{"id":22304,"date":"2020-05-01T16:33:40","date_gmt":"2020-05-01T14:33:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22304"},"modified":"2020-06-03T02:04:28","modified_gmt":"2020-06-03T00:04:28","slug":"woher-kommen-die-pakete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/woher-kommen-die-pakete\/","title":{"rendered":"Woher kommen die Pakete?"},"content":{"rendered":"<p>Weltweit reagierte der Konzern hierauf mit leichten Verbesserungen beim Ansteckungsschutz, aber auch der Zahlung einer fragw\u00fcrdigen Anwesenheitspr\u00e4mie. Offen ist, wie sich dieser Konflikt unter den Bedingungen der Kontaktsperre-Gesetzgebung weiterentwickeln wird. Hier k\u00f6nnen wir nur einen Zwischenstand liefern.<\/p>\n<h5>Held*innen in der Krise<\/h5>\n<p>Weltweit trifft die COVID-19-Pandemie Arbeiter*innen hart. Derzeit sind, neben vielen anderen Berufsgruppen, die Arbeiter*innen in den Superm\u00e4rkten, Warenlagern und Krankenh\u00e4usern einem erh\u00f6hten Gesundheitsrisiko aufgrund der exponentiellen Ausbreitung des hoch ansteckenden COVID-19-Virus ausgesetzt. Hinzu kommt, dass Arbeiter*innen in diesen Sektoren aufgrund steigender Arbeitsbelastung st\u00e4rker unter Stress stehen als sonst. Es ist klar, dass bestimmte Arbeiten aufgrund der gesellschaftlichen Dringlichkeit weiter laufen m\u00fcssen. Immer h\u00e4ufiger ist in Reden von Politiker*innen oder in den Medien von \u201eHeld*innen\u201c oder \u201esystemrelevanten Berufen\u201c die Rede, die den Laden in der Krise aufopferungsvoll aufrecht halten. Mittel- und langfristig k\u00f6nnte die sich abzeichnende Krise zu Erwerbslosigkeit und Verelendungserscheinungen bei der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fchren. Letzteres kann f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten von Amazon nicht abgesch\u00e4tzt werden. Es ist aber anzunehmen, dass der station\u00e4re Einzelh\u00e4ndler einen sinkenden Konsum st\u00e4rker sp\u00fcren wird als der Weltmarktf\u00fchrer im Onlinehandel.<\/p>\n<h5>Arbeiten als Gesundheitsrisiko<\/h5>\n<figure id=\"attachment_22428\" aria-describedby=\"caption-attachment-22428\" style=\"width: 960px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-22428 size-full\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2.jpg 960w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orly-2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22428\" class=\"wp-caption-text\">Walkout am Amazon-Standort ORY1 FC, Saran, 18.3.2020 &#8211; Foto: SUD Commerce et Services Amazon Union<\/figcaption><\/figure>\n<p>Momentan laufen die Gesch\u00e4fte f\u00fcr Amazon weltweit pr\u00e4chtig. Die Arbeitsvolumen erinnern Arbeiter*innen an das Weihnachtsgesch\u00e4ft, die sogenannte Peak-Season, wenn die Zahl der Online-Bestellungen am h\u00f6chsten ist \u2013 blo\u00df sind die Arbeiter*innen vor dem Hintergrund der Pandemie einem deutlich h\u00f6heren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Es l\u00e4sst sich hierbei an allen Standorten, zu denen wir \u00fcber<a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/74218\"> Amazon Workers International (AWI<\/a>) Kontakt haben, ein \u00e4hnliches Bild zeichnen. Dies deutet f\u00fcr uns auf ein global koordiniertes Krisenmanagement des Unternehmens hin. Egal ob in Pozna\u0144, Leipzig, Orly, Piacenza oder Chicago, tausende Menschen \u2013 und einige geh\u00f6ren den Risikogruppen an \u2013 m\u00fcssen tagt\u00e4glich auf engem Raum zusammenarbeiten. Das l\u00e4sst sich kaum vermeiden, selbst wenn Amazon mittlerweile einen Sicherheitsabstand eingef\u00fchrt und Personal eingestellt hat, um seine Einhaltung zu \u00fcberwachen. Die Arbeiter*innen treffen in den Regalreihen, beim gemeinsamen Arbeitsweg, am Schichtbeginn und -ende, wenn sich Schlangen an den Schleusen bilden, aufeinander. Desinfektionsmittel, Mundschutz und Fiebermessger\u00e4te, die allm\u00e4hlich in allen uns bekannten Standorten zur Verf\u00fcgung stehen, sind zwar hilfreich in der Ansteckungspr\u00e4vention, aber es ist zweifelhaft, ob sie wirklich die Ausbreitung verhindern werden. Mittlerweile d\u00fcrfte es allgemein bekannt sein, dass eine Infektion mit COVID-19 oft nur schwache oder gar keine Symptome zur Folge hat, was auch die Regierungen bei der Virusbek\u00e4mpfung vor gro\u00dfe Probleme stellt. Des Weiteren gibt es bei einem obligatorischen Fiebermessen in Deutschland von Seiten verschiedener Betriebsr\u00e4te Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes. Niemand kann gezwungen werden seinem Arbeitgeber Auskunft \u00fcber seine gesundheitliche Situation zu geben. Die Gefahren f\u00fcr die Gesundheit wirken \u00fcber die Warenlager hinaus. Die Arbeiter*innen k\u00f6nnten sich im Werk anstecken und dann den Virus drau\u00dfen auf Menschen in ihrem Umfeld \u00fcbertragen. Berichten aus verschiedenen L\u00e4ndern zur Folge sind Manager*innen und Angestellte \u00fcbrigens ins Home Office geflohen, was ein Eingest\u00e4ndnis der Gefahren an den Standorten ist. Diese Option steht den Arbeiter*innen auf dem shopfloor freilich nicht offen.<br \/>\nDie weltweiten Lohnerh\u00f6hungen um 2$, 2\u20ac oder 4 Z\u0142oty sowie der 100% \u00dcberstunden-Bonus sind f\u00fcr Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten immer willkommen, insbesondere wenn m\u00f6glicherweise die Einkommen der Partner*innen oder aus Zweitjobs wegbrechen. Auch diese Erfahrungen teilen Arbeiter*innen weltweit. Allerdings gelten diese Sonderzahlungen nur bis zum 30. April. Sie stellen au\u00dferdem nach Auffassung von Besch\u00e4ftigten einen indirekten Gesundheitsbonus dar. Sie f\u00fchren bereits dazu, dass sich Menschen krank zur Arbeit schleppen. Hierunter waren in den USA, Frankreich, Italien, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/krone-und-virus\/\">Polen<\/a>, Spanien und Deutschland schon F\u00e4lle von COVID-19. Aber es gibt auch noch andere ansteckende Krankheiten. Amazon braucht jede*n, um die gestiegene Nachfrage zu bedienen. Weltweit sind Neueinstellungen geplant.<\/p>\n<h5>Arbeitsk\u00e4mpfe w\u00e4hrend der Pandemie<\/h5>\n<p>Dieser Bonus stellt nicht nur eine Reaktion auf die weltweit hohen Krankenst\u00e4nde bei Amazon-Belegschaften dar, sondern er ist auch eine Reaktion auf bef\u00fcrchtete Auseinandersetzungen. Auf der ganzen Welt wehrten sich Arbeiter*innen nicht nur dagegen, dass sie und ihr Umfeld durch die Arbeit in den Warenlagern einer Gefahren ausgesetzt werden, sondern auch dagegen wie der Konzern mit Kranken, Risikogruppen und Menschen umgeht, die Kinder und Angeh\u00f6rige pflegen m\u00fcssen. Hierzu zwei Beispiele: Erstens: Trotz des hohen Risikos erhalten Angeh\u00f6rige von Risikogruppen nur dann eine bezahlte Freistellung, wenn sie unter Quarant\u00e4ne stehen. Zweitens: In Deutschland erhalten Eltern nur f\u00fcr f\u00fcnf Tage eine bezahlte Freistellung, obwohl das Datum der Wiederer\u00f6ffnung der Schulen offen ist. Die AWI verfasste eine Erkl\u00e4rung, woran wir als Streiksolib\u00fcndnis beteiligt waren. (1) Unsere Hauptforderung besteht darin, alle Warenlager bei vollem Lohnausgleich zu schlie\u00dfen. Allerdings k\u00f6nnte auch ein Zwischenschritt sein, dass sich Amazon auf die lebensnotwendigen G\u00fcter in der Auslieferung beschr\u00e4nkt. Das hei\u00dft, dass vorerst keine Bowlingkugeln, singende Gew\u00fcrzgurken, Schwimmfl\u00fcgel oder Sextoys mehr ausgeliefert werden. Doch es blieb nicht bei Erkl\u00e4rungen. Bei Streiks in Italien und New York wurde die Schlie\u00dfung der Warenlager gefordert, nachdem F\u00e4lle einer Infektion bekannt wurden. <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/frankreich-streikaktionen-blockaden-sabotage\/\">Streiks in Frankreich<\/a> und Chicago forderten einen besseren Gesundheitsschutz f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten. Amazon ging erwartungsgem\u00e4\u00df mit harter Repression gegen die Streiks vor. Der vermeintliche Streikf\u00fchrer des wilden Streiks in New York, Christian Smalls, wurde wegen angeblicher Missachtung der COVID-19-Sicherheitsvorkehrungen entlassen.<br \/>\nIn Deutschland versuchen ver.di-Betriebsr\u00e4te gegenw\u00e4rtig die Kolleg*innen auf dem shopfloor zu unterst\u00fctzen. Hierbei ist zu erw\u00e4hnen, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen Amazon und Betriebsr\u00e4ten konflikthaft ist. An dem Standort in Leipzig klagte Amazon in diesem Jahr erfolgreich auf die Aufl\u00f6sung und Neuwahl der Betriebsr\u00e4te. Hierdurch werden der Arbeit der Interessensvertretung Steine in den Weg gelegt. Verschiedene Ma\u00dfnahmen bez\u00fcglich des Gesundheitsschutzes unterliegen der Mitbestimmungspflicht durch Betriebsr\u00e4te. Sie m\u00fcssen darauf achten, dass die Gesundheitsschutzma\u00dfnahmen konform mit dem Arbeiterrechten gehen und nicht gegen die Interessen der Belegschaften eingef\u00fchrt werden.<br \/>\nStreiks blieben in Deutschland bisher aus. Streiks f\u00fcr eine Schlie\u00dfung der Werke aufgrund der gro\u00dfen Gefahr f\u00fcr die Gesundheit oder f\u00fcr einen Schutz der Arbeiter*innen erscheinen im Augenblick aus mehreren Gr\u00fcnden unrealistisch. Erstens: Die Gewerkschaften rufen momentan vor dem Hintergrund gesundheitlicher Risiken und der Einschr\u00e4nkung des Versammlungsrechts im Zuge der Kontaktsperre-Gesetzgebung nicht zu Streiks auf. Die Gewerkschaften sollten hier rechtliche Klarheit schaffen und auf die Garantie des Streik- und Versammlungsrechtes pochen. Die Karte des Streiks sollten sie gerade in Zeiten in denen neben der Gesundheitskrise eine Wirtschaftskrise bevorsteht, immer ausspielen k\u00f6nnen, um Entscheidungen zuungunsten der Arbeiter*innen verhindern zu k\u00f6nnen. Die Pandemie wird voraussichtlich erst im Sommer ihren H\u00f6hepunkt erreichen. Es k\u00f6nnte fatal sein, mit Arbeitskampfma\u00dfnahmen solange zu warten, bis sie vor\u00fcber ist. Bilder von den Streiks bei Saran und Lauwin-Planque Mitte M\u00e4rz zeigen, dass der Sicherheitsabstand bei Streikversammlungen gewahrt werden kann. Zu diesem Streik riefen auch Gewerkschaften auf. Weiterhin kann in dieser Ausnahmesituation auf eine Pr\u00e4senz vor dem Werkstor durch eine Streikversammlung verzichtet werden. Zweitens: Auch in der Belegschaft herrscht eine Spaltung in der Frage, weil die Arbeiter*innen nicht nur um den oben erw\u00e4hnten Gesundheitsbonus oder gar die volle Lohnfortzahlung bei Betriebsschlie\u00dfung f\u00fcrchten, sondern auch weil viele in den Belegschaften, wie wohl auch in der Gesamtbev\u00f6lkerung, die gegenw\u00e4rtigen Sicherheitsma\u00dfnahmen bez\u00fcglich der Pandemie f\u00fcr \u00fcbertrieben halten.<\/p>\n<h5>Steigende Arbeiter*innenmacht in der Gesundheitskrise<\/h5>\n<p>Uns stellt sich in der derzeitigen Lage eines steigenden Bestellvolumen die Frage, ob die Situation nicht f\u00fcr Streiks f\u00fcr einen Tarifvertrag und bessere Arbeitsbedingungen genutzt werden sollte oder wenigstens f\u00fcr die Erhaltung des COVID-19-Bonus \u00fcber die Krise hinaus. Momentan wird sehr deutlich wie wichtig Arbeiter*innen im Gesundheitswesens, Landwirtschaft und dem Einzelhandel f\u00fcr das \u00dcberleben der Gesellschaft und der Menschen sind. Auch in Bezug auf Amazon wurde schon die Frage aufgeworfen, ob das Unternehmen systemrelevant sei. Allerdings bleibt offen, inwieweit diese Sympathien nach der COVID-19-Pandemie, wenn aufgrund sinkender Bestellvolumen die Durchsetzungsmacht abnimmt, in bessere Arbeitsbedingungen umschlagen werden. Zumindest bei Amazon w\u00e4re unserer Einsch\u00e4tzung nach jetzt der Zeitpunkt, um bessere Arbeitsbedingungen zu erk\u00e4mpfen. Vielleicht m\u00fcssen daf\u00fcr auch neue Kampfformen unter den neuen Bedingungen ausprobiert und entdeckt werden, um die Arbeitsbedingungen w\u00e4hrend und nach der Krise zu verbessern. Wir w\u00fcnschen den Arbeiter*innen, dass sie gesund bleiben oder die Pandemie sie und ihre Umfeld nicht so hart trifft!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Streiksolib\u00fcndnis Leipzig<\/strong><\/p>\n<p>Streiksolib\u00fcndnis Leipzig: Wir begleiten bereits im 7. Jahr den Arbeitskampf bei Amazon. Wir sind Wissenschaftler*innen, Erwerbslose und selbst Amazon-Besch\u00e4ftigte. Wir unterst\u00fctzen hierbei die Streikenden in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit und der transnationalen Vernetzung. Diese m\u00fcndete in der Gr\u00fcndung der AWI (Amazon Workers International) Mitte M\u00e4rz 2020 in Madrid, wobei es sich um einen Zusammenschluss von Amazon-Besch\u00e4ftigten und Unterst\u00fctzer*innen aus Europa und den USA handelt. Da wir aber keine Kontakte in die Warenlager des Trikont wie in Japan oder Indien haben, sind unsere Einblicke leider stark begrenzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltweit reagierte der Konzern hierauf mit leichten Verbesserungen beim Ansteckungsschutz, aber auch der Zahlung einer fragw\u00fcrdigen Anwesenheitspr\u00e4mie. Offen ist, wie sich dieser Konflikt unter den Bedingungen der Kontaktsperre-Gesetzgebung weiterentwickeln wird. Hier k\u00f6nnen wir nur einen Zwischenstand liefern. 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