{"id":22445,"date":"2020-10-21T18:05:30","date_gmt":"2020-10-21T16:05:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22445"},"modified":"2022-07-26T13:49:47","modified_gmt":"2022-07-26T11:49:47","slug":"von-schweinen-und-stoischen-hoffnungstraegern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/von-schweinen-und-stoischen-hoffnungstraegern\/","title":{"rendered":"Von Schweinen und stoischen Hoffnungstr\u00e4gern"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-23483 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-724x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-724x1024.jpg 724w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-300x424.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-600x848.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-768x1086.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-1086x1536.jpg 1086w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-1448x2048.jpg 1448w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-106x150.jpg 106w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/RAB-PLAKAT_A4-scaled.jpg 1132w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/>Regisseurin Yulia Lokshina findet mit der ersten Einstellung, sich balgenden Schweinen, einen eigenen Jargon, eine eigene Sprache. Die Schweine sind Metapher f\u00fcr das was kommt, eine 90min\u00fctige Aufzeichnung aus dem Normalbetrieb des Schweinesystems, f\u00fcr Menschen, die wie Schweine behandelt werden und f\u00fcr die Schweine in den Vorst\u00e4nden der Ausbeuter. Lokshina erz\u00e4hlt ohne Aufregung von Dingen, \u00fcber die man sich nur aufregen kann, die Langsamkeit der narrativen Entfaltung ist bewusst gew\u00e4hlt, aufregen soll nicht die Form, sondern der Inhalt. Das ist ein weises Konzept, auch wenn Lokshina es mit den kontemplativen Parts in einigen Einstellungen etwas \u00fcbertreibt.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwo in diesen Schlachthallen hat Stanislaw gearbeitet. Er war an dieser Maschine gestanden, die den Rumpf vom Kopf trennt und schickte da die Schweine durch. Erinnerst du dich? Und dann verhakte sich sein Kittel oder ein Handschuh oder seine Riemen, oder er wollte etwas rausholen, da hinten aus der Maschine\u201c sind die ersten S\u00e4tze des Films, der dem Fall nachgeht, aber bald von dem Einzelschicksal abstrahiert und zeigt, dass es sich um ein solches gerade nicht handelt.<\/p>\n<p>Lokshina zeigt russische Arbeiter, die sich selbst als \u201ewei\u00dfe Nigger\u201c bezeichnen, Integrationsbem\u00fchungen und in der emotionalen Schl\u00fcsselszene des Films eine Frau, die vom herzzerrei\u00dfenden Fall Mihaelas erz\u00e4hlt, die vor \u00dcberforderung, Angst und Verzweiflung ihr kurz zuvor in einer Garage geborenes Kind nahe einem Elektronikmarkt aussetzt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/_wBQOrCDQhs\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p>Trailer zum Film &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zVBnGEzBUw8\">Youtube<\/a><\/p>\n<p>Thematisch ist das Feld damit abgesteckt, es geht um die Ausbeutung haupts\u00e4chlich osteurop\u00e4ischer Arbeitsmigranten und den Umgang der einheimischen Bev\u00f6lkerung mit diesen Gastarbeitern. Wer sich hierzulande \u00fcber die \u00fcblen Zust\u00e4nde bei chinesischen Wanderarbeitern erregt, lernt in <em>Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit,<\/em> dass es derartiges auch in westlichen kapitalistischen Zentren wie der BRD gibt.<\/p>\n<p>Das ist thematisch nat\u00fcrlich nichts Neues und wer sich nur etwas f\u00fcr die Welt au\u00dferhalb seiner social-media-Blase interessiert, wird derartige Geschichten und auch Dokumentarfilme dar\u00fcber schon zuhauf gesehen haben. Lokshinan gibt sich aber mit blo\u00dfer Dokumentation der Zust\u00e4nde nicht zufrieden, sondern f\u00fchrt mit einer M\u00fcnchner Schul-Theatergruppe, die sie beim Proben des Brecht-St\u00fcckes \u201eDie heilige Johanna der Schlachth\u00f6fe\u201c beobachtet, nicht nur eine Reflexionsebene ein, sondern er\u00f6ffnet damit einen viel weiter gehenden Diskursraum.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-22449 size-large\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM-600x337.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/01REGELN_AM_BAND__wirFILM.jpg 1151w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00aeJIP Film<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der junge Theaterleiter, der seinen jugendlichen Schauspielern die Intention des St\u00fcckes versucht zu erkl\u00e4ren, ihnen die Notwendigkeit von Klassenkampf aus Brechts Sicht darlegt und Verblendungszusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt, dabei aber haupts\u00e4chlich auf G\u00e4hnen und versteinerte Gesichter trifft, verzweifelt schlie\u00dflich und ruft den stoischen Hoffnungstr\u00e4gern zu: \u201eIch warte ehrlich gesagt ein bisschen auf Widerworte. Wir spielen ein krass linksradikales, marxistisches St\u00fcck! Ich wei\u00df nicht, ob ihr alle so drauf seid?\u201c Keine nennenswerte Reaktion.<\/p>\n<p>So gelingt es dem Film nicht nur das auch in der BRD unendlich harte Leben derjenigen zu zeigen, die f\u00fcr Hungerl\u00f6hne die Plackerei erledigen, die die Sch\u00fcler des Gymnasiums Neubiberg bei guter F\u00fchrung ihr Leben lang nur vom H\u00f6rensagen kennen werden, die aber gleichzeitig dazu f\u00fchrt, dass alle immer frisches, g\u00fcnstiges Fleisch beim Metzger kaufen k\u00f6nnen, sondern auch deutsche Gymnasiasten beim Erstkontakt mit so etwas wie kritischem Denken.<\/p>\n<p>Lokshinas Film n\u00e4hert sich den Schweinereien der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ohne \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu moralisieren oder sich auf eine Perspektive festzulegen und dass in einer solchen Produktion, die immerhin auf einem einigerma\u00dfen bekannten Festival vertreten ist, \u00fcberhaupt ein auch so formulierter antikapitalistischer Standpunkt stattfinden darf, ist eine h\u00fcbsche und erfreuliche Seltenheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regisseurin Yulia Lokshina findet mit der ersten Einstellung, sich balgenden Schweinen, einen eigenen Jargon, eine eigene Sprache. 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