{"id":22346,"date":"2020-05-01T16:26:27","date_gmt":"2020-05-01T14:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22346"},"modified":"2020-06-21T16:10:55","modified_gmt":"2020-06-21T14:10:55","slug":"gender-binaer-oder-queer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/gender-binaer-oder-queer\/","title":{"rendered":"Gender &#8211; bin\u00e4r oder queer?"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Schon die anarchistisch gesinnten Frauen w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/frauen-in-der-spanischen-revolution-2\/\">Spanischen Revolution<\/a> von 1936 hatten aus genau diesen Gr\u00fcnden ihre eigene Organisation gegr\u00fcndet, die <\/span><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/08\/mujeres-libres-libertaere-kaempferinnen\/\"><span lang=\"de-DE\">Mujeres Libres<\/span><\/a><span lang=\"de-DE\"> (\u201eFreie Frauen\u201c). Und sie hatten die M\u00e4nner der Bewegung wegen ihres <\/span><span lang=\"de-DE\">Machismo<\/span><span lang=\"de-DE\"> in die Pflicht genommen. Wie konnte es sein, dass selbst jene Aktivisten, die ihren Kampf f\u00fcr die Herrschaftslosigkeit nicht nur als Eroberung der Fabriken oder als Kampf gegen die Arbeit dachten, sondern als Ver\u00e4nderungen des gesamten sozialen Lebens, dass selbst diese M\u00e4nner die Herrschaft gegen\u00fcber Frauen nicht nur duldeten, sondern h\u00e4ufig selber aus\u00fcbten? Die <\/span><span lang=\"de-DE\">Mujeres Libres<\/span><span lang=\"de-DE\">, seit den 1970er Jahren als \u201eanarchafeministisch\u201c bezeichnet, wollten sich selbst nicht Feministinnen nennen. Nicht, weil ihnen das zu eindeutig oder zu radikal erschienen w\u00e4re. Im Gegenteil, der Feminismus, den sie als zeitgen\u00f6ssischen vor Augen hatten, war aufs Wahlrecht f\u00fcr Frauen fokussiert und getragen von b\u00fcrgerlichen Frauen. Das war den <\/span><span lang=\"de-DE\">Mujeres Libres<\/span><span lang=\"de-DE\"> zu wenig, sie waren proletarisch und revolution\u00e4r. Sie dachten Geschlechterverh\u00e4ltnisse als Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und koppelten sie von der Klassenfrage nicht ab. Damit vertieften sie auch eine Tradition innerhalb des Anarchismus, die zwar nie dominant, aber doch da war und Gender als relevante Kategorie diskutierte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In einem aktuellen Buch zum Einfluss anarchistischer Ideen auf die Kultur- und Sozialwissenschaften mit dem Titel \u201eThe Anarchist Imagination\u201c (London\/ New York 2019) gibt es auch einen Beitrag zum Feminismus. Darin pl\u00e4diert Sandra Jeppesen f\u00fcr eine \u201eanarchistisch-feministische Analytik der <\/span><span lang=\"de-DE\">Macht\u201c. Sie schreibt dazu einen ebenso programmatischen wie denkw\u00fcrdigen Satz: \u201eDer Anarchismus-Feminismus lehnt bin\u00e4re Konzeptionen wie m\u00e4nnlich\/ weiblich, Herrscher*innen\/ Beherrschte, oben\/ unten ab, weil sie als bin\u00e4re Paare sozial konstruiert und einschr\u00e4nkend sind.\u201c (2) In Sachen Geschlechtlichkeit, das sagen inzwischen selbst einige Biolog*innen, gibt es keine nat\u00fcrliche Zweiteilung. Geschlechtlichkeit (gender) beruht auf sozial vollzogenen Einteilungen, auf im Alltag st\u00e4ndig wiederholten und einge\u00fcbten Konventionen. Auf die soziale Konstruktion von Geschlecht abzuheben, ist also nicht das Denkw\u00fcrdige an dem Satz. Aber was hei\u00dft es, Konzepte abzulehnen?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Im Hinblick auf die Analyse von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen ist das eine gewagte und eben denkw\u00fcrdige Aussage. Denn ohne ein bin\u00e4res, also auf Zweiteilung spezialisiertes Konzept von Geschlecht w\u00e4ren doch sehr viele allt\u00e4gliche Ph\u00e4nomene in der sozialen Welt nicht zu beschreiben. Denn die Ordnung dieser Welt ist nun einmal, als Effekt des Denkens \u00fcber sie, weitgehend bin\u00e4r strukturiert. Bis in die Sprache hinein und in die mit Worten verkn\u00fcpften Vorstellungen \u2013 hoch\/ tief, oben\/ unten, kalt\/ warm, rational\/ irrational, usw. \u2013 sind wir bin\u00e4r gepr\u00e4gt und diese Pr\u00e4gung ist immer auch geschlechtlich konnotiert. Es ist noch nicht so lange her, dass jedes Hoch im Wetterbericht einen M\u00e4nner- und jedes Tief einen Frauennamen hatte. Und die bin\u00e4re Organisation im Konsumbereich scheint eher voranzuschreiten: Der frappanteste Unterschied zwischen Klassenfotos aus meiner Grundschulzeit in den 1970er Jahren und jenen meiner jetzigen Grundschulkinder ist die heutige Rosa\/Blau-Segregation!<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Politisch gesehen ist es insofern ein l\u00f6blicher Anspruch, einschr\u00e4nkende Binarit\u00e4ten zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Vor allem vor dem Hintergrund der Analyse, dass es starke soziale Imperative und Regulierungen gibt, die in Sachen Geschlecht oft sehr rigide und dennoch recht unbemerkt wirken. Nicht immer so deutlich wie bei Socken mit Darth Vader- vs. Eisprinzessin-Motiv. Aber gerade dazu brauchen wir \u2013 entgegen dem Einwand von Jeppesen \u2013 ein (bin\u00e4res) Konzept, dass die st\u00e4ndige Zweiteilung beschreiben kann. (Das brauchen wir im \u00dcbrigen auch f\u00fcr Klassenverh\u00e4ltnisse. Und f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von Ethnisierungsprozessen, also auch, um Rassismus verstehen und bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Aber immerhin: Es gibt einen Anarchismus-Feminismus! Diese praktisch-theoretische Str\u00f6mung schlie\u00dft einerseits an die irgendwann verebbten Debatten um den Anarchafeminismus der 1980er Jahre an. Der Anarchismus-Feminismus ist aber auch Teil des <\/span><span lang=\"de-DE\">Third Wave-Feminism<\/span><span lang=\"de-DE\">, also jener Str\u00f6mungen innerhalb des Feminismus, die seit den fr\u00fchen 1990er Jahren Zweigeschlechtlichkeit abschaffen wollen, anstatt sie mit anderen als patriarchalen Werten zu f\u00fcllen und mit anderen Praktiken zu leben. Queer-Feminismus, Zweigeteiltes vervielfachen, Dualismen unterwandern, Binarit\u00e4ten durchkreuzen, das muss aus queer-feministischer Sicht bei den Beschreibungen beginnen. Jede Beschreibung ist eine Identifizierung ist eine Festlegung. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Und trotzdem bleibt die Frage, ob da nicht der Illusion aufgesessen wird, durch sprachliche Interventionen (\u201eKonzepte ablehnen\u201c) soziale Probleme l\u00f6sen zu wollen. Oder anders formuliert: Es stellt sich die ernsthafte Frage, ob nicht im Kampf gegen Herrschaft eine Benennung von Herrschenden im Gegensatz zu den Beherrschten \u2013 auch wenn die Grenzen manchmal flie\u00dfend verlaufen \u2013 unabdingbar ist. Selbst ein Postanarchismus, der den queeren Konzepten gerade deshalb nicht abgeneigt ist, weil sie sich weigern, den abgelehnten patriarchalen Verh\u00e4ltnissen einfach spiegelbildlich neue, selbstbewusste Weiblichkeiten und sanfte M\u00e4nneridentit\u00e4ten entgegenzusetzen, sollte es sich nicht nehmen lassen, analytisch Freund und Feind \u2013 gerne auch Freund*in und Feind*in \u2013 auseinanderhalten zu k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der profeministische M\u00e4nnerrundbrief war noch klar getragen von der Notwendigkeit bin\u00e4rer Konzepte. Schlie\u00dflich war er mit gutem Grund ein profeministischer M\u00e4nnerrundbrief und nicht einfach nur ein profeministischer Rundbrief. Der gute Grund war das Anliegen einer Sensibilisierung f\u00fcr Geschlechterungerechtigkeit auch bei jenen, die von ihr tendenziell profitieren. Der profeministische M\u00e4nnerrundbrief war Teil eines relativ kurzzeitigen, genderpolitischen Aufbruchs in der radikalen Linken. Dieser ging mit den Anf\u00e4ngen der (profeministischen) kritischen M\u00e4nnerforschung an den Universit\u00e4ten einher. Der M\u00e4nnerrundbrief wurde erst in Hamburg, dann in M\u00fcnster herausgegeben und erschien als Zeitschrift zwischen 1993 und 2002 mit insgesamt 17 Ausgaben.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon die anarchistisch gesinnten Frauen w\u00e4hrend der Spanischen Revolution von 1936 hatten aus genau diesen Gr\u00fcnden ihre eigene Organisation gegr\u00fcndet, die Mujeres Libres (\u201eFreie Frauen\u201c). Und sie hatten die M\u00e4nner der Bewegung wegen ihres Machismo in die Pflicht genommen. 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