{"id":22167,"date":"2020-04-04T13:42:21","date_gmt":"2020-04-04T11:42:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22167"},"modified":"2020-04-06T00:47:05","modified_gmt":"2020-04-05T22:47:05","slug":"die-pressefreiheit-in-ungarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/die-pressefreiheit-in-ungarn\/","title":{"rendered":"Die Pressefreiheit in Ungarn"},"content":{"rendered":"<p>Die 25 j\u00e4hrige Krisztina Balogh, geboren im Dorf Nagyar, nahe der ukrainischen Grenze tr\u00e4umte schon als junges M\u00e4dchen davon, Reporterin zu werden. Als Krisztina Balogh im Jahre 2016 in Ungarn zu den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien MTVA (Ungarischer Treuhandfonds der Staatsmedien, genannt \u201e\u00f6ffentlich-rechtliche\u201c) kam, war sie 23 Jahre jung. Jetzt, nach zwei Jahren, hat sie gek\u00fcndigt. Der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte:<\/p>\n<p>Bekanntlich hat die Opposition in Ungarn keine M\u00f6glichkeit, ihre Meinung in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien zu \u00e4u\u00dfern. Gegen Ende 2018, als einige oppositionelle Parlamentarier eine Petition im Studio vom M1 (erstes Programm des ungarischen Fernsehens) verlesen wollten, wurden sie mit Gewalt daran gehindert. Krisztina fand es unertr\u00e4glich, dass ihre Chefs diese Leute im Newsroom einsperren lie\u00dfen. Bei dieser Aktion warf ein Politiker der demokratischen Opposition Krisztina Nachrichtenf\u00e4lschung vor.<\/p>\n<p>\u201eMich hat weder mein Vater noch meine Mutter je eingesperrt, geschweige denn, eine sich als \u201averantwortlicher Redakteur\u02bb bezeichnende Person. Da dachte ich: Das kann man mit mir nicht machen.\u201c<\/p>\n<p>Zu den Aufgaben von Krisztina Balogh geh\u00f6rte, Nachrichten aus der sozialen oder kulturellen Szene mit Farbtupfern zu versehen. Anf\u00e4nglich mied sie die Politik, doch musste sie nach einiger Zeit erkennen, dass das nicht m\u00f6glich ist:<\/p>\n<p>\u201eWir drehten auf der j\u00e4hrlichen Internationalen Buchwoche, als<br \/>\nmir gesagt wurde, ich d\u00fcrfe<br \/>\nlinke oder liberale Autoren nicht ansprechen.\u201c<\/p>\n<p>Als die Thematik Fl\u00fcchtlinge in den Staatsmedien immer mehr Bedeutung bekam, versch\u00e4rfte sich ihre Lage.<\/p>\n<p>\u201eIch sollte dar\u00fcber erz\u00e4hlen, welche f\u00fcrchterlichen Krankheiten die Fl\u00fcchtlinge nach Europa bringen. Diese F\u00e4lle waren aber sehr selten, ich fand nur ganz wenige Angaben, dennoch musste ich solange rumst\u00f6bern, bis ein \u201aFachmann\u02bb mir erz\u00e4hlte, wie gef\u00e4hrlich diese vielen Afrikaner und Araber sind\u201c.<\/p>\n<p>Laut Krisztina wurden Reportern, die sich mit politischen Themen besch\u00e4ftigten, Vorgaben gemacht, bei welchen Themen wer wor\u00fcber befragt werden sollte und wie man oppositionelle Politiker provozieren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Bei einigen politisch wichtigen Themen h\u00e4tte Nachrichtenchef Zsolt N\u00e9meth die Kollegen sogar pers\u00f6nlich aufgesucht, ansonsten h\u00e4tten sie die Anweisungen entweder durch die Redakteure oder per Brief bekommen. Ein offenes Geheimnis sei es gewesen, dass Reportern direkt vom Staatssekretariat \u2013 zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u00dcberwachung der Kommunikation der Regierung Orb\u00e1n \u2013Richtlinien vorgegeben wurden.<\/p>\n<p>\u201eUm ihr Gewissen zu beruhigen haben manche in ihren Reportagen Themen angesprochen, von denen sie genau wussten, dass sie wieder entfernt werden w\u00fcrden. Die Mehrheit kann sich mit dieser Redaktionspraxis nicht identifizieren, sie sind aber aus existenziellen Gr\u00fcnden gezwungen, sie zu akzeptieren.\u201c \u2013 erz\u00e4hlt Krisztina<\/p>\n<p>Dass man ihr Nachrichtenf\u00e4lschung unterstellte, kr\u00e4nkte sie auch und sie sp\u00fcrte, dass sie immer weniger bereit war das mitzumachen, was in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien vor sich geht. Sie sagt, es w\u00e4re gegen\u00fcber den ungarischen Steuerzahlern nicht fair, f\u00fcr deren Steuergelder solche Programme zu produzieren.<\/p>\n<p>Krisztina Balogh: \u201eIch bin Ungarin und Roma. Bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien zu arbeiten war f\u00fcr mich das gleiche Stigma geworden, als wenn man mich in der Schule als schei\u00df Zigeunerin beschimpft h\u00e4tte\u201c.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlte, dass einige Redakteure in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien den Reportern die zu stellenden Fragen in den Mund legen w\u00fcrden. Es wird erwartet, dass linke und liberale Politiker l\u00e4cherlich gemacht werden. Man h\u00e4tte selbst bei den kulturellen Sendungen von ihr etwas Negatives in Bezug auf Fl\u00fcchtlinge erwartet. Selbst in Programmen mit reinem Unterhaltungscharakter durften Leute, die die Regierung kritisieren, nicht zu Wort kommen.<\/p>\n<p>\u201eSo wie ich haben Viele gek\u00fcndigt. Andere bleiben wegen ihrer Beziehungen. Es gibt auch welche, denen gef\u00e4llt, was dort vor sich geht. Die Mehrheit hat keine andere Wahl, sie stellen sich aus purer Existenzangst in den Dienst dieser Propaganda. Die wahren Strippenzieher des Systems sieht man nie auf dem Bildschirm.\u201c<\/p>\n<p>MTVA versucht die ehemalige Reporterin wegen ihrer Aussagen einzusch\u00fcchtern<\/p>\n<p>Krisztina Balogh wurde aufgefordert, ihr Verhalten, welches das MTVA als juristische Person verletzte, aufzugeben. In einem pers\u00f6nlichen Brief sollte sie es bedauern und sich bei MTVA entschuldigen. Sie sollte sich damit einverstanden erkl\u00e4ren, dass MTVA ihren Brief ver\u00f6ffentlicht. Andernfalls w\u00fcrde die Leitung der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien gegen ihre ehemalige Angestellte einen Prozess anstrengen.<\/p>\n<p>Daraufhin hat sich Krisztina Balogh entschieden, zu den Anschuldigungen ihres Arbeitgebers mit einem eigenen, \u00f6ffentlichen Brief auf sarkastische Weise Stellung zu nehmen. Er wird hier in voller L\u00e4nge auf Deutsch wiedergegeben:<\/p>\n<p>\u201eSehr geehrter Herr Generaldirektor D\u00e1niel Papp,<\/p>\n<p>es tut mir leid, wenn ich den Anschein erweckt habe, dass es sich im Fall des Fernsehkanals M1 nicht um einen objektiven, neutralen Nachrichtensender handelt, sondern um ein Propagandawerkzeug der regierenden Fidesz-Partei.<\/p>\n<p>Ich muss zugeben, dass dieses Gef\u00fchl falsch ist, denn neben den sachlich vollkommen richtigen Informationen von MTVA zolle ich Anerkennung f\u00fcr das unerm\u00fcdliche Recherchieren meiner Kollegen bei den Geschichten, die nach Korruption riechen. Getreu dem Ma\u00dfstab eines unparteiischen Senders haben sie u.a. aufgedeckt, wie der ehemalige Heizungsmonteur des Ministerpr\u00e4sidenten, L\u00f6rinc M\u00e9sz\u00e1ros oder sein Schwiegersohn Istv\u00e1n Tiborcz zu ihren m\u00e4rchenhaften Verm\u00f6gen gekommen sind.<\/p>\n<p>Es freut mich, dass in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien nicht nach zweierlei Ma\u00df gemessen wird, es wird mit der gleicher Vehemenz \u00fcber Prozesse gegen regimekritische Politiker, wie auch \u00fcber Prozesse gegen Mitglieder der Regierungspartei Fidesz berichtet. So kann man M1 mit Fug und Recht im gleichen Atemzug mit den f\u00fcr ihre Wahrheitstreue und Unabh\u00e4ngigkeit international bekannten \u00f6ffentlich-rechtlichen Kan\u00e4len von Nordkorea, Venezuela und Saudi Arabien nennen. Ich kann bezeugen, dass ich w\u00e4hrend meiner Zeit bei MTVA mit Zensur nie in Ber\u00fchrung kam, ja, ich konnte immer \u00fcber Tatsachen berichten, die den Richtlinien der Orb\u00e1n-Regierung entsprachen. Im Weiteren sch\u00e4tze ich, dass M1 weiterhin schwerwiegende gesellschaftliche Probleme thematisiert, wie Kinderarmut, Wohnungsmisere oder die Entv\u00f6lkerung ungarischer D\u00f6rfer.<\/p>\n<p>Mein allergr\u00f6\u00dfter Respekt gilt MTVA, dass in ihren Sendern bei Themen des \u00f6ffentlichen Lebens statt st\u00e4ndiger Wiederholung von Fidesz-Parolen, politische Analysten mit gro\u00dfem Sachverstand eingeladen werden.<\/p>\n<p>Man ist besonders bem\u00fcht die Zuschauer mit m\u00f6glichst vielen unterschiedlichen Meinungen zu versorgen, statt st\u00e4ndig nur Botschaften der Regierung nach zuplappern. Das w\u00e4re wirklich langweilig.<\/p>\n<p>Ich entschuldige mich bei meinem fr\u00fcheren Arbeitgeber in gleichem Ma\u00dfe wie er sich aufrichtig bem\u00fcht, die Grundprinzipien der \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien einzuhalten.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 25 j\u00e4hrige Krisztina Balogh, geboren im Dorf Nagyar, nahe der ukrainischen Grenze tr\u00e4umte schon als junges M\u00e4dchen davon, Reporterin zu werden. Als Krisztina Balogh im Jahre 2016 in Ungarn zu den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien MTVA (Ungarischer Treuhandfonds der Staatsmedien, genannt \u201e\u00f6ffentlich-rechtliche\u201c) kam, war sie 23 Jahre jung. Jetzt, nach zwei Jahren, hat sie gek\u00fcndigt. 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