{"id":21964,"date":"2020-03-01T16:51:35","date_gmt":"2020-03-01T14:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=21964"},"modified":"2022-07-26T13:45:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:01","slug":"viele-kleine-elsaessers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/viele-kleine-elsaessers\/","title":{"rendered":"Viele kleine Els\u00e4ssers"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-21965 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-626x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"345\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-626x1024.jpg 626w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-300x491.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-600x982.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse-768x1257.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/LiBu446_hanloser_die-andere-querfront_presse.jpg 978w\" sizes=\"auto, (max-width: 345px) 100vw, 345px\" \/><\/a>Wie ich selbst die Anf\u00e4nge der Antideutschen erlebte: Die Friedens- und Antikriegsbewegung schien Anfang 1991 in einer Krise, als die USA \u2013 \u00fcbrigens mit UN-Resolution im R\u00fccken \u2013 zur Bombardierung der Truppen S. Husseins und zur Invasion Kuwaits, das Hussein besetzt hatte, \u00fcbergingen. Mitte Januar 1991, zwei Tage vor Ablauf des UN-Ultimatums, organisierten wir, die Graswurzelwerkstatt, gewaltfreie Aktionsgruppen und Antimilitarist*innen sowie Startbahngegner*innen in und um Frankfurt die allererste Kundgebung und Blockade gegen den kommenden Krieg direkt vor der Frankfurter Airbase, der US-Luftwaffenbasis, von der aus auch Bomber in diesen Krieg flogen. Es kamen 10000 Leute \u2013 der Auftakt zur massenhaften Anti-Golfkriegsbewegung. Auf die Kundgebung hatten wir u.a. mit Christian Sterzing einen Kriegsgegner des DIAK (Deutsch-Israelischer Arbeitskreis) geladen, der sowohl gegen den US-Krieg wie gegen die Bedrohung Israels durch von deutschen Firmen glieferte Giftgasanlagen an Hussein Stellung bezog. Die Ansagerin zwischen den Redebeitr\u00e4gen, ein Mitglied der Gewaltfreien Aktionsgruppe Frankfurt sowie Autorin des Schwarzen Faden, wies mindestens f\u00fcnfmal, bei ihren Ansagen zwischen allen Redner*innen, auf die Bedrohung Israels durch Giftgas und dessen historische Bedeutung\u00a0 hin. Doch was schrieb Eike Geisel seinerzeit in \u201ekonkret\u201c zur Anti-Golfkriegsbewegung? \u201eBei den ersten Demonstrationen gegen den Golfkrieg kam das Wort Gas nicht vor und erst recht nicht, wen es bedroht.\u201c<\/p>\n<p>Und sicher erinnern sich noch viele von uns an den damaligen Slogan von Hermann L. Gremliza \u2013 soeben verstorben \u2013 in der legend\u00e4ren, kriegstreiberischen \u201ekonkret\u201c-Ausgabe 3\/91, wonach beim US-Bombardement \u201emit falschen Begr\u00fcndungen das Richtige getan zu werden scheint\u201c (zit. nach Hanloser, S. 18).<\/p>\n<p><strong>Primat der Ideologie \u00fcber die Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser beispiellosen theoretischen wie praktischen Bankrotterkl\u00e4rung der marxistischen Dialektik war meine Position zu den militaristischen und kriegstreiberischen (Hanloser benutzt in seinem Buch leider durchg\u00e4ngig den schon damals verharmlosenden Begriff \u201eBellizisten\u201c) Antideutschen f\u00fcr immer gekl\u00e4rt. Leute wie Geisel, Gremliza oder auch Pohrt informierten sich \u00fcber die herrschenden Medien; sie sa\u00dfen im Fernsehsessel und guckten ARD oder ZDF, die unsere Inhalte auf der Airbase-Kundgebung nat\u00fcrlich nicht interessierte. Auf die Idee, bei uns selbst nachzufragen, sich seri\u00f6s vor Ort zu informieren, kamen sie nicht. Ihre Demagogie spricht B\u00e4nde \u00fcber ihr Primat der Ideologie \u00fcber die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Das ist nur eine jener uns\u00e4glichen Debatten mit und von Antideutschen, die uns das kurzweilig zu lesende Buch von Hanloser in Erinnerung ruft. Richtig schreibt er von emanzipatorischen Anf\u00e4ngen, direkt nach der Vereinigung und Kohls weltmachtpolitischer Anerkennungspolitik neuer Nationalstaaten im Vorfeld der Jugoslawienkriege. Doch damals nannte sich diese Str\u00f6mung noch \u201eantinationale Linke\u201c. Mit ihr teilten wir die Hoffnung, dass mit deren Kritik an den nationalen Befreiungsbewegungen auch der dort vorzufindende Militarismus st\u00e4rker in der Linken kritisiert werde \u2013 also nicht nur aus unserem Spektrum des gewaltfreien Anarchismus. Doch weit gefehlt! Der Golfkrieg 1991 war der Wendepunkt zum Antideutschtum; es folgten von ihren bekanntesten Protagonist*innen aberwitzige Kriegslegitimationen aber auch jedes kommenden Krieges, sei es f\u00fcr eine milit\u00e4rische Seite des Jugoslawienkrieges (oft genug die serbischen Milizen), sei es der Afghanistankrieg 2001 (pro USA), sei es die komplette, ungeheuerliche Zerst\u00f6rung des Irak ab 2003 (pro USA), die bis heute anh\u00e4lt und Millionen Tote gekostet hat (schon der Golfkrieg 1991 forderte 450000 Tote). Innenpolitisch hat das Antideutschtum die gesamte noch \u00fcbrig gebliebene Linke mittendurch gespalten, die Antifa-Szene zweigeteilt, die Autonomen zweigeteilt \u2013 immer in antiimperialistische oder antideutsche Fraktionen.<\/p>\n<p>Uns als Graswurzelrevolution\u00e4r*innen und gewaltfreie Anarchist*innen hat das allerdings keineswegs gespalten: Wir blieben jenseits dieser aufgebauschten Dichotomie; wir hatten dritte, vierte, f\u00fcnfte Positionen; der gewaltfreie Anarchismus verlief jenseits dieser Dichotomie. Wir hatten noch 1989 den autonomen Slogan auf den H\u00e4usern der Hafenstra\u00dfe \u201eBoykottiert Israel! Waren, Kibbuzim und Str\u00e4nde!\u201c kritisiert und uns trotzdem 2008 mit dem Buch \u201eBarrieren durchbrechen!\u201c (hg. von Sebastian Kalicha) mit israelischen Kriegsdienstverweigerer*innen und pal\u00e4stinensischen Gewaltfreien, die gegen den Barrierenbau k\u00e4mpften, solidarisiert. Schon die Dichotomie der damaligen Diskussion Antiimps gegen Antideutsche \u2013 bist du nicht f\u00fcr mich, so geh\u00f6rst du der anderen Fraktion an \u2013 war grundfalsch und strukturell autorit\u00e4r.<\/p>\n<p><strong>Erschreckende Karrieren nach rechts \u2013 viele kleine Els\u00e4ssers<\/strong><\/p>\n<p>Gerhard Hanloser, bereits Autor eines \u00e4hnlich antideutsch-kritischen Buches (\u201eSie warn die Antideutschesten der deutschen Linken\u201c, 2004), bricht in seinem Buch nicht wirklich aus dieser Dichotomie aus, stellt sie aber durch seinen eigenen politischen Weg infrage, der mit autonomem Antiimiperialismus begann, durch die Krise der Antiimps aber auch selbst erfrischend unabh\u00e4ngige, zuweilen libert\u00e4re Wege einschlug. Gem\u00e4\u00df dem Beispiel des Werdegangs des Allerschlimmsten der Antideutschen, dem ehemaligen KB-Mitglied, konkret-Redakteur und heutigem Vollnazi J\u00fcrgen Els\u00e4sser sp\u00fcrt Hanloser sehr informiert und im Urteil meist \u00fcberzeugend den Karrieren ehemals pr\u00e4gender Antideutscher nach, seien es Leute wie Joachim Bruhn vom ISF Freiburg, sei es die antideutsche Wendung der Dritt-Welt-Zeitschrift \u201eiz3w\u201c, seien es Leute wie Pohrt, Mathias K\u00fcntzel, Henryk M. Broder, Ivo Bozic, Justus Wertm\u00fcller oder die Zeitschriften \u201eJungle World\u201c oder \u201eBahamas\u201c \u2013 \u201ekonkret\u201c sowieso. Nicht in jedem Einzelfall, aber doch erschreckend oft stellt Hanloser eine sp\u00e4te Wendung von deren Biografien in eine \u201eandere Querfront\u201c fest, ins bewusste oder unbewusste B\u00fcndnis mit scharf-rechts. Bei manchen wie Els\u00e4sser und \u201eBahamas\u201c geht das direkt durch ins Neonazistische und Identit\u00e4re, manche wie K\u00fcntzel oder leider auch Deniz Y\u00fccel machten grade noch bei staatsapologetischen Herrschaftsmedien wie Springers \u201eWelt\u201c Halt in ihrer Karriere.<\/p>\n<p>Aus den libert\u00e4ren Zeitschriften ber\u00fccksichtigt Hanloser f\u00fcr seine Analysen den \u201eSchwarzen Faden\u201c und \u201eWildcat\u201c \u2013 leider ignoriert er g\u00e4nzlich die Positionierungen der \u201eGraswurzelrevolution\u201c, wie das fr\u00fcher tpyischerweise Antiimps machten, die uns f\u00fcr irrelevant hielten. So entgehen leider auch Hanlosers guten Analysen wichtige Begr\u00fcndungen zum Thema, die von unserer Seite kamen und in seinem Buch nicht besprochen werden: z.B. die Position, dass wir innerhalb der BRD die BDS-Boykottkampagnen aufgrund der besonderen Rolle des Boykotts bei der Judenvernichtung in der deutschen Geschichte tats\u00e4chlich ablehnen m\u00fcssen, uns aber international in Zusammenh\u00e4ngen wie der War Resisters\u2019 International bewegen, deren gewaltfreie BDS-Position wir genauso respektieren wie Hanloser die von Roger Waters explizit gewaltlose Boykott-Begr\u00fcndung (vgl. S. 266f.). Auch die Solidarit\u00e4t nur mit explizit gewaltfrei k\u00e4mpfenden Pal\u00e4stinenser*innen sorgt eben qua Kampfmittel daf\u00fcr, dass israelische B\u00fcrger*innen nicht bef\u00fcrchten m\u00fcssen, wortw\u00f6rtlich \u201eins Meer geworfen\u201c zu werden, weil das gewaltfrei eben nicht, sondern nur bewaffnet m\u00f6glich w\u00e4re. Dabei haben wir bei dieser Solidarit\u00e4t die Pal\u00e4stinenser*innen nicht etwa von Deutschland aus \u201eauf Gewaltfreiheit verpflichtet\u201c (Geisel, zit. S. 282), sondern ein Teil ihrer selbst w\u00e4hlte den explizit gewaltfreien Kampf, wie das in anderen Weltregionen auch der Fall ist, im Moment etwa in Algerien, Armenien oder im Sudan \u2013 doch das wollen autorit\u00e4re Linke generell nicht wahrnehmen, dass es im Trikont massenhaft selbstbestimmte gewaltfreie K\u00e4mpfe gibt. Die Apotheose der antideutschen Phobie vor Gewaltfreiheit und Antimilitarismus ist die absurde Wendung, das sei von deutschen Gewaltfreien den Trikont-K\u00e4mpfer*innen vorgeschrieben worden (s. oben Eike Geisel). Wie dies, so ist vieles, das die Antideutschen in 30 Jahren erfolgreicher Spaltung der deutschen Linken vollbracht haben, nur peinlich. Mit ihren theoretischen und praktischen Bankrotterkl\u00e4rungen haben Antideutsche zur politischen Bedeutungslosigkeit dieser Linken in der Gegenwart entscheidend beigetragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ich selbst die Anf\u00e4nge der Antideutschen erlebte: Die Friedens- und Antikriegsbewegung schien Anfang 1991 in einer Krise, als die USA \u2013 \u00fcbrigens mit UN-Resolution im R\u00fccken \u2013 zur Bombardierung der Truppen S. Husseins und zur Invasion Kuwaits, das Hussein besetzt hatte, \u00fcbergingen. 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