{"id":22038,"date":"2020-03-20T01:14:33","date_gmt":"2020-03-19T23:14:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22038"},"modified":"2022-07-26T14:11:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:47","slug":"warum-feministisch-streiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/warum-feministisch-streiten\/","title":{"rendered":"Warum feministisch streiten?"},"content":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen wir uns gegen\u00fcber diesen Ereignissen verhalten, die sich buchst\u00e4blich auf der anderen Seite der Welt ereignen? Allzu oft ersch\u00f6pft sich die Solidarit\u00e4t in Betroffenheit, dem Gef\u00fchl der eigenen Ohnmacht und passiver Ehrfurcht vor der Courage solcher Feministinnen &#8211; als w\u00e4re ihre Sache zu weit entfernt, als dass man sich in Europa oder in Deutschland produktiv damit auseinandersetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Fall der Performance von <em>Las Tesis<\/em> aber ist es gegl\u00fcckt, dass sie von Feministinnen an vielen Orten aufgenommen und reinszeniert wurde: in New York, Rom, Istanbul, in vielen deutschen St\u00e4dten. Ganz offensichtlich geht es um die gesellschaftliche Situation von Frauen: um sexuelle Bel\u00e4stigung, Vergewaltigung, Femizide und eine Rechtsprechung, die m\u00e4nnliche T\u00e4ter sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Formen der feministischen Kollektivierung suchen<\/strong><\/p>\n<p>Diese Formen von Gewalt gegen Frauen kennzeichnen das Geschlechterverh\u00e4ltnis im globalen kapitalistischen Patriarchat. Sie betreffen alle Menschen, die als Frauen vergesellschaftet werden, aber auch Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuelle sowie M\u00e4nner, die als unm\u00e4nnlich gelten.<\/p>\n<p>Die argentinisch-brasilianische Feministin Rita Segato, auf die sich die Gruppe <em>Las Tesis<\/em> bezieht, spricht von der Herrschaft des wei\u00dfen Mannes, dem alle anderen sich angleichen m\u00fcssen, wenn sie nicht mehr das blo\u00dfe Objekt seiner Ausbeutung sein wollen. In \u00e4hnlicher Form wird diese Analyse von vielen westlichen Feministinnen geteilt. Segato betont besonders das verheerende Erbe des Kolonialismus, das die jetzige frauenfeindliche Diskriminierung in Lateinamerika hervorgebracht habe. Sie pl\u00e4diert nicht daf\u00fcr, zu einem vorkolonialen Zustand zur\u00fcckzufinden, sondern im Hier und Jetzt Formen der femi-<br \/>\nnistischen Kollektivierung zu suchen, die der Gewalt des rassistischen und sexistischen Staates sowie der Ehem\u00e4nner und V\u00e4ter entgegentreten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren<\/strong><\/p>\n<p>Segatos Fokus ist ein guter Punkt, nicht nur \u00fcber die globale Frauenunterdr\u00fcckung nachzudenken, sondern auch dar\u00fcber, worin sich die Situation der Chileninnen von der in Deutschland unterscheidet. Neben der Kolonialgeschichte k\u00f6nnte das eine offener machistische Gesellschaft sein, in der sich patriarchale Unterdr\u00fcckung unverh\u00fcllter zeigt &#8211; w\u00e4hrend sich hierzulande hartn\u00e4ckig die Illusion der l\u00e4ngst erreichten Gleichberechtigung h\u00e4lt. Damit wird zusammenh\u00e4ngen, dass der feministische Protest in Chile, auch aufgrund der Erfahrungen mit der Pinochet-Diktatur, eine st\u00e4rker generationen\u00fcbergreifende Tradition hat und von den K\u00e4mpfen indigener Frauen beeinflusst ist.<\/p>\n<p>Feministisch streiten bedeutet, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der gesellschaftlichen Situation von Frauen herauszufinden \u2013 auch in der Schnittmenge zu Queers und rassistisch Verfolgten. Dar\u00fcber k\u00f6nnen wir eine gemeinsame theoretische Basis erarbeiten, von der aus eine taugliche feministische Praxis diskutiert werden kann. Ein Teil davon ist die kritische Aneignung von Aktionsformen, die andere Feministinnen auf die Beine gestellt haben.<\/p>\n<p>Die Gruppe <em>Las Tesis<\/em> w\u00fcnscht sich, dass ihre Performance \u00fcbersetzt und mit Forderungen gef\u00fcllt wird, die den jeweiligen Akteurinnen vor Ort sinnvoll erscheinen. Zu einer solchen Auseinandersetzung geh\u00f6rt vielleicht auch die Frage: Inwieweit ist es blo\u00dfe Symbolpolitik, die Performance auf einem deutschen Marktplatz aufzuf\u00fchren &#8211; ein gef\u00e4lliges Spektakel, das unsereine kaum etwas kostet? Gibt es m\u00f6glicherweise geeignetere Formen, die feministischen Proteste in Chile zu unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Streitpunkte der feministischen\u00a0Theoriebildung<\/strong><\/p>\n<p>Feministisch streiten bedeutet, die eigene Position zu sch\u00e4rfen und klar zu vertreten, im Vertrauen auf ein gemeinsames Nachdenken, das verschiedene Perspektiven miteinander verbindet: \u00fcber feministische Theoriebildung. Dass mitunter eigene Schl\u00fcsse durch die Erfahrungen anderer Feministinnen in Frage gestellt werden, mag zu Aggressionen und Verletzungen f\u00fchren. Statt hier in undiskutierbaren identit\u00e4tspolitischen Setzungen zu verharren, gilt es zu fragen, wie solche Kr\u00e4nkungen mit dem gesellschaftlichen Frausein zusammenh\u00e4ngen, und nach Wegen zu suchen, dennoch miteinander politisch zu arbeiten. Es gilt, innerfeministische Differenzen nicht glattzub\u00fcgeln oder vor der Komplexit\u00e4t der Verh\u00e4ltnisse zu kapitulieren, sondern einander im produktiven feministischen Streit ernst zu nehmen &#8211; im Interesse einer m\u00f6glichst umfassenden und welthaltigen Kritik des kapitalistischen Patriarchats.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke und \u00dcberzeugungskraft der feministischen Bewegung h\u00e4ngen entscheidend von unserer F\u00e4higkeit ab, miteinander zu streiten. Ich denke, alle Feministinnen teilen das Ziel, uns vom patriarchalen und kapitalistischen Geschlechterverh\u00e4ltnis zu befreien. Wie genau diese Befreiung aber aussehen soll, wie sie erreicht werden kann, welche Formen des Protests und welche theoretischen Annahmen sich als zielf\u00fchrend erweisen: All das sind offene Streitpunkte, die sich nicht automatisch aus einem gemeinsamen Wollen kl\u00e4ren. Rita Segato schreibt: \u201eDie Unvorhersehbarkeit der Geschichte ist die einzige geltende Utopie der Gegenwart.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen wir uns gegen\u00fcber diesen Ereignissen verhalten, die sich buchst\u00e4blich auf der anderen Seite der Welt ereignen? 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