{"id":22597,"date":"2020-06-20T01:01:16","date_gmt":"2020-06-19T23:01:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22597"},"modified":"2020-06-20T01:01:16","modified_gmt":"2020-06-19T23:01:16","slug":"rojava-ypg-j-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/rojava-ypg-j-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken\/","title":{"rendered":"Rojava\/YPG\/J:  Der milit\u00e4rischen Niederlage ins Auge blicken!"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der Schweizer Journalist Manuel Frick bereiste Ende 2018 das nord\u00f6stliche Rojava um Qamischli. Er besuchte eine f\u00fcr ihn beeindruckende, aus ca. 100 Frauen und M\u00e4nnern bestehende gemischte Theatergruppe in der Stadt sowie das Ende 2016 von Frauenorganisationen der PYD [Partei der Demokratischen Union] gegr\u00fcndete Frauendorf Jinwar. Es sollte eine Art Frauenhaus-Dorf als Zuflucht vor M\u00e4nnergewalt und noch immer patriarchalen traditionellen Strukturen werden. <\/span><span lang=\"de-DE\">Dass Frauen in Rojava eine im Zivilleben neue Anerkennung erfahren haben, bestreiten weder Frick noch ich, auch wenn es da noch viel zu tun gebe: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u201eIst man bei einer Familie zu Gast, k\u00fcmmern sich die Frauen ums Kochen und die M\u00e4nner um die Unterhaltung. Ein Blick in jedes Teehaus in Qamischli zeigt: Es sind ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, die sich ihre Zeit mit Wasserpfeife und Kartenspiel vertreiben.\u201c (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die PYD-Dorfverantwortliche f\u00fcr Jinwar, Rumet Heval, erkl\u00e4rte Frick gegen\u00fcber in folgender, f\u00fcr Rojava typischer Reihenfolge: \u201eDie kurdische Frauenbewegung ist vor allem durch die YPJ [Yek\u00eeney\u00ean Parastina Jin; Volksverteidigungseinheiten der Frauen] ber\u00fchmt geworden. Neben der milit\u00e4rischen hat die Revolution aber auch eine gesellschaftliche Seite\u201c, auf der \u201eein neues Verst\u00e4ndnis vom Zusammenleben der Geschlechter\u201c entstehen soll \u2013 ganz so, als sei die milit\u00e4rische Frauenemanzipation die Vorbedingung der gesellschaftlichen. Genau diese Vorbedingung soll hier hinterfragt werden.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">YPG\/YPJ-Niederlage VI: <\/span><span lang=\"de-DE\">P\u0131nar Seleks Kritik an den YPJ, das Sexualit\u00e4tsverbot und die Rekrutierung minderj\u00e4hriger M\u00e4dchen<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die gewaltfrei-libert\u00e4re, queerfeministische Aktivistin P\u0131nar Selek, die in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen gefoltert wurde und heute im franz\u00f6sischen Exil lebt, charakterisiert die Situation der Frauen innerhalb der YPJ und der PYD wie folgt:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"> \u201eAus meiner Sicht ist die PYD eine sehr hierarchische und patriarchale Organisation, absolut nicht libert\u00e4r und nicht feministisch. Ja, die Frauen besitzen eine bestimmte Form der Gleichheit und sie sind ziemlich sichtbar, aber in Rojava haben sie nur einen Platz, wenn sie sich an die Richtlinien der Organisation anpassen.\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das ist historisch vergleichbar mit Frauenorganisationen innerhalb kommunistischer Parteien \u2013 und gerade keine Frauenautonomie. Aus dieser Parteisozialisation erkl\u00e4ren sich auch Stellungnahmen zum Feminismus der YPJ wie etwa von der Ko-Vorsitzenden der PYD, Asya Abdullah, 2014 befragt vom Journalisten Thomas Schmidinger nach dem Referenzpunkt Abdullah \u00d6calan f\u00fcr ihren Feminismus: \u201eDie Frauen hier waren nicht stark genug, um zu sagen: \u201aIch bin Feministin\u2019. Wie der Feminismus agieren sollte, ist fast alles in seinen [\u00d6calans] Schriften zu finden.\u201c (2)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Gepr\u00e4gt sind die PYD und die YPJ nach P\u0131nar Selek von der langj\u00e4hrigen Geschichte der urspr\u00fcnglich marxistisch-leninistischen PKK, auch wenn sie heute nicht mehr deckungsgleich mit der PKK sind:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"> \u201eNach dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4rputsch 1980 war die t\u00fcrkische Linke dezimiert, aber der PKK gelang es, ihren bewaffneten Kampf aufrecht zu erhalten, weil sie grenz\u00fcbergreifende Beziehungen zu den Kurd*innen im Irak, in <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/krieg-in-syrien-2\/\">Syrien<\/a> und im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/massenproteste-im-iran\/\">Iran<\/a> aufgebaut hatte. Die erm\u00f6glichten es ihr, mit Waffen versorgt zu werden. Die Pr\u00e4senz dieser Bewegung des bewaffneten Kampfes hat die Institutionalisierung der Repression auf Seiten des t\u00fcrkischen Staates legitimiert. Tats\u00e4chlich ist die PKK im Grunde eine sehr hierarchisch aufgebaute Organisation. In ihrem internen Aufbau finden sich die Typologien aller Totalitarismen \u2013 mit einer einheitlichen Ideologie und einem einzigen F\u00fchrer.\u201c (3)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">So gibt es nach Selek einige antiemanzipatorische Charakteristika, die die YPJ von der PKK-Tradition, in der es ja seit langem separate Frauenmilizen gegeben hatte, bis in die Gegenwart \u00fcbernommen haben: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u201eDie Bewegung [in Rojava] fordert, dass die Frauen getrennt von den M\u00e4nnern leben, dass sie ihren eigenen Raum einhalten und sich nicht mit ihnen mischen. Klar, wir reden hier von einer Kriegssituation, aber man muss doch daran erinnern, dass innerhalb der Guerilla Sexualit\u00e4t verboten ist. Im Falle von sexuellen Beziehungen gibt es Strafen, die vom Ausschluss bis zum Tod reichen k\u00f6nnen.\u201c (4) <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nur unter milit\u00e4rischen Gesichtspunkten ist das Sexualit\u00e4tsverbot zweckrational: Es verhindert die innere Zersetzung des Milit\u00e4rs und seiner Schlagkraft. Traditionell hei\u00dft das \u201eWehrkraftzersetzung\u201c, deshalb auch die Todesstrafe als ultimative Sanktion. <\/span><span lang=\"de-DE\">Trotzdem ist dieses militaristisch-reaktion\u00e4re Sexualit\u00e4tsverbot, das in den YPJ bei Gelegenheit gern als separatistischer Feminismus verkauft wird, sich aber strukturell mit den Sexualit\u00e4tsverboten in reaktion\u00e4r-islamistischen Zusammenh\u00e4ngen vergleichen l\u00e4sst, von der europ\u00e4isch-linken Solidarit\u00e4tsbewegung mit Rojava in all den Jahren nie als patriarchales Problem betrachtet oder gar kritisiert worden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Auf ein weiteres antiemanzipatorisches Ph\u00e4nomen in den YPJ will ich hinweisen: das auff\u00e4llig junge Alter vieler YPJ-K\u00e4mpferinnen, vor allem in den ersten Jahren der Rojava-Guerilla. In der europ\u00e4ischen und Antifa-Solidarit\u00e4t ging das mit einer problematischen Heldinnen-Ikonographie einher, die auch sexualisierte Fantasien transportierte: die attraktive, s\u00fcdl\u00e4ndische Guerilla-K\u00e4mpferin mit dem Gewehr in der Hand. <\/span><span lang=\"de-DE\">Thomas Schmidinger verwendet dagegen den Begriff \u201eKindersoldatinnen\u201c (5). Immerhin gibt das Shahida Adalat, eine YPJ-Kommandantin, befragt im Februar 2014, als Problem zu: <\/span>\u201e<span lang=\"de-DE\">Fr\u00fcher haben wir j\u00fcngere genommen, aber heute k\u00f6nnen sie zwar schon mit siebzehn mit dem Training beginnen, werden aber erst mit achtzehn eingesetzt. Wir versuchen das jetzt konsequent durchzusetzen.\u201c (6) <\/span><span lang=\"de-DE\">Aus meiner Sicht spricht das eher die Sprache einer Instrumentalisierung von Frauen anstatt f\u00fcr die YPJ als emanzipative Speerspitze des autonomen Feminismus. Hat vielleicht die Frauenorganisierung, besonders von sehr jungen Frauen, in separate Einheiten bei den YPJ einen anderen Zweck? Tragen sie etwa im Rahmen einer milit\u00e4rischen Strategie zur Mobilisierung des gesamten Volksk\u00f6rpers bei, weil nur die M\u00e4nner quantitativ zur milit\u00e4rischen Verteidigung nicht ausreichen? <\/span><span lang=\"de-DE\">P\u0131nar Selek abschlie\u00dfend zum mittlerweile jahrzehntelangen Militarismus in der T\u00fcrkei und in Syrisch-Kurdistan: <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">\u201eWenn du anf\u00e4ngst, Waffen zu benutzen, musst du dir eine Struktur geben wie eine Armee. Die Gewalt zerst\u00f6rt uns. Ich kenne keine libert\u00e4re Transformation, die sich auf eine Armee st\u00fctzt.\u201c (7)<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Utopie I: Emanzipation an einem anderen Ort oder R\u00fcckkehr unter ver\u00e4nderten Bedingungen?<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich will diese Artikelserie durch utopische Erw\u00e4gungen abschlie\u00dfen, die f\u00fcr den Anarchismus unverzichtbar sind, aber in der Diskussion mit orthodoxen Linken schon im Ansatz durch realpolitische Abwehr verhindert werden. In <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken-2\/\">Teil 2<\/a> hatte ich die Massenflucht aus Rojava als gewaltfreie Alternative dargestellt \u2013 nicht etwa als leichtfertige Aufgabe des eigenen Territoriums, sondern in einer Situation, in der gerade die milit\u00e4rische Selbstverteidigung versagt hat und gro\u00dfe Teile des eigenen Territoriums verloren wurden. Wenigstens weitere Todesopfer konnten so verhindert und Menschenleben gerettet werden.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bestimmte Regionen im Mittleren Osten, im Sahel und anderen Regionen des Trikont werden immer unlebbarer, ob durch die permanenten Kriege oder durch den Klimawandel: In sich ausbreitenden W\u00fcsten und durch Krieg zerst\u00f6rten Gebieten kann keine freie Gesellschaft aufgebaut werden. Formen der Massenflucht nach Europa werden also perspektivisch weitergehen \u2013 und wir k\u00f6nnen nur in antirassistischen K\u00e4mpfen und in der Solidarit\u00e4t mit <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/seebruecke\/\">\u201eSeebr\u00fccke\u201c<\/a>-Schiffen dazu beitragen, dass die Fl\u00fcchtenden nicht durch Milizen vor Ort oder durch die Grenzen nach Europa aufgehalten werden, sondern dass sich der Herbst 2015 noch m\u00f6glichst viele Male wiederholt. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir \u00fcber Utopien der Flucht nachdenken. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Der libert\u00e4re Ethologe und Philosoph Henri Laborit (1914-1995) schrieb in seiner \u201e\u00c9loge de la fuite\u201c (Lob der Flucht): <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\" align=\"justify\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Diese Modelle sind nicht genauso verwirklichbar, wie sie sich der Mensch vorgestellt hat \u2013 das bemerkt er sofort, wenn er versucht, sie zu verwirklichen. Der Irrtum besteht darin, sich hartn\u00e4ckig die Verwirklichung des Unverwirklichbaren in den Kopf zu setzen und sich zu weigern, neue Elemente in die Gleichung einzusetzen, die die Theorie nicht vorhersah. Nicht die Utopie ist aber deshalb gef\u00e4hrlich, sie ist f\u00fcr die Evolution unverzichtbar. Es ist der Dogmatismus, den einige benutzen, um ihre Macht, ihre Vorrechte und ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten.\u201c (8)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es gibt bereits eine gro\u00dfe Exil- oder Diasporagemeinde von Rojava-Kurd*innen in Europa, die den neu Gefl\u00fcchteten helfen und sie integrieren. Kann aus der quantitativen St\u00e4rkung dieser Diaspora vielleicht eine neue politische Utopie hervorgehen, eine Art kurdische Selbstverwaltung am anderen Ort? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das gro\u00dfe historische Beispiel aus dem Ende des 19. Jh. ist die \u00f6rtliche Verlagerung der j\u00fcdischen kommunit\u00e4ren Utopie von der pogromartigen Verfolgung der j\u00fcdischen Gemeinschaften in Osteuropa, vor allem im Zarismus, bis hin zur teilweisen Verwirklichung dieser Utopie in den Kibbuzim Anfang des 20. Jahrhunderts. Ja, dabei hat es ab den 1930er-Jahren neue Probleme (Laborit!) und auch Gewalt gegen Pal\u00e4stinenser*innen gegeben, doch in der quantitativ gro\u00dfen Kibbuzbewegung war der gewaltfreie Anarchismus die ersten vier Jahrzehnte pr\u00e4gend. Eine breite, von Kropotkin, Landauer und Martin Bubers Dialogkonzept gepr\u00e4gte Str\u00f6mung f\u00fcr Binationalit\u00e4t innerhalb der Kibbuzim machte praktische Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Zusammenarbeit mit arabischen D\u00f6rfern, \u201evon gemeinsamer Vermarktung von Orangen, gemeinsamen Anstrengungen im Kampf gegen Malaria, bis hin zu gemeinsamen Gewerkschaften.\u201c (9) Sie kritisierten noch Ende der Drei\u00dfigerjahre gewaltsame j\u00fcdische Racheakte, nachdem Pal\u00e4stinenser*innen beim Aufstand von 1936 einige Kibbuzim angegriffen hatten. (10) Viele libert\u00e4r gepr\u00e4gte Kibbuzim sprachen sich noch nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die einseitige Staatsgr\u00fcndung aus. (11) <\/span><span lang=\"de-DE\">Es gab weitere historische Beispiele, etwa die ma\u00dfgeblich durch Tolstoi unterst\u00fctzte Flucht, Umsiedlung und Neuansiedlung der ebenfalls vom Zarismus und von der Kirche verfolgten \u201eDuchoborzen\u201c aus Russland nach Kanada, wo sie ihre kommunit\u00e4re Selbstverwaltung neu leben konnten. (12)<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dies soll nur zeigen, dass die Verwirklichung einer Utopie an einem anderen als dem Herkunftsort nicht historisch pr\u00e4zedenzlos ist. <\/span><span lang=\"de-DE\">Eine Variante dieser Utopie ist das \u201e\u00dcberwintern\u201c der gefl\u00fcchteten Bev\u00f6lkerung in der Diaspora bis zur M\u00f6glichkeit erneuter R\u00fcckkehr ins urspr\u00fcngliche Herkunftsgebiet, in dem immer auch ein Teil der Bev\u00f6lkerung \u2013 wenn auch unter schlimmsten Bedingungen \u2013 geblieben ist. Die R\u00fcckkehr hat es historisch nach einer langen Phase der Ersch\u00f6pfung des Krieges und einer dadurch entstehenden Ver\u00e4nderung der Bedingungen f\u00fcr ganz neue inl\u00e4ndische, nicht mehr bewaffnete Revolten gegeben. Auch daf\u00fcr gibt es historische Beispiele, die heute bekannt sind, aber urspr\u00fcnglich nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten wurden: Niemand h\u00e4tte zum Beispiel gedacht, dass sich nach dem absoluten milit\u00e4rischen Sieg Francos, der Massenflucht [Retirada] 1939 und einer vergeblichen Guerillaphase in den Vierziger- und F\u00fcnfzigerjahren von Frankreich aus mitten in Spanien in den Sechzigerjahren die \u201eComisiones Obreras\u201c [Arbeiterkommissionen] bilden konnten. Sie organisierten im Innern des Faschismus Streiks und leiteten so den Wandel hin zur Transici\u00f3n ein, die wenigstens die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine erneute anarchistische Bewegung in Spanien und die R\u00fcckkehr der Exilierten schuf. (13) Die Frauen um Leymah Roberta Gbowee (geb. 1972) trugen 2003 mit ihrem Aufruf zum Sexstreik zur Ersch\u00f6pfung des langen B\u00fcrgerkriegs in Liberia (1989-2003) bei; 2011 erhielt sie daf\u00fcr den Friedensnobelpreis. Auch die beeindruckende Gewaltfreiheit des \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/01\/generation-der-frauen-ohne-angst\/\">Hirak\u201c in Algerien 2019<\/a> ist Folge einer generellen Ersch\u00f6pfung nach dem f\u00fcrchterlichen B\u00fcrgerkrieg der Neunzigerjahre. \u00dcberall kamen dabei langj\u00e4hrig Exilierte zur\u00fcck. Und in Mexiko forderte die zivilgesellschaftliche Bewegung nach dem einw\u00f6chigen Krieg der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/zapatistas-starten-politische-offensive\/\">EZLN<\/a> gegen die Regierung 1995 sofort ein, nicht den mexikanischen B\u00fcrgerkrieg von 1910 bis 1917 zu wiederholen, und verhinderte so eine Massenflucht. W\u00e4re dereinst und unter ver\u00e4nderten, nicht mehr kriegerischen Bedingungen auch in Syrisch-Kurdistan eine massenhafte R\u00fcckkehr bei gleichzeitig anderen Formen der Revolte m\u00f6glich?<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Utopie II: \u201eSelbstverwaltung\u201c statt \u201ekurdischer Selbstverwaltung\u201c. Vom historischen Ende nationaler Befreiung und national befreiter Gebiete<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die bisherige Utopie der Rojava-Kurd*innen war eine alte: \u201enationale Befreiung\u201c \u2013 verkn\u00fcpft mit etwas Neuem, Libert\u00e4rem: ohne eigenen Nationalstaat. Die PYD wollte regionale, autonome Selbstverwaltung innerhalb Syriens, doch, so etwa der PYD-Vorsitzende Salih Muslim 2013 in doppelter Abgrenzung, dies wolle weder der syrische Staat noch die syrische Opposition anerkennen: \u201eDie Mehrheit beider beschuldigt uns immer noch, Separatisten zu sein, und will diese Selbstverwaltung nicht anerkennen. Wir m\u00fcssen sie deshalb gegen\u00fcber beiden Seiten erk\u00e4mpfen\u201c (14) <\/span><span lang=\"de-DE\">\u2013 mit Waffen nat\u00fcrlich. Dadurch schlitterte der bewaffnete Kampf um Autonomie in die traditionelle milit\u00e4rische Konzeption \u201ebefreiter Gebiete\u201c mit Fronten, die doch Grenzen eines Nationalstaats gleichen. Der Soliruf \u201eWaffen f\u00fcr Rojava!\u201c war deshalb traditionellen Aufrufen der Linken \u00e4hnlich: \u201eWaffen f\u00fcr die FLN!\u201c f\u00fcr den algerischen Nationalstaat, \u201eWaffen f\u00fcr den Vietkong\u201c f\u00fcr den vietnamesischen Nationalstaat, \u201eWaffen f\u00fcr Nicaragua!\u201c f\u00fcr den nicaraguanischen Nationalstaat des Ortega-Clans \u2013 aus emanzipativer Sicht ist das heute alles gescheitert. Eine anarchistische Utopie m\u00fcsste damit brechen: K\u00f6nnte aus dem Ziel der \u201ekurdischen Selbstverwaltung\u201c in den kurdischen Exil- und Diasporagemeinden nicht einfach nur das Ziel \u201eSelbstverwaltung\u201c hervorgehen?<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Ich war 2012 zusammen mit 3.000 weiteren Anarchist*innen auf dem Internationalen Anarchistischen Treffen in St.-Imier\/Schweiz. Dort war auch eine gro\u00dfe Abordnung von Rojava-Kurd*innen pr\u00e4sent, die sich nach der Bookchin-Rezeption \u00d6calans eher der anarchistischen Bewegung zuwandten. Doch die Begegnung war seltsam kommunikationslos. W\u00e4hrend die internationale anarchistische Bewegung bis heute den \u201eNationalismus\u201c ablehnt \u2013 pr\u00e4gend bleibt etwa die libert\u00e4re Nationalismuskritik <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2\/\">Rudolf Rockers<\/a> \u2013, prangten dort Rojava-Transparente: \u201eF\u00fcr nationale Befreiung!\u201c Eine Diskussion \u00fcber diesen Widerspruch fand nicht statt. In der BRD darf bei kurdischen Demos aufgrund des Verbots nicht \u00d6calans Konterfei als Fahne mitgef\u00fchrt werden. In Frankreich gibt es kein solches Verbot: Ich habe zig Rojava-kurdische Demos erlebt, bei denen ca. 500 Beteiligte aber auch 500 einzelne Fahnen mit \u00d6calans Konterfei mitf\u00fchrten. Das erzeugte die Au\u00dfendarstellung einer totalit\u00e4ren Bewegung.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Die nationale Einheit f\u00fcr \u201enationale Befreiung\u201c gibt es \u2013 wie jede\/r wei\u00df \u2013 weder unter den Kurd*innen im Irak noch in der T\u00fcrkei, in Syrien oder im Iran; sie gibt es auch nicht in Rojava selbst, an dortigen Wahlen zu den Selbstverwaltungsorganen nahmen einige andere Organisationen au\u00dferhalb der PYD teil, wieder andere weigerten sich aus Protest. Ein Rojava-Kurde im norwegischen Exil formulierte es Ende 2013 so: \u201eDer innerkurdische Konflikt schadet uns sehr. Wir haben als Kurden leider die Eigenschaft, dass wir bereit sind, uns f\u00fcr andere zu opfern, aber uns untereinander st\u00e4ndig streiten.\u201c (15) Das ist aber ganz normal f\u00fcr jede\/r Anarchist*in, die\/der nationale Einheit und nationale Befreiung f\u00fcr einen autorit\u00e4ren Mythos, eine reine Behauptung h\u00e4lt.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Eine neue Utopie f\u00fcr die Exil- und Diaspora-Gemeinden (nicht nur) Syrisch-Kurdistans w\u00e4re also der Ausbruch aus identit\u00e4ren Konzepten, einfach nur \u201eSelbstverwaltung\u201c statt \u201ekurdische Selbstverwaltung\u201c \u2013 ein Vermischen und Aufgehen der Kurd*innen im Exil in die weltweite anarchistische Kommune- und Selbstverwaltungsbewegung. Vielleicht k\u00f6nnte sie dereinst zu einer emanzipativen Welle beitragen, die nicht mehr auf \u201ebefreite Gebiete\u201c mit Kriegen, B\u00fcrgerkriegen, Milizen, Grenzen und Fronten angewiesen ist. So war etwa die Student*innenbewegung 1968 eine weltweite emanzipative Welle, die \u00d6kobewegungen anfangs der Siebzigerjahre waren eine weltweite Welle, der Sturz der Diktaturen 1989 von Osteuropa \u00fcber Marcos\/Philippinen, S\u00fcdafrika, S\u00fcdamerika eine solche Welle, die Arabischen Aufst\u00e4nde von 2011 eine gro\u00dfr\u00e4umige emanzipative Welle und hoffentlich wird auch die universale Klimabewegung zu einer emanzipativen Welle. K\u00f6nnte dereinst auch der libert\u00e4re Gedanke der Selbstverwaltung eine solche weltweite oder gro\u00dfr\u00e4umige Welle der Emanzipation ausl\u00f6sen? Voraussetzung w\u00e4re die \u00dcberwindung nationaler Identit\u00e4ten und milit\u00e4risch umgrenzter \u201ebefreiter Gebiete\u201c und nicht deren Verfestigung.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Lou Marin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Journalist Manuel Frick bereiste Ende 2018 das nord\u00f6stliche Rojava um Qamischli. Er besuchte eine f\u00fcr ihn beeindruckende, aus ca. 100 Frauen und M\u00e4nnern bestehende gemischte Theatergruppe in der Stadt sowie das Ende 2016 von Frauenorganisationen der PYD [Partei der Demokratischen Union] gegr\u00fcndete Frauendorf Jinwar. 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