{"id":22006,"date":"2020-03-01T10:17:38","date_gmt":"2020-03-01T08:17:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22006"},"modified":"2020-04-20T01:23:33","modified_gmt":"2020-04-19T23:23:33","slug":"there-is-no-god","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/there-is-no-god\/","title":{"rendered":"\u201eThere is No God\u201c"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Ein bewegtes Dichter- und Rebellenleben der englischen Romantik, das nur knapp drei\u00dfig Jahre w\u00e4hrte, davon vielleicht zehn dichterisch-sch\u00f6pferische und politisch aktive. Von Shelley, dem Feuerkopf, Freund Lord Byrons und Ehemann von Mary Wollstonecraft Godwin (offizielle Eheschlie\u00dfung zum Jahreswechsel 1816\/17), der ein \u00fcberschaubares Oeuvre hinterlie\u00df, lag bisher auf Deutsch im Leipziger Insel-Verlag eine 1985 erschienene, umfangreiche DDR-Ausgabe \u201eAusgew\u00e4hlte Werke: Dichtung und Prosa\u201c in einem Band vor, die 1990 in etwas besserer Ausstattung auch von Insel Frankfurt\/M. \u00fcbernommen wurde. Dies wird nun durch ein 2019 mit speziellem Editionsinteresse neu herausgegebenes Buch des Freidenkers, Verlegers und Publizisten Heiner Jestrabek weiter erg\u00e4nzt. <\/span><span lang=\"de-DE\">Von ihm wurden schon mehrere einschl\u00e4gige Titel mit philosophischen und religionskritischen Schriften bekannter und weniger bekannter Verfasser*innen herausgegeben, so von August Bebel, Rosa Luxemburg, August Thalheimer, Jakob Stern, Matthias Knutzen oder Albert Dulk. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Shelley ertrank als Nichtschwimmer vor der Toskanak\u00fcste bei Viareggio w\u00e4hrend eines Segelt\u00f6rns, bei dem er, sein Begleiter Edward Williams, noch ein Freund und zwei weitere Seeleute auf der Yacht \u201eDon Juan\u201c von einem Sturm \u00fcberrascht wurden. Das Segelboot kenterte und alle an Bord kamen um. Shelleys Leiche trieb einige Tage im Meer, bevor Fischer sie fanden. Am Strand errichteten Freunde einen Scheiterhaufen, auf dem sie Shelleys Leichnam unheilig, aber nicht minder feierlich rituell verbrannten, was auch in einer Zeichnung festgehalten wurde. Die Asche des Dichters wurde zum Teil ins Meer gestreut. Einen Teil davon sowie Shelleys Herz soll Mary an sich genommen und verwahrt haben. Der Rest fand im Urnengrab seine Heimstatt. Shelley war Dichter (\u201eAn die Feldlerche\u201c; \u201eOde an die geistige Sch\u00f6nheit\u201c, Sonett \u201eEngland in 1819\u201c u. v. a. m.), er \u00fcbersetzte Werke Calderons und Goethes Faust I. Ferner war er \u00e4sthetischer Theoretiker (\u201eVerteidigung der Poesie\u201c), radikaler Aufkl\u00e4rer (\u201eDie Reform aus philosophischer Sicht\u201c) und politischer Publizist (\u201eEine Botschaft an das Volk \u2026\u201c). Als solcher war er auch Rebell und Atheist (Traktate: \u201eEine Widerlegung des Deismus\u201c und \u201eDie Notwendigkeit des Atheismus\u201c, letzterer im Buch enthalten), \u00fcbte mit ereignisbezogenen Pamphleten und grunds\u00e4tzlichen Aufs\u00e4tzen Kritik an Staat, Politik und Religion seiner Zeit. Davon und von Shelleys k\u00fcnstlerischer Person und kurzem, abenteuerlichem Leben handelt dieses Buch. <\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Das \u201eJahr ohne Sommer\u201c <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ein bekanntes \u00e4u\u00dferes Zeit- und Naturereignis in Shelleys Leben sei hier kurz erw\u00e4hnt, da nicht ohne eine gewisse Bedeutung. Im Jahr 1816 schickte eine \u00f6kologische Katastrophe weitab in S\u00fcdostasien ihre widrigen Klimaboten durch globale Winde bis nach Europa und Amerika. Die im Jahr zuvor durch einen verheerenden Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa ausgesto\u00dfenen, riesigen hei\u00dfen Lavaaschewolken, zogen um die Welt. Sie verd\u00fcsterten und tr\u00fcbten vielerorts wochenlang den Himmel ein. Es f\u00fchrte zu anhaltenden Regen-, ja sogar Schneef\u00e4llen, Temperaturst\u00fcrzen und \u00dcberschwemmungen von Fl\u00fcssen wie dem Rhein. Vor allem bei D\u00e4mmerung morgens und abends kam es am Firmament zu bizarren Erscheinungen des Lichtspektrums mit vorherrschend gelblich-braunen, ockerfarbenen, orangenen, roten bis violett-bl\u00e4ulichen Farbvariationen, die ineinander flossen. Eine die Konturen verschwimmen lassende Malerei William Turners, Zeitgenosse von Shelley, gibt ein optisches Zeugnis daf\u00fcr. Weitere Folgen waren drastische Ernteausf\u00e4lle in vielen Landstrichen, Hungersn\u00f6te und Bev\u00f6lkerungswanderungen. Die ungew\u00f6hnlich intensiven Lichtph\u00e4nomene, die den Himmel bisweilen \u201ebrennen\u201c oder gl\u00fchen lie\u00dfen, faszinierten und wurden zugleich bedrohlich als K\u00fcnder von Unheil empfunden. Stand wom\u00f6glich sogar der Weltuntergang bevor? Erst im Lauf der Folgejahre normalisierte sich die Lage wieder und verbesserten sich die Ernteertr\u00e4ge.<\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Der Roman \u201eFrankenstein\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In jenem kalten Sommer 1816 reiste das Paar Shelley-Wollstonecraft Godwin in die Schweiz in die N\u00e4he des Genfer Sees, wo es im Juli schneite. Um dort den Freund Lord Byron in dessen gemietetem Chalet Villa Diodati zu besuchen. Shelly verfasste sein Natur-Poem \u201eMont Blanc\u201c. In einer zwischen \u00e4u\u00dferem, befremdendem Klimaph\u00e4-nomen und seelischem Reflex ambivalenten Stimmungslage unternahm man Tagesausfl\u00fcge oder erging sich an dunklen, regnerischen Tagen und nachts zum Zeitvertreib in einer Art Dichter*in- und Gothic-Seancen. Ken Russells Film \u201eGothic!\u201c (GB 1986) greift dies in \u00fcppiger Ausschm\u00fcckung auf. Wenn schon Weltuntergang, so sollte es dabei wenigstens toll und ausschweifend zugehen, m\u00f6gen die Freunde vielleicht gedacht haben. Dadurch und durch den Genuss von Alkohol, Laudanum und allerlei sonstigen psychedelischen Drogen animiert, entstanden Horror- und Fantasy-Kurzgeschichten oder d\u00fcstere Poeme, die man sich wetteifernd im Rausch gegenseitig vorlas. Besonders Mary Shelleys Ehrgeiz war in der M\u00e4nnerrunde angestachelt. Byrons Leibarzt John Polidori verfasste so lange vor Bram Stokers Dracula-Roman die Erz\u00e4hlung \u201eDer Vampyr\u201c. Byron selbst schrieb das Gedicht \u201eDie Finsternis\u201c. Mary lieferte eine erste Skizze einer Erz\u00e4hlung, aus der ihr ber\u00fchmter Roman \u201eFrankenstein oder der moderne Prometheus\u201c hervorgehen sollte. Die \u201eHorrorstory\u201c vom k\u00fcnstlichen Menschen und \u201eMonster\u201c aus Leichenteilen, durch atmosph\u00e4rische Elektrizit\u00e4t von Blitzen zum Leben erweckt, war so gewagt und dazu noch von einer Frau verfasst, dass Mary Shelley sich dazu entschloss, sie zun\u00e4chst anonym zu ver\u00f6ffentlichen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den f\u00fcr das Zusammenwirken des K\u00fcnstlerpaares Shelley-Wollstonecraft Godwin bedeutenden Roman floss mit ein, was sie, Percy B. Shelley, Lord Byron und der dreien Dichter-Freund John Keats an Kritik an der Gesellschaft, Wissenschaft, Institution Kirche und Religion umtrieb. Das \u201eromantische Monster\u201c als Projektion menschlicher Furcht vor Freiheit und sozialer \u00c4ngste. Die k\u00fcnstlich zum Leben erweckte, missbrauchte und h\u00e4ssliche Kreatur, der es menschlich um nichts anderes geht als W\u00fcrde zu erlangen und geliebt zu werden \u2013 stattdessen gef\u00fcrchtet, gejagt und in Wahnsinn und Raserei getrieben, so dass sie mordet und verw\u00fcstet. Der Arzt Dr. Frankenstein als Ausgeburt menschlicher Hybris, gottgleich neues Leben erschaffen zu wollen. Mary Shelley nahm auch Bezug auf allerlei groteske medizinische Reanimationsversuche zu jener Zeit an Toten mit Stromst\u00f6\u00dfen. Um all dies geht es in diesem fr\u00fchen literarischen Zeugnis moderner Fragestellung nach dem Leben als romantischem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Unversehrtheit der Natur und Unantastbarkeit menschlichen Lebens, das weit mehr ist als ein Horror-Drama in Prosa oder eine filmreife Vorlage f\u00fcr Hollywoods banale Horrork\u00fcche. Roberto Massari zeigt in seiner Studie \u201eMary Shelleys Frankenstein\u2018. Vom romantischen Mythos zu den Anf\u00e4ngen der Science-fiction\u201c (1989), dass das Verdienst des Buches nicht im Horror, sondern darin liegt, Technik und Fortschrittsglauben zu kritisieren. Die Shelleysche Kreatur tritt als sich selbst reflektierendes, artikuliert sprechendes, geplagtes Wesen auf, das sich selbst vertretend Anklage erhebt gegen die Grausamkeit seines irdenen Erschaffers. In seiner \u201eAkkulturation\u201c, der geistigen Reifung, in der sie erst lesen lernen muss, ist eines der ersten Werke, das sie liest, John Miltons Prosagedicht \u201eDas verlorene Paradies\u201c, das in ihr Fragen und Reflexionen hervorruft. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nun hatte der Herausgeber prim\u00e4r wohl nicht im Sinn, diesen f\u00fcr seine Absicht eher abseitigen Hintergrund mehr zu beleuchten. Er schreibt zum eigenen Motiv: \u201eDie Insel-Ausgabe ist die umfangreichste moderne Ausgabe. Leider fehlen (oder sind zusammengek\u00fcrzt) die Teile, die mir wichtig sind (vollst\u00e4ndige Queen Mab mit Anmerkungen, in unserer Ausgabe jetzt erstmals in Deutsch vollst\u00e4ndig). Es ist ja der rote Faden unserer edition Spinoza, nicht mehr oder selten zu bekommende Texte zu ver\u00f6ffentlichen und zeitgem\u00e4\u00df zu kommentieren\u201c. (Mail vom 12.7.2019 an den Verfasser). Zu einem B\u00fccherzettel hei\u00dft es: Die edition Spinoza \u201ever\u00f6ffentlicht Beitr\u00e4ge zur Philosophiegeschichte und Theorie und sieht sich inspiriert von Leben und Werk des Baruch Spinoza (1632-1677), dem Begr\u00fcnder des modernen europ\u00e4ischen Rationalismus\u201c. Soweit zum Editionsvorhaben. <\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Epochenumbruch 1789<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Wort Anarchie, urspr\u00fcnglich aus dem Griechischen, war zwar vereinzelt im Gebrauch, so auch in Shelleys Poem \u201eThe Mask of Anarchy\u201c (Der Maskenzug der Anarchie), aber man benutzte es noch kaum in einem systematischen philosophischen Sinn oder als politischen Kampfbegriff einer Bewegung. Da mussten erst sp\u00e4ter kritische Geister wie Stirner, Proudhon, Kropotkin und vor allem Bakunin auftreten, um dem Begriff der Herrschaftslosigkeit gegen Shelleys Adaption als Maske des Z\u00fcgellos-Willk\u00fcrlichen der Herrschenden die treffende, richtige Bedeutung zukommen zu lassen. Politische Essays, in denen sich Staats- und Herrschaftskritik artikulierte und als Doktrin formulierte, lauteten z. B. \u201eUntersuchung \u00fcber die politische Gerechtigkeit\u201c (1793), wie jener von Marys Vater, dem Sozialreformer William Godwin. Man bezog sich am Ende des Absolutismus und in der aufkommenden Industrialisierung mit ihrer proletarisierenden Vermassung kritisch auf den neuen Diskurs \u00fcber Freiheit, Recht, Demokratie, Regierung, auf das Volk als handelndes politisches Subjekt, den die Aufkl\u00e4rung und die Revolutionen der Neuzeit auf die Tagesordnung gesetzt hatten. Shelleys Schaffenszeit zog sich bis in die nachnapoleonische \u00c4ra. Europa war mit Freiheitsrevolution, jakobinischen Exzessen und Krieg dagegen \u00fcberzogen worden. Napoleon Bonaparte war ein geschickter Nutznie\u00dfer dieser Konflikte einander widerstrebender Kr\u00e4fte und spannte die erwachte Nationalgesinnung im eigenen Land ein f\u00fcr die Errichtung seiner Dynastie, seine politischen Reformziele (\u201eCode napol\u00e9on\u201c) und vor allem monstr\u00f6sen Eroberungsz\u00fcge bis nach \u00c4gypten und Russland. Dazu trug er auch dem latent weiter existierenden Monarchismus auf seine Weise Rechnung und machte sich 1804 in pseudoaufkl\u00e4rerischer Geste durch Selbstkr\u00f6nung zum weltlichen Kaiser der Franzosen mit absoluter Vollmacht eines Tribuns, das der Papst nur noch absegnen durfte. Die ausgeblutete Revolution hatte im Machtvakuum ihren Milit\u00e4rdespoten als Erben bekommen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Doch das aufgebl\u00e4hte, widerspr\u00fcchliche Konstrukt konnte nicht lange w\u00e4hren und gutgehen und fiel letztlich nach der \u201eHerrschaft der 100 Tage\u201c mit Napoleons 1815 verlorener Schlacht gegen eine britisch-preu\u00dfische Entente auf den Feldern bei Waterloo in sich zusammen. Eine Phase der Reaktion und Restauration des keineswegs ausgerotteten Adels und der zu mehr Macht gelangten h\u00f6heren St\u00e4nde kam nun nach Napoleons endg\u00fcltigem Abgang in die Verbannung auf der britischen Atlantik-Insel Helena wieder verst\u00e4rkt zum Zug. Zugleich rumorten die Ideen und Ziele der Revolutionen in Amerika und von 1789 mit ihren m\u00e4chtigen Befreiungsimpulsen in den K\u00f6pfen und Herzen der Menschen weiter. Die literarische wie idealistische Romantik gab dieser Stimmung z. T. neuen, natur-schw\u00e4rmerischen Ausdruck (siehe etwa Rousseaus Vorwegnahme in: \u201e\u00c9mile oder \u00fcber die Erziehung\u201c, 1762), ohne direkt politisch zielgerichtet zu sein; die dann aber z. B. in Deutschland wieder in die republikanische Rebellion in der \u00dcbergangsphase im Vorm\u00e4rz m\u00fcndete. Von 1812 bis 1814 f\u00fchrte die englische Krone bereits wieder Krieg mit dem neuen, unabh\u00e4ngigen US-Amerika. Auch in Irland schwelte antibritische Unruhe, in der Percy B. Shelley sich f\u00fcr die Gleichberechtigung der irischen Katholiken einsetzte und sich gegen die Union mit England aussprach (\u201eAufruf an das irische Volk\u201c; \u201eVorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Vereinigung\u201c).<\/span><\/p>\n<h5>\u201e<span lang=\"de-DE\">Mask of Anarchy\u201c \u2013 \u201eDie Maske (oder Der Maskenzug) der <\/span><span lang=\"de-DE\">Anarchie\u201c <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In Italien lebend erfuhr Shelley von einem blutigen Ereignis in England, wo nach den kostspieligen Feldz\u00fcgen und Koalitionskriegen gegen Napoleon und Frankreich landesweit Arbeitslosigkeit und Hunger herrschten. Soziale Proteste wurden durch Reitertrupps mit Waffengewalt unterdr\u00fcckt. Am 16. August 1819 kam es auf dem heutigen St. Peter\u2018s Field in der Baumwollmetropole Manchester zu einem Kavallerieangriff gegen Demonstrierende (Massaker von Manchester). Hunderte wurden niedergeritten, es gab im \u201eGefecht von Peterloo\u201c an die 20 Tote und Hunderte schwer Verletzte, darunter Frauen und Kinder. In Europa reagierte man emp\u00f6rt und auch Shelley machte sich sofort an ein anklagendes Poem und wandte sich solidarisch an die englischen Arbeiter und ein allgemeines Publikum, um es wachzur\u00fctteln. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bertolt Brecht diente \u201eMask of Anarchy\u201c 1947 als Vorbild f\u00fcr sein Poem \u201eDer anachronistische Zug \u2013 Freiheit und Democracy\u201c. In Zirkeln kursierend wurde es allerdings erst posthum 1832 ver\u00f6ffentlicht. Das Gedicht hat 91 Strophen, meist im Vierzeiler- (a-a, b-b) oder vereinzelt auch F\u00fcnfzeiler-Versma\u00df (a-a, b-b-b). Bemerkenswert ist, dass in dem Gedicht Anarchy als Gegenbild zur Freiheit benutzt wird. Jestrabek kommentiert dazu in einer Fu\u00dfnote: \u201eShelley und andere Republikaner verwendeten den Begriff damals i. S. von Abwesenheit von Recht, institutioneller, willk\u00fcrlicher Gewalt und Gesetzlosigkeit, die von den Herrschenden gegen das Volk ausge\u00fcbt wurde\u201c (S. 23). Nur so l\u00e4sst sich auch die \u00dcberschrift Anarchie als Maskerade verstehen. An anderer Stelle weist Jestrabek darauf hin, dass Shelley wegen seiner Brisanz und Gef\u00e4hrlichkeit f\u00fcr Sitte, Religion und Moral von der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft gehasst, abgelehnt und ge\u00e4chtet, ja schlie\u00dflich sogar nach Italien vertrieben wurde. Shelley w\u00e4re zudem viel eher von den niederen St\u00e4nden gelesen worden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fritz Mauthner berichtet in seinen Buch \u201eDer Atheismus und seine Geschichte im Abendlande\u201c (neu 2011), der kr\u00e4nkliche Shelley sei einmal auf der Post in Pisa, als er nach Briefen fragte und dazu seinen Namen nannte, von einem Engl\u00e4nder und Offizier mit den Worten \u201eSind Sie Shelley, der Atheist?\u201c angesprochen und mit einem Fausthieb niedergeschlagen worden. Jeremy Corbyn, der englische Gewerkschaftsf\u00fchrer und Labourpolitiker, zitierte in seiner Ansprache beim vielbesuchten Glastonbury Musik- und Kunst-Festival 2017 in der s\u00fcdwestenglischen Grafschaft Somerset einzelne appellative Verse aus \u201eMask of Anarchy\u201c. Hier zwei bezeichnende Ausz\u00fcge aus dem politischen Poem: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">(\u2026) Des Verderbens mancherlei \/ In dem Zuge kam vorbei; \/ Doch geh\u00fcllt in Prunk und Staat \/ Von Bischof, Pair und Advokat. \u2013 Zuletzt die Anarchie, sie sitzt \/ Auf wei\u00dfem Rosse blutbespritzt, \/ Ihr Angesicht, die Lippen bleich, \/ Dem Tod, den St. Johann sah gleich. \u2013 Eine Krone ihre Stirn umspannt, \/ Ein Zepter gl\u00e4nzt in ihrer Hand, \/ Auf der Stirne steht, \/ Ich bin euch Gott, K\u00f6nig und Gesetz zugleich. \u2013 Schnell und stattlich war der Schritt, \/ Mit dem sie \u00fcber England ritt \/ Und die Menge auf ihrem Pfad, \/ Zu einer Blutespf\u00fctze trat. (\u2026) Von Meer zu Meer, durch Stadt und Feld \/ Anarchie den Sieg\u2019szug h\u00e4lt. \/ Ihre Spur sind Blut und Leichen, \/ Bis sie Londons Stadt erreichen. \u2013 Jeder B\u00fcrger schreckbefangen \/ F\u00fchlt sein Herz in Graus erbangen \/ Als mit Donnerruf empfahen \/ Wird des Siegeszuges Nahen. \u2013 Denn es naht des S\u00f6ldners Meute \/ Im gold\u2019nen und im blutigen Kleide, \/ Alle singend jubelt\u00f6nig: \/ \u201eDu bist Gott, Gesetz und K\u00f6nig! \u2013 O wie lange harren wir, \/ M\u00e4chtige, auf dein Panier \/ Leer die Beutel, die Schwerter kalt \/ Gib Ruhm, Blut, Gold uns tausendfalt\u201c. \u2013 Advokaten und Paffen beugen \/ Zur Erde nieder die Sirnen, die bleichen \u2013 \/ Leis t\u00f6nt\u2019s, wie heuchlerisch Gebet: \/ \u201eIn ihr Gesetz und Herrin seht!\u201c \u2013 Und laut rief es tausendt\u00f6nig: \/ \u201eDu bist Herr, Gesetz und K\u00f6nig! \/ Anarchie, dir huldigen wir \/ Heilig sei dein Nam\u2018 hierf\u00fcr! Und Anarchie, ein Knochenmann, \/ Knirt und grinset Jeden an, \/ Als h\u00e4tte, seinen Erzieher zu lohnen, \/ Das Volk gezahlt zehn Millionen. (\u2026)\u201c (Deutsche Nachdichtung von Julius Seybt, 1844). <\/span><\/p>\n<h5>\u201e<span lang=\"de-DE\">Queen Mab\u201c \u2013 \u201eFeenk\u00f6nigin Mab\u201c <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Herzst\u00fcck des neuen Buches neben der Werk- und Lebensbetrachtung Shelleys durch Heiner Jestrabek (S. 7-32) ist die Dichtung \u201eQueen Mab. Philosophical Poem\u201c von 1813 (Feenk\u00f6nigin Mab. Philosophisches Poem ) sowohl erstmals vollst\u00e4ndig im Original als auch \u00fcbersetzt mit erl\u00e4uternden Anmerkungen zu Textstellen von Shelley pers\u00f6nlich und zus\u00e4tzlichen Fu\u00dfnoten des Herausgebers (S. 48-158). Allein dieser zentrale Teil macht aus dem Buch eine sorgf\u00e4ltig bearbeitete Textausgabe mit durchaus auch etwas Meilensteincharakter. Dazu tr\u00e4gt sicher auch die lesefreundliche Aufmachung des Layouts bei mit zweispaltigem Text in fetten Lettern, der durch Zeichnungen, Faksimiles von Originalbuchcovern und s\/w-Abbildungen aufgelockert ist. Der Titel Feenk\u00f6nigin mag vielleicht etwas verwirren und an Kinderm\u00e4rchen denken lassen, was diese Philosophische Dichtung nat\u00fcrlich nicht ist, sondern lediglich ihr Stilmittel ist. Darum auch der Zusatz \u201ephilosophical poem\u201c. Die allegorische Verserz\u00e4hlung ist Shelleys erstes poetisch-politisches Werk und er schrieb es bereits 1811 mit 19 Jahren. Es spiegelt auch bereits die Anlagen der weiteren Entwicklung des Dichters, politischen Denkers und Gottverneiners Shelley wider. In seiner Abhandlung \u201ePoetisierung als Kritik\u201c (T\u00fcbingen 2016), die von Jestrabek ausf\u00fchrlich zitiert wird, stellt Hans-Peter Ecker fest, dass Shelley bereits \u201eden sch\u00e4rfsten Angriff auf die christliche Lehre \u2026 in seinem Jugendwerk Queen Mab\u201c f\u00fchre (Ecker, S. 30f.). Dazu schreibt Ecker: <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">In Queen Mab wird die Geschichte der Menschheit als eine Reihe von Akten der Gewalt und Unterdr\u00fcckung geschildert. Ursache des \u00dcbels ist nicht die menschliche Natur, sondern die bestehende Verfassung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. K\u00f6nigliche Tyrannen versto\u00dfen fortw\u00e4hrend gegen die harmonische Ordnung der Natur, Staatsm\u00e4nner und Priester sind ihre willigen Werkzeuge. Mit der Religion setzen sie die Menschen in Angst und Schrecken, um sie in Unm\u00fcndigkeit zu halten. In dieser Situation verderben die Menschen geistig und moralisch, wodurch der allgemeine \u00dcbelstand weiter befestigt wird.\u201c (ebd.) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ecker zieht nun einen interessanten Vergleich zwischen der Zwiesprache der Feenk\u00f6nigin Mab, die diese Erkenntnisse dem Geist des schlafenden M\u00e4dchens Janthe vermittelt und der Konstellation des Dialogs zwischen dem Geistwesen Ahasver und dem Rabbi in Stefan Heyms Roman \u201eAhasver\u201c (1981). Matthias Rude sieht, Shelleys \u201eNotes zu Queen Mab\u201c zitierend, darin die politische Forderung vorgetragen nach einem \u201evegetarischen Zustand der Gesellschaft in der alle Energie des Menschen in die Schaffung g\u00e4nzlichen Gl\u00fccks gelenkt werden soll\u201c (Matthias Rude: \u201eAntispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und in der Linken; theorie.org, 2013).<\/span><\/p>\n<h5>\u201e<span lang=\"de-DE\">The Necessity of Atheism\u201c \u2013 \u201eDie Notwendigkeit des Atheismus\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ebenfalls bereits 1811 entstand dieses Traktat, dessen Text mit der Feststellung beginnt: \u201eEs ist kein Gott!\u201c. Auch er wird, 1813 nochmal erweitert, erstmals vollst\u00e4ndig von Jestrabek ver\u00f6ffentlicht auf der Basis einer zus\u00e4tzlich hinzugezogenen, moderneren \u00dcbersetzung von 1992. Man kann die gemeinsam mit dem Studienfreund Thomas Jefferson Hogg verfasste Abhandlung als eine Art Ausf\u00fchrung der aufgekl\u00e4rten Gedanken von John Locke und David Hume zum Thema ansehen. Es f\u00fchrte zu beider Verweis vom Oxford College. Wie sehr Shelley da schon radikal politisch geerdet war, zeigt ein lange verschollener, 2006 wiederentdeckter \u201ePolitical Essay of the Existing Things\u201c (1811), in dem Shelley Kritik \u00fcbt an kolonialem Imperialismus und Krieg. Die j\u00fcngste Marx-Tochter Eleanor berichtet von Shelleys positiver Aufnahme durch Karl Marx und Friedrich Engels. Die Chartisten, eine fr\u00fche politische Reformbewegung in Gro\u00dfbritannien f\u00fcr die Rechte und Belange der Arbeiter*innen, so benannt nach der von William Lovett 1835 verfassten People\u2019s Charter, einem Freiheits-Pamphlet mir konkreten politischen Forderungen, wurden von Shelley ma\u00dfgeblich mit beeinflusst.<\/span><\/p>\n<h5><span lang=\"de-DE\">Mary Shelley und das Dichter-Erbe <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Shelleys Frau \u00fcberlebte den t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Dichter um fast drei\u00dfig Jahre, in denen sie sich als femme de lettre um das Erbe ihres Mannes verdient machte, wie Jestrabek schreibt. Obwohl ihr Schwiegervater ihr dabei mehrfach H\u00fcrden in den Weg legte, der nie viel von seinem Sohn und dessen Werk hielt. So verhinderte er auch eine geplante Biografie \u00fcber Shelley durch Mary Shelley. Erst 1839 konnte von ihr eine vierb\u00e4ndige Edition der Gedichte P. B. Shelleys besorgt und herausgegeben werden. Das Biografie-Verbot umging sie in gewisser Weise dadurch, dass sie einen literarischen Kunstgriff anwandte, der ihr als selbst erfolgreicher Autorin nicht schwer fiel. Sie ver\u00f6ffentlichte im Jahr 1826 einen halbbiografischen Roman, der in einer fiktiven Zukunft des 21. Jahrhunderts angesiedelt ist und den Titel \u201eThe Last Man\u201c (dt. \u201eVerney, der letzte Mensch\u201c; als TB z. B. 1986) tr\u00e4gt. Dabei ordnete sie einzelnen Personen der Handlung Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale von Shelley, Lord Byron und sich selbst unter anderen Namen zu. Der Zukunfts-Roman erschien 2018 bei BoD neu, herausgegeben und \u00fcbersetzt von Maria Weber (Mary Shelley: \u201eDer letzte Mensch\u201c. Vollst. Ausgabe in einem Band). <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wer freilich nach Shelley-Texten wie \u201eDer entfesselte Prometheus\u201c, \u201eEine Botschaft an das Volk anl\u00e4sslich des Todes von Prinzessin Charlotte\u201c, \u201eLaon und Cythna\u201c (umgearbeitet zu \u201eThe Revolt of Islam\u201c), \u201eDie Reform aus philosophischer Sicht\u201c, \u201eVerteidigung der Poesie\u201c und noch anderem sucht, wird nicht umhin k\u00f6nnen, sich die einb\u00e4ndigen \u201eAusgew\u00e4hlten Werke\u201c bei Insel in einer antiquarischen Ausgabe zu besorgen, worin diese und vieles aus der Vers-Dichtung zweisprachig zu finden sind. Die dortige Einf\u00fchrung zu Person und Werk Shelleys von Horst H\u00f6hne ist wohl noch immer mit die kompakteste, kenntnisreiche Kurzdarstellung zu diesem Sujet (Leipziger Ausgabe, 1985, S. 5-65). F\u00fcr Interessierte am Programm des Verlags Freiheitsbaum, edition Spinoza h\u00e4lt der Verlag auf seiner Homepage eine \u00dcbersicht \u00fcber seine Titel und weitere Freidenker*innen-Informationen bereit. Heiner Jestrabek gibt zudem unregelm\u00e4\u00dfig ein INFO Frei denken heraus, das man sich gratis online zusenden lassen kann. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Elmar Klink<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein bewegtes Dichter- und Rebellenleben der englischen Romantik, das nur knapp drei\u00dfig Jahre w\u00e4hrte, davon vielleicht zehn dichterisch-sch\u00f6pferische und politisch aktive. Von Shelley, dem Feuerkopf, Freund Lord Byrons und Ehemann von Mary Wollstonecraft Godwin (offizielle Eheschlie\u00dfung zum Jahreswechsel 1816\/17), der ein \u00fcberschaubares Oeuvre hinterlie\u00df, lag bisher auf Deutsch im Leipziger Insel-Verlag eine 1985 erschienene, umfangreiche &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/there-is-no-god\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eThere is No God\u201c - graswurzelrevolution","description":"Ein bewegtes Dichter- und Rebellenleben der englischen Romantik, das nur knapp drei\u00dfig Jahre w\u00e4hrte, davon vielleicht zehn dichterisch-sch\u00f6pferische und politis"},"footnotes":""},"categories":[1094,1058,1032],"tags":[],"class_list":["post-22006","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-446-447-februar-maerz-2020","category-libertaere-buchseiten","category-spurensicherung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22006","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22006"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22006\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22006"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22006"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22006"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}