keinen Fall sein. \u00dcbertreibt Todd nicht etwas, wenn er die Lieder von Brel als frauenfeindlich bezeichnet? Was auf den ersten Blick so erscheint, sind oft Provokationen oder gesellschaftliche Karikaturen, eine Kritik traditioneller Verhaltensweisen, die Frauen einnahmen.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Thema in Brels Liedern und seinem Leben war auch die Auseinandersetzung mit der Religion. Obwohl Brel antiklerial war, l\u00e4\u00dft uns Todd auch hier im unklaren dar\u00fcber, zu welchen Erkenntnissen diese Auseinandersetzung letztendlich f\u00fchrt. War Brel nun religi\u00f6s oder war er es nicht?<\/p>\n<p>Als Brel von der Chanson-B\u00fchne abtritt und sich dem Theater als Schauspieler sowie dem Kino als Regisseur und Darsteller zuwendet, schreibt Todd dazu:<\/p>\n<p>&#8222;Er verl\u00e4\u00dft eine Welt, die ihn an den Rand der Ersch\u00f6pfung gebracht hat. Schlie\u00dflich kann man Brel auf Schallplatte oder Kassette h\u00f6ren &#8211; obwohl man einiges verpa\u00dft, wenn man ihn dabei nicht sieht&#8220; (S. 402). Man\/frau verpa\u00dft da doch mehr als nur &#8222;einiges&#8220; &#8211; und genauso ist es mit dem Buch. Todd hat viele Bilder zueinander geklebt und liefert ein Buch, das sich sehr gut liest, das nie langweilig wird, in dem aber die Seele des Menschen doch fehlt. Viele Fragen bleiben Interpretationssache. Das Buch will das Publikum nicht erschrecken, jede\/r LeserIn kann sich nun seinen oder ihren Brel zusammen mischen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacques Brel ist einer der bekanntesten Chansonniers. In diesem Jahr gab es anl\u00e4\u00dflich seines 20. Todestages eine Reihe von W\u00fcrdigungen und Auff\u00fchrungen seiner Lieder. Der franz\u00f6sische Schriftsteller und Journalist Olivier Todd hat bereits 1984 eine umfangreiche Biographie geschrieben, die nun in einer wundersch\u00f6nen, mit vielen Text\u00fcbersetzungen versehenen deutschsprachigen Ausgabe vorliegt. 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