{"id":2181,"date":"1998-10-01T00:00:17","date_gmt":"1998-09-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2181"},"modified":"2011-11-12T21:05:38","modified_gmt":"2011-11-12T19:05:38","slug":"im-pool-der-moglichkeiten-geplanscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/im-pool-der-moglichkeiten-geplanscht\/","title":{"rendered":"Im Pool der M\u00f6glichkeiten geplanscht"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Wenn wir, wie ich eben, beim Auf- und Abgehen eine Spinne, die an der Wand auftaucht, mit Zigarettenrauch beblasen, versuchen wir, sie zu vergasen. Ein Sohn Martin Heideggers, las ich heute, ist Oberst im Bonner Verteidigungsministerium. Das ist die andere M\u00f6glichkeit&#8220;<\/p>\n<p>Bernward Vesper, Die Reise<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Familienalbum gibt es ein Foto von meinem Vater, wie er als Jungingenieur bei Krupp Reza Pahlewi, den Schah von Persien, durch den Betrieb f\u00fchrt. Vermutlich um ihm das Aktienpaket schmackhaft zu machen, das der iranische Staat auch heute noch an Krupp h\u00e4lt. Als der Schah einige Jahre sp\u00e4ter, Ende Mai\/Anfang Juni 1967 die BRD besucht, tritt der Proze\u00df offen zu Tage, den Agnoli\/ Br\u00fcckner als die &#8222;Transformation der Demokratie&#8220; beschrieben haben. Bekanntlich wird auf der Gegendemonstration vor der Berliner Oper der Student Benno Ohnesorg erschossen.<\/p>\n<p>Es gibt eine ganze Reihe von B\u00fcchern, die p\u00fcnktlich zum Jahrestag der Revolte von 1968 solche historischen Einschnitte mit jenen pers\u00f6nlichen Ausschnitten aus den Fotoalben und Tageb\u00fcchern kombinieren und zur Nostalgieproduktion anbieten. Zwei davon, die zumindest dem Anspruch der Autoren nach auch noch zu anderem taugen sollen, seien hier vorgestellt. Was insbesondere die bei Edition Nautilus erschienene Sammlung von Berichten und Dokumenten zum Jubil\u00e4umsdatum und das Buch des mexikanischen Autors Paco Ignacio Taibo II meines Erachtens lesenswert macht, ist zweierlei: Zum einen die fr\u00f6hliche Unverbesserlichkeit, mit denen die beiden Herausgeber die Aktualit\u00e4t von 68 behaupten und mit der sie das &#8211; nennen wir es ein weiteres mal &#8211; &#8222;Gespenst der Freiheit&#8220; lebendig halten wollen. Um sich ein Bild machen zu k\u00f6nnen, wie an den verschiedensten Orten der Welt der gro\u00dfe Spuk des Aufbruchs befl\u00fcgelt wurde, bieten &#8211; zweitens &#8211; beide einige sch\u00f6ne und tiefere Ansichten.<\/p>\n<h3>&#8222;Rebellion ist gerechtfertigt&#8220;<\/h3>\n<p>Da\u00df Rebellion gerechtfertigt sei, ist die Botschaft, die Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg bei seiner Zusammenstellung in erster Linie r\u00fcberbringen will. Aus den vier Jahren von 1966 bis 1969 hat er Texte zusammengestellt, die zusammen einen Werkzeugkasten f\u00fcr eine &#8222;revolution\u00e4re Perspektive&#8220; best\u00fccken sollen. Auch wenn Pamphlete, Flugbl\u00e4tter und Analysen von allen m\u00f6glichen Orten der weltweiten Revolte hier versammelt sind, am zug\u00e4nglichsten sind doch die, mit denen mensch vorher schon etwas verbindet. Daran zeigt sich gleich zu Beginn der Leseerfahrung eine schw\u00e4che der Kompilation, die als St\u00e4rke ausgegeben wird: Um sich einer Bewertung der verschiedenen Str\u00f6mungen zu enthalten, verzichtet Schulenburg vollst\u00e4ndig auf die Kommentierung der ausgesuchten Texte. Das macht die Einordnung nicht gerade leichter, und nimmt dem Abgedruckten sogar teils die Sprengkraft. Ohne einen Einblick in die politische Praxis der Black Panther Party beispielsweise, wirkt die feierliche Erkl\u00e4rung zu deren Fr\u00fchst\u00fccksprogramm schon fast l\u00e4cherlich. Oder warum streiken franz\u00f6sische Fu\u00dfballer und italienische FIAT-Arbeiter und was haben sie gemeinsam und was nicht? Gef\u00fcllt mit Dingen, die sicherlich irgendwie n\u00fctzlich sind, ist das Buch in dieser Beziehung zu sehr Werkzeugkasten: Gezieltes, l\u00f6sungsorientiertes Drin-Rumkramen ist so gut wie aussichtslos. Eine wahre Fundgrube allerdings ist die Sammlung f\u00fcr Wiedererkennungen. Aufschlu\u00dfreich und wirklich lustig zu lesen sind zum Beispiel die hier dokumentierten &#8222;Angaben zur Person&#8220;. Was von Rainer Langhans\/ Fritz Teufel einerseits und Hans J\u00fcrgen Krahl auf der anderen Seite da zu Gerichtsprotokoll gegeben wurde, ist so symptomatisch f\u00fcr die zwei Str\u00e4nge der Revolte in Deutschland. Idealtypisch vertreten durch Kommune 1 bzw. SDS, bleibt die &#8222;rebellische Subjektivit\u00e4t&#8220; (Marcuse) auf der einen Seite ebenso historische Position wie die Rede von der &#8222;antiautorit\u00e4ren Phase&#8220; auf der anderen. Sie beide geh\u00f6ren dem gro\u00dfen Scheitern an, dem sie mit dieser Ver\u00f6ffentlichung noch einmal abgetrotzt werden sollen. Was wir nun aber damit anfangen, ist die gro\u00dfe Frage. Denn nichts wird klarer bei der Lekt\u00fcre, als da\u00df wir heute in einer v\u00f6llig anderen Zeit leben. Und ob Geschichtsb\u00fccher als Schl\u00fcssel f\u00fcr heutige K\u00e4mpfe und intellektuelle Abwehrschlachten von Nutzen sein k\u00f6nnen, wird sich wie immer zeigen. Als Pool von M\u00f6glichkeiten eines antikapitalistisch ver\u00e4nderten Lebens taugt das symbolische 1968 allemal, und das auch ganz handfest: Ohne 68 kein Neoanarchismus, keine neue feministische Bewegung, keine Gegen- oder autonomen Medien, keine graswurzelrevolution (und nichts von dem, was daran hing und h\u00e4ngt).<\/p>\n<h3>&#8222;Bulldozerschaufelweise Sehnsucht&#8220; h\u00e4uft Mythen an<\/h3>\n<p>Vor dem gro\u00dfen Scheitern war nat\u00fcrlich diese gro\u00dfartige Zeit, kulturrevolution\u00e4r bis in die letzten Artikulationsformen, von dem beide B\u00fccher einen Eindruck vermitteln wollen. Oder war &#8217;68 doch nur einer dieser krisenausb\u00fcgelnden Modernisierungssch\u00fcbe?<\/p>\n<p>Aus dem Dilemma der Entscheidungsf\u00e4higkeit eine Tugend zu machen, geht zum Beispiel ganz gut damit, die Grenze zwischen Realit\u00e4t und Fiktion zu einer &#8222;k\u00fcnstlichen&#8220; zu erkl\u00e4ren. Um sich dann in wagemutigen \u00dcberschreitungen zu \u00fcben, und einfach drauf los zu erz\u00e4hlen. Von dem Entschlu\u00df beispielsweise, nie wieder Hesse zu lesen, von Schreibmaschinenfarbb\u00e4ndern, die, weil sie schwarz-rot waren, um Institutsmauern gewickelt wurden. Und von tausend liebenswerten Kleinigkeiten, die Notizb\u00fccher und Erinnerungen der historischen Niederlage abgeluchst haben. Paco Ignacio Taibos Buch besteht aus zwei Teilen, einem Erfahrungsbericht und einem Roman.<\/p>\n<p>Man mu\u00df schon, wie Paco Ignacio Taibo II, MexikanerIn sein (oder franz\u00f6sisch, keinesfalls deutsch), um bei all dem zu res\u00fcmieren, die StudentInnenbewegung bedeutete vor allem &#8222;das Zur\u00fcckgeworfensein einer Studentengeneration in ihre eigene Gesellschaft&#8220;. In Mexiko hatte es auch keinen Holocaust gegeben, der die sogenannte R\u00fcckeroberung einer nationalen Geschichte von vornherein zu dem Antirevolution\u00e4ren schlechthin h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Der V\u00f6lkermord an den UreinwohnerInnen z\u00e4hlt nicht zur Geschichte der mexikanischen Nation. Er geh\u00f6rt zumindest nominell als mahnender, kollektiver Schmerz zur Kolonialgeschichte. Die These von 1968 als einem globalen Generationenkonflikt zerf\u00e4llt hier an den Tatsachen: Der Abgrenzung von der Generation der V\u00e4ter in Deutschland steht krass die Aneignung des Vaterlandes in Mexiko entgegen.<\/p>\n<p>Als das mexikanische Milit\u00e4r im Vorfeld der Olympischen Spiele \u00fcber 400 StudentInnen nach 123 bewegten Tagen auf dem &#8218;Platz der drei Kulturen&#8216; massakriert, endet auch Taibos spannender Erfahrungsbericht. Was dann kommt, ist die blutige Rache und doch nur ein kurzer Roman mit dem Untertitel &#8222;Handbuch zur Eroberung der Macht&#8220;: Zum Gl\u00fcck kehrten die kenyanischen Mau-Mau-Krieger fr\u00fch genug von ihrem Touri-Trip aus Teotihuacan zur\u00fcck. So konnte Nestor doch noch den Umsturz mit den anderen gerufenen Helden organisieren. Mit von der Partie sind allerlei jugendgeliebte Mannsbilder, von Sandokan bis Winnetou, Sherlock Holmes an der Seite von Wyatt Earp und Doc Holliday. Wir werden ZeugInnen ihrer Anreise nach Mexiko-Stadt, und bekommen w\u00e4hrenddessen anhand von Briefen dokumentiert, wie es zu Nestors Hilferuf kam. Das mexikanische 1968 ist auch und, je weiter fortgeschritten die Jahreszeit, vor allem eine Repressionsgeschichte. F\u00fcr so ein Handbuch l\u00e4\u00dft sich nat\u00fcrlich auch die Macht nicht ohne den K\u00f6nig denken, wie Foucault anriet. Da\u00df der Hund von Baskerville (oder einer seiner Nachfahren) dem Pr\u00e4sidenten gezielt an den Hals f\u00e4llt, n\u00fctzt insofern also gar nichts. Schafft aber den Geschlagenen au\u00dfer Genugtuung auch den Freiraum, zur\u00fcckzukehren. In die verlorene Geschichte, die Geschichte als den von der regierenden &#8222;Partei der institutionalisierten Revolution&#8220; besetzten Ort. Was die Texte vom &#8222;Aktionsrat zur Befreiung der Frau&#8220; aus Schulenburgs Lesebuch und Taibos Mythologisierungen gemeinsam vermitteln k\u00f6nnen, ist jedenfalls der Ansatz einer emanzipatorischen Kritik, die aus der Ver\u00e4nderung des Lebens entwickelt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn wir, wie ich eben, beim Auf- und Abgehen eine Spinne, die an der Wand auftaucht, mit Zigarettenrauch beblasen, versuchen wir, sie zu vergasen. Ein Sohn Martin Heideggers, las ich heute, ist Oberst im Bonner Verteidigungsministerium. 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