{"id":22047,"date":"2020-03-01T00:01:22","date_gmt":"2020-02-29T22:01:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22047"},"modified":"2020-04-20T01:21:02","modified_gmt":"2020-04-19T23:21:02","slug":"alle-gleich-oder-nicht-oder-doch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/alle-gleich-oder-nicht-oder-doch\/","title":{"rendered":"Alle gleich \u2013 oder nicht oder doch?"},"content":{"rendered":"<p>Menschen sind verschieden \u2013 ein Gl\u00fcck auch, wer wollte st\u00e4ndig in den Spiegel schauen m\u00fcssen. Aber diese Verschiedenheit bringt auch unterschiedliche Bef\u00e4higungen mit sich, im kollektiven Miteinander die eigenen Interessen einzubringen. Es ist ja keineswegs so, dass alle immer das Gleiche wollen. Da kommen unterschiedliche Erfahrungen und weltanschauliche \u00dcberzeugungen zusammen, nicht selten auch das Bed\u00fcrfnis nach Gemeinschaft, oder auch Kalk\u00fcl, oder eine Mischung aus all dem, vielleicht um Erkenntnisse f\u00fcr die eigene akademische Laufbahn zu sammeln oder f\u00fcr einen Job oder Auftrag, aus Lust am Reisen oder aus dem Wunsch, auch mal in der \u00d6ffentlichkeit zu stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dar\u00fcber spricht mensch nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Um die eigenen Motive offen zu legen, ist es zun\u00e4chst erforderlich, sie selbst \u00fcberhaupt zu erkennen, und dann auch das Vertrauen zu haben, sie in der Gruppe sagen zu k\u00f6nnen. Dieses Vertrauen kann sich entwickeln, aber nicht eingefordert werden. Und so handelt auch in kollektiven Zusammenh\u00e4ngen zun\u00e4chst jede*r f\u00fcr sich selbst, manche schneller oder lauter als andere, mit mehr oder weniger Ausdrucksf\u00e4higkeit und \u00dcberzeugungskraft ausgestattet. So stellen sich gerade in nicht-hierarchischen, oft recht unstrukturierten Gruppen schnell informelle Machtstrukturen entlang gesellschaftlich \u00fcblicher Dominanzen her.<\/p>\n<p>Diese Dominanzen machen sich nicht nur an sozialer Herkunft, Bildung oder finanzieller Absicherung fest, sondern oft auch an Geschlecht, geografischer Herkunft oder k\u00f6rperlicher Leistungsf\u00e4higkeit. Intersektionale Verschr\u00e4nkungen solcher eher objektiven Privilegierungen bzw. Diskriminierungen mischen sich mit subjektiven Faktoren wie Durchsetzungsf\u00e4higkeit oder \u2013 auf keinen Fall zu vernachl\u00e4ssigen \u2013 pers\u00f6nlicher N\u00e4he und Beliebtheit in der Gruppe. Auch die Unterschiede zwischen Gr\u00fcnder*innen und neu Hinzugekommenen gleichen sich im Zeitverlauf nicht automatisch aus. Und wer macht, hat oft die Macht, w\u00e4hrend, wer vorsichtiger und fragender unterwegs ist, mitunter auf der Strecke bleibt.<\/p>\n<p>In nahezu jeder Gruppe gibt es (eher wenige) Macher*innen und (eher viele) Mit-macher*innen. Das ist so lange kein Problem, wie sich alle entsprechend ihren Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten einbringen k\u00f6nnen. Viele Gruppen g\u00e4be es nicht, wenn nicht Einzelne vorangegangen w\u00e4ren und einfach losgelegt h\u00e4tten. Oft geht jedoch die Schere zwischen Macher*innen und Mitmacher*innen immer weiter auf, wenn dem nicht entgegengewirkt wird. Kommen dann noch (mitunter nur vermeintliche) Sachzw\u00e4nge und Zeitdruck hinzu, kann auf beiden Seiten Unzufriedenheit entstehen. Die einen f\u00fchlen sich \u00fcberfordert und halten den anderen ihre Passivit\u00e4t vor, w\u00e4hrend die anderen sich abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen und sich grollend zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gesch\u00fctzte R\u00e4ume<\/strong><\/p>\n<p>Unzufriedenheiten mit dem Miteinander anzusprechen erfordert Mut, je mehr, desto st\u00e4rker der Anspruch ausgepr\u00e4gt ist, dass alle gleich sein sollen. Leicht schleicht sich der Glaube \u201ewir wollen keine Hierarchien, darum gibt es sie bei uns nicht\u201c ein, und der kann sich anf\u00fchlen wie ein Verbot, anders Empfundenes \u00fcberhaupt zu \u00e4u\u00dfern. Stattdessen w\u00e4re ein feministischer Ansatz von Selbstorganisation, nicht nur dem WAS \u2013 den gemeinsamen Zielen und Aktivit\u00e4ten \u2013 Raum zu geben, sondern auch dem WIE des Miteinanders. Zum \u00c4u\u00dfern von Unbehagen k\u00f6nnte beizeiten freundlich eingeladen werden \u2013 beispielsweise in regelm\u00e4\u00dfigen Befindlichkeitsrunden. Manchmal ist schon mit dem Aussprechen der Druck raus, manchmal sind Verabredungen zur Abhilfe n\u00f6tig. In jedem Fall geht anschlie\u00dfend die Zusammenarbeit leichter von der Hand, wenn sich alle voll darauf konzentrieren k\u00f6nnen, ohne st\u00e4ndig etwas runterschlucken zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Selbstorganisierte Gruppen k\u00f6nnen sich gesch\u00fctzte R\u00e4ume schaffen, in denen sie gemeinsam Sorge tragen f\u00fcr das Miteinander und f\u00fcr jede*n Einzelne*n darin. Dort kann zumindest im Kleinen die Ahnung von einer Gesellschaft entstehen, in der Verschiedenheiten solidarisch lebbar sind.01<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen sind verschieden \u2013 ein Gl\u00fcck auch, wer wollte st\u00e4ndig in den Spiegel schauen m\u00fcssen. Aber diese Verschiedenheit bringt auch unterschiedliche Bef\u00e4higungen mit sich, im kollektiven Miteinander die eigenen Interessen einzubringen. Es ist ja keineswegs so, dass alle immer das Gleiche wollen. 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