{"id":2179,"date":"1998-10-01T00:00:40","date_gmt":"1998-09-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2179"},"modified":"2011-11-12T21:02:45","modified_gmt":"2011-11-12T19:02:45","slug":"das-erbe-einer-revolution-als-erklarung-ihres-endes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/das-erbe-einer-revolution-als-erklarung-ihres-endes\/","title":{"rendered":"Das Erbe einer Revolution als Erkl\u00e4rung ihres Endes?"},"content":{"rendered":"<p>Die St\u00e4rke der Monographie von Wolfgang J. Mommsen &#8222;1848 &#8211; Die ungewollte Revolution&#8220; liegt in der teilweise bestechenden Darlegung der Konfliktherde in der Nationalversammlung zwischen den gem\u00e4\u00dfigten Liberalen, die zur &#8222;Schlie\u00dfung&#8220; des revolution\u00e4ren Prozesses aufgebrochen waren und den radikalen Demokraten, die dessen Permanenz betrieben. Hier gelingt ihm ein nachhaltiger Einblick in die Genese der Fraktionierungen der Paulskirche (Kp. 8 u. 10). Die Auswahl des Titels &#8222;Die ungewollte Revolution&#8220; geht auf die Pointierung der Zerrissenheit des b\u00fcrgerlichen Liberalismus, sich an der Spitze eines ihr unheimlichen Prozesses wiedergefunden zu haben, zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Neben der b\u00fcrgerlichen Verfassungsbewegung weist Mommsen noch auf drei weitere &#8222;beschleunigte Prozesse&#8220; (J. Burckhardt) in der Revolution von 1848\/49 hin:<\/p>\n<ul>\n<li>die b\u00e4uerlichen Protestbewegungen<\/li>\n<li>die Protestaktionen von Teilen der Unterschichten gegen die bestehende Sozialordnung und<\/li>\n<li>die national-revolution\u00e4ren Bewegungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dem revolution\u00e4ren Potential der Unterschichten stellt die eigentliche Schwachstelle dieser Publikation dar. Mommsen stellt sich sicherlich der Thematik (Kp.7 u 13), aber dennoch will es ihm nicht gelingen, die origin\u00e4ren Motive dieser Akteure \u00fcberzeugend darzustellen. Sie zerrinnen ihm immer wieder zwischen den Zeilen unter dem offensichtlich \u00fcberh\u00f6hten Bild eines gem\u00e4\u00dfigten Liberalismus. So spricht er diesem revolution\u00e4ren Potential einmal das &#8222;politische Augenma\u00df&#8220; (54), ein anderes Mal &#8222;eine eigentlich revolution\u00e4re Perspektive&#8220; (63) ab, l\u00e4\u00dft seine Ziele in die unendlichen Gefilde der Utopie &#8211; &#8222;ebenso redlich wie illusion\u00e4r&#8220; (93) &#8211; abdriften und wirft ihm vor, durch eine naive Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung sowie dilettantische Umsetzung seiner revolution\u00e4ren Aktionen oftmals &#8211; wenn auch ungewollt &#8211; &#8222;&#8230;den Bef\u00fcrwortern eines konterrevolution\u00e4ren Kurses in die H\u00e4nde &#8230;&#8220; (245) gearbeitet zu haben.<\/p>\n<p>Dieses Bild ist mehr als fragw\u00fcrdig und wirkt in Mommsens starken Kapiteln selbst wie ein Fremdk\u00f6rper. F\u00fcr Mommsen d\u00fcrften die Aktionsformen der Unterschichten erst mit der Sozialdemokratie in die berechenbaren Bahnen einer Bewegung m\u00fcnden. Das aber ist ein folgenschwerer Irrtum, denn die gem\u00e4\u00dfigt-liberale wie die radikal-demokratische Position sind beides Kinder der Aufkl\u00e4rung, und: welches zu fr\u00fch oder zu sp\u00e4t geboren wurde, das l\u00e4\u00dft sich eben nicht ausschlie\u00dflich aus der Retrospektive bestimmen, sondern mu\u00df aus den jeweiligen konkreten historischen Verl\u00e4ufen ausgegraben werden. Im Kern scheint Mommsens Argumentationslogik davon auszugehen, da\u00df in der europ\u00e4ischen Gegenwart ausschlie\u00dflich die national-emanzipatorische Idee eines nach Osten sich ausweitenden &#8222;&#8230;friedlichen Europa freiheitlicher Nationalstaaten &#8230;&#8220; (324) noch virulent ist. In West- und Mitteleuropa scheinen ihm die l\u00e4ndliche Protestbewegung, die b\u00fcrgerliche Verfassungsbewegung sowie die Protestformen der Unterschichten gegen die bestehenden Sozial- und Staatsordnungen an ihrem politischen Ende angekommen zu sein. Auch wenn Mommsen diese Position nicht ausdr\u00fccklich formuliert, so kann seine Argumentation sie letztlich nicht verleugnen. Das aber k\u00f6nnte ein verh\u00e4ngnisvolles historisches Fehlurteil sein. Keine Gegenwart ist bisher je an ihr wirkliches Ende gekommen, vor dem nur noch die Ernte der reifen Trauben gelegen h\u00e4tte. Jenes industrielle System, das auch durch die Revolution von 1848\/49 freigesetzt wurde, garantiert nicht per se Freiheit und Wohlstand, sondern polarisiert, verschlingt ungefragt die letzten Rudimente traditioneller Lebenverh\u00e4ltnisse und bringt aus sich nach wie vor tiefe soziale und \u00f6konomische Krisen hervor, ganz abgesehen von den modernen \u00f6kologischen Risiken. Und die &#8222;Schatten&#8220;, die Mommsen an der europ\u00e4ischen Peripherie in &#8222;nationalistischen Rivalit\u00e4ten&#8220; (324) ausmacht, sind vielleicht vielmehr Schatten eines \u00fcberm\u00e4chtigen \u00f6konomischen Systems, das nicht mehr bereit ist, \u00fcber sich hinauszudenken.<\/p>\n<p>Davon ungeschm\u00e4lert liegen Mommsens Vorz\u00fcge darin, die zentralen Ereignisfelder aus den Perspektiven unterschiedlicher Handlungshorizonte zu beleuchten und der\/dem LeserIn die je begrenzten Handlungsoptionen der darin verwobenen Akteure transparent werden zu lassen. Dies allein macht das Buch schon lesenswert, wie auch seine evidente Analyse der Verstrickung der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in den europ\u00e4ischen Zentren mit den national- revolution\u00e4ren Bewegungen an der Peripherie (Kp. 10).<\/p>\n<p>Mommsen bleibt darin zuzustimmen, da\u00df es heute in erster Linie gilt, die Revolution von 1848\/49 als Teil eines &#8222;&#8230;umfassenden Prozesses gesellschaftlichen Wandels&#8230;&#8220;(323) zu verstehen, womit zugleich die revolution\u00e4ren Bewegungen in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts an Aktualit\u00e4t gewinnen, denn die Konflikte zwischen st\u00e4dtischer und l\u00e4ndlicher Welt, zwischen Peripherie und Zentrum, die Auseinandersetzungen um die Garantie der Grundrechte und ihre verfassungsm\u00e4\u00dfige Repr\u00e4sentation sowie das Ringen um soziale Gerechtigkeit sind virulenter als Mommsen sich einzugestehen scheint. Man kann das Erbe einer Revolution nicht antreten, indem man zugleich dem Ganzen ihrer Bewegung das Ende, ihre geistige &#8222;Schlie\u00dfung&#8220; verk\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die St\u00e4rke der Monographie von Wolfgang J. Mommsen &#8222;1848 &#8211; Die ungewollte Revolution&#8220; liegt in der teilweise bestechenden Darlegung der Konfliktherde in der Nationalversammlung zwischen den gem\u00e4\u00dfigten Liberalen, die zur &#8222;Schlie\u00dfung&#8220; des revolution\u00e4ren Prozesses aufgebrochen waren und den radikalen Demokraten, die dessen Permanenz betrieben. 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