{"id":22169,"date":"2020-04-04T13:46:31","date_gmt":"2020-04-04T11:46:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22169"},"modified":"2020-04-06T00:47:05","modified_gmt":"2020-04-05T22:47:05","slug":"zeitschriften-organisationsmittel-und-affektive-knotenpunkte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/zeitschriften-organisationsmittel-und-affektive-knotenpunkte\/","title":{"rendered":"Zeitschriften \u2013 Organisationsmittel und  affektive Knotenpunkte"},"content":{"rendered":"<p>Leider habe ich nicht mehr als das Cover \u2013 und die einiger anderen Ausgaben dieser Zeitschrift \u2013 finden k\u00f6nnen. Arbeitersolidarit\u00e4t, da ist der Name noch Programm. Die Geschichte anarchistischer Medien weist viele solcher Titel auf. Gerade in den Anfangszeiten der libert\u00e4ren Presse am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts \u2013 wobei das auch noch f\u00fcr die Graswurzelrevolution gilt \u2013 sind die Zeitschriften oft nach dem benannt, was sie erreichen wollten: Freiheit, Befreiung, Einheit, Einigkeit oder eben Solidarit\u00e4t\u00a0(1) Online findet sich heute noch etwa die 1907 gegr\u00fcndete Zeitschrift \u201eSolidaridad Obrera\u201c, die fr\u00fcher von der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Nationale Konf\u00f6deration der Arbeit) auf Spanisch publiziert wurde. Heute erscheint sie auf Katalanisch, herausgegeben von der Confederaci\u00f3 Regional del Treball de Catalunya i Balears (Regionale Konf\u00f6deration der Arbeit von Katalonien und den Balearen). Namen wie Arbeitersolidarit\u00e4t verweisen auf eine Funktion von Zeitschriften, die vielleicht in Zeiten ihres Ab- und Aussterbens etwas aus dem Blick ger\u00e4t: Zeitschriften sind nicht nur Medien zur \u00dcbermittlung von Sichtweisen (\u201eas we see it\u201c). Sie sind auch Organisationsmittel. Die Solidarit\u00e4t unter den Arbeiterinnen und Arbeitern soll nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern auch hergestellt werden. Diese schaffende, gestaltende Funktion kommt Zeitschriften selbstverst\u00e4ndlich auch zu, wenn sie sie nicht im Titel vor sich her tragen. Auch wenn in repr\u00e4sentativen Umfragen andere Motive f\u00fcr das Zeitunglesen im Vordergrund stehen: inhaltliche Anregungen, Tipps f\u00fcr den Alltag, Entspannung (2) \u2013 Zeitschriften stecken inhaltliche Felder ab, mit denen Menschen sich politisch identifizieren. Sie stellen diese Identifikationsm\u00f6glichkeiten damit auch auf relative Dauer. Sie sorgen daf\u00fcr, dass eine Orientierung, eine Richtschnur, eine Str\u00f6mung nicht jeden Tag neu erfunden werden muss. Zeitschriften stiften Kontinuit\u00e4t, gerade in der Linken und gerade in Zeiten, zu deren wesentlichen Charakteristika die \u201eBeschleunigung\u201c (Hartmut Rosa) geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Diese Best\u00e4ndigkeit schaffen sie gleichzeitig durch zwei Strategien: Anarchistische Zeitschriften berichten \u00fcber \u201eanarchistische\u201c Themen (vom Arbeitskampf \u00fcber Geschlechterverh\u00e4ltnisse und Herrschaftskritik bis zum Zeltlager beim politischen Sommercamp). Und sie berichten \u00fcber andere Themen anarchistisch, beleuchten also Filme oder Regierungsma\u00dfnahmen, B\u00fccher und soziale Bewegungen etc. aus libert\u00e4rer Perspektive. (Wobei was hier f\u00fcr \u201eanarchistische\u201c Medien gesagt ist, auch f\u00fcr \u201efeministische\u201c oder allgemein \u201elinke\u201c gilt, auch sie fahren diese Doppelstrategie.) Als im Mai 1936 die erste Ausgabe der Zeitschrift \u201eMujeres Libres\u201c erschien, das Organ der gleichnamigen, heute als anarchafeministisch bezeichneten Organisation, wurde die Zielsetzung der Zeitschrift ganz in diesem Sinne formuliert: \u201eDem gesellschaftlichen Handeln der Frau eine Orientierung geben\u201c, hie\u00df es im Editorial, \u201eindem wir ihr einen neuen Blickwinkel auf die Dinge zeigen.\u201c (3)<\/p>\n<p>Dass Menschen sich an ein Zeitschriftenprojekt andocken, also eine Zeitschrift regelm\u00e4\u00dfig lesen, eventuell abonnieren und ihre Inhalte hin und wieder am K\u00fcchentisch oder in der Stra\u00dfenbahn diskutieren, tr\u00e4gt nicht nur diese Inhalte weiter. Es f\u00fchrt auch zu affektiven Bindungen und vertieft sie. Schon Peter Kropotkin schrieb in seinem anarchistischen Klassiker \u201eGegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt\u201c (1902) fasziniert von der Hingabe, mit der die revolution\u00e4ren Arbeiter*innen (wobei Kropotkin immer nur M\u00e4nner adressiert) sich dem Verkauf von Zeitschriften widmen: \u201eJeder verkaufte Sto\u00df Zeitungen, jede Versammlung, jede hundert Stimmen, die bei einer sozialistischen Wahl gewonnen werden, stellen eine Menge an Energie und Opfer da, von denen kein Au\u00dfenstehender die geringste Vorstellung hat.\u201c (4) Was wohl nahezu jede\/r Aktivist*in wird best\u00e4tigen k\u00f6nnen: Der Verkauf von Zeitschriften kostet zwar Energie, gibt aber auch neue. Und f\u00fcr den undogmatischen Anarchokommunisten Kropot-kin war das alles, selbst die Wahlwerbung f\u00fcr sozialistische Parteien, Ausdruck einer solidarischen Haltung der gegenseitigen Hilfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Angeh\u00f6riger jener papierverliebten Generation von Linken, die noch WG-Regale mit Pappordnern voller Zeitschriften zugestellt und Artikel aus Tages-, Wochen- und Monatszeitungen ausgeschnitten und irgendwo eingeklebt hat, muss man sich nat\u00fcrlich fragen: Stimmt das alles noch? \u00c4ndert die Digitalisierung nicht alles, auch die Rolle und Funktion von Zeitschriften? Da deuten Medien- und Kommunikationsforschung an: Nein. Die Menschen in den westlichen Gegenwartsgesellschaften lesen vielleicht weniger auf Papier, daf\u00fcr aber mehr im Netz. Auch wenn traditionelle Bindungen an Institutionen wie Kirchen, Parteien und Vereine sich abschw\u00e4chen und grunds\u00e4tzlich weniger Bedeutung im Alltag vieler Menschen haben, bleiben Zeitschriften doch wichtige Knotenpunkte: In ihnen verkn\u00fcpfen sich Menschen mit Ideen und Bewegungen, in ihnen verbinden sich Gedanken und Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Und sie sind nat\u00fcrlich auch Hoffnungsspenderinnen in finsteren Zeiten. Als kurz nach Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs im Juli 1936 die letzte Ausgabe des anarchistischen Journals \u201eLa Revista Blanca\u201c (Die wei\u00dfe Zeitschrift) erschien, hie\u00df es angesichts der antifaschistischen Aufgaben im Kampf gegen die rechten Gener\u00e4le im Editorial: \u201eMut, Glaube, Enthusiasmus f\u00fcr den Kampf! Vertrauen in uns selbst und in das Morgen, das uns geh\u00f6rt, Spanische Anarchisten!\u201c (5) Auch wenn wir wissen, dass das damalige Morgen alles andere als anarchistisch wurde und auch wenn wir grunds\u00e4tzlich nicht davon ausgehen k\u00f6nnen und sollten, dass es einen historischen Fortschritt gibt, auf dessen Seite wir wie selbstverst\u00e4ndlich ins emanzipatorische Utopia gleiten: Mut, Glaube, Enthusiasmus und publizistische Projekte, die sie gleichsam widerspiegeln und f\u00f6rdern, kann es nicht genug geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leider habe ich nicht mehr als das Cover \u2013 und die einiger anderen Ausgaben dieser Zeitschrift \u2013 finden k\u00f6nnen. Arbeitersolidarit\u00e4t, da ist der Name noch Programm. Die Geschichte anarchistischer Medien weist viele solcher Titel auf. Gerade in den Anfangszeiten der libert\u00e4ren Presse am Ende des 19. und zu Beginn des 20. 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