{"id":22142,"date":"2020-04-04T12:29:21","date_gmt":"2020-04-04T10:29:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22142"},"modified":"2022-07-26T13:30:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:50","slug":"rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken\/","title":{"rendered":"Rojava\/YPG: Der milit\u00e4rischen Niederlage ins Auge blicken!"},"content":{"rendered":"<p>Der milit\u00e4rische \u00dcberfall des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs auf Rojava begann am 9. Oktober und hatte bereits nach einer Woche, am 17. Oktober, 299 kurdischen K\u00e4mpfer*innen und einen t\u00fcrkischen Soldaten das Leben gekostet. Zum Waffenstillstand kam es am 17. Oktober, er wurde jedoch bis in den November hinein gebrochen, was weitere Schwerverletzte und Tote forderte. Rund 300.000 Menschen sind geflohen. Das t\u00fcrkische Milit\u00e4r hat auf ca. 300 km L\u00e4nge und in einer Tiefe von bis zu 50 km hinter der Grenze Ziele bombardiert und sich dabei von islamistischen K\u00e4mpfern der \u201eFreien Syrischen Armee\u201c, die besonders grausame Enthauptungen begangen haben, in wichtigen Frontabschnitten helfen lassen.<\/p>\n<p>Am 14. Oktober erhielten die 1000 noch in Nordsyrien am Boden stationierten US-Truppen von Trump den Befehl, das Land zu verlassen; gleichzeitig r\u00fcckte syrisches und russisches Milit\u00e4r in bisher von der YPG\/SDF (Demokratische Kr\u00e4fte Syriens, von der kurdischen Miliz YPG dominiert) gehaltene St\u00e4dte ein. Gemeinsame russisch-t\u00fcrkische Patrouillen entlang der vorl\u00e4ufigen Waffenstillstandslinie begannen am 1. November 2019. Hinter diesen milit\u00e4rischen Abl\u00e4ufen verbirgt sich eine humanit\u00e4re Katastrophe, die sich danach mit dem Krieg der T\u00fcrkei gegen die Truppen Russlands und Assads um Idlib fortsetzte.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Monate nach dieser Z\u00e4sur in Nordsyrien ist es an der Zeit, das milit\u00e4rische Verteidigungskonzept, das hier seit 2013-14 zur Anwendung gekommen ist und\u00a0 weltweite Solidarit\u00e4t erfahren hat, kritisch zu \u00fcberdenken \u2013 gar nicht einmal so sehr im Hinblick auf Rojava selbst, sondern im Hinblick auf zuk\u00fcnftige Konstellationen \u00e4hnlicher Art.<\/p>\n<p>In kleinen Gebieten Rojavas harren Nicht-Gefl\u00fcchtete noch jenseits der Kontrolle der Assad-Armee aus und versuchen, diese nicht besetzten Gebiete bewaffnet zu verteidigen. Die YPG-Delegierten baten Assad am 13. Oktober 2019 darum, nach Nordsyrien zur\u00fcckzukehren, um mit ihnen die t\u00fcrkischen Truppen zu bek\u00e4mpfen. \u00c4hnlich hatten sie 2018 beim t\u00fcrkischen \u00dcberfall auf Afrin Assad zur Verteidigung des syrischen Territoriums aufgerufen und sich der syrischen Nation dadurch unterstellt. Sie taten das nun sogar, nachdem kurz zuvor das Assad-Regime in einer Presseerkl\u00e4rung verlautbart hatte, die YPG h\u00e4tten ihr Land verraten, Verbrechen gegen Syrien begangen und seien Geiseln ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte (USA) in Syrien. Es ist kaum zu erwarten, dass Assad bei vollst\u00e4ndigem Sieg in Idlib freie kurdische Gebiete zul\u00e4sst. (1)<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rischen Selbstverteidigungskr\u00e4fte YPG\/SDF haben diese Katastrophe nicht verhindern k\u00f6nnen. Die milit\u00e4rische Selbstverteidigung ist gescheitert. Doch innerhalb der Linken und der Solidarit\u00e4tsbewegung Europas will sich dieser Tatsache kaum jemand stellen. Noch immer dominieren die alten Parolen des \u201eWeiter so\u201c: \u201eRojava verteidigen! Solidarit\u00e4t mit Rojava!\u201c \u2013 ganz so, als w\u00e4re inzwischen nichts geschehen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>YPG-Niederlage I: Falsches\u00a0Vertrauen in die US-Armee.\u00a0Die Rede vom \u201eVerrat Trumps\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg in Syrien sollte im Gesamtzusammenhang mit den seit Jahrzehnten andauernden Kriegen um Einfluss- und Interessenssph\u00e4ren von Welt- und Regionalm\u00e4chten im gesamten Mittleren Osten analysiert werden.<\/p>\n<p>George Bush hatte mit seiner US-Invasion Kuwaits gegen die Hussein-Truppen 1991 diese 3 Dekaden direkter westlicher Milit\u00e4rinterventionen begonnen; Bill Clinton hatte Ende der Neunzigerjahre mehrfach den Irak bombardiert und ein \u201egenozidales\u201c (Ramsey Clark) Sanktionsregime installiert. Und George W. Bush f\u00fchrte die Kriege gegen Afghanistan 2001 und gegen den Irak 2003, die f\u00fcrchterliche B\u00fcrgerkriege zur Folge hatten und sich 2013 nach Syrien ausweiteten. Anstatt \u201eMission accomplished\u201c also B\u00fcrgerkrieg inklusive vielf\u00e4ltiger Interessen ausl\u00e4ndischer Kriegs- und Interventionsm\u00e4chte! Wer bezweifelt hat, dass die Demonstrationen und der Widerstand gegen diese Kriege 1991 und zu Beginn des 21. Jahrhunderts berechtigt waren (antideutsche Kriegstreiber*innen etwa, aber nicht nur sie), wird grausamer als selbst in unserer damaligen Vorstellungskraft eines Besseren belehrt.<\/p>\n<p>Emanzipative Ausgangsmotive der Kurd*innen in Rojava waren der Schutz der Jesid*innen gegen die Verfolgung durch den IS \u2013 das soll hier nicht vergessen werden \u2013 sowie der Versuch, eine demokratisch-f\u00f6derative Autonomie durchzusetzen.<\/p>\n<p>Bleiben wir aber bei den Interessen der US-Kriegsf\u00fchrung. Es ging den USA ab 1991 um die weltmachtpolitische Kontrolle der \u00d6lfl\u00fcsse in der Region \u2013 vor allem \u00fcber Preise (billiges \u00d6l) und Ausbeutungsrechte westlicher \u00d6lkonzerne (nicht zu verwechseln mit direkten US-\u00d6limporten aus dem Irak, die gering blieben). Zynisch bewies Donald Trump in Kontinuit\u00e4t \u2013 und eben nicht im Bruch \u2013 mit den bisherigen US-Administrationen dieses machtpolitische Interesse durch seinen \u201eR\u00fcckzug vom R\u00fcckzug\u201c: US-Truppen kamen wieder, aber nur zum Schutz nordsyrischer \u00d6lanlagen \u2013 und nicht etwa kurdischer Menschen.<\/p>\n<p>Trumps Interessen in der Region sind \u2013 wie alle US-Interessen davor \u2013 rein nationalistisch bestimmt. Solange der IS (davor Bin Laden und Al-Quaida) die Kontrolle \u00fcber \u00d6lfl\u00fcsse st\u00f6rte, musste er bek\u00e4mpft werden \u2013 und genau so lange waren<br \/>die YPG\/SDF-Milit\u00e4reinheiten willkommene Verb\u00fcndete und \u2013 der Begriff ist schmerzlich, aber leider zutreffend \u2013 \u201en\u00fctzliche Idiot*innen\u201c. Sobald der IS milit\u00e4risch besiegt war, wurden die YPG ohne jedes Bedauern fallen gelassen. Diese Analyse ist evident \u2013 ich frage mich, wie sowohl die Solidarit\u00e4tsbewegung als auch die YPG selbst diese rein national strukturierte Interessens-Kriegsf\u00fchrungspolitik der USA vergessen und annehmen konnten, am Schutz des B\u00fcndnispartners gegen den IS sei Trump irgendwas gelegen. Dass dies aber genauso war, beweist die Rede vom \u201eVerrat Trumps\u201c (2).<\/p>\n<p>Diese Rede ist offensichtlich falsch: \u201eVerraten\u201c kann nur etwas werden, woran vorher legitimer Weise geglaubt werden konnte, wo vorher ein Minimum an Gemeinsamkeiten bestand. \u201eWer hat uns verraten, Sozialdemokraten\u201c, dem Spruch lag angesichts der urspr\u00fcnglichen, kurzen Anfangsphase der SPD im 19. Jahrhundert wenigstens ein Minimum an Realismus zugrunde. Der Begriff des \u201eVerrats\u201c setzt vorangehendes \u201eVertrauen\u201c voraus. Ich frage mich, bei welchem Punkt konnte man Trump jemals vertrauen? Es gibt nur einen Trump: Der neofaschistische Rassist, der die US-Grenzen nach Mexiko und nach ganz S\u00fcdamerika mit einer Mauer schlie\u00dft und der, der behauptet, er w\u00fcrde den Kurd*innen helfen, ist ein- und derselbe Trump. Er hat den INF-Vertrag und den Iran-Atomwaffenvertrag gebrochen. Seiner Wahlfang-Parole, US-Soldat*innen heimholen zu wollen, widerspricht die Tatsache, dass Trump seit Mai 2019 14.000 Soldaten und Soldatinnen zus\u00e4tzlich in den Gro\u00dfraum Mittleren Osten gesandt hat und dort einen Drohnenkrieg f\u00fchrt.\u00a0(3)<\/p>\n<p>Jedes an Trump gerichtete Vertrauen war und ist politisch unmoralisch, einer emanzipativen Perspektive unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Doch solch ein B\u00fcndnis sind die YPG mangels anderer milit\u00e4rischer B\u00fcndnispartner eingegangen \u2013 und zwar aus milit\u00e4rischen \u201eNotwendigkeiten\u201c. Der B\u00fcndnispartner Trump war selbstverst\u00e4ndlich \u201eungeliebt\u201c, aber eben alternativlos usw. \u2013 so lautet das st\u00e4ndig wiederholte Credo.<\/p>\n<p>Gewaltfreie Anarchist*innen und Antimilitarist*innen kennen dieses Credo, etwa aus dem spanischen B\u00fcrgerkrieg bis hin zur Militarisierung der Milizen. Und sie erkennen in dieser Sprache die Realpolitik einer \u201eDynamik der Militarisierung\u201c, die in Gang gesetzt wurde, nachdem man sich einmal (2013\/2014) in Rojava auf milit\u00e4rische Verteidigung eingelassen hat. Man schlittert in der Folge von einer realpolitischen \u201eNotwendigkeit\u201c, von einem B\u00fcndnis mit Verbrecherregimes zum n\u00e4chsten \u2013 bis am Ende dieser Abfolge von Notwendigkeiten doch die katastrophale milit\u00e4rische Niederlage steht.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>YPG-Niederlage II: Der Mythos von den ausreichend starken milit\u00e4rischen Eigenkr\u00e4ften bei der Verteidigung gegen den IS<\/strong><\/p>\n<p>Dem gegen\u00fcber steht innerhalb der Linken und der Solidarit\u00e4tsbewegung Europas ein parallel verlaufender Diskurs, der dem eben benannten inhaltlich v\u00f6llig entgegengesetzt ist. Die insgesamt 10.000 bis 11.000 toten kurdischen K\u00e4mpfer*innen der YPG\/SDF, so geht diese Argumentationslinie, seien der Tatsache geschuldet, Rojava gegen den IS erfolgreich verteidigt zu haben \u2013 und es entsteht dabei der Eindruck, das sei haupts\u00e4chlich aufgrund der eigenen milit\u00e4rischen St\u00e4rke geschehen. Auch von Seiten der YPG\/SDF verlautete ja nach dem R\u00fcckzug der US-Armee, man vertraue nun wieder ausschlie\u00dflich den eigenen milit\u00e4rischen Kr\u00e4ften. Hier will ich auf einen klaren Widerspruch hinweisen.<\/p>\n<p>Wenn es denn tats\u00e4chlich so gewesen w\u00e4re, dass sich die YPG\/SDF ganz allein erfolgreich gegen den IS milit\u00e4risch verteidigt h\u00e4tte, warum dann \u00fcberhaupt die US-Armee als B\u00fcndnispartner? Wenn man allein milit\u00e4risch siegt, ben\u00f6tigt man keine US-Armee und kann auf Trump getrost verzichten. Linke Argumentationen zur Rechtfertigung der bewaffneten Verteidigung sollten sich mal selbst ernst nehmen.<\/p>\n<p>Dieser Widerspruch basiert auf einem bestimmten Eindruck, den Bef\u00fcrworter*innen der milit\u00e4rischen Verteidigung herstellen wollen: den ausreichend starken milit\u00e4rischen Eigenkr\u00e4ften. Meiner Meinung nach h\u00e4tten die YPG\/SDF den milit\u00e4rischen Verteidigungskampf gegen den IS am Boden nicht gewonnen \u2013 gewonnen haben sie ihn durch die Luftunterst\u00fctzung der US-Luftwaffe, wie bereits 2014 bei der Verteidigung Kobanes offensichtlich wurde.<\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde ja auch behaupten, die YPG h\u00e4tte bei ihren sp\u00e4teren Offensiven, etwa bei der R\u00fcckeroberung von Raqqa im September 2017, allein gesiegt. Dass es bei dieser Offensive durch die Luftschl\u00e4ge des B\u00fcndnispartners US-Armee zu sinnlos vielen Opfern, ja Kriegsverbrechen gekommen ist, etwa durch den Einsatz von wei\u00dfem Phosphor, geh\u00f6rt auch zur Gesamtbilanz der US-kurdischen Milit\u00e4rallianz. (4)<\/p>\n<p>Nicolas Joxe, arte-Reporter, dokumentierte etwa 2016 Aussagen kurdischer Milizion\u00e4r*innen zum Wert der bisherigen US-Milit\u00e4rhilfe, nicht nur der Waffenhilfe, sondern besonders der Luftunterst\u00fctzung, dass diese \u201ef\u00fcr die Kurden unentbehrlich\u201c sei. (5) Daraus muss der Schluss gezogen werden, dass die YPG\/SDF Rojava gegen den IS nicht verteidigen konnten, sondern nur mit Hilfe der US-Armee. Der IS h\u00e4tte die YPG allein wahrscheinlich \u00e4hnlich milit\u00e4risch \u00fcberrannt, wie er gewaltfreie K\u00e4mpfer*innen \u00fcberrannt h\u00e4tte, wenn sie sich ihm in den Weg gestellt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der linke Solidarit\u00e4tsdiskurs von Trump als angeblichem \u201eVerr\u00e4ter\u201c und der gleichzeitig vermittelte Eindruck von der milit\u00e4rischen Eigenst\u00e4rke der YPG\/SDF, die sich \u2013 allein und erfolgreich \u2013 gegen den IS verteidigt h\u00e4tte, ist grundlegend falsch und widerspr\u00fcchlich. Dieser Widerspruch zeigt, dass es diesen Linken um die ideologische Verteidigung des bewaffneten Widerstands geht \u2013 auch noch \u00fcber die offensichtliche milit\u00e4rische Niederlage und die f\u00fcr alle sichtbare Katastrophe hinweg.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>YPG-Niederlage III: Innere Selbst-Militarisierung. Der Griff zur Zwangsrekrutierung noch vor Einmarsch der t\u00fcrkischen Armee<\/strong><\/p>\n<p>Neben der st\u00e4ndigen Rede von der \u201eNotwendigkeit\u201c der und dem \u201eGezwungensein\u201c zur Zusammenarbeit mit falschen oder ungeliebten milit\u00e4rischen B\u00fcndnispartnern, ob national (Assad) oder international (US-Armee), tritt die militarisierende Dynamik auch innerhalb der YPG\/SDF im Laufe der milit\u00e4rischen Entwicklung zu Tage \u2013 und zwar in zun\u00e4chst \u00f6rtlich und dann generell auftretenden Zwangsrekrutierungen.<\/p>\n<p>In Rojava wurde 2014 ein \u201eGesetz \u00fcber die Wehrpflicht\u201c f\u00fcr Rekrut*innen im Alter von 18 bis 30 (!) verabschiedet. Seit 2015 sind Zwangsrekrutierungen bekannt, vor allem in armenischen und assyrischen Bev\u00f6lkerungsgruppen. (6) Offiziell ist Kriegsdienstverweigerung verboten, wenn auch in einzelnen F\u00e4llen Kriegsunwillige intern in die hinteren Etappen versetzt werden. Aber es gibt kein offizielles Gesetz und keine formale Zulassung von Kriegsdienstverweigerung. (7) Warum? Wenn das doch eine emanzipative Armee sein soll?<\/p>\n<p>In der genannten arte-Reportage von Nicolas Joxe aus dem Jahr 2016 wird berichtet, dass sich Hunderte Kriegsdienstpflichtige in Rojava versteckten; dass Rekruten im Milit\u00e4r umgerechnet maximal 50 Dollar Lohn erhalten, die nicht mal f\u00fcr Zigaretten reichten; dass die Versteckten von der kurdischen Polizei (Asayish) bei Kontrollen und Stra\u00dfensperren so intensiv gesucht w\u00fcrden, dass sie nur auf heimlichen Wegen zur Arbeit gehen k\u00f6nnten; dass die Zahl der Deserteur*innen ansteige; dass es vermehrt zur Rekrutierung Minderj\u00e4hriger gekommen sei. (8)<\/p>\n<p>Ich bin gewaltfreier Anarchist und kritisiere hier die Dynamik der Militarisierung der YPG\/SDF grunds\u00e4tzlich, beginnend mit der Entscheidung f\u00fcr bewaffnete Verteidigung 2013\/14. Aber ich kann nat\u00fcrlich Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr aufbringen, dass sich die Menschen in Rojava angesichts eines Gegners wie dem IS gewaltsam, bewaffnet und\/oder mit milit\u00e4rischen Strukturen verteidigt haben. Gandhi hat einmal, 1939, angesichts des Nazi-\u00dcberfalls auf Polen, bei der \u2013 \u00e4u\u00dferst kurzen und haupts\u00e4chlich symbolisch bedeutsamen \u2013 bewaffneten Verteidigung der polnischen Armee gegen die \u00fcberm\u00e4chtigen Horden der NS-Invasionsarmee hierf\u00fcr den Begriff \u201efast gewaltfrei\u201c mit Betonung auf \u201efast\u201c benutzt. (9) Bedingung daf\u00fcr war jedoch das offensichtliche Nicht-Vorhandensein gewaltfreier Widerstandsoptionen. Ob das im vorliegenden Fall in Rojava wirklich der Fall war, will ich in den Folgeartikeln zu dieser Analyse genauer diskutieren.<\/p>\n<p>Aber selbst diejenigen, die sich in dieser Frage keinerlei Gewissensbisse machen, die die milit\u00e4rische Verteidigung wie selbstverst\u00e4ndlich bef\u00fcrworten, m\u00fcssen sich doch eines fragen: Wenn die Identifikation der Bev\u00f6lkerung mit den YPG\/SDF wirklich so hoch war, wie st\u00e4ndig behauptet wird, warum griffen die YPG\/SDF dann l\u00e4ngst vor der t\u00fcrkischen Invasion des Oktober 2019 zum Kriegsdienstzwang und zu Formen der Zwangsrekrutierung? Wenn die Propaganda der YPG\/SDF stimmen w\u00fcrde, dann d\u00fcrften sie das nicht n\u00f6tig haben! Oder ist es die traditionelle nationalistisch-militaristische Gewohnheit, die sowohl YPG-K\u00e4mpfer*innen als auch linke Solidarisierer*innen daran hindert, Zwangsrekrutierungen als Problem wahrzunehmen? Man muss nicht \u00fcberzeugte\/r Gewaltfreie\/r sein, um den qualitativen Unterschied von gewaltsamer Gegenwehr und Zwangsrekrutierung zu bemerken \u2013 und zu kritisieren.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Alternativen I: Ein Blick nach Algerien und Sudan: Erfolgreiche gewaltfreie Massenbewegung ohne interessengeleitete internationale Interventionsm\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p>Als grunds\u00e4tzlicher Kritiker der milit\u00e4rischen Verteidigung revolution\u00e4rer Errungenschaften behaupte ich nicht, dass gewaltfreie Strategien ein Allheilmittel w\u00e4ren und jederzeit erfolgreich. Aber die Bef\u00fcrworter*innen der milit\u00e4rischen Verteidigung k\u00f6nnen heute ebenso wenig auf Erfolge ihrer Strategie verweisen und sollten ihren Blick angesichts des gegenw\u00e4rtigen Desasters der milit\u00e4rischen Verteidigung in Rojava einmal auf j\u00fcngste, erstaunliche und gewaltfreie Siege gegen vergleichbar autorit\u00e4re Regime richten, zum Beispiel im Sudan: Dort wurde durch eine gewaltfreie Massenbewegung im Jahr 2019 das brutale islamistische Regime Omar al-Baschir gest\u00fcrzt, das 30 Jahre an der Macht war und etwa den Genozid in Darfur zu verantworten hat. Solidarit\u00e4t der Metropolenlinken: Fehlanzeige \u2013 mit Ausnahme einiger Antimilitarist*innen aus der War Resisters\u2019 International. Solche Bewegungen werden nicht einmal strategisch, unter Aufstandsgesichtspunkten wahrgenommen.<\/p>\n<p>Im April 2019 schoss im Sudan das Milit\u00e4r bei einer vierw\u00f6chigen Massenblockade der zentralen Armeekaserne in Khartum in die Menge und t\u00f6tete ca. 130 Blockade-Aktivist*innen. Die Bewegung blieb trotzdem gewaltfrei und erreichte inzwischen ein Abkommen mit dem Milit\u00e4r, das zumindest die Diktatur beendet. Die sudanesische Bewegung ist trotz dieses Massakers weit entfernt von jenen ca. 10-11.000 Toten, die die YPG-Bef\u00fcrworter*innen jetzt anf\u00fchren, um zu zeigen, welche Opfer die YPG im Krieg gegen den IS gebracht hat (siehe oben). Denn gewaltfreie Massenbewegungen verlieren aufgrund der fehlenden milit\u00e4rischen Dynamik in der Regel auch bei blutiger Repression weit weniger an Menschenleben. Im Sudan wird derzeit gezeigt, wie genozidale islamistische Massenm\u00f6rder unbewaffnet gest\u00fcrzt werden k\u00f6nnen. Und dabei war diese gewaltfreie Massenbewegung nicht einmal die einzige in der sudanesischen Geschichte \u2013 es gibt dort eine seit langem bestehende Kultur gewaltfreier Bewegungen, sogar mit anarchistischen und feministischen Einfl\u00fcssen. (10)<\/p>\n<p>Des Weiteren k\u00f6nnte die milit\u00e4risch orientierte Linke ihren Blick auf Algerien lenken, wo seit einem Jahr eine gewaltfreie Massenbewegung die autorit\u00e4re und militaristische Diktatur des Bouteflika\u2013Clans gest\u00fcrzt hat. (11)<\/p>\n<p>Das Wichtigste in beiden F\u00e4llen: Der Sudan hat Unmengen an \u00d6lvorr\u00e4ten \u2013 und die gewaltfreie Massenbewegung hat trotzdem nie zu internationalen Milit\u00e4rinterventionen gef\u00fchrt, als das Regime existenziell bedroht war. Algerien hat Unmengen an \u00d6lvorr\u00e4ten, und die gewaltfreie Massenbewegung, der sogenannte \u201eHirak\u201c, hat ebenfalls nicht zu internationalen Milit\u00e4rinterventionen gef\u00fchrt! Zufall?<\/p>\n<p>Dagegen: In Libyen gab es am Ausgangspunkt, 2011, sofort die Entscheidung f\u00fcr bewaffneten Aufstand und bewaffnete Verteidigung. Auch Libyen ist ein \u00f6lreiches Land. Sofort griff die ausl\u00e4ndische Milit\u00e4rmacht Frankreich aus Machtinteresse an \u00d6lfl\u00fcssen ein \u2013 und heute, nach neun Jahren grausamen B\u00fcrgerkriegs, greift auch noch das t\u00fcrkische Milit\u00e4r als M\u00f6chtegern-Regionalgro\u00dfmacht ein! Weitere Beispiele w\u00e4ren m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es einen relativen Unterschied zwischen einer M\u00f6rderbande wie dem IS, die befreite Gebiete \u00fcberrennen will, und diktatorischen Regimes, die von innen heraus bek\u00e4mpft werden. In den Folgeartikeln will ich deshalb auch m\u00f6gliche direkte Alternativen f\u00fcr die Situation Rojavas angesichts des IS-Ansturms diskutieren.<\/p>\n<p>Die Rede vom milit\u00e4rischen B\u00fcndnispartner aus \u201eNotwendigkeit\u201c, aus \u201eGezwungensein\u201c kann nur in Situationen als Entschuldigung herhalten, in denen die Dynamik der Militarisierung weit fortgeschritten ist, sich zum B\u00fcrgerkrieg entwickelt und Zwangslagen herbeigef\u00fchrt hat, die letztlich nur auf die urspr\u00fcngliche Entscheidung f\u00fcr bewaffnete Verteidigung der Bewegung\/Revolution zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Bei diesem urspr\u00fcnglichen Griff zur Bewaffnung ist in Rojava zus\u00e4tzlich die Geschichte der PKK mitzudenken, deren 30-j\u00e4hriger innerer Krieg gegen das t\u00fcrkische Milit\u00e4r keine systematische Entwicklung von Alternativen zugelassen hat. Ist diese Entscheidung einmal getroffen, kommt es zu \u201eNotwendigkeiten\u201c, die einer inneren Logik folgen und \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur \u00e4u\u00dferst schwer durchbrochen werden k\u00f6nnen. Darum ist die Auseinandersetzung um die Ausgangsentscheidung \u00fcber die Kampfmittel der Verteidigung so wichtig.<\/p>\n<p>Algerien und Sudan beweisen, es geht \u2013 sogar gegen schlimmste Regimes \u2013 auch anders. Und auch Kurd*innen weltweit wollten am Ausgangspunkt von Rojava 2013\/14 etwas anderes. Es gab durchaus auch kurdische Kritik an der milit\u00e4rischen Verteidigung. Deshalb druckte die GWR in Ausgabe Nr. 394 aus dem Jahr 2014 am Ausgangspunkt dieser Entscheidung<br \/>f\u00fcr milit\u00e4rische Selbstverteidigung gewaltfrei-anarchistische Stimmen von Londoner Exil-Kurd*innen des \u201eKurdistan Anarchist Forum\u201c (KAF) in mehreren Artikeln ab. Darin hie\u00df es z.B. von Zaher Baher nach einem Besuch in Rojava:<\/p>\n<p>\u201eWir glauben weder an den bewaffneten Kampf noch an Wahlen!\u201c (12)<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken-2\/\">Hier<\/a> geht es zu Teil 2.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der milit\u00e4rische \u00dcberfall des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs auf Rojava begann am 9. Oktober und hatte bereits nach einer Woche, am 17. Oktober, 299 kurdischen K\u00e4mpfer*innen und einen t\u00fcrkischen Soldaten das Leben gekostet. Zum Waffenstillstand kam es am 17. Oktober, er wurde jedoch bis in den November hinein gebrochen, was weitere Schwerverletzte und Tote forderte. 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