{"id":22578,"date":"2020-06-20T01:02:14","date_gmt":"2020-06-19T23:02:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22578"},"modified":"2020-06-28T15:11:07","modified_gmt":"2020-06-28T13:11:07","slug":"die-fleischindustrie-in-der-coronakrise%e2%80%86","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-fleischindustrie-in-der-coronakrise%e2%80%86\/","title":{"rendered":"Die Fleischindustrie  in der Coronakrise\u2006"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">In Coesfeld ist der Betrieb nach Einf\u00fchrung eines neuen Hygienekonzeptes am 20. Mai wieder aufgenommen worden, aber neue Verdachtsf\u00e4lle traten an anderen Orten auf. In den Niederlanden wurden noch in den letzten Maitagen wegen Verdachts auf Corona bzw. Verst\u00f6\u00dfen gegen Hygieneregeln Schlachth\u00f6fe geschlossen, die Probleme dauern also an.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als Gr\u00fcnde f\u00fcr die zahlreichen Verdachts- bzw. Erkrankungsf\u00e4lle werden die h\u00e4ufige Unterbringung der meist ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Arbeiter in Sammelunterk\u00fcnften mit mehrfach belegten Zimmern, der (teilweise) gemeinsame Transport zur Arbeitsst\u00e4tte, die dort herrschenden Arbeitsbedingungen sowie Sprachprobleme beim Verst\u00e4ndnis von Hygieneregeln genannt. Dies ist zwar alles seit Jahrzehnten bekannt, ge\u00e4ndert hat sich allerdings nicht viel. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Immer mehr, immer billiger\u201c<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es kann sich auch nicht viel \u00e4ndern, solange das Ziel eines hohen inl\u00e4ndischen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/das-schlachten-beenden\/\">Fleischkonsums<\/a> und einer Exportquote von 20% zu Billigpreisen verfolgt wird. Raum und Zeit sind teuer, und wenn die B\u00e4nder maximal ausgenutzt werden sollen, wenn pro Schwein zum (Ab)stechen nur zwei Sekunden eingeplant sind, wenn alles schnell weiterverarbeitet wird, dann m\u00fcssen die Arbeiter eng nebeneinander stehen. Die Ansteckungs- und die Verletzungsgefahr ist also systembedingt gro\u00df. \u00dcberlange Arbeitszeiten, Arbeitstempo, Stress und psychische Belastungen durch die T\u00e4tigkeit selbst schw\u00e4chen die Immunabwehr. Eine Einzelunterbringung der Arbeiter und damit h\u00f6here Mieten w\u00e4ren \u2013 so der Verband der Deutschen Fleischwirtschaft \u2013 f\u00fcr einen Teil der Betriebe existenzgef\u00e4hrdend \u2013 eine Folge des Prinzips \u201eImmer mehr, immer billiger\u201c. Direkt am Tier als Treiber, Stecher usw. arbeiten in Schlachth\u00f6fen nur M\u00e4nner; Frauen werden \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 in den nachgeordneten Bereichen Verpackung oder Transport (Kisten schleppen) eingesetzt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dass es mit der Befolgung von Vorschriften und mit Kontrollen in Schlachth\u00f6fen nicht weit her ist, zeigen die seit Jahrzehnten dokumentierten Tierqu\u00e4lereien. Laut NDR vom 6.5.2020 gab es z.B. bei 62 nieders\u00e4chsischen kontrollierten Betrieben 58 Verst\u00f6\u00dfe. Die freiwillig (!) installierten Videokameras waren fast alle nach kurzer Zeit wieder abgeschaltet worden. <\/span><\/p>\n<h5 align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Fleischkonsum und Corona-Pandemie<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Hat nun die Verarbeitung oder der Konsum von Fleisch etwas mit der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/die-neoliberale-pandemie\/\">Corona-Pandemie<\/a> zu tun? Im direkten Sinne einer unmittelbaren Infektion bei der Produktion wohl nicht, in einem weiteren Sinne allerdings schon. Corona geh\u00f6rt zu den Zoonosen, Krankheiten, die ihren Ursprung in Tieren haben, wie Aids, Ebola, Vogelgrippe, SARS und MERS. Der Ursprung des Coronavirus SARS-CoV-2 wird in Flederm\u00e4usen vermutet. Als Zwischenwirt soll das Pangolin dienen, ein Schuppentier, das trotz seines Schutzstatus \u2013 wie viele andere sog. Wildtiere \u2013 wegen seines Fleisches und seiner Schuppen massenhaft gez\u00fcchtet und auch auf dem legend\u00e4ren \u201ewet market\u201c in Wuhan angeboten wird. H\u00e4tte man diese Tierart in Ruhe in ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung leben lassen, w\u00e4re eine \u00dcbertragung des Corona-Virus auf Menschen unwahrscheinlicher gewesen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es wird gesch\u00e4tzt, dass in Tieren etwa 600.000 unerforschte Viren existieren, die das Potential haben, auf Menschen \u00fcberzuspringen. Wildtiere beherbergen im Durchschnitt laut einer aktuellen Studie der \u201eRoyal Society\u201c nur 0,23 zoonotische Viren, domestizierte Arten 19,3, Schweine und Rinder 31. In der industriellen Massentierhaltung werden die sog. \u201eNutztiere\u201c genetisch m\u00f6glichst einheitlich auf bestimmte Merkmale gez\u00fcchtet, was die Ausbreitung von Viren beg\u00fcnstigt, wohingegen genetische Vielfalt eine Virenausbreitung begrenzen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Mit der Tierhaltung, insbesondere der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/gemeinsam-gegen-die-tierindustrie\/\">Massentierhaltung<\/a>, ist also prinzipiell eine Gef\u00e4hrdung verbunden, indem Viren auf den Menschen \u00fcberspringen und dann von Mensch zu Mensch weitergegeben werden k\u00f6nnen. Gef\u00f6rdert wird dies durch das intensive Durchdringen der Lebensr\u00e4ume von Wildtieren, vermehrten Transport von Tieren und Tierprodukten und die Industrialisierung der Nutztierhaltung, u.a. durch die angesprochenen Zuchtziele. So sieht auch der Virologe Prof. Christian Drosten in der Massentierhaltung eine st\u00e4ndige Quelle von zoonotischen Epidemien.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Als k\u00fcrzlich der Tod eines zur <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/der-spargel-streik\/\">Spargelernte eingereisten rum\u00e4nischen Arbeiters<\/a> durch Corona bekannt wurde, verbanden viele Kommentator*innen im Netz ihre \u00c4u\u00dferungen von Beileid oder Emp\u00f6rung \u00fcber die Arbeitsbedingungen mit der Ank\u00fcndigung, k\u00fcnftig keinen Spargel mehr zu konsumieren. Solche Reaktionen waren auf die Berichte \u00fcber die Erkrankten in den Schlachtbetrieben nicht zu lesen. Dabei ist Kaufzur\u00fcckhaltung ein erprobtes Mittel, das Verschwinden fragw\u00fcrdiger Produkte bzw. Produktionsmethoden oder Arbeitsbedingungen zu bewirken. Beim Thema Fleisch scheinen moralische Bedenken aber deutlich weniger zu wiegen als bei anderen Konsumentscheidungen. <\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Renate Brucker<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Coesfeld ist der Betrieb nach Einf\u00fchrung eines neuen Hygienekonzeptes am 20. Mai wieder aufgenommen worden, aber neue Verdachtsf\u00e4lle traten an anderen Orten auf. In den Niederlanden wurden noch in den letzten Maitagen wegen Verdachts auf Corona bzw. Verst\u00f6\u00dfen gegen Hygieneregeln Schlachth\u00f6fe geschlossen, die Probleme dauern also an. 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