{"id":22059,"date":"2020-03-01T00:01:42","date_gmt":"2020-02-29T22:01:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22059"},"modified":"2022-07-26T14:11:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:47","slug":"anarchismus-und-reproduktive-selbstbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/anarchismus-und-reproduktive-selbstbestimmung\/","title":{"rendered":"Anarchismus und  reproduktive Selbstbestimmung"},"content":{"rendered":"<p>All das sind politische Fragen, das hei\u00dft, ihre Antwort ergibt sich nicht zwangsl\u00e4ufig aus der \u201eNatur der Sache\u201c, wie in patriarchalen Kulturen gerne behauptet wird. Dort war und ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Menschen, die schwanger werden k\u00f6nnen, und jenen, die es nicht k\u00f6nnen, als Herrschaftsverh\u00e4ltnis bestimmt: Schon seit Aristoteles wird der schwangere K\u00f6rper als rein passive Umgebung f\u00fcr den Embryo betrachtet, als Gef\u00e4\u00df und N\u00e4hrboden, in dem SEIN Same, SEIN Kind heranw\u00e4chst. Menschen mit Uterus wurden als \u201eFrauen\u201c definiert und dann anderen Regeln und Beschr\u00e4nkungen unterworfen als die \u201eM\u00e4nner\u201c, die ja in vielen Sprachen auch einfach \u201eMenschen\u201c genannt werden, \u201ehommes\u201c.<\/p>\n<p>Die Rechte des \u201eMannes\u201c \u00fcber die \u201eFrau\u201c werden in der Regel von Staat und Gesetz gesch\u00fctzt und garantiert. Wenn also der Anarchismus eine herrschaftskritische Gesellschaftstheorie sein will, m\u00fcsste die Herrschaft \u00fcber Menschen, die schwanger werden k\u00f6nnen, einen zentralen Punkt bilden. Leider ist das nicht so. Von einigen, freilich wichtigen Ausnahmen wie Emma Goldman abgesehen, haben sich anarchistische Theoretiker entweder mit dem Thema kaum besch\u00e4ftigt oder sogar \u2013 wie etwa Proudhon \u2013 die Unterwerfung von Menschen, die schwanger werden k\u00f6nnen, ausdr\u00fccklich propagiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte heute eine anarchistische Position zur reproduktiven Differenz aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Punkte sind dabei inzwischen unumstritten: Anarchist*innen lehnen in der Regel traditionelle patriarchale Eheformen ab, sind gegen Abtreibungsverbote und f\u00fcr egalit\u00e4re Elternschaft. Das ist aber nicht genug. Was fehlt, das ist ein klares Bekenntnis dazu, dass auch Menschen, die schwanger werden k\u00f6nnen oder es gegebenenfalls sind, das unver\u00e4u\u00dferliche Recht auf k\u00f6rperliche Selbstbestimmung haben.<\/p>\n<p>Das Thema hat eine hohe Relevanz f\u00fcr viele aktuelle Fragestellungen, und es w\u00e4re eine gute Gelegenheit, die anarchistische Idee der Herrschaftslosigkeit auf tagesaktuelle Fragestellungen anzuwenden. Zum Beispiel was das Recht betrifft, Sex zu haben, wie und wann und mit wem man m\u00f6chte, ohne dadurch in Zwangsverh\u00e4ltnisse zu geraten. Diese Feststellung ist keineswegs so banal, wie sie klingt. Ja, heute gibt es in Deutschland offiziell keine Zwangsheirat mehr. Aber es gibt sehr wohl einen fatalen Trend zur Wiedereinf\u00fchrung von \u201eV\u00e4terrechten\u201c. Nur dass die sich heute nicht mehr auf die Ehe st\u00fctzen, sondern auf die Genetik.<\/p>\n<p>So werden Menschen, die Kinder geb\u00e4ren m\u00f6chten, seit 2013 quasi automatisch mit der Person \u201ezwangsverheiratet\u201c, mit deren Sperma die Schwangerschaft entstanden ist. Denn seither gilt das automatische Sorgerecht f\u00fcr unverheiratete V\u00e4ter auch gegen den Willen der Mutter. Zwei Erwachsene k\u00f6nnen aber nicht gemeinsam Eltern eines Kindes sein, ohne auch untereinander in einer Beziehung zu stehen. Das hei\u00dft: Eine Frau, die durch Sex mit einem Mann schwanger wird, ist, wenn sie Mutter sein will, faktisch gezwungen, diesen Mann die n\u00e4chsten Jahrzehnte als Co-Elternteil in ihrem Leben zu akzeptieren \u2013 oder sie muss abtreiben.<\/p>\n<p>Zur reproduktiven Selbstbestimmung geh\u00f6rt das Recht, Co-Elternschaft nur auf freiwilliger Basis zu initiieren \u2013 das w\u00e4re eine anarchistische Forderung, mit der man heute viele grunds\u00e4tzliche Debatten \u00fcber Freiheit und was sie bedeutet, ansto\u00dfen k\u00f6nnte. Ein anderes relevantes Politikfeld in dem Zusammenhang sind die rasant sich entwickelnden Reproduktionstechnologien. Die In-Vitro-Fertilisa-tion hat es m\u00f6glich gemacht, Embryonen ohne heterosexuellen Geschlechtsverkehr zu zeugen. Das er\u00f6ffnet einerseits viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr neue, queere Familienformen. Andererseits hat es auch ein riesiges kommerzielles Ausbeutungspotenzial geschaffen, wenn etwa arme Frauen den Lebensunterhalt f\u00fcr sich und ihre Familien durch Eizellenverkauf oder Leihmutterschaft sichern.<\/p>\n<p>Eine anarchistische, herrschaftskritische Position k\u00f6nnte hier differenzierter argumentieren als mit einem schlichten \u201ePro\u201c und \u201eContra\u201c. Wenn Herrschaftsfreiheit auch f\u00fcr Schwangere der zentrale Faktor ist, ist das Kriterium zur Beurteilung solcher Entwicklungen klar: Sie sind nur akzeptabel, wenn schwangere und potenziell schwangere Menschen dabei nicht Gefahr laufen, zum Objekt der W\u00fcnsche anderer zu werden. Wenn diese Bedingungen aber garantiert werden \u2013 dann sind Reproduktionstechnologien eben auch akzeptabel und k\u00f6nnten dabei helfen, freiere und vielf\u00e4ltigere Familienformen zu etablieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Antje Schrupp hat zuletzt das Buch\u00a0<em>Schwangerwerdenk<\/em><em>\u00f6<\/em><em>nnen. Essay <\/em><em>\u00fc<\/em><em>ber K<\/em><em>\u00f6<\/em><em>rper, Geschlecht und Politik<\/em> im Ulrike Helmer Verlag ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>All das sind politische Fragen, das hei\u00dft, ihre Antwort ergibt sich nicht zwangsl\u00e4ufig aus der \u201eNatur der Sache\u201c, wie in patriarchalen Kulturen gerne behauptet wird. 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