{"id":21928,"date":"2020-03-01T01:01:19","date_gmt":"2020-02-29T23:01:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21928"},"modified":"2022-07-26T13:45:02","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:02","slug":"hannah-arendt-als-comic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/hannah-arendt-als-comic\/","title":{"rendered":"Hannah Arendt als Comic"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21929 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-761x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"402\" height=\"541\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-761x1024.jpg 761w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-300x404.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-600x807.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw-768x1033.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hannah-Arendt_sw.jpg 1189w\" sizes=\"auto, (max-width: 402px) 100vw, 402px\" \/><\/a>\u201eEs gibt keine gef\u00e4hrlichen Gedanken, Denken selbst ist gef\u00e4hrlich.\u201c <em>Hannah Arendt<\/em><\/p>\n<p>Eine Graphic Novel \u00fcber die Meisterdenkerin Hannah Arendt, das klingt vielversprechend! Als einzige Frau unter lauter m\u00e4nnlichen Philosophen bewies sie mit ihren Schriften nicht nur geistige Brillanz, sondern auch enorme Radikalit\u00e4t. Dabei sah sich die Denkerin, die bereits mit 22 bei Karl Jaspers promovierte, selbst keineswegs als gro\u00dfe Philosophin. So entgegnete sie gleich zu Beginn des ber\u00fchmten TV-Interviews 1964 ihrem Gastgeber G\u00fcnter Gaus: \u201eIch muss Ihnen widersprechen. Ich sehe mich selbst nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin.&#8220;<\/p>\n<p>Ihre zornige, streitbare Pers\u00f6nlichkeit und ihr \u201eDenken ohne Gel\u00e4nder\u201c, das seiner Zeit meilenweit voraus war, brachten ihr nicht nur Ruhm und Anerkennung ein, wie etwa die erste weibliche Professorenstelle in Princeton. Die Unm\u00f6glichkeit sie in eine Schublade einzuordnen, war ihren Zeitgenossen ebenso unbequem wie ihre Auffassung, dass politisches Denken sich auch im Handeln widerspiegeln m\u00fcsse. Auch wenn sie heute u. a. aufgrund ihrer Definition von Totalitarismus eine herausragende Position in der Geschichte der politischen Theorie innehat, war sie gerade deswegen zeitlebens umstritten. Insbesondere ihre sarkastisch-ironischen Beobachtungen zum Eichmann-Prozess, wo sie ihn nicht als Ungeheuer, sondern als Spie\u00dfb\u00fcrger identifizierte, der emotionslos unfassbare Gr\u00e4uel vollzog, brachten sie ins Kreuzfeuer der Kritik. Denn die \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c, wie sie es bezeichnet, zu erfassen, bedeutet letztendlich anerkennen zu m\u00fcssen, dass der Nationalsozialismus kein einmaliges Ungl\u00fcck war, das \u00fcber die Menschheit hereinbrach, sondern sich jederzeit wiederholen kann, wenn man es eben zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Stationen eines Lebens<\/p>\n<p>Doch wie kommt man darauf, das Leben und Wirken einer so komplexen Pers\u00f6nlichkeit in Comciform anzugehen? Autor und Zeichner Ken Krimstein, der u.a. f\u00fcr den <em>New Yorker<\/em>, f\u00fcr <em>Punch<\/em> und f\u00fcr das <em>Wall Street Journal<\/em> t\u00e4tig ist, war von der \u201eCoolness\u201c und der Aktualit\u00e4t der gro\u00dfen Denkerin immens beeindruckt und wollte sie und ihr Werk einem breiteren Publikum n\u00e4herbringen.<\/p>\n<p>Dabei folgt er in seiner Graphic Novel, die seit 2019 auf Deutsch vorliegt, weitgehend der Arendt-Biografie von Elisabeth Young-Bruehl. So begleiten wir Arendt in Episoden auf ihrem Lebensweg von der Kindheit im s\u00e4kular-j\u00fcdischen Elternhaus in K\u00f6nigsberg bis hin zu ihrem Todestag im Jahr 1974 in den USA. Neben dem fr\u00fchen Tod des Vaters erfahren wir von ihrem unb\u00e4ndigen Wissensdrang und Freiheitswillen, ihrem Studium, ihren philosophischen Freundschaften mit Intellektuellen und K\u00fcnstlern ihrer Zeit. Nat\u00fcrlich erfahren wir auch von ihrer waghalsigen Flucht vor den Nazis, die sie \u00fcber Prag nach Frankreich bringt, wo sie erneut aus einem Internierungslager fliehen muss, um \u00fcber Portugal dann schlie\u00dflich in den USA zu landen\u2026<\/p>\n<p>Das alles wird geradezu atemlos erz\u00e4hlt und mit schnellen, hastigen Strichen gezeichnet. Ebenso wie sie in ihrem Leben von einer Station zur n\u00e4chsten eilt, scheint Krimsteins Stift \u00fcber das Papier zu hetzen. Der einzige Farbklecks inmitten der schwarz-wei\u00dfen Zeichnungen ist das dunkle Gr\u00fcn, mit dem der Zeichner Arendts Kleidung oder ihren Schmuck betupft. So sticht sie stets aus dem jeweiligen Bild heraus \u2013 das tut sie aber eh, denn der Rauch ihrer ewig glimmenden Zigarette zieht sich wie ein nikotingrauer Faden durch die Seiten.<\/p>\n<p>Doch Hannah Arendt farblich hervorzuheben, reicht leider nicht aus, um sie tats\u00e4chlich in den Mittelpunkt zu r\u00fccken. Viel zu sehr zielt Krimstein darauf ab, wen Arendt kannte und mit wem sie etwa im Berliner Romanischen Caf\u00e9 zusammen sa\u00df und diskutierte. So liest sich der Comic mitunter eher wie ein Who is Who der Intellektuellen- und Kunstszene als eine Arendt-Biografie. Der Autor scheint au\u00dferdem seltsamerweise sehr darauf bedacht zu sein, Arendts Liebesleben darzustellen, wobei er nat\u00fcrlich vor allem auf ihre wechselhafte Beziehung zu Martin Heidegger eingeht. Diese w\u00e4hrte viele Jahre; erst lange nachdem Heidegger sich als Steigb\u00fcgelhalter des Faschismus erwies, vermochte Arendt, sich endg\u00fcltig von ihm zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Zuviel Heidegger \u2013 zu wenig Arendt<\/p>\n<p>Warum allerdings diese ungl\u00fcckselige Liebe derart viel Raum in dem Buch bekommt, bleibt unerkl\u00e4rlich, zumal etwa die Darstellung sehr zu bezweifeln ist, dass Hannah Arendt ausgerechnet in Momenten gr\u00f6\u00dfter Erfolge \u00fcberlegt haben soll, warum Heidegger sich dazu nicht \u00e4u\u00dfert. Diese unterstellte Abh\u00e4ngigkeit von der Meinung des Liebhabers zeugt von einem recht klischeehaften Frauenbild. Der ungute Eindruck einer doch recht m\u00e4nnlich-tradierten Sichtweise wird noch dadurch unterst\u00fctzt, dass der Beziehung um Heidegger und dessen Gedanken mehr Raum gewidmet wird, als Krimstein Arendts eigener Philosophie zugesteht. So taucht diese als eigenst\u00e4ndige Denkerin erst nach gut 150 Seiten auf und die Bez\u00fcge auf ihr Werk sind stets zu knapp gehalten, um mehr als nur ein wenig an der Oberfl\u00e4che zu kratzen. Dies alles verwirrt, verwundert \u2013 und st\u00f6rt die Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Es ist jammerschade, dass es Krimstein bei allem Erz\u00e4hltalent nicht schafft, tiefere Einblicke in das Werk Arendts zu vermitteln. Dort, wo der Autor sein Wissen um ihre Gedanken durchblitzen l\u00e4sst, zeigt er sich durchaus vertraut mit ihren Ideen. Aber das geschieht viel zu selten und viel zu zusammenhanglos, als dass man sich als Neuling ihrer Ideenwelt einen Reim darauf machen k\u00f6nnte. Dies ist umso bedauerlicher, als Hannah Arendt selbst es vermochte, schwierige Fragestellungen tats\u00e4chlich auf den Punkt zu bringen.<\/p>\n<p>So muss man leider konstatieren, dass der Comic zwar einige interessante Einblicke in ihr Leben zu vermitteln vermag, es inhaltlich aber nicht schafft, ihre gro\u00dfartigen Gedanken zur Revolution, zur politischen Verantwortung, zur Pluralit\u00e4t und zum menschlichen Zusammenleben an sich zu \u00fcbermitteln. Davon bekommt man tats\u00e4chlich im Film \u201eHannah Arendt\u201c mehr mit, ebenso wie in dem Interview mit G\u00fcnter Gaus, das man auf Youtube in voller L\u00e4nge findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs gibt keine gef\u00e4hrlichen Gedanken, Denken selbst ist gef\u00e4hrlich.\u201c Hannah Arendt Eine Graphic Novel \u00fcber die Meisterdenkerin Hannah Arendt, das klingt vielversprechend! 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