{"id":2184,"date":"1998-10-01T00:00:09","date_gmt":"1998-09-30T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2184"},"modified":"2022-07-26T14:17:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:03","slug":"sisis-morder-luigi-lucheni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/sisis-morder-luigi-lucheni\/","title":{"rendered":"Sisis M\u00f6rder Luigi Lucheni"},"content":{"rendered":"<p>Die Wege der Anarchie sind manchmal versteckt, verworren, gar skurril &#8211; und darum gerade so reizvoll. Das betrifft nicht nur Geschichten und Inhalte, sondern auch die Publikationspraxis. Da\u00df etwa in einem rechtskonservativen bis rechtsextremen Verlag ein Buch \u00fcber den italienischen Anarchisten Luigi Lucheni erscheint, hat wohl weniger mit dessen anarchistischem Bekenntnis zu tun als mit der Tatsache, da\u00df Lucheni vor genau hundert Jahren, im September 1898, im schweizerischen Genf die mythische Kaiserin Sisi ermordet hat. Die angeblich permanent ungl\u00fcckliche Aristokratin Sisi wiederum wird ja derzeit st\u00e4ndig mit Diana verglichen. Wir werden in den libert\u00e4ren Buchseiten den rechtskonservativen Verlagsnamen selbstverst\u00e4ndlich nicht nennen und rufen InteressentInnen am Buch dazu auf, sich \u00fcber die GWR-S\u00fcd-Red. eine Kopie zu bestellen, damit der Verlag nichts am libert\u00e4ren Interesse verdient!<\/p>\n<p>Sachverhalt und Atmosph\u00e4re des Buches bilden eine weitere Skurrilit\u00e4t: erz\u00e4hlt wird in Gegenwartsaufnahmen und R\u00fcckblenden gleichzeitig das Leben Sisis und des verarmt aufgewachsenen italienischen Anarchisten Lucheni. Zwischen den aristokratischen Intrigen und dem ruhelosen Umherwandern des italienischen Arbeitslosen, der in die sozial besser gestellte, aber auch rassistische Schweiz auswandert, wechseln Matray\/Kr\u00fcger st\u00e4ndig die Perspektive. Dabei erz\u00e4hlen sie \u00fcberraschend korrekt, werden auch Motiven Luchenis durchaus gerecht. Selbst Sisi wird in ihrer Abkehr von den h\u00f6fischen Gepflogenheiten nicht mythisiert. Sie wird z.B. in ihrer frappierenden Unzug\u00e4nglichkeit f\u00fcr das Ungl\u00fcck von Stephanie auch sehr kritisch gezeichnet. Die belgische K\u00f6nigstochter Stephanie hatte Sisis Sohn Rudolf mit 15 Jahren heiraten m\u00fcssen und wurde von ihm in der Hochzeitsnacht vergewaltigt, konnte ihm \u00fcberdies &#8222;nur&#8220; ein M\u00e4dchen und nicht den erhofften m\u00e4nnlichen Thronfolger schenken, worauf sich Rudolf in Aff\u00e4ren einlie\u00df, die mit seinem Selbstmord und dem an seiner Geliebten endeten, wof\u00fcr wiederum Stephanie die Schuld gegeben wurde. Der Doppelselbstmord wurde selbstverst\u00e4ndlich vertuscht.<\/p>\n<p>Da kann man\/frau Lucheni schon verstehen, der als verarmter Arbeiter die AristokratInnen und ihre Albernheiten ha\u00dft, die vom Geld und von der Arbeit anderer leben und nie existentielle Sorgen haben. Zudem ist es die Zeit der &#8222;Propaganda der Tat&#8220;, d.h. der anarchistischen Attentate. Lucheni bezeichnet sich als individualistischer Anarchist und beteiligt sich nicht am kurz vorher stattfindenden Mail\u00e4nder Massenaufstand, dem viele in die Schweiz emigrierte ItalienerInnen zu Hilfe eilen. Das Attentat geht aber nach hinten los, in \u00d6sterreich kommt es sogar zu Pogromen gegen italienische ImmigrantInnen. Erz\u00e4hlt wird in dem Buch der zeitliche Ablauf der gerichtlichen Untersuchung unter Charles L\u00e9chet. Darin kommt die erst sehr sp\u00e4te Hinwendung Luchenis zum Anarchismus zum Vorschein, nachdem er vorher brav den Milit\u00e4rdienst f\u00fcr Italien abgeleistet und bei einem Offizier noch lange Zeit in Haushaltsdiensten gestanden hatte. Luchenis anarchistisches Wissen ist offensichtlich oberfl\u00e4chlich und so vermutet L\u00e9chet ein organisiertes anarchistisches Komplott, auf das ihn ein in AnarchistInnenkreise eingef\u00fchrter Polizeispitzel hinweist. Erst im letzten Gespr\u00e4ch mit Lucheni nach dem Proze\u00df gestand dieser, da\u00df es tats\u00e4chlich ein Komplott gegeben hatte und er nicht der vorgebliche Einzelt\u00e4ter, sondern eher ausf\u00fchrendes Organ gewesen war. Hier endet das Buch von Matray\/Kr\u00fcger.<\/p>\n<p>Doch die Geschichte ist nicht vorbei, im Gegenteil: einem Zufall ist es zu verdanken, da\u00df der Kanton Genf eine der wenigen Regionen \u00fcberhaupt war, in der die Todesstrafe bereits abgeschafft war und Lucheni daher Lebensl\u00e4nglich bekam.<\/p>\n<p>So lebte Lucheni im Genfer Gef\u00e4ngnis bis zu seinem Selbstmord am 19.10.1910. Warum ver\u00fcbte er Selbstmord? Die Antwort gibt nun das von Santo Cappon herausgegebene Buch: Lucheni hatte im Gef\u00e4ngnis seine im Heim erworbene Halbbildung stark erweitert, die franz\u00f6sische Sprache erlernt, viel gelesen und dann begonnen, seine Autobiographie, vor allem seine Kindheits- und Jugenderinnerungen aufzuschreiben. Doch der neue Gef\u00e4ngnisdirektor Fernex hatte 1909 Lucheni f\u00fcnf Hefte seiner Autobiographie weggenommen &#8211; das einzige, was Lucheni am Leben hielt.<\/p>\n<p>Und diese Kindheitserinnerungen sind ergreifend, grandios, und auch literarisch nicht schlecht. Lucheni hatte sich vor ihrer Abfassung vom Anarchismus abgewandt, den er nun, wiederum sehr oberfl\u00e4chlich, mit Gesetzlosigkeit und Attentaten gleichsetzte. Nun hatte er sich von seinem Attentat distanziert und gab gerade denjenigen die Schuld an seinem Lebensweg, die sich nicht an die Gesetze hielten, womit er vor allem die Korruption verurteilte. Lucheni will gegen die biologistischen Theorien des Cesare Lombroso, der Kriminalit\u00e4t auf Erbanlagen zur\u00fcckf\u00fchrte und auch im Proze\u00df gegen Lucheni aussagte, beweisen, da\u00df die Gesellschaft schuld an seinem Lebensweg ist. Dabei \u00f6ffnet seine Kindheitsgeschichte den Blick auf die unglaubliche Armut in den norditalienischen D\u00f6rfern der damaligen Zeit und auf eine Praxis, die nur als Kindersklaverei zu bezeichnen ist: zun\u00e4chst gibt die Mutter Luchenis das Neugeborene in ein Heim. Eine erste, noch liebevolle Ersatzfamilie kann das Kind nicht behalten und gibt es ans Heim zur\u00fcck. Mit neun Jahren wird Lucheni schlie\u00dflich von verarmten Lumpenh\u00e4ndlern aus dem Heim geholt, obwohl der Heimleiter sich hier nicht an die Vorschriften h\u00e4lt und ihn der kaum vertrauensvoll scheinenden Person nicht h\u00e4tte ausliefern d\u00fcrfen. Der Grund der Adoption ist schlie\u00dflich nur der, da\u00df das Heim den Adoptiveltern j\u00e4hrlich Geld bezahlt, auf welches die verarmten und verschuldeten Dorffamilien angewiesen waren. Lucheni verwahrlost als Lumpen- und Kotsammler oder Viehhirte, bekommt L\u00e4use und wird von allen gemieden. Von einer Familie wird er zur n\u00e4chsten durchgereicht, alle sind nur auf das Geld bedacht, das er ihnen bringen kann, auch der korrupte Dorfpfarrer. Insofern macht Lucheni erst jetzt auf bewu\u00dfte und auch sehr libert\u00e4re Weise die Gesellschaft f\u00fcr seine Tat verantwortlich. Santo Cappon hat um die Lebenserinnerungen Luchenis herum die notwendigen Zusatzinformationen gruppiert, an denen mir nur der Schlu\u00df mi\u00dff\u00e4llt. Da will er den ungl\u00fccklichen Lucheni und die ungl\u00fcckliche Sisi auf die gleiche Ebene hieven &#8211; und das mi\u00dflingt. Sisi ist trotz ihres Abstandes zum Hof und ihrer realen Machtlosigkeit nie wirklich aus dem aristokratischen Leben ausgebrochen. Ihr Leben ist mit dem existentiellen Lebenskampf des Lucheni nie und nimmer vergleichbar. Das macht gerade die Gegen\u00fcberstellung in beiden B\u00fcchern mehr als deutlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wege der Anarchie sind manchmal versteckt, verworren, gar skurril &#8211; und darum gerade so reizvoll. Das betrifft nicht nur Geschichten und Inhalte, sondern auch die Publikationspraxis. 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