{"id":21932,"date":"2020-03-01T01:14:00","date_gmt":"2020-02-29T23:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21932"},"modified":"2022-07-26T13:45:02","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:02","slug":"und-es-gibt-sie-doch-herrschaftsfreie-institutionen-und-staatenlose-gesellschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/und-es-gibt-sie-doch-herrschaftsfreie-institutionen-und-staatenlose-gesellschaften\/","title":{"rendered":"Und es gibt sie doch \u2013 herrschaftsfreie Institutionen und staatenlose Gesellschaften"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HerrschaftsfreieInstitutionen.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21933 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HerrschaftsfreieInstitutionen.png\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HerrschaftsfreieInstitutionen.png 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HerrschaftsfreieInstitutionen-300x456.png 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/HerrschaftsfreieInstitutionen-197x300.png 197w\" sizes=\"auto, (max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><\/a>Wenn man Anarchist*innen \u00e4rgern will, stellt man ihnen die Frage, wo und wann denn jemals Anarchie verwirklicht worden sei. Man denkt dann vielleicht an die Pariser Kommune w\u00e4hrend des deutsch-franz\u00f6sischen Kriegs 1871 oder an verschiedene R\u00e4terepubliken nach dem Ersten Weltkrieg 1919 (in Bayern oder Ungarn) \u2013 alles gescheiterte und \u00e4u\u00dferst kurzlebige Versuche, Herrschaft zu dezentralisieren und Staatlichkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Es gibt aber durchaus historische Belege f\u00fcr staatsferne und herrschaftsarme Gesellschaften. Davon handelt das Buch \u201eHerrschaftsfreie Institutionen\u201c der beiden Sozialwissenschaftler und Kulturanthropologen R\u00fcdiger Haude und Thomas Wagner.<\/p>\n<p>Das Buch verdient schon deshalb Vorschusslorbeeren, weil es bereits in der zweiten Auflage erscheint (erste Auflage 1999), weil es schon damals sehr positiv rezensiert wurde (unter anderem von Bernd Dr\u00fccke 1999 in der GWR 242) (1), und j\u00fcngst hat die \u201eBibliothek der Freien\u201c aus Berlin es mit dem Titel \u201eBuch des Jahres 2019\u201c ausgezeichnet. (2)<\/p>\n<p>Ich kann mich dieser positiven Bewertung in der zweiten Rezension in der GWR nur anschlie\u00dfen, denn die Autoren argumentieren wirklich sehr \u00fcberzeugend, sehr differenziert und behandeln originelle Aspekte. Und ich halte es f\u00fcr eine gute Entscheidung, dass der Verlag Graswurzelrevolution die zweite Auflage \u00fcbernommen hat, nachdem die erste Auflage im Nomos-Verlag erschienen war. Dadurch ist das Buch jetzt wieder zug\u00e4nglich, erg\u00e4nzt um ein Vorwort zur zweiten Auflage.<\/p>\n<p>Haude und Wagner kritisieren zu Recht die in den Sozialwissenschaften vielerorts propagierte \u201eHerrschafts-Ontologisierung\u201c, also die Unterstellung, Herrschaft sei etwas Universelles, Unvermeidbares, Unhintergehbares, Selbstverst\u00e4ndliches oder Alternativloses. Dahinter steckt das soziale und gesellschaftliche Problem, wie man herrschaftsfreie Gesellschaft stabilisieren kann. Herrschaftsfreiheit soll ja nicht nur ein revolution\u00e4res Strohfeuer bleiben, sondern sie soll in Institutionen \u00fcberf\u00fchrt werden, die ihre herrschaftsfreie Herkunft nicht irgendwann im Prozess der Institutionalisierung verraten und wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Sozialwissenschaftliche Forschung sollte also nicht voreilig unterstellen, dass Herrschaftsfreiheit nicht m\u00f6glich sei, sondern daran mitarbeiten, wie sie hergestellt und nachhaltig etabliert werden kann. Zu diesem Programm tragen Haude und Wagner mit gro\u00dfer Expertise bei, nicht nur mit diesem Buch, sondern mit vielen weiteren Publikationen, die im Literaturverzeichnis dokumentiert sind. Sie gehen nicht mit einem westlich verengten Blick auf die Moderne vor, wonach die moderne Gesellschaft einseitig als evolution\u00e4re Errungenschaft und Verbesserung menschlichen Zusammenlebens bewertet wird. In einer solchen Sichtweise k\u00f6nnen fr\u00fchere Gesellschaftsformen, die zum Teil bis in die fr\u00fche Menschheitsgeschichte zur\u00fcckreichen, nur als (im Vergleich zu heute) r\u00fcckschrittige und defizit\u00e4re Gemeinschaften angesehen werden. Wenn man aber sozial- und kulturanthropologisch vorgeht und die uns bekannten Gesellschaften vorbehaltlos mit (ganz) anderen V\u00f6lkern vergleicht, \u00f6ffnet sich der Blick f\u00fcr neue, ungew\u00f6hnliche Einsichten. Auf diese Weise k\u00f6nnen bisherige (vermeintliche) Selbstverst\u00e4ndlichkeiten in Frage gestellt werden, wie zum Beispiel, dass Herrschaft und Staat alternativlose Entwicklungen moderner Gesellschaften seien.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst kritisieren Haude und Wagner den Forschungsstand zu segment\u00e4ren (missverst\u00e4ndlicherweise oft auch primitiv genannte) Gesellschaften. Ausgangspunkt der Argumentation ist meist, dass Herrschaft mit Institutionen quasi gleichgesetzt wird. Wenn in solchen fr\u00fchen Gesellschaften dann keine Herrschaftsstrukturen nachgewiesen werden k\u00f6nnen, spricht die Forschung ihnen einfach die F\u00e4higkeit ab, Institutionen einzurichten. Herrschaftsfreiheit hat aber \u00fcberhaupt nichts mit Institutionenlosigkeit zu tun. Im Gegenteil existieren in diesen fr\u00fchen Gesellschaften meist ausgekl\u00fcgelte Institutionen, um eben die Verf\u00fchrung zu herrschaftlichen Strukturen zu verhindern. Das hei\u00dft oft sogar, dass Zwang ausge\u00fcbt wird. Dieser Zwang geht aber gerade nicht vom Herrschenden aus, sondern dient dazu, die zentrale Herrschaft zu vermeiden. Stattdessen soll mit vergleichsweise sanften Zwangsma\u00dfnahmen die Gleichheit der Gesellschaftsmitglieder hergestellt werden. Diese sind jedoch nicht gegen die Freiheit gerichtet, sondern bilden umgekehrt die Grundlage f\u00fcr eine Freiheit Aller. Vielmehr sind die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten heutiger Gesellschaften eher ein Indiz daf\u00fcr, dass Freiheit sehr ungleich verteilt ist und die Herrschenden und Privilegierten viel mehr davon haben als alle anderen. Im Prinzip ist ein Gro\u00dfteil der Forschung vom Blick aus der Perspektive des modernen Staats vernebelt und misst alle anderen Formen von Gesellschaften daran, ganz so, als ob die moderne Form staatlicher Herrschaft ein evolution\u00e4res (w\u00fcnschbares) Ziel sei. Hier tut also Dekolonialisierung not, um das Potenzial egalit\u00e4rer Institutionen angemessen je nach historischen Umst\u00e4nden einsch\u00e4tzen und bewerten zu k\u00f6nnen. Die St\u00e4rke der Argumentation besteht darin, genau zu unterscheiden zwischen Herrschaft, Macht, Zwang, Institutionen und nicht alles in einen Topf zu werfen und in einen scheinbar notwendigen Zusammenhang zu stellen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Karl Marx seine Theorie nicht als Utopie oder gar als Ideologie verstanden wissen wollte, argumentieren auch die beiden Autoren, dass die anarchistische Utopie durchaus wissenschaftliche Grundlagen hat. Nur seien diese in der modernen Sozial- und Kulturwissenschaft aus ideologischen Gr\u00fcnden versch\u00fcttet worden. Das Buch leistet somit einen Beitrag zur Rehabilitierung anarchistischer Vorstellungen: Es zeigt, wie Gemeinschaft und Vergemeinschaftung ohne Herrschaft, aber selbstverst\u00e4ndlich mit Strukturen und Normen, mit Institutionen eben, m\u00f6glich und vor allem real vorfindlich sind. Die Betonung der Wissenschaftlichkeit der vorgelegten Argumentation wird auch deutlich, wenn in einem Kapitel an die Chaostheorie angeschlossen wird, die mit sogenannten Fraktalen arbeitet. Chaos wird hier nicht als negative Bezeichnung von Anarchie verstanden, sondern positiv oder neutral als wissenschaftliche Denkrichtung. Eine genauere Auseinandersetzung \u00fcber die Brauchbarkeit und Anwendbarkeit dieser Theorie w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren. Empfehlenswert f\u00fcr eine weitere Besch\u00e4ftigung damit ist das Buch \u201eKomplexit\u00e4t: \u201aChaostheorie\u2018 und die Linke\u201c von Gernot Ernst (2009, erschienen im Schmetterling Verlag).<\/p>\n<p>Das Buch \u201eHerrschaftsfreie Institutionen\u201c ist und entwickelt keine zusammenh\u00e4ngende Theorie, sondern versammelt sieben Aufs\u00e4tze der beiden Autoren. Diese St\u00fcckwerkstheorie ist aber kein Manko, sondern Programm, das zahlreiche \u00dcberraschungen parat h\u00e4lt: Wer kommt schon von selbst auf die Idee, dass Architektur oder Gl\u00fccksspiel anarchistisch sein k\u00f6nnen? Oder was macht die altisraelische Gesellschaft zur Richterzeit, wie sie im Alten Testament der Bibel beschrieben ist, herrschaftslos und egalit\u00e4r? Tats\u00e4chlich macht es einen Unterschied, ob Architektur so verstanden wird, dass sie egalit\u00e4res Zusammenleben erm\u00f6glicht, oder ob Hierarchien bereits durch die Bauweise von H\u00e4usern entstehen. Auch hier ist es wieder sinnvoll und hilfreich, auf egalit\u00e4re Gesellschaften zu schauen, wie diese gebaut haben. Das Kapitel gibt hierf\u00fcr sehr anschauliche Beschreibungen. Dass Spiele kapitalistischen Wettbewerbscharakter haben, ist bekannt, aber es gibt heute zahlreiche kooperative Spiele, und der R\u00fcckblick auf fr\u00fchere Gesellschaften zeigt, dass dies schon lange vor unserer Zeit g\u00e4ngige Praxis war. Aber wie kommen die Autoren ausgerechnet auf die Idee, dass Gl\u00fccksspiele und Casinos typisch f\u00fcr herrschaftsfreie Gesellschaften sind? Gerade solche unerwarteten, dann aber sehr sch\u00f6n aufgel\u00f6sten R\u00e4tsel machen eine St\u00e4rke des Buchs aus. Gl\u00fccksspiele haben mehr mit Zufall als mit dem K\u00f6nnen oder der Raffinesse der Spieler*innen zu tun, sodass es nahe liegt, dass die Gewinne nicht an die zuf\u00e4llig gewinnenden Personen ausgezahlt werden, sondern an die Gemeinschaft zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, dass also der Spa\u00df am Spielen selbst die Belohnung ist.<\/p>\n<p>Fast durchgehend stehen sogenannte segment\u00e4re Gemeinschaften im Mittelpunkt, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie horizontal strukturiert sind, in Familien und Clans.<\/p>\n<p>Im letzten Kapitel wird aber auch eine fr\u00fche Hochkultur beschrieben, n\u00e4mlich das vorstaatliche Israel vor mehr als 1.000 Jahren vor der christlichen Zeitrechnung. Die Bev\u00f6lkerung war sesshaft geworden und konnte mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit schon weitgehend schreiben. Und sie war egalit\u00e4r strukturiert, das hei\u00dft, dass also auch Hochkulturen nicht notwendigerweise vertikale Herrschaftsstrukturen aufweisen mussten. Ob dies ein Indiz daf\u00fcr ist, dass egalit\u00e4re Vergemeinschaftungen auch in moderne Gesellschaften hin\u00fcbergerettet werden k\u00f6nnen, muss offenbleiben.<\/p>\n<p>Es ist in der Tat schade, dass Haude und Wagner ans Ende ihres Buches keinen Ausblick auf die Gegenwart vorgenommen haben. Es muss ja nicht gleich ein Katalog von Kriterien sein, nach denen in der heutigen Gesellschaft Herrschaft abgebaut und Gleichheit (in Freiheit) hergestellt werden kann. Dennoch w\u00e4re es interessant zu wissen, wie segment\u00e4re Elemente in der heutigen Gesellschaft genutzt werden k\u00f6nnen, um Herrschaft und Staatlichkeit zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Es wird in dem Buch deutlich, dass segment\u00e4re oder fraktale Gesellschaften nicht von vornherein positiv zu sehen sind: Wer denkt heutzutage bei Clans nicht auch an mafi\u00f6se kriminelle Vereinigungen? Und die Rolle der Frauen war in fr\u00fchen Gesellschaften sicher meist alles andere als egalit\u00e4r, geschweige denn emanzipiert. Der Abbau von Herrschaft und Hierarchie l\u00e4uft aber meist \u00fcber Dezentralisierung und F\u00f6deration; und das sind typische Kennzeichen von segment\u00e4rer Unterteilung.<\/p>\n<p>Das Buch ist sprachlich nicht einfach zu lesen und wissenschaftlich geschrieben. Das muss nicht grunds\u00e4tzlich problematisch sein, denn die Sprache ist eindeutig und pr\u00e4zis. Sie ist dem wissenschaftlichen Anliegen, sich Geh\u00f6r in den Sozialwissenschaften zu schaffen, angemessen. F\u00fcr nicht-akademische oder nicht wissenschaftlich geschulte Leser*innen ist die Sprache jedoch ein Hindernis. Vielleicht ist es deshalb hilfreich zu erw\u00e4hnen, welche Aufs\u00e4tze des Buchs eher anwendungsorientiert und konkret beschreibend sind (4 bis 7) im Vergleich zu den abstrakten, theoretischen Kapiteln (1 bis 3). Egal, welche Teile man lieber liest, die Argumentation ist gleichbleibend originell, klug und plausibel.<\/p>\n<p>Die beiden Autoren haben mit der zweiten Auflage die Fehler der ersten Auflage korrigiert, haben auch Kritik verarbeitet (etwa die Sprachkritik von Bernd Dr\u00fccke in seiner Rezension zur ersten Auflage 1999), haben aber dennoch die Gelegenheit nicht genutzt, den Band grundlegend zu \u00fcberarbeiten oder zumindest um ein Kapitel zu erg\u00e4nzen, in dem der neueste Forschungsstand ber\u00fccksichtigt worden w\u00e4re. In ihrem Vorwort zur zweiten Auflage begr\u00fcnden Haude und Wagner diesen inhaltlichen Verzicht sowie die nicht-vorgenommene sprachliche Feminisierung. Beides zusammen h\u00e4tte in der Tat einige zus\u00e4tzliche Arbeit gekostet, w\u00e4re aber die M\u00fche wert gewesen \u2013 meines Erachtens ein Vers\u00e4umnis. Hauptsache aber ist, dass das Buch jetzt wieder verf\u00fcgbar ist, an Aktualit\u00e4t und Qualit\u00e4t hat es keineswegs eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Armin Scholl ist Kommunikationswissenschaftler und Journalismus-Forscher. Er lehrt am Institut f\u00fcr Kommunikationswissenschaft der Uni M\u00fcnster.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man Anarchist*innen \u00e4rgern will, stellt man ihnen die Frage, wo und wann denn jemals Anarchie verwirklicht worden sei. 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