{"id":2195,"date":"1998-10-01T00:00:02","date_gmt":"1998-09-30T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2195"},"modified":"2022-07-26T13:11:54","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:54","slug":"x-tausendmal-quer-uberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/10\/x-tausendmal-quer-uberall\/","title":{"rendered":"X-tausendmal quer &#8211; \u00fcberall!"},"content":{"rendered":"<p>Es war eine der Sternstunden der Anti-Atom-Bewegung in den letzten Jahren aber es war auch eine ihrer umstrittensten Aktionen, als Anfang M\u00e4rz 1997 beim bisher letzten Castor-Transport nach Gorleben 9 000 Menschen unter dem Motto &#8222;X-tausendmal quer&#8220; an einer gewaltfreien Sitzblockade nahe des Dannenberger Castor-Verladekrans teilgenommen haben.<\/p>\n<p>Die Tatsache, da\u00df die Polizei zur R\u00e4umung der Blockade zu massiver Gewalt griff und dies in der \u00d6ffentlichkeit als eklatantes Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zum Verhalten der BlockiererInnen erkannt wurde, hat mit dazu beigetragen, da\u00df es seither keine weiteren Castor-Transporte ins Wendland mehr gegeben hat.<\/p>\n<p>Trotz (oder auch wegen) dieses Erfolges gab es innerhalb der Bewegung heftigen Streit um &#8222;X-tausendmal quer&#8220;. Neben vielen anderen, wie z.B. eher gruppendynamischen Faktoren, spielte dabei die Bewertung und die Benutzung des Begriffs &#8222;gewaltfrei&#8220; eine wichtige Rolle. Kommt es durch die Benennung einer Aktion als &#8222;Gewaltfreie Aktion&#8220; zu einer Spaltung der Bewegung &#8211; zumindest in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung &#8211; oder kann durch die Klarheit in der Wortwahl auch f\u00fcr potentielle MitstreiterInnen die Teilnahme erleichtert, die \u00f6ffentliche Wirksamkeit verst\u00e4rkt und der Polizei ihr Handeln erschwert werden?<\/p>\n<p>Letztendlich blieb die Diskussion viel zu oft auf der Ebene pers\u00f6nlicher Reibereien h\u00e4ngen. Die grunds\u00e4tzlichen inhaltlichen Fragen konnten kaum gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Als die BI Ahaus im Sommer 1997 beschlo\u00df, ebenfalls unter dem Titel &#8222;X-tausendmal quer&#8220; zu einer gewaltfreien Sitzblockade des Castor-Transportes nach Ahaus aufzurufen, entspann sich im M\u00fcnsterland eine Fortsetzung des Konfliktes. Die B\u00fcrgerinitiative entschied sich, auf einige wesentliche Kritikpunkte insofern einzugehen, da\u00df der Aufruftext entsprechend ge\u00e4ndert wurde. Einige Passagen, die sehr offensiv die politische Wirksamkeit gewaltfreien Handelns propagierten, wurden &#8222;entsch\u00e4rft&#8220;. Konflikte gab es weiterhin, doch die pl\u00f6tzliche Vorverlegung des Transporttermins hat dann dazu gef\u00fchrt, da\u00df vieles nicht so ablaufen konnte, wie vorher geplant. So gab es am &#8222;Tag X&#8220; im M\u00e4rz &#8217;98 keine eigene &#8222;X-tausendmal quer&#8220;-Blockade, sondern nur &#8222;gemischte&#8220; Aktionen. Dies f\u00fchrte dazu, da\u00df sich der szeneinterne Streit im M\u00fcnsterland neuen Feldern zuwandte, aber nicht mehr weiter &#8222;X-tausendmal quer&#8220; zum Inhalt hatte.<\/p>\n<p>Schon seit dem Winter 97\/98 gibt es im Wendland eine neue Gruppe, die f\u00fcr einen potentiellen n\u00e4chsten Gorleben-Castor eine &#8222;X-tausendmal quer&#8220;-Kampagne vorbereitet. Im Juni ist der entsprechende Aufruf publiziert worden. In dieser Gruppe wurde die Frage der Gewichtung von &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; offen diskutiert und sie legte sich schlie\u00dflich darauf fest, im Aufruf selbst eher defensiv damit umzugehen. So hei\u00dft es beispielsweise im Untertitel nicht &#8222;gewaltfreie Sitzblockade&#8220;, sondern &#8222;gro\u00dfe Sitzblockade&#8220;. Die neue wendl\u00e4ndische &#8222;X-tausendmal quer&#8220;- Gruppe, bestehend aus einigen, die bereits bei der &#8217;97-Aktion mit vorbereitet haben und einigen &#8222;Neuen&#8220;, bem\u00fcht sich sehr, in st\u00e4ndigem Austausch mit den anderen Widerstandsgruppen im Wendland zu sein, um so Konflikte, wie es sie 1997 gab, bereits im Ansatz zu vermeiden.<\/p>\n<p>Nachdem nun im Fr\u00fchsommer durch den Castor-Skandal eine v\u00f6llig neue politische Situation entstanden ist (siehe Artikel in der letzten GWR), haben sich viele derjenigen, die bereits an der ersten &#8222;X-tausendmal quer&#8220;-Kampagne mitgearbeitet hatten, zusammengetan und gemeinsam \u00fcberlegt, wie eine ad\u00e4quate Antwort der Anti-AKW- Bewegung auf die aktuelle Entwicklung aussehen kann. Erstaunlich schnell gab es einen Konsens, jetzt wieder sehr offensiv f\u00fcr eine &#8222;Gewaltfreie Aktion&#8220; zu mobilisieren, da sich die Beteiligten davon eine Klarheit nach innen und au\u00dfen und eine gro\u00dfe politische Effektivit\u00e4t erhoffen.<\/p>\n<p>Den ganzen Sommer \u00fcber wurden Konzepte entwickelt und zum bundesweiten Aktionstag der Anti-AKW- Bewegung Mitte September ist nun schlie\u00dflich der neue Aufruf &#8222;X-tausendmal quer &#8211; \u00fcberall&#8220; ver\u00f6ffentlicht worden. Der Anspruch ist gewaltig: Egal, von wo nach wo der n\u00e4chste Castor nach der Aufhebung des augenblicklichen Transporte-Stopps rollen soll: mit mindestens einer gro\u00dfen gewaltfreien Sitzblockade wird er aufgehalten. Es gibt 13 m\u00f6gliche AKWs, 3 m\u00f6gliche Zwischenlager und mindestens 5 m\u00f6gliche Grenz\u00fcberg\u00e4nge zwischen Deutschland und Frankreich, die als Aktionsorte in Frage kommen.<\/p>\n<p>Die neue Kampagne will sich der Herausforderung, die in einer solchen Vielzahl von m\u00f6glichen Aktionsorten und der augenblicklich nicht vorhandenen Informationen \u00fcber Strecke und Zeitpunkt des n\u00e4chsten Castor- Transportes (&#8222;Ort X, Tag X&#8220;) liegt, offensiv stellen. Aller Erfahrungsschatz der gewaltfreien Bewegung in diesem Land, gekoppelt mit dem Kampagnen-Knowhow der letzten Jahre und mit der Spontaneit\u00e4t und Motivation vieler neuer MitstreiterInnen soll eine so gro\u00dfe Mobilisierung bis weit in b\u00fcrgerliche Schichten hinein erm\u00f6glichen, da\u00df selbst eine organisatorisch so anspruchsvolle Kampagne gemeistert werden kann.<\/p>\n<p>Ein Grundgedanke von &#8222;X-tausendmal quer &#8211; \u00fcberall&#8220; ist es, die Verantwortung und die Arbeit von Vornherein auf vielen Schultern zu verteilen. Es soll also nicht &#8222;die&#8220; Zentrale geben, sondern viele verschiedene beteiligte Gruppen, die bestimmte klar definierte Aufgabenbereiche \u00fcbernehmen. Viel Energie wird in den Aufbau von Regionalkontakten gesteckt, die der Kampagne in m\u00f6glichst vielen St\u00e4dten und Regionen eine eigene Basis verschaffen und die dann auch wieder aktiv an Entscheidungs- und Arbeitsstrukturen der Kampagne beteiligt ist. F\u00fcr alle anfallenden Arbeiten werden auch immer wieder neue Leute gesucht.<\/p>\n<p>Politisch ist die Sto\u00dfrichtung der Kampagne klar: Der Transportestopp soll m\u00f6glichst lange ausgedehnt werden, damit w\u00e4chst der Druck in Richtung Stillegung aller Atomanlagen, besonders nat\u00fcrlich bei den AKWs, deren Lagerbecken so voll sind, da\u00df ohne Abtransporte in allern\u00e4chster Zeit der Reaktor heruntergefahren werden mu\u00df. Erstmals kann es so auch gelingen, die Atomm\u00fclltransporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen im Ausland zu einem Aktionsfeld zu machen, da\u00df \u00fcber einige besonders aktive Insidergruppen hinausgeht.<\/p>\n<p>Egal wie die Bundestagswahl ausgeht, kann es schon bald wieder zu Transporten kommen. In La Hague stehen sechs mit hochaktivem WAA-M\u00fcll beladene Glaskokillen zum Transport nach Gorleben bereit. In Ohu und Biblis stehen zur Beladung bereite Beh\u00e4lter. In Stade ist der Platz im Abklingbecken randvoll.<\/p>\n<p>Gehen wir f\u00fcr die folgenden \u00dcberlegungen einmal davon aus, da\u00df die n\u00e4chste Bundesregierung von SPD und B\u00fcndnisgr\u00fcnen gebildet wird. Dann m\u00fcssen wir feststellen: Auch rot\/gr\u00fcn garantiert keinen weiteren Transportestopp. Die sowohl von SPD als auch Gr\u00fcnen geplanten Zwischenlagerhallen an den AKWs werden mindestens zwei Jahre auf sich warten lassen. Bis dahin werden sich aber einige Betreiber nicht gedulden k\u00f6nnen und wollen. Und auch wenn der Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung beschlossen ist, sollen die Glaskokillen nach Gorleben rollen.<\/p>\n<p>So kann es relativ bald nach der Wahl zu einer interessanten Zuspitzung im Atom-Streit kommen. Auf der einen Seite eine angeblich ausstiegswilllige Bundesregierung, die der Bev\u00f6lkerung versucht zu erkl\u00e4ren, warum sie gegen die jetzt anstehenden Transporte nichts unternehmen kann und auf der anderen Seite eine Anti-Atom-Bewegung, die erkennt, da\u00df sie zum entscheidenden Faktor im Atom-Streit werden kann.<\/p>\n<p>&#8222;X-tausendmal quer &#8211; \u00fcberall&#8220; ist auch deshalb so wichtig, weil nach der Wahl die Gefahr droht, da\u00df viele Menschen &#8211; sei es aus politischer \u00dcberzeugung oder aus Bequemlichkeit &#8211; erstmal sehen wollen, was rot\/gr\u00fcn so schafft. Da aber weiterhin die Regel gilt, da\u00df wir um so l\u00e4nger auf den Ausstieg warten m\u00fcssen, je mehr Menschen unt\u00e4tig auf rot\/gr\u00fcnes Handeln warten, kann gerade diese Kampagne dazu f\u00fchren, viele Leute zum Mitmachen zu bewegen, die Breite der Bewegung zu stabilisieren oder gar zu erweitern und den politischen Druck aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Kommt es nicht zu rot\/gr\u00fcn, so haben wir mit &#8222;X-tausendmal quer &#8211; \u00fcberall&#8220; ein Instrument zur Hand, mit dem wir in kurzer Zeit den politischen Druck gegen eine atomfreundliche oder eine atompolitisch unentschlossene Regierung verst\u00e4rken k\u00f6nnen. Vergegenw\u00e4rtigen wir uns noch einmal, da\u00df es bei den Castor- Transporten zu den Zwischenlagern die Situation gibt, da\u00df aufgrund der vorhandenen Polizei-Kr\u00e4fte nur einen &#8222;Tag X&#8220; j\u00e4hrlich geben kann, so wird bewu\u00dft, wie gro\u00df die Chance ist, wenn wir dies auch auf die WAA-Transporte \u00fcbertragen k\u00f6nnen, von denen in den letzten Jahren jeweils zwischen 60 und 100 gerollt sind.<\/p>\n<p>Spannende Zeiten stehen bevor&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine der Sternstunden der Anti-Atom-Bewegung in den letzten Jahren aber es war auch eine ihrer umstrittensten Aktionen, als Anfang M\u00e4rz 1997 beim bisher letzten Castor-Transport nach Gorleben 9 000 Menschen unter dem Motto &#8222;X-tausendmal quer&#8220; an einer gewaltfreien Sitzblockade nahe des Dannenberger Castor-Verladekrans teilgenommen haben. 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