{"id":22147,"date":"2020-04-04T12:51:49","date_gmt":"2020-04-04T10:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22147"},"modified":"2020-04-06T02:37:59","modified_gmt":"2020-04-06T00:37:59","slug":"das-leben-der-frauen-ist-eine-staendige-wirtschaftskrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/das-leben-der-frauen-ist-eine-staendige-wirtschaftskrise\/","title":{"rendered":"Das Leben der Frauen ist eine st\u00e4ndige Wirtschaftskrise"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-22187\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"1000%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein-600x375.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC3686klein-768x480.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a> Foto: Herbert Sauerwein<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Stadt Pozna\u0144 Unmengen an Geld in den Bau eines Fu\u00dfballstadions f\u00fcr die Weltmeisterschaft in Polen 2012 investierte, fror die Stadtregierung die L\u00f6hne der Frauen, die in kommunalen Kinderkrippen arbeiten, ein. Die Frauen entschieden sich zu k\u00e4mpfen, um nicht mehr die Rechnung f\u00fcr den Stadionbau und die anderen Schulden der Stadt zu tragen. Sie fordern existenzsichernde L\u00f6hne, k\u00fcrzere Arbeitszeit und kleinere Kindergruppen, und dass die harte Arbeit mit den Kindern endlich wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>\u201e40 Kinder in einer Gruppe, das ist wie in einem Warenlager\u201c, sagt eine der Erzieherinnen im Dokumentarfilm <em>Der Frauenstreik geht weiter<\/em> von Magda Malinowska. (1) Es ist immer laut, jemand schreit oder weint, du musst st\u00e4ndig konzentriert sein, die ganze Gruppe im Blick behalten, und in Notsituationen \u2013 bei Verletzungen und Krankheit der Kinder \u2013 sofort richtig reagieren.<\/p>\n<p>Die meisten Erzieherinnen in den Kinderkrippen und Kinderg\u00e4rten sind auf einen Zweitjob angewiesen, nur um ein normales Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen, weil der Lohn aus einem Vollzeitjob daf\u00fcr nicht ausreicht.<\/p>\n<p>Eine Kollegin hat in der Kinderkrippe angefangen als ihre Tochter nach einer Hirntumor-Operation im Koma lag. Sie musste die Tochter zur Rehabilitation bringen. Und es gab immer noch zwei Jobs zu erledigen. Sie brach zusammen. \u201eMich lie\u00df weitermachen\u201c, erz\u00e4hlt sie, \u201edass ich alleinstehend bin und meine Kinder versorgen muss. Ich musste zur Arbeit gehen, um Geld in die Hand zu bekommen, um davon Lebensmittel zu kaufen und die Rechnungen zu bezahlen.\u201c (2)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Frauen tragen die Kosten der Sparma\u00dfnahmen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In den Umstrukturierungen nach der Wende 1989 und im Zuge der Wirtschaftskrisen sind es oft gerade Frauen, die mit mehr Arbeit f\u00fcr weniger Lohn bezahlen sollen. Die Sparma\u00dfnahmen und Privatisierungen richten sich haupts\u00e4chlich gegen \u00f6ffentliche Einrichtungen und den Pflegesektor, wo Frauen arbeiten und worauf Frauen angewiesen sind. Die kommunale Kinderversorgung und Altenversorgung wird auch in Polen immer mehr in die private, unbezahlte Sph\u00e4re geschoben. Schulen, Kinderver-sorgung und Pflegeeinrichtungen bekommen weniger von dem Budget zugeteilt oder werden geschlossen. In den frauendominierten sozialen Berufen, wie Erziehung und Pflege, werden die L\u00f6hne eingefroren oder gek\u00fcrzt und die Arbeitszeit verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Die Geb\u00fchren f\u00fcr soziale Einrichtungen werden immer teurer, ebenso die Mieten in kommunalen und \u00f6ffentlichen Wohnungen. Es kostet immer mehr, eine Familie zu versorgen. Krankenh\u00e4user und andere \u00f6ffentliche Einrichtungen werden privatisiert, so dass die Einrichtungen nicht mehr von \u00f6ffentlichen Geldern nach Bedarf finanziert werden, sondern nach dem Gewinnprinzip betrieben werden. Kosten \u2013 f\u00fcr L\u00f6hne, Einrichtung usw. \u2013 sollen m\u00f6glichst niedrig gehalten werden, um einen m\u00f6glichst hohen Gewinn zu erzielen.<\/p>\n<p>Neben zwei Jobs k\u00fcmmern sich Frauen um den Haushalt, die Kinder und Enkelkinder, ihre Eltern und vielleicht auch die Eltern des Ehemannes. Das Leben der Frauen ist eine st\u00e4ndige Krise.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-22188\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein.jpg\" alt=\"\" width=100% height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein-600x375.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5828klein-768x480.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a> Frauenstreik-Demo in K\u00f6ln, 08.03.2020 &#8211; Foto: Herbert Sauerwein<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr ein besseres Leben k\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n<p>Den Kolleginnen in den Kinderkrippen wurde klar, dass sie selbst mit aller Kraft f\u00fcr ein besseres Leben k\u00e4mpfen mussten. 2011 gr\u00fcndeten sie eine Gewerkschaftssektion der Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza (IP, Die Arbeiter_innen-Initiative). (3) Sie forderten Lohnerh\u00f6hungen und kleinere Kindergruppen, und organisierten Aktionen auf der Stra\u00dfe, im Rathaus und vor den Kinderg\u00e4rten.<\/p>\n<p>Nach Angaben der Gewerkschaft IP hat die Stadt Pozna\u0144 190 Millionen Euro in die Errichtung des Fu\u00dfballstadions investiert, und 5 Millionen Euro in eine Werbekampagne f\u00fcr die Stadt. Aus dem Budget der Stadt wurden w\u00e4hrenddessen nur ca. 3 Millionen Euro den Kinderkrippen zugeteilt, obwohl ein hoher Bedarf an Kinderpflege besteht, weil die allermeisten M\u00fctter erwerbst\u00e4tig sein m\u00fcssen, um \u00fcber die Runden zu kommen. Das Geld, das f\u00fcr das Stadion genutzt wurde, h\u00e4tte locker die Kosten f\u00fcr die 6.000 fehlenden Kinderkrippenpl\u00e4tze decken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu den Protesten der Erzieherinnen schlossen sich betroffene Eltern an. Die Stadt verlangte immer h\u00f6here Geb\u00fchren f\u00fcr die Nutzung der \u00f6ffentlichen Kinderkrippen und Kinderg\u00e4rten. Die Eltern sollen immer mehr Geld zahlen f\u00fcr eine Einrichtung, in der die Arbeitsbedingungen und L\u00f6hne der Erzieherinnen immer schlechter werden, so dass die Kinder darunter leiden. Eltern und Erzieherinnen k\u00e4mpfen gemeinsam f\u00fcr niedrigere Geb\u00fchren, h\u00f6here L\u00f6hne und mehr Geldmittel vom Budget der Stadt f\u00fcr Kinderpflege-Einrichtungen.<\/p>\n<p>Sie zwangen die Beh\u00f6rden in Pozna\u0144, die Zahl der Krippenpl\u00e4tze zu erh\u00f6hen. Sie erk\u00e4mpften sich Lohnerh\u00f6hungen und Verg\u00fctung von \u00dcberstunden. Sie stoppten die Schlie\u00dfung der K\u00fcchen in den Krippen. Sie blockierten auch den Plan, die Krippen zu privatisieren.<\/p>\n<p>Sie haben erreicht, dass die Kinderkrippen nur von Kooperativen, die von den Arbeiterinnen selbst betrieben werden, \u00fcbernommen werden k\u00f6nnen. Die Stadt k\u00f6nnte damit immer noch den Erzieherinnen aufzwingen, gemeinn\u00fctzige Einrichtungen selbst, ohne Schutz, Anstellungssicherheit oder regelm\u00e4\u00dfige Zusch\u00fcsse aus \u00f6ffentlichen Geldern, zu betreiben. Die Erzieherinnen weigerten sich, die Kinderkrippen unter den von der Stadt vorgeschlagenen Bedingungen zu \u00fcbernehmen. Gemeinsam mit anderen Gewerkschaftsaktivist_innen wollen sie ein anderes Modell f\u00fcr Kinderkrippen-Kooperativen entwickeln, das zum Vorteil der Besch\u00e4ftigten und der Familien ausgelegt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eM\u00fcll<\/strong><strong>ertr\u00e4ge\u201c als N\u00e4hrboden f\u00fcr Proteste<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-22189\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein-300x188.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein-600x375.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/20200308-_DSC5839klein-768x480.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a> Foto: Herbert Sauerwein<\/p>\n<p>Die Erzieherinnen lernten \u00fcber die Kontakte mit den Eltern auch mehr \u00fcber die schlechten Bedingungen in anderen Sektoren. Sie unterst\u00fctzten K\u00e4mpfe an anderen Arbeitspl\u00e4tzen, und nahmen teil an den landesweiten Demonstrationen gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsverbots im Herbst 2016 (\u201eSchwarzer Protest\u201c), und an den \u201eManifas\u201c, der j\u00e4hrlichen Demonstrationen am 8. M\u00e4rz.<\/p>\n<p>Die unhaltbaren Arbeitsbedingungen in den Kinderkrippen sind kein Einzelfall. In Polen sind so genannte \u201eM\u00fcllvertr\u00e4ge\u201c (\u201eumowy \u015bmieciowe\u201c) ein Begriff: ein befristeter Arbeitsvertrag, oft in der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit, ohne soziale Absicherung, mit niedrigen L\u00f6hnen, so dass man zwei Jobs arbeiten muss, \u00fcber die eigenen Kr\u00e4fte hinaus. Vor allem Frauen arbeiten mit solchen Vertr\u00e4gen, und das ist der N\u00e4hrboden f\u00fcr die gro\u00dfen Proteste in ganz Polen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren sind nicht nur Erzieherinnen auf die Stra\u00dfen gegangen. Es gab Proteste und Streiks auch von Krankenschwestern, Supermarktarbeiterinnen, Sozialarbeiterinnen, Familien die bezahlbare Mieten fordern, und vielen anderen. Meistens wurden diese Proteste nicht direkt als feministisch bezeichnet. Aber die Proteste machen deutlich, dass es keine Frauenrechte gibt ohne menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen, ohne allgemeinen Zugang zu Kinderkrippen, Pflegeeinrichtungen und medizinischer Versorgung, ohne Selbstbestimmung \u00fcber den eigenen K\u00f6rper, ohne bezahlbare Wohnungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn die Frauen streiken, steht die Welt still<\/strong><\/p>\n<p>Die Erzieherinnen in den Kinderkrippen wollen ihr Leben verbessern, und daf\u00fcr m\u00fcssen ihre schlechten Arbeitsbedingungen ver\u00e4ndert werden. Die Arbeitsbedingungen sind abh\u00e4ngig von der Gestaltung des Budgets und der Haushalts- und Sozialpolitik der Stadt. Ihr langfristiges Ziel ist, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Pflegeeinrichtungen eine Priorit\u00e4t sind, und nicht nur ein l\u00e4stiger Kostenaufwand.<\/p>\n<p>Denn wenn keine Pflegearbeit gemacht wird, w\u00fcrden die Fabriken, Krankenh\u00e4user, B\u00fcros, Gesch\u00e4fte und andere Einrichtungen aufh\u00f6ren zu funktionieren. Die ganze Gesellschaft ist von der Arbeit der Frauen abh\u00e4ngig. Nicht nur am Arbeitsplatz, auch zu Hause funktioniert nichts mehr, wenn diejenigen, die als Frauen sozialisiert wurden, sich weigern, die ihnen zugeteilte Rolle zu erf\u00fcllen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: Herbert Sauerwein W\u00e4hrend die Stadt Pozna\u0144 Unmengen an Geld in den Bau eines Fu\u00dfballstadions f\u00fcr die Weltmeisterschaft in Polen 2012 investierte, fror die Stadtregierung die L\u00f6hne der Frauen, die in kommunalen Kinderkrippen arbeiten, ein. 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