{"id":22266,"date":"2020-05-02T12:25:44","date_gmt":"2020-05-02T10:25:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22266"},"modified":"2020-05-14T16:13:14","modified_gmt":"2020-05-14T14:13:14","slug":"lucy-parsons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/lucy-parsons\/","title":{"rendered":"Lucy Parsons"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bevor hier dazu aufgerufen wird Lucy Parsons nicht zu vergessen, sollten wir uns ihrer erinnern, denn viele Menschen wissen nicht, wer sie ist und m\u00fcssen sie erst einmal kennen lernen. Ein kleiner Einblick in ihr Leben, ihr politisches Handeln und ihre Verbindung zu den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/chicago-und-der-1-mai\/\">Haymarket<\/a>-Ereignissen soll dies im Folgenden erm\u00f6glichen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zur Zeit des gro\u00dfen Eisenbahnstreiks 1877 waren Lucy und Albert Parsons bereits knapp vier Jahre in Chicago und hatten sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen. Die \u00f6konomische und soziale Situation in der Stadt war angespannt, bereits im September 1873 begann eine wirtschaftliche Krise. Mehr als ein F\u00fcnftel der gesamten arbeitenden Bev\u00f6lkerung verlor ihren Job. Dies f\u00fchrte zu Leid und Elend bei mehr als einem Viertel der Chicagoer Einwohner*innen und sorgte f\u00fcr Protest seitens der Arbeiter*innenorganisationen.(4) So sollte f\u00fcr Lucy und Albert der Umzug nach Chicago eine Wende in ihrem politischen Leben bedeuten.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Leben in den S\u00fcdstaaten<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Beide kamen aus dem S\u00fcden der USA und ihre Lebenswege kreuzten sich in Waco, Texas. 1865 war der B\u00fcrgerkrieg vorbei und die Sklaverei offiziell abgeschafft, trotzdem kam es zu \u00dcbergriffen und Morden an People of Color (POC), und Wei\u00dfe versuchten mehrfach, die Sklaverei neu zu etablieren. Waco wurde nach dem Krieg ein Fluchtort sowohl f\u00fcr POC als auch f\u00fcr Wei\u00dfe. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucys Mutter zog mit ihren beiden Geschwistern nach Waco und heiratete 1868 den Freigelassenen Charlie Carter. Dieser hatte seinen Sklavennamen abgelegt und wurde ebenfalls namensgebend f\u00fcr Lucia Carter. Diesen Namen legte Lucy Parsons ab, als sie nach Chicago zog. Lucy besuchte die erste Schule f\u00fcr schwarze Kinder in Waco, arbeitete aber auch als K\u00f6chin oder N\u00e4herin, um die Familie zu unterst\u00fctzen.(5) Albert Parsons, w\u00e4hrend des Krieges ein Kavallerist in der Konf\u00f6deriertenarmee, konzentrierte sein Engagement nach dem Krieg auf die damals liberale Republikanische Partei und war als Journalist aktiv.(6) Die politische Situation erlaubte es Lucy und Albert, 1872 zu heiraten. In den fr\u00fchen 1870iger Jahren gab es in Waco eine kurze Zeit, in der es m\u00f6glich war, Ehen zwischen Wei\u00dfen und People of Color einzugehen.(7) Doch bereits ein Jahr sp\u00e4ter stand die Entscheidung fest, nach Chicago zu gehen. F\u00fcr beide war klar, dass sie in Texas keine Perspektive hatten. Albert war durch seine T\u00e4tigkeit als Journalist bereits vorher in Chicago gewesen und hatte Kontakte gekn\u00fcpft.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ein neuer Anfang<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucy lie\u00df ihr gesamtes bisheriges Leben hinter sich, sie entledigte sich ihres Namens, ihrer Sklavinnenvergangenheit und ihrer Familienzugeh\u00f6rigkeit f\u00fcr immer. Wann immer sie gefragt wurde, erdachte sie sich eine Familiengeschichte und behielt die ihre f\u00fcr sich.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/chicago-und-der-1-mai\/\">Chicago<\/a> war eine der vielen St\u00e4dte, in denen die schrecklichen Folgen der Industrialisierung f\u00fcr die Menschen massiv sp\u00fcrbar wurden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Die kapitalistischen Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse bargen mie<\/span><span lang=\"de-DE\">seste Arbeitsbedingungen, <\/span><span lang=\"de-DE\">12-Stunden-Schichten, Handwerker*innen, die ihre Arbeit nicht mehr aus\u00fcben konnten und von Maschinen ersetzt wurden, Kinderarbeit, schlechte Bezahlung, Dreck und Elend. Lucy und Albert lebten in Chicago in einem Stadtteil, der von deutschen Migrant*innen dominiert war, und fingen an, sich dort politisch zu bet\u00e4tigen. Sie wurden Teil der <\/span><span lang=\"de-DE\">Workingmen\u2019s Party<\/span><span lang=\"de-DE\"> und begannen Artikel f\u00fcr den <\/span><span lang=\"de-DE\">Socialist<\/span><span lang=\"de-DE\">, die sozialistische Arbeiter*innen Zeitung, zu schreiben. Albert wurde Mitglied in der Typographischen Gewerkschaft und bald eine der einflussreichsten Figuren in der Chicagoer Arbeiter*innenbewegung.(8) Zwischen 1875 und 1886 zogen die Parsons\u2018 meist mindestens einmal im Jahr um. Ihr Haus war aber immer ein Ort der Begegnung, dort fanden viele politische Treffen zum Beispiel der <\/span><span lang=\"de-DE\">Workingmen\u2019s Party<\/span><span lang=\"de-DE\"> statt.(9) Albert begann f\u00fcr die <\/span><span lang=\"de-DE\">Chicago Times<\/span><span lang=\"de-DE\"> zu arbeiten, Lucy er\u00f6ffnete eine Schneiderei.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der gro\u00dfe Eisenbahnstreik 1877 ging in die US-amerikanische Geschichte ein. Er begann als Aktion der Rangierer und endete als Generalstreik. Erst ein brutaler Milit\u00e4reinsatz beendete den Streik. \u00dcber 35 Arbeiter*innen verloren ihr Leben und ca. 200 wurden verwundet. Der politische Schritt \u201evon der Anprangerung der Sklaverei und der Klasse der Plantagenbesitzer*innen im l\u00e4ndlichen S\u00fcden zur Anprangerung der \u201aLohnsklaverei\u2018 und der Kapitalist*innenklasse im st\u00e4dtischen Norden\u201c (10) schien f\u00fcr die Parsons\u2018 ein naheliegender Schritt und radikalisierte beide. Als Folge seines politischen Engagements wurde Albert 1877 auf die schwarze Liste gesetzt und verlor seinen Job. Da klar war, dass ihn keine Zeitung mehr als Schriftsetzer anstellen w\u00fcrde, erweiterte Lucy ihre Schneiderei zu <\/span><span lang=\"de-DE\">\u201eParsons &amp; Co., Manufacturers of Ladies\u00b4 and Children\u00b4s Clothing\u201c<\/span><span lang=\"de-DE\">\u2013- Albert wurde ihr Gesch\u00e4ftspartner.(11)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In den sp\u00e4ten 1870er Jahren trat Lucy Parsons als <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/01\/emma-goldman-anarchistin-und-padagogin\/\">politische Akteurin<\/a> ins \u00f6ffentliche Leben Chicagos. Sie schrieb regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die radikale Presse, agitierte Arbeiter*innen und wurde auch von der Presse als politische Akteurin wahrgenommen.(12) <\/span><span lang=\"de-DE\">1878 war sie Mitorganisatorin der Chicagoer<\/span><span lang=\"de-DE\"> Working Women\u2018s Union <\/span><span lang=\"de-DE\">(WWU). Dort engagierte sich auch Lizzie Swanks, die eine lebenslange Freundin wurde.(13)<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Von der Arbeiter*innen-Aktivistin zur radikalen Anarchistin und Verfechterin der Propaganda der Tat<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zwischen 1879 und 1881 gab es einen Richtungsstreit innerhalb der sozialistischen Bewegung. Im Zentrum stand die Frage der Mittel im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung. Sogenannte <\/span><span lang=\"de-DE\">Lehr- und Wehr<\/span><span lang=\"de-DE\">-Vereine wurden gegr\u00fcndet und der Umgang mit Waffen ge\u00fcbt, um sich gegen die \u00dcbergriffe der Polizei bei den Arbeitsk\u00e4mpfen zu wehren. Die<\/span><span lang=\"de-DE\"> Socialist Labor Party<\/span><span lang=\"de-DE\">, welche aus der <\/span><span lang=\"de-DE\">Workingmen\u00b4s Party<\/span><span lang=\"de-DE\"> hervorging, distanzierte sich von diesen Ideen, und es kam 1881 offiziell zu Spaltungen in verschiedenen St\u00e4dten. Dieser Streit beeinflusste auch Lucy Parsons\u2018 Politisierung. Sie wurde eine Rednerin der militantesten Teile der Bewegung.(14) Die Unzufriedenheit mit der Politik der<\/span><span lang=\"de-DE\"> Socialist Labor Party<\/span><span lang=\"de-DE\">, deren Fokus auf Wahlen und Reformismus lag, fern der Lebenswirklichkeit der Arbeiter*innen, f\u00fchrten Lucy und Albert Parsons zum Anarchismus. Die Frage der Gewalt sollte zu einem zentralen Moment in ihrer politischen Arbeit werden. Das Parteiensystem und das Mittel der politischen Wahl lehnten sie ab. Johann Most war es, der mit der Idee der <\/span><span lang=\"de-DE\">Propaganda der Tat <\/span><span lang=\"de-DE\">als deutscher Migrant in die USA kam und diese Debatte stark beeinflusste. Lucy and Albert verstanden sich ab 1883 als Anarchist*innen und wurden Mitglieder im <\/span><span lang=\"de-DE\">Socialist Revolutionary Club<\/span><span lang=\"de-DE\">. Die revolution\u00e4ren Sozialist*innen trafen sich am 14. Oktober 1883 in Pittsburgh, entwarfen ein Manifest und gr\u00fcndeten die <\/span><span lang=\"de-DE\">International Working People\u2019s Association<\/span><span lang=\"de-DE\">. Dieses Manifest wurde auch Lucy Parsons\u2018 politische Grundlage:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\u201e<span lang=\"de-DE\">Erstens \u2013 Zerst\u00f6rung der bestehenden Klassenherrschaft mit allen Mitteln, d.h. durch energische, nicht nachlassende, revolution\u00e4re und internationale Aktionen.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Zweitens \u2013 Errichtung einer freien Gesellschaft auf der Grundlage genossenschaftlicher Organisation der Produktion.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Drittens \u2013 Freier Austausch gleichwertiger Produkte durch die und zwischen den produktiven Organisationen, ohne Handel und Profitmacherei.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Viertens \u2013 Organisation der Bildung und Erziehung f\u00fcr beide Geschlechter auf s\u00e4kularer, wis-<\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">senschaftlicher und gleicher Grundlage.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">F\u00fcnftens \u2013 Gleiche Rechte f\u00fcr alle, unabh\u00e4ngig von Geschlecht oder Rasse.<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Sechstens \u2013 Regelung aller \u00f6ffentlichen Angelegenheiten durch freie Vereinbarungen zwischen autonomen (unabh\u00e4ngigen) Kommunen und Vereinigungen, aufbauend auf einer f\u00f6deralistischen Basis.\u201c(15)<\/span><\/li>\n<li><span lang=\"de-DE\">Die Ideen waren progressiv, aber vor allem die F\u00fcnfte Forderung, der Kampf um die Gleichberechtigung, fand sich in der allt\u00e4glichen Politik der Parsons nicht wieder. Weder Albert noch Lucy solidarisierten sich mit den People of Color in Chicago, die ebenfalls aus dem S\u00fcden geflohen waren, noch setzten sie sich f\u00fcr ihre Rechte im Arbeitskampf ein.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">1884 entschied sich die <\/span><span lang=\"de-DE\">International Working People\u2019s Association<\/span><span lang=\"de-DE\">, eine englischsprachige Zeitung herauszugeben. <\/span><span lang=\"de-DE\">The Alarm<\/span><span lang=\"de-DE\"> wurde vor\u00fcbergehend zum bedeutendsten englischsprachigen anarchistischen Blatt. Albert, Lizzie Swank und Lucy arbeiteten an der Zeitung mit. Die erste Ausgabe des w\u00f6chentlich erscheinenden Blatts ver\u00f6ffentlichte <\/span><span lang=\"de-DE\">A Word to Tramps<\/span><span lang=\"de-DE\"> von Lucy Parsons auf der Titelseite. Dieser Artikel bringt ihre Radikalit\u00e4t klar zum Ausdruck.(16)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Ein Wort an die 35.000 Menschen, die ihr derzeit in den Stra\u00dfen dieser gro\u00dfen Stadt herumvagabundiert, die H\u00e4nde in den Taschen, mit apathischem Blick auf den Reichtum und das Wohlleben starrend, an dem ihr keinen Anteil habt; nicht einmal so viel, dass ihr euch etwas zu essen kaufen k\u00f6nntet, um den an euren Eingeweiden nagenden Hunger zu stillen. (\u2026) Jeder und jede von euch, die ihr diese Zeilen lest, ihr hungrigen Vagabunden, nutzt die Methoden der Kriegf\u00fchrung, welche die Wissenschaft in die H\u00e4nde des armen Mannes gelegt hat, und ihr werdet in diesem wie jedem anderen Land eine Macht werden. Lernt mit Sprengstoff umzugehen!\u201c(17) <\/span><span lang=\"de-DE\">Der Winter 1883\/84 war bitterkalt und die Verzweiflung der armen Menschen f\u00fchrte viele in den Selbstmord. Lucy griff diese Zust\u00e4nde auf und versuchte, diesen zerst\u00f6rten Menschen eine Handlungsoption aufzuzeigen.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine dramatische Wende \u2013 der Haymarket-Skandal<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">1886 wurde eine USA-weite Kampagne zur Durchsetzung des Acht-Stunden Arbeitstags geplant. Chicago war dabei ein Zentrum des Arbeitskampfes. Um den Generalstreik zu er\u00f6ffnen, fand am 1. Mai 1886 eine gro\u00dfe Parade von 80.000 Menschen statt, vorne mit liefen Lucy und Albert Parsons mit ihren Kindern. Am dritten Tag des Generalstreiks schossen Polizeieinheiten in eine Gruppe von Streikenden, t\u00f6teten zwei Menschen und verwundeten mehrere. Daraufhin versammelten sich am 3. Mai 3.000 Menschen zu einer Solidarit\u00e4tsbekundung. Als die Menge im Begriff war, sich aufzul\u00f6sen, und der Gro\u00dfteil der Menschen bereits den Platz verlassen hatte, griffen schwer bewaffnete Polizeieinheiten die Demonstrierenden an. Eine Bombe explodierte in den Reihen der Polizei. Bis heute ist unklar, woher diese kam. Sieben Beamte und einige Arbeiter*innen wurden get\u00f6tet. Viele der Demonstrierenden wurden durch um sich schie\u00dfende Polizisten verletzt. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lokalpolitiker, Polizei und Unternehmer traten eine immense Repressionswelle los. Mitten in der Nacht fanden Festnahmen und Hausdurchsuchungen statt, die Presse beteiligte sich massiv an der Propaganda gegen die Protestierenden, die Gewerkschaftspresse wurde unterdr\u00fcckt. Anarchist*innen wurden in dieser angespannten Atmosph\u00e4re als grausame, r\u00fccksichtslose Gewaltt\u00e4ter*innen dargestellt <\/span><span lang=\"de-DE\">und acht von ihnen als Repr\u00e4sentanten des Anarchismus und der Arbeiter*innenbewegung von Chicago angeklagt.(18) Obwohl das Gericht keinerlei Beweise f\u00fcr den angeblichen Bombenwurf durch die Angeklagten erbringen konnte, wurden Georg Engel, Albert Fischer, August Spies, Albert Parsons und Louis Lingg zum Tode und Samuel Fielden, Oscar Neebe und Michael Schwab zu Gef\u00e4ngnis verurteilt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das Urteil wog schwer, doch war klar, noch ist nichts verloren. Das Urteil wurde angefochten und Lucy Parsons organisierte eine gro\u00dfe Kampagne. Sie startete am 8. Oktober 1886 eine Tour durch die USA und hielt Reden in 17 Bundesstaaten, um Geld f\u00fcr die Berufung zu sammeln. In Chicago hatte sie sich in den letzten Jahren zu einer wortgewandten Rednerin entwickelt. Mit ihrer Vortragstour ver\u00e4nderte sie die \u00f6ffentliche Wahrnehmung zu diesem Justizskandal. <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Dabei wurde Lucy selbst immer wieder mit Repression konfrontiert. Die Polizei versuchte sie am Sprechen zu hindern, brach Veranstaltungen ab und steckte sie ins Gef\u00e4ngnis. (19) Die Kampagne erzielte ein gro\u00dfes Echo in der \u00d6ffentlichkeit, konnte aber nicht verhindern, dass Albert Parsons, Georg Engel, Albert Fischer, und August Spies am 11. November 1887 geh\u00e4ngt wurden. Es war Lucy Parsons nicht gestattet, ihren Mann ein letztes Mal zu sehen. Sie wurde gemeinsam mit Lizzie Swanks und den beiden Kindern festgenommen, als sie Einlass in das von der Polizei umstellte Gef\u00e4ngnis forderte. Alle mussten sich ausziehen und wurden durchsucht. Erst nach der vollzogenen Hinrichtung wurden sie wieder entlassen.(20) Am Sonntag nach der Hinrichtung zogen 6.000 Menschen von Haus zu Haus der Toten. Im Anschluss begaben sich gesch\u00e4tzte 3.000 in einem Sonderzug zum Waldheim-Friedhof. (21)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucy arbeitete direkt weiter an der Ver\u00f6ffentlichung von Alberts Buch <\/span><span lang=\"de-DE\">Anarchism.<\/span><span lang=\"de-DE\"> Die erste Ver<\/span><span lang=\"de-DE\">\u00f6ffentlichung erschien bereits im Dezember und enthielt zus\u00e4tzlich die Reden der acht Angeklagten vor Gericht, Ausf\u00fchrungen von Lucy und Dyer Lum zum Anarchismus, Erinnerungen an Alberts Leben von seinem Bruder und Lizzie Swank Holmes.(22) Der ausdauernden und intensiven Arbeit von Lucy Parsons ist es zu verdanken, dass der Haymarket-Skandal international Resonanz fand und das Verfahren als unfairer Schauprozess wahrgenommen wurde. 1888 fuhr sie nach London und setzte ihre Tour in Gro\u00dfbritannien fort.(23) Jahrzehnte lang hingen die Bilder der acht Anarchisten in den Gewerkschaftsb\u00fcros vieler L\u00e4nder. Der 1. Mai wurde 1889 zum Kampftag der Arbeiter*innenbewegung ausgerufen, 1890 kam es an diesem Tag zu Massenstreiks und Demonstrationen. Doch Lucy Parsons hatte ihren geliebten Partner verloren und den Vater ihrer Kinder. Diesem Einschnitt in ihrem Leben sollten weitere folgen. Zwei Jahre nach Albert Parsons starb ihre gemeinsame Tochter Lulu am 13. Oktober 1889 an einer Lymphdr\u00fcsenblockade. Sie wurde neben Albert in einem anonymen Grab beigesetzt. (24)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucy verfolgte in den darauf folgenden Jahren verschiedene Aktivit\u00e4ten. Nachdem es eine Zeit lang ruhiger um sie geworden war, entschied sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts, ihre Arbeit fortzusetzen, weiter an die Haymarket-Geschehnisse zu erinnern, neue Veranstaltungen zu initiieren, B\u00fccher zu verkaufen und einer neuen Generation von Menschen diese Geschichte zu erz\u00e4hlen. Ein politischer Raum, den sie sich zunutze machen konnte, waren die <\/span><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/links-der-linken\/\"><span lang=\"de-DE\">Industrial Workers of the World <\/span><\/a><span lang=\"de-DE\">(IWW), die 1905 in Chicago gegr\u00fcndet wurden und an deren Gr\u00fcndungskongress sie teilnahm.(25)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucy Parsons ist eine beeindruckende Person. Sie verbrachte ihre Jugend in der Sklaverei in den S\u00fcdstaaten, durchlebte den B\u00fcrgerkrieg und die Aktivit\u00e4ten des KuKluxClans danach. Sie ging nach Chicago, arbeitete als Hauptverdienerin f\u00fcr ihre Familie, hatte zwei Kinder, war aktiv in der Arbeiter*innenbewegung organisiert und wurde durch diese radikalisiert. Sie war eine Anarchistin, Revolution\u00e4rin, Gewerkschafterin, Agitatorin, Rednerin, Autorin f\u00fcr Prosa und politische Texte und gab selber Zeitschriften heraus. Sie war zu Lebzeiten in der \u00d6ffentlichkeit bekannt, ihre Reden wurden in Zeitungen abgedruckt, ihre Meinungen in Interviews ver\u00f6ffentlicht. Sie besch\u00e4ftigte sich mit Anarchismus, Revolution\u00e4rem Sozialismus, revolution\u00e4rem Industriegewerkschaftswesen, Gleichberechtigung, Arbeitslosenk\u00e4mpfen, Antiimperialismus, Rede- und Versammlungsfreiheit, der Trennung von Staat und Kirche, Geburtenkontrolle, Abschaffung von Kinderarmut und vielen weiteren Themen.(26) Sie identifizierte sich mit verschiedensten Organisationen und Gewerkschaften, war Mitbegr\u00fcnderin der IWW und stand im Austausch mit vielen prominenten Anarchist*innen wie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/\">Peter Kropotkin,<\/a> <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/die-falsche-abzweigung\/\">Errico Malatesta,<\/a> Johann Most, C.L. James, Jo Labadie, Voltairine de Cleyre, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/emma-goldman-und-die-spanische-revolution-entfachte-utopie-ist-eine-detaillierte-darstellung-der-letzten-lebensetappe-der-anarchistin\/\">Emma Goldman<\/a>, Ben Reitman und sp\u00e4ter j\u00fcngeren Militanten wie Irving Abrams, Boris Yelensky und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/21956\/\">Sam Dolgoff<\/a>.(27)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Lucy Parsons soll hier nicht zur Heldin stilisiert werden. Sie tr\u00e4gt Widerspr\u00fcche in sich wie alle Menschen \u2013 dazu z\u00e4hlen der <\/span><span lang=\"de-DE\">Umgang mit ihrer eigenen Vergangenheit, das Verh\u00e4ltnis zu ihren Kindern, vor allem zu ihrem <\/span><span lang=\"de-DE\">Sohn Albert, Positionierungen in politischen Debatten, Dispute mit Zeitgenoss*innen. Aber sie war eine starke Person, hat sich nicht nur ihren Weg erk\u00e4mpft, sondern ist aufgestanden gegen das Unrecht, das anderen Menschen widerfahren ist. Deshalb soll sie den Platz in der Geschichte erhalten, der ihr zusteht.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Josephine Fischer<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor hier dazu aufgerufen wird Lucy Parsons nicht zu vergessen, sollten wir uns ihrer erinnern, denn viele Menschen wissen nicht, wer sie ist und m\u00fcssen sie erst einmal kennen lernen. Ein kleiner Einblick in ihr Leben, ihr politisches Handeln und ihre Verbindung zu den Haymarket-Ereignissen soll dies im Folgenden erm\u00f6glichen. 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