{"id":21953,"date":"2020-03-01T02:07:52","date_gmt":"2020-03-01T00:07:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21953"},"modified":"2022-07-26T13:45:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:01","slug":"untergruendiges-und-tiefgruendiges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/untergruendiges-und-tiefgruendiges\/","title":{"rendered":"Untergr\u00fcndiges und Tiefgr\u00fcndiges"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bk-Liederbuch-Titel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21954 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bk-Liederbuch-Titel.jpg\" alt=\"\" width=\"318\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bk-Liederbuch-Titel.jpg 566w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bk-Liederbuch-Titel-300x438.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bk-Liederbuch-Titel-205x300.jpg 205w\" sizes=\"auto, (max-width: 318px) 100vw, 318px\" \/><\/a>Der Liedermacher Bernd K\u00f6hler legt einen ersten Band mit Texten von 1967 bis 1989 vor.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen\u201c soll Frank Zappa oder wahlweise Steve Martin mal gesagt haben. Abgesehen davon, dass man durchaus zu Architektur tanzen kann, ist es allerdings ein Unterschied, \u00fcber Musik zu schreiben und zu lesen oder aber den Text zur Musik selber zu schreiben und zu lesen. Bernd K\u00f6hler hat alle seine Texte von 1967 bis 1989 in dem Buch \u201eNachrichten vom Untergrund\u201c versammelt. Ein zweiter Band mit den Texten 1990 \u2013 2019 soll Mitte des Jahres 2020 folgen.<\/p>\n<p>Der Mannheimer Liedermacher Bernd K\u00f6hler macht jetzt seit 1967 politische Musik und es ist fast unm\u00f6glich, die Facetten seines (nicht nur musikalischen, sondern auch grafischen und praktischen) Engagements in einem Artikel aufzuz\u00e4hlen. Ein paar Eckpunkte, bei denen es vielleicht bei dem einen oder der anderen klingelt bzw. die ich besonders erw\u00e4hnenswert finde: Mitbegr\u00fcnder des JUZ in Selbstverwaltung Mannheim (f\u00fcr mich selber als Mitglied des Kabarettensembles \u201eDer Blarze Schwock\u201c um die Jahrtausendwende der erste Kontakt mit dieser Stadt), 1974 die erste LP im Eigenverlag \u201eSchlauch singt\u201c, 1984 auf Tournee durch die bestreikten Betriebe w\u00e4hrend des Kampfes um die 35-Stunden-Woche, Mitbegr\u00fcndung des Alstom-Chors, dem vermutlich einzigen Betriebschor, der \u2013 gegr\u00fcndet im Protest gegen die versuchte Standortschlie\u00dfung 2003 \u2013 in der Arbeitszeit auf Werksgel\u00e4nde proben durfte (1), \u00a02019 hat Bernd im Rahmen der 70-Jahr-Feier des DGB in Mannheim die B\u00f6ckler-Medaille erhalten. Bernds Gesicht, Stimme und Gitarre sind auf nahezu allen Protesten im Rhein-Neckar-Gebiet unverzichtbar, neben regelm\u00e4\u00dfigen Auftritten am 1.Mai und bei Streiks etwa bei antifaschistischen Protesten. Eines der bekanntesten Lieder ist dann auch \u201eGute Tradition\u201c, bekannter unter seinem Untertitel \u201eNazis raus aus dieser Stadt\u201c. Der Song von 1978, der auch noch bei den Protesten gegen den NPD-Parteitag in Weinheim 2015 seine Relevanz hatte, gewinnt seinen Charme durch das Lokalkolorit. Aufh\u00e4nger des Songs ist der Widerstand im Mannheimer Ortsteil Neckarstadt gegen einen Naziaufmarsch in den 1930er Jahren.<\/p>\n<p>Das ist nur einer von (wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe) 62 Songtexten, die in dem ersten Band dieser schriftlichen Retrospektive dokumentiert sind. Die Texte sind in Themenbl\u00f6cken zusammengefasst. Das macht das Buch auch zu einem spannenden zeithistorischen Dokument, weil es die jeweiligen Themen der sozialen Bewegungen spiegelt: Geht es auf den ersten Seiten noch um den Schulalltag, M\u00e4dchen oder ums Trampen wird bald die Forderung nach einem Jugendzentrum (\u201eLied der Domicil-Leute\u201c 1972, S.47; \u201eHeut ist die Frist abgelaufen\u201c, 1973, S.49) relevant. Darauf folgen das Engagement gegen Neofaschismus, die internationale Solidarit\u00e4t (vor allem die Chile-Solidarit\u00e4t), und vermehrt in den 1980ern Streik, Arbeiterbewegung und Gewerkschaften. Wackersdorf (S.151), Brokdorf (S.155), Tschernobyl (S.177) und die Themen der Friedensbewegung werden nat\u00fcrlich ebenfalls besungen.<\/p>\n<p>B\u00fccher mit Songtexten sind letztlich nat\u00fcrlich ein wenig ambivalent, denn etwas Wesentliches fehlt immer. Darum abschlie\u00dfend drei Dinge: Was Bernd K\u00f6hlers ersten Band seiner textlichen Retrospektive besonders spannend macht, sind das biografische Vorwort und vor allem die eingestreuten Originalfotos, -plakate und \u2013dokumente. So berichtet Bernd K\u00f6hler im Vorwort etwa von der Inszenierung von Brechts \u201eBaal\u201c durch die Theatergruppe des JUZ Limburgerhof 1969 \u2013 wer das wei\u00df, findet gerade in den fr\u00fchen Songs sehr viel Brecht wieder. Mein Liebling unter den historischen Dokumenten: Der Springer-Artikel \u201eSolche K\u00fcnstler machen Werbung f\u00fcr den DGB\u201c und die Antwort Bernd K\u00f6hlers (S.104f.). Im Anhang finden sich zus\u00e4tzlich pers\u00f6nliche Anmerkungen (S.187 \u2013 190) zu einigen Lyrics, die diese politische kontextualisieren. Diese Kontextualisierung h\u00e4tte ich mir mehr gew\u00fcnscht, denn gerade sie macht Bernds Lieder spannend.<\/p>\n<p>Zweitens: Klar, was fehlt ist die Musik zum Text. Wer sich dieses Buch kauft, sollte auf eine Platte nicht verzichten. Bernd selber empfiehlt abschlie\u00dfend \u201eSchlauch live \u2013 Das Hartmannstra\u00dfenkonzert 1989\u201c (zu bestellen unter seiner Mailadresse <a href=\"mailto:bk@ewo2.de\">bk@ewo2.de<\/a>). Ich m\u00f6chte unbedingt die CD \u201eKeine Wahl\u201c dazu empfehlen. Diese enth\u00e4lt Neuaufnahmen von seinen Liedern aus Arbeitsk\u00e4mpfen von 1971 \u2013 2013, die Bernd K\u00f6hler mit dem \u201ekleinen elektronischen Weltorchester\u201c (ewo2) 2013 neu interpretiert hat (dazu gibt es \u00fcbrigens auch ein Buch, beides erh\u00e4ltlich u.a. beim Jumpup-Mailorder und nat\u00fcrlich auch unter angegebener Mailadresse). Die \u201emusikalische Zutat\u201c (Noten gibt es in dem Buch \u00fcbrigens auch, aber damit kann ich nichts anfangen) zu den Texten ist auch deswegen relevant, weil Bernd es immer verstanden hat, sehr f\u00e4hige und empathische Musiker*innen um sich zu sammeln \u2013 das ist eine sinnvolle Alternative zu dem, was Mannheim sonst so an musikalischen S\u00f6hnen und T\u00f6chtern aufzuweisen hat (wobei es da noch mehr gute gibt \u2013 exemplarisch seien Chaoze One, \u00dcberdosis Grau und Joy Fleming erw\u00e4hnt&#8230;).<\/p>\n<p>Damit zum dritten und letzten Punkt: Eine zweib\u00e4ndige Retrospektive mit den Songtexten der Jahre 1967 bis 2019 kann nat\u00fcrlich nur dann empfohlen werden, wenn von einem dritten Band auszugehen ist, d.h. letztlich, wenn wir alle noch in Genuss weiterer Platten und Konzerte von Schlauch, ewo2 und anderen Projekten kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Liedermacher Bernd K\u00f6hler legt einen ersten Band mit Texten von 1967 bis 1989 vor. \u201e\u00dcber Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen\u201c soll Frank Zappa oder wahlweise Steve Martin mal gesagt haben. 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