{"id":22335,"date":"2020-05-01T16:08:53","date_gmt":"2020-05-01T14:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22335"},"modified":"2020-08-26T19:08:52","modified_gmt":"2020-08-26T17:08:52","slug":"rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken-2\/","title":{"rendered":"Rojava\/YPG: Der milit\u00e4rischen Niederlage ins Auge blicken!"},"content":{"rendered":"<p>L\u00e4ngst vergessen scheint heute, dass der Freiraum f\u00fcr Rojava ab Ende 2012 erst entstand, so berichtete es Ercan Ayboga von der \u201eTatort Kurdistan Kampagne\u201c nach einer Reise im Mai 2014 in die Region Ciz\u00eere, \u201enachdem sich das Baath-Regime [Assads] zur\u00fcckzog. Diese Befreiung \u2013 Beginn der Revolution \u2013 erfolgte durch Volksaufst\u00e4nde gegen die Staatskr\u00e4fte, die zuvor in ganz Syrien geschw\u00e4cht waren. Sie zogen sich teilweise aus Rojava zur\u00fcck. Die Kurd*innen haben den richtigen Zeitpunkt f\u00fcr Befreiung ausgenutzt und paktieren nicht mit dem syrischen Staat.\u201c (1)<\/p>\n<p>Zu pr\u00e4zisieren w\u00e4re, dass die \u201eVolksaufst\u00e4nde\u201c im Westen und im S\u00fcden Syriens eine im wesentlichen gewaltfrei-revolution\u00e4re Massenbewegung 2011-2012 waren \u2013 also ebenfalls eine Revolution, die zum Beispiel in ganz Syrien, angeregt durch den Anarchisten Omar Aziz, R\u00e4tesysteme hervorgebracht hat, bevor \u2013 unter kontroverser Diskussion 2012\/2013 und unter Mithilfe der T\u00fcrkei \u2013 die \u201eFreie Syrische Armee\u201c gegr\u00fcndet wurde, deren rasche islamistische Degeneration bekannt ist. (2) Dieser gewaltfreien syrischen Revolution war es zu verdanken, dass sich Assads Truppen zeitweise auf dessen Kernbereiche zur\u00fcckziehen mussten, sein Machtzentrum in Damaskus und die Region der alawitischen Bev\u00f6lkerungsgruppe, aus der sein Familienclan stammt.<\/p>\n<p>YPG-Niederlage IV: Realit\u00e4t des taktischen B\u00fcndnisses mit Assad-Truppen. Das Beispiel Qamischli vor der t\u00fcrkischen Invasion 2019<\/p>\n<p>Das von Ayboga referierte Prinzip, sie \u201epaktieren nicht mit dem syrischen Staat\u201c, hat aber l\u00e4ngst keinen Bestand mehr. Nach der t\u00fcrkischen Invasion in Afrin im Januar 2018 riefen die YPG die Truppen Assads zur Verteidigung ihres Staatsgebiets auf und erkl\u00e4rten damit auch Rojava offiziell zum Teil des syrischen Staatsgebiets. Wie die Realit\u00e4t der kurdischen \u201eSelbstverwaltung\u201c in Rojava bereits vor der t\u00fcrkischen Invasion vom Oktober 2019 tats\u00e4chlich aussah, zeigt ein Reisebericht des Journalisten Manuel Frick aus Qamischli von Ende 2018:<\/p>\n<p>\u201eObwohl die PYD [Partei der Demokratischen Union] hier auch als Befreierin vom syrischen Regime gilt, flattert bereits an der n\u00e4chsten Kreuzung dessen Flagge. Darunter bewachen Soldaten einen Checkpoint, auf ihrer rechten Schulter prangt das Portr\u00e4t von Pr\u00e4sident Baschar al-Assad. (&#8230;) W\u00e4hrend die PYD den \u00fcberwiegenden Teil der Gro\u00dfstadt kontrolliert, h\u00e4lt das Regime noch einige \u2013 strategisch wichtige \u2013 Inseln: am Stadtrand den Flughafen, den Bahnhof sowie den Grenz\u00fcbergang zur T\u00fcrkei. Im Zentrum der Stadt das Postamt, einige Krankenh\u00e4user und viele Verwaltungsgeb\u00e4ude. (&#8230;) Ganze Wohngebiete bezeugen ihre Loyalit\u00e4t zu Baschar al-Assad. An Fenstern und Balkonen h\u00e4ngen Flaggen des Regimes. (&#8230;) Neben den armenischen halten auch viele katholische Gemeinschaften zum syrischen Pr\u00e4sidenten. (&#8230;) Das Regime ist in Qamischli auf vielf\u00e4ltige Weise pr\u00e4sent. Wer Brot, das Grundnahrungsmittel schlechthin, kauft, kann zwischen sogenanntem Rojava-Brot und Regime-Brot w\u00e4hlen. Sowohl die PYD-Regierung als auch das Assad-Regime kontrollieren in Qamischli je eine Gro\u00dfb\u00e4ckerei. Auch beim Benzin hat man zwei M\u00f6glichkeiten, wobei das Rojava-Benzin von minderer Qualit\u00e4t ist. Im syrisch-kurdischen Gebiet gibt es zwar viele \u00d6lquellen, aber keine moderne Raffinerie. Diese standen schon immer im heutigen Regime-Gebiet, von wo aus auch der Flughafen Qamischli, der ein St\u00fctzpunkt der Assad-Truppen ist, regelm\u00e4\u00dfig mit qualitativ hochwertigem Benzin versorgt wird. F\u00fcr die Soldaten des Regimes scheint der Weiterverkauf des begehrten Treibstoffs ein lukratives Gesch\u00e4ft zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Auch bezahle, so Frick weiter, Damaskus immer noch seinen Verwaltungsangestellten in Quamischli Lohn, w\u00e4hrend Zeyna Muhammad, die Co-Vorsitzende einer Kommune, der untersten Verwaltungseinheit der PYD, die eigentlich das Sagen haben sollte, am Rande einer Sitzung, an der Frick teilnehmen kann, sagt: \u201eIch arbeite seit f\u00fcnf Jahren f\u00fcr die Kommune und habe nie ein Gehalt bekommen. Obwohl sie uns das versprochen haben.\u201c Auch der Co-Vorsitzende Murad kritisiert die \u00fcbergeordnete PYD-Beh\u00f6rde: \u201eWir haben dort nichts zu sagen, die entscheiden alles allein.\u201c Im Alltag haben es die Kurd*innen in Qamischli, so Frick, mit \u201eStromunterbrechungen, Wassermangel, steigenden Preisen\u201c zu tun \u2013 im Gegensatz zu den privilegiert lebenden Regime-Syrer*innen. (3)<\/p>\n<p>So sah also die \u201ekurdische Selbstverwaltung\u201c in Rojava vor der t\u00fcrkischen Invasion 2019 real aus.<\/p>\n<p>YPG-Niederlage V: Die m\u00f6rderische Kriegsf\u00fchrung des taktischen Milit\u00e4rpartners Assad<\/p>\n<p>Trotz dieser prek\u00e4ren Doppelherrschaft zum Nachteil der kurdischen Selbstverwaltung \u2013 Frick spricht f\u00fcr Qamischli von \u201eKaltem Krieg\u201c \u2013 rief die YPG auch bei der t\u00fcrkischen Invasion im Oktober 2019 wieder die Truppen Assads zu Hilfe, die im B\u00fcndnis mit russischem Milit\u00e4r anr\u00fcckten. Die YPG mussten gar noch froh sein, dass Assad auf ein taktisches B\u00fcndnis einging, denn kurz zuvor hatte das Regime die YPG noch angeklagt, sie seien Verr\u00e4ter und h\u00e4tten \u201eVerbrechen gegen Syrien\u201c begangen. (4)<\/p>\n<p>Doch die Kriegsf\u00fchrungspraktiken des B\u00fcndnispartners Assad sind nun einmal die des Massenmords. Erst Anfang April 2020 ver\u00f6ffentlichte die \u201eOrganisation f\u00fcr das Verbot Chemischer Waffen\u201c (OPCW), 1997 von 193 Mitgliedsstaaten gegr\u00fcndet, einen Bericht, wonach das Assad-Regime f\u00fcr den Einsatz chemischer Waffen verantwortlich gemacht wird. Nachgewiesen wurde das f\u00fcr Angriffe auf die Stadt Lataminah im Norden der Provinz Hama im M\u00e4rz 2017. U.a. kamen dort Chlorgas und das Nervengas Sarin zum Einsatz. (5) Amnesty International best\u00e4tigt in einem aktuellen Bericht unter Verweis auf die UN allein f\u00fcr 2017 \u201e16 Giftgasangriffe des Regimes nur in jenem Jahr\u201c. (6) Meist werden sie von Assads ber\u00fcchtigten \u201eTiger Forces\u201c unter dem Kommando von Suhail al-Hassan gef\u00fchrt, zugleich ein enger Freund von Assads B\u00fcndnispartner Russland. Russland leugnet denn auch generell jedes Kriegsverbrechen Assads und l\u00e4sst seinen Sender RT von \u201eSkandalen\u201c der Falschbeschuldigung sprechen, was umso peinlicher wirkt, je mehr sich die unwiderlegbaren Beweise h\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Auch \u201eHuman Rights Watch\u201c berichtet regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Kriegsverbrechen der Assad-Truppen. In einem Bericht vom 16. M\u00e4rz wird \u00fcber die wiederholten Angriffe der syrisch-russischen Truppen auf Idlib und die Provinz West-Aleppo ausgesagt, dass die Angriffe im Dezember 2019 zu einer Vertreibung von \u201eca. 1 Mio. Menschen unter schrecklichen humanit\u00e4ren Bedingungen\u201c (7) gef\u00fchrt haben, w\u00e4hrend die T\u00fcrkei ihre Grenzen geschlossen hielt. F\u00fcr den Ort Maaret al-Nu\u2019man gibt es Nachweise von Ende Januar 2020, dass Menschen wie der dortige Bewohner Ahmed al-Jaffal von Assads Truppen ermordet wurden, wenn sie sich beim Vormarsch dazu entschieden hatten, nicht zu fliehen, sondern sich unter die Herrschaft der syrisch-russischen Truppen zu begeben. Auch solche Morde an Zivilist*innen konnten den \u201eTiger Forces\u201c der Assad-Armee nachgewiesen werden, so etwa, als sie auf \u00e4ltere Frauen schossen, die im westlichen Aleppo am 11. Februar nur ihre Kleidung f\u00fcr ihre bevorstehende Flucht packen wollten. (8) In ihrer Kriegsf\u00fchrung greift die Assad-Armee aktuell in Idlib auch immer wieder auf international ge\u00e4chtete Waffen wie Streubomben mit sogenannter Cluster-Munition zur\u00fcck. Human Rights Watch liegen Videos vor, nach denen z.B. beim Angriff auf eine Schule in Sarmin, Idlib, am 1. Januar 2020 zw\u00f6lf Zivilist*innen, darunter f\u00fcnf Schulkinder starben. Dabei wurden russische 9M79M-Totschka-Raketen mit einem Cluster-Sprengkopf aus 316 Sprengkopf-Fragmenten eingesetzt. (9)<\/p>\n<p>Es ist mir ein R\u00e4tsel, wie das m\u00f6rderische Assad-Regime bei manchen BRD-Linken noch immer den Nimbus des etwas weniger brutalen Regimes als etwa dasjenige seines Kriegsgegners Erdogan genie\u00dft. F\u00fcr mich gilt hinsichtlich des ja zeitgleich geschlossenen taktischen Milit\u00e4rb\u00fcndnisses der YPG mit Assad gegen das t\u00fcrkische Milit\u00e4r dasselbe wie beim B\u00fcndnis mit Trump (siehe Teil 1, GWR 448): Jedes, auch nur taktisch oder aus milit\u00e4rischer \u201eNotwendigkeit\u201c eingegangene Milit\u00e4rb\u00fcndnis mit dem Massenm\u00f6rder Assad ist unmoralisch und einer emanzipativen Perspektive unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Geradezu fatal ist, dass sich die YPG und die Kurd*innen Rojavas dadurch mit den gegen Assad gerichteten Widerstandsbewegungen aus dem S\u00fcden Syriens entzweiten \u2013 sogar mit den Kurd*innen im S\u00fcden. Die gr\u00f6\u00dfte Kurd*innen-Organisation dort ist die \u201eKurdische Jugendbewegung\u201c (TCK), die \u201eeine aktive Rolle bei den Protesten gegen das Regime seit den ersten Tagen des Aufstands [gegen Assad 2011] gespielt\u201c hat. Sie f\u00fchrte bereits Mitte 2013 Demonstrationen gegen die PYD durch. \u201eDamit wurde gegen die Politik der PYD-Beh\u00f6rden protestiert, die auch Aktivist*innen der TCK verhaftet hatten.\u201c (10)<\/p>\n<p>Alternativen II: Die Massenflucht, aufgewertet als unbewaffneter Widerstand<\/p>\n<p>In seiner Rede vor dem \u201eInternationalen Antimilitaristischen Kongress in Den Haag\u201c 1921 schlug der gewaltfreie Anarchist Pierre Ramus eine Alternative zur Roten Armee vor, die nach 1917 das bolschewistische Russland gegen die Armeen der Wei\u00dfen bewaffnet verteidigt hatte, woraus sich aber ein m\u00f6rderischer B\u00fcrgerkrieg und bald darauf Stalins Diktatur entwickelten. Ramus schlug als nicht-milit\u00e4rische Alternative vor, bei einer Invasion den Feind ins eigene Land zu lassen, und dann die zentralistische Besatzungsarmee durch deren strategische Zerstreuung, durch dezentralen Widerstand anzugreifen \u201emittels der sozialwirtschaftlichen Mittel der Obstruktion und der Sabotage\u201c. Dabei m\u00fcsse es \u201ezum Boykott, zur Verweigerung jeglicher Hilfe personeller Dienstleistungen\u201c kommen. Dies sollte erg\u00e4nzt werden durch den Generalstreik der Arbeiterklasse im Land der Invasoren. (11) Vieles dessen, woraus sp\u00e4ter das Konzept der sozialen Verteidigung entstand, zeigte sich dann im Zweiten Weltkrieg in den Beispielen des zivilen Widerstands gegen die Nazi-Besatzungen, vor allem in D\u00e4nemark, Schweden, Norwegen und teilweise auch in Frankreich \u2013 ganz besonders in den Aktionen der Judenrettung in der R\u00e9sistance oder der Verschiffung j\u00fcdischer Verfolgter von D\u00e4nemark nach Schweden. Diese praktischen Beispiele zeigen aber auch, dass Ramus\u2019 Konzept des \u201eHereinlassens\u201c und dezentral Bek\u00e4mpfens nur in gro\u00dffl\u00e4chigen L\u00e4ndern oder Zusammenh\u00e4ngen (Skandinavien) praktikabel war \u2013 und trotzdem nicht ausreichte: Die Nazis wurden schlie\u00dflich durch die alliierten Armeen besiegt.<\/p>\n<p>Rojava aber war angesichts der Bedrohung durch den IS und dann die t\u00fcrkische Armee immer ein vergleichsweise kleinfl\u00e4chiges Gebiet. Darum war die Anwendung des von Ramus entwickelten Konzepts hier nicht praktizierbar: Dem IS konnten sich die Kurd*innen nicht mit gewaltfreien Aktionen der Blockaden oder Streiks, auch nicht durch Zerstreuung auf gro\u00dfem Terrain entgegenstellen. Diese Tatsache macht den Entscheid der YPG f\u00fcr milit\u00e4rische Verteidigung zun\u00e4chst verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Wer von gewaltfreien Anar-chist*innen eine Alternative zum bewaffneten Kampf in Rojava verlangt, geht davon aus, dass ein vorgefertigtes Konzept einer historisch-konkreten Situation idealistisch \u00fcbergest\u00fclpt wird. Doch das ist falsch. Anarchist*innen gehen immer vom Konkreten, real Praktizierten aus \u2013 \u00fcbrigens ein Prinzip Bakunins \u2013 und schaffen, wenn \u00fcberhaupt, davon ausgehend eine politische Utopie. Im Falle Rojava muss daher die Frage lauten: Gab es konkret eine \u2013 und zwar massenhaft und nicht nur von Einzelnen \u2013 praktizierte nicht-milit\u00e4rische Verhaltensweise der dortigen Menschen angesichts der Bedrohung durch die Brutalit\u00e4t des IS und der t\u00fcrkischen Invasionen in Afrin 2018 und jetzt 2019? Meine Antwort: Ja, und zwar die Massenflucht. Die aus Rojava Fl\u00fcchtenden repr\u00e4sentieren f\u00fcr mich die gewaltfreien Widerstandsaktionen vor Ort, weil sie ihr Leben aufs Spiel setzten wie jede YPG\/YPJ-K\u00e4mpfer*in auch. Ihre politische Aussage: Nein, unter diesen Umst\u00e4nden des permanenten Krieges will ich keine freie Gesellschaft aufbauen und erleben. Wer als Linker die Massenflucht nicht als kollektiven Widerstand anerkennt, sollte sich an den Sommer 1989 in der DDR und die Massenflucht nach Prag erinnern. Sie erst schuf die materielle Voraussetzung f\u00fcr den Zusammenbruch des Regimes, weil es Angst hatte, ihm w\u00fcrde perspektivisch die gesamte Bev\u00f6lkerung \u2013 und damit die Basis seines Systems \u2013 davonlaufen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der aus Rojava Fl\u00fcchtenden ist m.E. in der linken Solidarit\u00e4t ein weiterer eklatanter Widerspruch festzustellen: In ihren Rojava-Reisen interviewen und sprechen Linke fast nur mit Dortbleibenden, die sich ultimativen Schutz durch Bewaffnung versprechen. Nur in seltenen Ausnahmen (12) wurden vor Ort auch Leute befragt, die sich zur Flucht entschlossen hatten, oder ernsthaft nach Motiven recherchiert, die die Menschen zur Flucht bewegten. Der Widerspruch: Obwohl diese Solidarit\u00e4tslinke sich vor Ort f\u00fcr die Fluchtmotive nicht interessiert, w\u00e4hnt man sich aber antirassistisch, wenn man dann die Zust\u00e4nde in Moria oder anderen Gefl\u00fcchtetenlagern als europ\u00e4ischen Rassismus kritisiert und offene Grenzen fordert!<\/p>\n<p>Bereits 2014 flohen rund 300.000 Rojava-Kurd*innen aus Kobane \u2013 nur wenige kehrten nach dem vorl\u00e4ufigen milit\u00e4rischen Sieg der YPG in die v\u00f6llig zerst\u00f6rte Stadt zur\u00fcck. Der Leichnam des zweij\u00e4hrigen Alan Kurdi aus Kobane wurde an die t\u00fcrkische K\u00fcste bei Bodrum angesp\u00fclt und zum Symbol f\u00fcr die Bewegung \u201eRefugees Welcome\u201c 2015 \u2013 und die sogenannten \u201eunbegleiteten Jugendlichen\u201c aus Syrien waren in ihrer Mehrheit Kriegsdienstverweigerer der Assad-Armee. Alles schon vergessen? (13) 250.000 Kurd*innen flohen im M\u00e4rz 2018 aus Afrin. Und nach der t\u00fcrkischen Invasion 2019 flohen wiederum mehr als 300.000 Menschen aus dem nicht mehr als lebenswert angesehenen \u00f6stlichen Rojava, viele zun\u00e4chst in den Irak, wo die UN Fl\u00fcchtlingscamps errichtete. Gerade hier zeigte sich erneut die h\u00e4ssliche Seite des YPG-Militarismus im Verbund mit Assad: \u201eRegime-Truppen Assads wurden in Nordost-Syrien auf der Basis des Einvernehmens mit den Kurden [YPG] stationiert und verhindern den \u00dcbergang der Gefl\u00fcchteten in den Irak\u201c, so berichtete \u201eLe Monde\u201c am 26. Oktober 2019. (14) Hierin sehe ich keinen Unterschied zu sonstigen Milit\u00e4rs und Milizen in der Region: Man vergreift sich an den Fl\u00fcchtenden, weil eine dezimierte Eigenbev\u00f6lkerung die Legitimation der selbst geschaffenen Regierung vor Ort untergr\u00e4bt. So waren schon die \u201eBoat People\u201c 1980 das emanzipative Ende Vietnams nach gewonnenem Krieg gegen die USA; so war die Massenflucht nach Kolumbien die Delegitimation des Beispielcharakters des \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c im Chavez-Maduro-Regime Venezuelas usw. usf. Und so sagte zum Beispiel \u201eein Zivilist, der bei seiner Flucht aus Afrin von YPG-Soldaten behindert wurde, dass die kurdischen Milizen die Stadt Afrin \u201aum jeden Preis verteidigen wollen. (&#8230;) Hier in Syrien f\u00fchrt jeder seinen eigenen Krieg, Menschenleben z\u00e4hlen nichts.\u2019\u201c (15)<\/p>\n<p>In einem folgenden Teil 3 dieser Artikelserie will ich diese faktisch vorfindbare Massenflucht aus Rojava als nicht-bewaffnete Alternative zur milit\u00e4rischen Verteidigung noch weiter ausf\u00fchren und mit dem historischen Beispiel der j\u00fcdischen Massenflucht vor den Pogromen des russischen Zarenreichs Ende des 19. Jahrhunderts vergleichen, die zur Verwirklichung der Utopie der j\u00fcdischen Gefl\u00fcchteten in den zun\u00e4chst antistaatlich ausgerichteten Kibbuzim Pal\u00e4stinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also an einem anderen Ort, f\u00fchrten. (16) Vor diesem Hintergrund soll in Teil 3 eine grunds\u00e4tzliche Kritik am auch in Rojava wieder gescheiterten Konzept der milit\u00e4risch \u201ebefreiten Gebiete\u201c versucht werden.<\/p>\n<p>Hier geht es zu <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/rojava-ypg-j-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken\/\">Teil 3<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4ngst vergessen scheint heute, dass der Freiraum f\u00fcr Rojava ab Ende 2012 erst entstand, so berichtete es Ercan Ayboga von der \u201eTatort Kurdistan Kampagne\u201c nach einer Reise im Mai 2014 in die Region Ciz\u00eere, \u201enachdem sich das Baath-Regime [Assads] zur\u00fcckzog. 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