{"id":22485,"date":"2020-05-30T20:18:27","date_gmt":"2020-05-30T18:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22485"},"modified":"2022-01-27T13:02:45","modified_gmt":"2022-01-27T11:02:45","slug":"frauenbewegung-und-selbstorganisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/frauenbewegung-und-selbstorganisation\/","title":{"rendered":"Frauenbewegung und Selbstorganisation"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>GWR:<\/b><\/span><\/span><\/span><strong><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Anfang Januar 2018 lehnte der Sejm [eine der beiden Kammern des polnischen Parlaments \u2013 M.K.] erneut das Projekt \u201eRetten wir die Frauen!\u201c zur Liberalisierung der Anti-Abtreibungsgesetze ab. Stattdessen wurde das \u201eStopp Abtreibung\u201c-Projekt von \u201eOrdo Iuris\u201c zur Diskussion gestellt (vgl. GWR 425). Dies f\u00fchrte zu weiteren Protesten, vor allem von Frauen, die im Kampf f\u00fcr ihre Reproduktionsrechte den Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungen fordern. Auch die Mitglieder der Basisgewerkschaft \u201eArbeiter-Initiative\u201c nahmen an den letzten Protesten teil, wie z.B. im Januar in Warschau. Und das nicht zum ersten Mal. Wie engagiert(e) sich die \u201eArbeiter-Initiative\u201c bei den Protesten und dem Frauenstreik?<\/span><\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>Agnieszka Mr\u00f3z: <\/b>Die IP-Gewerkschafterinnen nehmen seit 2016 an den Protesten gegen die Versch\u00e4rfung der Abtreibungsgesetze aktiv teil.<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Unsere Genossinnen, die als Erzieherinnen in Kinderkrippen oder als Angestellte im Gastronomie- und Kultursektor arbeiten, gingen am 3. Oktober 2016 [sog. \u201eSchwarzen Montag\u201c \u2013 M.K.],<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> dem Tag der gr\u00f6\u00dften Mobilisierungen<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> (vgl. GWR 413), auf die Stra\u00dfen<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times-Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">. Ich bin aktives IP-Mitglied und arbeite im Amazon-Lager in der N\u00e4he von Pozna\u0144. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Am \u201eSchwarzen Montag\u201c waren auch einige meiner Arbeitskolleginnen beteiligt. Es gab eine Mobilisierung in \u00fcber 150 St\u00e4dten und Gemeinden, wo wir als die IP aktiv sind. Wir waren vor Ort, haben bei den Kundgebungen Reden gehalten, die f\u00fcr diesen Anlass von uns vorbereitete Zeitung verteilt, Transparente gemalt.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die letzten Proteste im Januar 2018 fanden haupts\u00e4chlich in Warschau statt. Sie zielten in erster Linie auf Parlamentarier verschiedener politischer Richtungen, die bei der letzten Abstimmung im Sejm Fraueninteressen verrieten. Obwohl das \u201eStopp Abtreibung\u201d-Projekt zur weiteren Diskussion ins Parlament ging, hat dies momentan keine gro\u00dfe Bedeutung, weil es (hoffentlich) lange dort steckenbleiben wird. Deshalb war die Mobilisierung zuletzt nicht so gro\u00df, denn jetzt ist es eher ein politisches Spiel. Die politische Atmosph\u00e4re scheint derzeit so zu sein, dass der Frauenstreik eine solche soziale St\u00e4rke zeigt, dass die rechte Regierung [\u201eGerecht und Gerechtigkeit\u201d,<\/span><\/span><\/span><b> <\/b><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">\u201ePrawo i Sprawiedliwo\u015b\u0107\u201d, PiS &#8211; M.K.] zwei Jahre vor der Wahl keine weitere Welle der Unzufriedenheit riskieren wird.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Frauenproteste in Polen haben nicht 2016 begonnen &#8211; sie finden seit Jahren in verschiedenen Bereichen statt. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times-Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zum Beispiel haben die Frauen aus den Kinderkrippen in Pozna\u0144, die in unserer Gewerkschaft seit 2011 organisiert sind, viel erk\u00e4mpft, u.a.<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Lohnerh\u00f6hungen, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, aber auch das Blockieren der Privatisierungsprozesse der \u00f6ffentlichen Kinderkrippen. Die Wellen der Proteste von Krankenschwestern, k\u00fcrzlich auch von Supermarktarbeiterinnen, Sozialarbeiterinnen, Betreuerinnen der Kinder mit Behinderung und anderen, sind \u00fcber Polen gegangen. Meistens wurden diese Proteste nicht strikt feministisch bezeichnet, aber es war uns klar, dass sie wichtige Fragen der sozialen Gerechtigkeit ber\u00fchrten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zum Beispiel waren die Forderungen der Erzieher*innen aus den Kinderkrippen nicht auf Probleme am Arbeitsplatz beschr\u00e4nkt. Die Frauen aus mehreren Kinderkrippen<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times-Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> in Pozna\u0144 forderten gemeinsam <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">die \u00c4nderung der Haushalts- und Sozialpolitik der Stadt, als Widerstand gegen die Marginalisierung der Bereiche, denen Frauen zugeordnet werden, u.a. Pflege, Soziales, Bildung, Kultur. Sie thematisierten auch \u00f6ffentlich, dass normalerweise auf ihren Schultern die Familienpflichten und der damit verbundene Familienunterhalt ruhen. Also werden sie nicht aufh\u00f6ren, f\u00fcr den allgemeinen Zugang zu medizinischer Versorgung mit der M\u00f6glichkeit des Schwangerschaftsabbruchs zu k\u00e4mpfen. Das bedeutet f\u00fcr uns Feminismus.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Eine Genossin hat gerade einen Film \u00fcber diesen Kampf gedreht, der am 17. Februar 2018 <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times-Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">in Pozna\u0144 <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Premiere hatte. Im Film ist zu sehen, dass wir durch den Konflikt um die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsrechts in Verbindung mit den sozialen und arbeitsrechtlichen Forderungen unsere St\u00e4rken erkannten, so dass wir eine reale Bedrohung f\u00fcr die herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse darstellen k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Debatte \u00fcber die Versch\u00e4rfung der Abtreibungsgesetze und die damit einhergehenden Frauenproteste, die seit 2016 stattfinden, erreichten ihren H\u00f6hepunkt im Oktober 2016. Das Thema \u201eAbtreibung\u201d hat in Polen immer wieder Kontroversen ausgel\u00f6st, aber solche <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Proteste <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">wie beim Frauenstreik hatten wir vorher nicht. Was hat die Intensivierung der Proteste beeinflusst und in Konsequenz zum landesweiten Frauenstreik gef\u00fchrt?<\/span><\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich denke, dass der Versuch, ein totales Verbot des Abtreibungsrechts einzuf\u00fchren, vielen von uns die Augen ge\u00f6ffnet hat. Die Diskussionen im Sejm waren erschreckend in dem Sinne, dass sie zeigten, dass Politiker*innen Gesetze schaffen, die nicht auf Wissen, sondern auf ihrem Glauben und ihren Vorurteilen gegen\u00fcber Frauen beruhen. Viele von uns wissen bereits, dass wir nicht mehr in Zeiten leben, in denen wir auf die Herren aus der Kanzel h\u00f6ren m\u00fcssen, die uns mit der H\u00f6lle drohen. Viele Frauen sind nicht mehr damit einverstanden, dass jemand f\u00fcr uns entscheidet, also die M\u00e4nner im Sejm und in der Kirche. Es ist sicherlich eine Frage der Generation. An dem Frauenstreik haben sich neben den \u00e4lteren Frauen auch viele j\u00fcngere beteiligt, die z. B. schon im Ausland gearbeitet haben und sahen, wie allgemein zug\u00e4nglich die \u201ePille danach\u201c oder allgemein die Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung ist. Es stellte sich pl\u00f6tzlich heraus, dass der \u201e[Abtreibungs-]Kompromiss\u201c, der zwischen Klerus und Politikern in den fr\u00fchen 90er Jahren ausgemacht wurde, f\u00fcr sie weit weg ist, dass \u2013 im Gegensatz zu dem, was die Herrschenden wollen \u2013 der gesamten Diskurs verschoben ist (vgl. GWR 425). Schon vor zehn Jahren wurde der \u201e[Abtreibungs-]Kompromiss\u201c vor allem von feministischen Gruppen in Frage gestellt, aber heute von mehr und mehr Menschen, sowohl im Mainstream, als auch in den Betrieben, an den Arbeitspl\u00e4tzen. Der Frauenstreik war der Moment, in dem wir sahen, wie viele wir sind und der die weiteren Proteste antrieb. Meine Genoss*innen \u2013 die noch nie in einer \u201ePro-Choice-Bewegung\u201c involviert waren \u2013 sagten nun: \u201eJedeR hat sein Gewissen und ist f\u00fcr sich selbst mit seinen eigenen Entscheidungen verantwortlich. Frauen m\u00fcssen etwas zu sagen haben: letztendlich sind sie diejenigen, die f\u00fcr viele Jahre die H\u00e4rten und Folgen von Schwangerschaft und Geburt tragen. Au\u00dferdem leben wir an der Halbperipherie Westeuropas, wo die Politiker*innen wollen, dass wir geb\u00e4ren, aber nicht an uns interessiert sind und unsere Arbeit nicht gut bezahlt wird.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Proteste haben sich \u00fcbers Internet verbreitet, brachen schnell in die Mainstream-Medien ein. Es half auch eine simple Idee, um mitzumachen: das Symbol des Frauenstreiks war schwarze Kleidung. Schwarz gekleidete Frauen fotografierten sich bei der Arbeit, posteten diese Fotos auf Facebook und f\u00fchlten, dass sie an etwas Wichtigem teilnahmen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Laut Soziolog*innen nehmen an den Protesten viele bislang politisch inaktive Frauen (und M\u00e4nner) teil, die sich ab 2016 \u201evon unten\u201c zu organisieren begannen, um ihren Widerstand gegen die Versch\u00e4rfung des Anti-Abtreibungsgesetzes zu zeigen. Bislang waren es in der Regel feministische Kreise, die aktiv f\u00fcr die Reproduktionsrechte der Frauen k\u00e4mpften. Was hat sich ge\u00e4ndert? Was hat dazu gef\u00fchrt, dass andere (auch au\u00dferparlamentarische) soziale Gruppen sich Protesten angeschlossen haben?<\/span><\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Das stimmt. Es war das Ph\u00e4nomen und die St\u00e4rke dieses Protestes, dass Frauen von au\u00dferhalb der Hauptstadt und feministischen Gruppen auf die Stra\u00dfe gingen. Der Protest hatte eine enorme Gr\u00f6\u00dfe, und sein charakteristisches Element war, dass M\u00e4rsche und Kundgebungen in zig St\u00e4dten in Polen stattfanden \u2013 sowohl in den Gro\u00df- und Kleinst\u00e4dten, als auch in den Gemeinden. In manchen St\u00e4dten waren es oft die ersten bedeutenden \u00f6ffentlichen Versammlungen nach 1989. Dieser Protest wurde nicht von der b\u00fcrgerlichen Mittelschicht dominiert, was ihn von vielen fr\u00fcheren feministischen Initiativen unterscheidet. Es muss jedoch auch zugegeben werden, dass es Jahre gab, in denen die sog. Manifas [sog. Manifa \u2013 eine feministische Demonstration zum 8. M\u00e4rz, die jedes Jahr landesweit in Polen stattfindet \u2013 M.K.] einen prosozialen und proarbeiterischen Charakter hatten, und auch dann nahmen die Arbeiterinnen an ihnen teil. Ich habe einige Interviews mit IP-Genossinnen gef\u00fchrt und sie gefragt, was sie dazu brachte, auf die St<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Times-Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">ra\u00dfe zu gehen. Alle sagten, dass dieser Angriff auf die Frauenrechte nur \u00d6l ins Feuer gie\u00dft, vor allem nach vielen Jahren Schufterei auf Basis von sog. \u201eM\u00fcllvertr\u00e4gen\u201c (\u201eumowy \u015bmieciowe\u201c) [ein befristeter Arbeitsvertrag, der auch in Form eines Werk- oder D<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">ienstleistungsvertrags sein und zur erzwungenen Scheinselbst\u00e4ndigkeit f\u00fchren kann; oft ohne soziale Absicherung und Abgaben seitens der Arbeitgeber*innen \u2013 M.K.], mit niedrigen L\u00f6hnen, oft erzwungenen zwei Jobs, im Akkord \u00fcber eigene St\u00e4rke hinaus arbeiten zu m\u00fcssen, ohne Zugang zu medizinischer Versorgung, ohne Zugang zu bezahlbaren Kinderkrippen usw. Dies alles in Zeiten, als uns gesagt wurde, dass Polen die Krise 2008 gut \u00fcberstanden hat. Dies war der N\u00e4hrboden f\u00fcr die Proteste.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In den letzten 27 Jahren in Polen hat keine Regierung den neoliberalen Kurs der Privatisierung und des Sozialabbaus in Frage gestellt. Die Budgetk\u00fcrzungen f\u00fcr Schulen, Krankenh\u00e4user, Kinderg\u00e4rten, Kantinen, Gemeindezentren usw. f\u00fchren immer noch zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler Frauen und Arbeiterfamilien. Zwischen 1990 und 2005 sank die Zahl der \u00f6ffentlichen Kinderg\u00e4rten um 38% und die der Kinderkrippen um 74%. Der Anteil der Kinder, die au\u00dferschulische Aktivit\u00e4ten besuchen, ist von 50% in Grundschulen und 70% in Gymnasien auf nur noch 10% zur\u00fcckgegangen. Der Staat wendet sich von der Verpflichtung ab f\u00fcr \u00e4ltere Menschen und Kinder die Betreuung zu sichern und w\u00e4lzt es dadurch auf die Schultern von Frauen ab.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Kornelia, eine IP-Genossin, die als Sozialarbeiterin mit Obdachlosen arbeitet, erz\u00e4hlte mir, dass sie mit zehn Arbeitskolleginnen aus ihrem Sozialzentrum streikte: \u201eWir nehmen demonstrativ den Sonderurlaub! Ich bin eher im Alter einer Gro\u00dfmutter, aber das betrifft alle Frauen, unsere T\u00f6chter, Schwestern, Cousinen.\u201c Sie erkl\u00e4rte, dass es f\u00fcr sie klar ist, dass Abtreibung immer ein Dilemma und eine schwierige Entscheidung f\u00fcr eine Frau ist. Von daher muss man sie nicht noch zus\u00e4tzlich unterdr\u00fccken \u2013 \u201eArme Frauen, mit denen ich jeden Tag arbeite, werden noch mehr ausgeschlossen, weil sie nicht ins Ausland fahren k\u00f6nnen, um dort den Schwangerschaftsabbruch zu haben. In Polen mangelt es vielen Familien an \u00fcberlebensnotwendigen Mitteln, in Folge der Zwangsr\u00e4umungen werden Menschen auf den B\u00fcrgersteig gesetzt, aber niemand von der Regierung k\u00fcmmert sich darum.<\/span><\/span><\/span> <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie behandeln nicht nur Frauen, sondern ganze Familien wie eine Sache. Wir sind stinksauer!\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zusammen mit meinen <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">IP-Genossinnen<\/span><\/span><\/span> <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">bei Amazon <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">betonten wir, dass wir emp\u00f6rt sind \u00fcber die Zugangseinschr\u00e4nkung zu pr\u00e4natalen Untersuchungen und dass die Entscheidung \u00fcber die K\u00f6pfe der Frauen hinweg getroffen wird. Viele von uns arbeiten k\u00f6rperlich hart, auch in der Nachtschicht, schleppen Pakete, sollen vorgegebene Anforderungen erreichen, unter st\u00e4ndigem Druck, viele Kilometer machen. Die Art der Arbeit hat Einfluss auf unsere Gesundheit, es gibt das Risiko der Gef\u00e4hrdung der Schwangerschaft oder es kann dazu f\u00fchren, dass die Schwangerschaften f\u00fcr unsere Gesundheit oder unser Leben gef\u00e4hrlich sind. <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Es ist schwer sich vorzustellen, dass wir in einem Polizeistaat leben k\u00f6nnten<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">, der \u00fcber uns wachen wird, wenn eine von uns in solch eine ungewollte Schwangerschaft ger\u00e4t.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wer nimmt an den Demonstrationen und dem Frauenstreik teil? Welche sozialen Gruppen engagieren sich politisch im Kampf f\u00fcr Reproduktionsrechte der Frauen? Was ist ihre Motivation? Was sind ihre Forderungen?<\/span><\/span><\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich denke, dass Frauen in Polen seit langen auf ihre Weise streiken \u2013 sie bringen nicht so viele Kinder zur Welt. Wir haben eine der niedrigsten Geburtsraten in Europa. Und unabh\u00e4ngig davon, welche organisierten politischen Kr\u00e4fte sich f\u00fcr den Kampf um die Frauenrechte einsetzen, ist diese Geburtsverweigerung der Frauen entscheidend. Es f\u00fchrte dazu, dass das \u201eProgramm 500+\u201c eingef\u00fchrt wurde, was ein ziemlich hohes Kindergeld (in H\u00f6he von 1\/3 des Nettomindestlohns) darstellt, um uns zum Geb\u00e4ren zu bringen (vgl. GWR 425).<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: TimesNewRomanPSMT, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der \u201eFrauenstreik\u201c war ein guter Mobilisierungsslogan, der dazu diente, \u00c4rger auszudr\u00fccken und seinen wirtschaftlichen Hintergrund hervorzuheben. Es war keine formelle Organisation. Ein Streik ist eine Form des Drucks, der von Arbeiter*innen ausge\u00fcbt wird, in diesem Fall von Frauen, die sich weigern, die ihnen auferlegten Pflichten zu erf\u00fcllen. Der Streik lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unterordnung unseres Lebens nach den Regeln der Arbeit, einschlie\u00dflich der Reproduktionsarbeit. Ich denke, es ist wichtig, dass es die Idee eines Streiks war, auch wenn es tats\u00e4chlich Kundgebungen, Proteste, M\u00e4rsche, manchmal nach Feierabend waren, aber es funktionierte hier. Dies unterscheidet auch diese Frauenbewegung von der Bewegung, die von der liberalen Elite angef\u00fchrt wird, deren einziges Ziel es ist, die Macht zu \u00fcbernehmen, die derzeit von der PiS ausge\u00fcbt wird. Proteste gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsrechts waren lange Zeit in einer nicht hierarchischen Art und Weise organisiert, an der unterschiedliche Milieus und Menschen teilnahmen, ohne klare Anf\u00fchrerinnen.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Die Fortsetzung des Interviews erscheint im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/frauenbewegung-und-selbstorganisation-in-polen\/\">April 2018 in der Graswurzelrevolution Nr. 428<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Anfang Januar 2018 lehnte der Sejm [eine der beiden Kammern des polnischen Parlaments \u2013 M.K.] erneut das Projekt \u201eRetten wir die Frauen!\u201c zur Liberalisierung der Anti-Abtreibungsgesetze ab. 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