{"id":22611,"date":"2020-06-20T01:01:15","date_gmt":"2020-06-19T23:01:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22611"},"modified":"2020-08-17T01:32:34","modified_gmt":"2020-08-16T23:32:34","slug":"die-eroberung-des-brotes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/","title":{"rendered":"Die Eroberung des Brotes"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Hallo Stephanie! Bitte erkl\u00e4r uns zuerst, was Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist, wie sie funktioniert und was der Unterschied von Solawi z.B. zu einem normalen Biobauernhof ist.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Stephanie Wild: <\/span><span lang=\"de-DE\">Das grundlegende Element der solidarischen Landwirtschaft ist, dass es keine Preise im herk\u00f6mmlichen Sinne und auch keinen Verkauf von Waren gibt, sondern eine Solidargemeinschaft, die gemeinsam die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebes oder einer G\u00e4rtnerei auf Grund einer vorausschauenden Jahresplanung finanziert. Wichtig ist auch, dass der Verbraucher, die Verbraucherin aufgerufen ist zu partizipieren und aus einer reinen Konsumhaltung oder Konsument*innenhaltung heraustritt und mitgestaltet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Das hei\u00dft, es gibt einen Bauernhof und ein Netzwerk von Leuten, die die Produkte abnehmen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Genau. Wir sprechen immer von Erzeugern oder Erzeugerinnen. Das kann eine G\u00e4rtnerei sein oder ein landwirtschaftlicher Betrieb, irgendwo wo Lebensmittel hergestellt werden und es ein Umfeld von Menschen gibt, die von diesem Betrieb versorgt werden. So was kann nicht nur von Erzeugerseite initiiert werden, sondern normale Verbraucher*innen k\u00f6nnen sagen: \u201eIch m\u00f6chte so was initiieren und mich daf\u00fcr einsetzen\u201c und sich dann Mitstreiter*innen suchen. Wer das will, kann sich dann bei uns, dem <a href=\"http:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\">Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V<\/a>., melden und wir helfen Verbraucher*innen wie Erzeuger*innen dieses Konzept umzusetzen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Und was sind die Vorz\u00fcge dieses Konzepts f\u00fcr die Produzent*innen und Konsument*innen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Grunds\u00e4tzlich ist Solawi eine bed\u00fcrfnisorientierte Wirtschaftsweise. Das hei\u00dft, die Erzeuger*innen wissen, f\u00fcr wen sie produzieren und auch, dass sie ein gesichertes Einkommen haben. Dadurch haben sie Planungssicherheit und es gibt eine Risikoteilung. Gerade in der Landwirtschaft sind die Menschen sehr von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden wie dem Wetter, dem Sch\u00e4dlingsdruck oder den Bodenverh\u00e4ltnissen abh\u00e4ngig. Das sind Faktoren auf die sie keinen starken Einfluss haben. Deshalb k\u00f6nnen Sachen auch einfach schief gehen, ohne dass jemand etwas daf\u00fcr kann. In der Solidarischen Landwirtschaft m\u00fcssen sie dieses wirtschaftliche Risiko nicht allein tragen, sondern die Verbrauchergemeinschaft ist bereit, in so einem Fall daf\u00fcr einzustehen, so dass der Betrieb auch im kommendem Jahr weiter lebt und nicht in seiner Existenz bedroht ist. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Das hei\u00dft, in schlechten Jahren gibt es ein bisschen weniger und in guten Jahren ein bisschen mehr?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ja, oft h\u00e4ngt dies auch mit dem Sortiment zusammen. Meistens ist es ja nicht so, dass alles schief geht und z.B. ein Hagelschaden, die ganze Ernte zerst\u00f6rt. Je mehr verschiedene Produkte es gibt, umso mehr k\u00f6nnen Dinge ausgeglichen werden und dann gibt es vielleicht mal von einer Sache ein bisschen weniger aber daf\u00fcr kann es sein, dass z.B. die Gew\u00e4chshauskulturen auf einmal besonders viel Ertrag geben. Das geh\u00f6rt ja auch zum Risiko, dass man auch die guten Ernten nicht planen kann. Unter Umst\u00e4nden hat man dann gro\u00dfe Mengen, die verarbeitet werden m\u00fcssen. Oder man macht sich Gedanken, wer diese verwenden kann, so dass eben nichts weggeworfen oder verschwendet wird. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Helfen die solidarischen Unterst\u00fctzer*innen oder Konsument*innen auch bei der Arbeit mit?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.<\/span><span lang=\"de-DE\">: Ja, wir sprechen immer von Mitgliedern oder Ernteteiler*innen, um auszudr\u00fccken, dass wir das reine Konsumverhalten und die Passivit\u00e4t \u00fcberwinden wollen. \u201eSich die Ernte teilen\u201c ist ein aktiver Begriff, und bei den allermeisten Solawis ist es so, dass die Mitglieder f\u00fcr die Verteilung der Ernte verantwortlich sind. Man kann nat\u00fcrlich \u00fcberlegen, f\u00fcr wen es mehr Sinn macht mit dem Lieferwagen Depots anzufahren, aber es gibt keine abgepackten Gem\u00fcsekisten, die dann zur Haust\u00fcr gebracht werden. Meistens gibt es Abholstationen an Orten, an denen mehrere Mitglieder die M\u00f6glichkeit haben sich z.B. mit dem Fahrrad ein- oder zweimal die Woche die Produkte abzuholen. Diese Depots sind in der Regel selbst organisiert, die Betreuung wird von den Mitgliedern selbst gestaltet.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie gro\u00df muss ich mir eine Solawi vorstellen? Wie viele Ernteteiler*innen gibt es, die einen Hof unterst\u00fctzen, bzw. von ihm versorgt werden?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Wenn man von Solawi spricht, gibt eine riesengro\u00dfe Spannbreite. Eine Solawi ist nicht notwendig nur ein Hof oder ein Betrieb. Es gibt auch Betriebskooperationen, wo sich verschiedene Betriebe spezialisiert haben, was in vielen Bereichen durchaus Sinn macht. Auch die Weiterverarbeitung, z.B. eine B\u00e4ckerei, K\u00e4serei oder was man sich noch so vorstellen kann, kann mit angeschlossen sein. Die Bandbreite reicht von Verbraucher*innen, die einen Acker pachten und G\u00e4rtner*innen finden, die ihnen dort das Gem\u00fcse anbauen, bis hin zu H\u00f6fen, die bis zu 700 Mitglieder versorgen. Wir haben das Kartoffelkombinat in M\u00fcnchen, das \u00fcber tausend Mitglieder hat. Dann gibt es Betriebskooperationen, bei denen mehrere Betriebe eine Verbraucher*innengemeinschaft versorgen. Die meisten Solawis haben zwischen 100 und 200 Mitgliedern. Aber es gibt auch welche, die haben nur 40. Das ist ganz verschieden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Solawi ist eine weltweite Bewegung. Kannst Du etwas \u00fcber die Solidarische Landwirtschaft in anderen L\u00e4ndern sagen und wie weit sie in Deutschland verbreitet ist?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Wir sind in Deutschland Nachz\u00fcgler mit diesem Konzept. Die Urspr\u00fcnge finden sich in den Siebzigern in Japan. Dort existiert bis heute die Teikei Bewegung (deutsch \u201ePartnerschaft\u201c) mit \u00fcber zwei Millionen Haushalten, die daran beteiligt sind. Das hat sich damals auf die USA ausgebreitet und auch in Europa gab es Einzelprojekte, aber nicht organisiert und unter unterschiedlichen Bezeichnungen. Der internationale Begriff ist <\/span><span lang=\"de-DE\">Community Supported Agriculture <\/span><span lang=\"de-DE\">(CSA), also gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, oft abgek\u00fcrzt CSA und seit Anfang der Nuller Jahre gibt es eine internationale Organisation mit dem Namen \u201eUrgency\u201c. Dort sind Projekte aus 40 L\u00e4ndern angeschlossen, die diese Art von Partizipation in der Lebensmittelversorgung umsetzten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie gro\u00df ist Euer Netzwerk? Wie viel Projekte gibt es in Deutschland?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Es gibt eine Liste auf unserer Webseite. Die Betriebe, die gefunden werden m\u00f6chten, k\u00f6nnen sich dort eintragen. Das ist die einzige \u201aRegistrierungsm\u00f6glichkeit\u2018. Es gibt ja keine Pflicht dazu. Zurzeit sind bei uns 281 Betriebe verzeichnet. In Frankreich sind es \u00fcber 2000, die dieses System praktizieren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie war die Entwicklung in den letzten Jahren? Ist Solawi etwas, das sich auch in Deutschland ausbreitet?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Als wir dieses Netzwerk 2011 gegr\u00fcndet haben, gab es zw\u00f6lf Betriebe. Jetzt k\u00f6nnen wir ein kontinuierliches Wachstum beobachten. Fast jede Woche kommt eine Solawi dazu, und es wird \u2013 glaube ich \u2013 bekannter und einfacher auf dieses System umzusteigen. Am Anfang war das f\u00fcr viele fremd und vielleicht f\u00fcr viele Erzeuger gar nicht vorstellbar. Jetzt gibt es zahlreiche Beispiele, die \u00fcber Jahre dieses System anwenden, Mut machen und Vertrauen wecken, dass es auch wirklich funktioniert. Daher ist die Hemmschwelle f\u00fcr neue Solawis nicht mehr so gro\u00df.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: In den letzten anderthalb Monaten haben viele Unternehmen auf Grund des teilweisen Shutdowns wirtschaftliche Probleme bekommen. Wie hat sich der Shutdown auf die Solidarische Landwirtschaft ausgewirkt? Was f\u00fcr Probleme hattet ihr dadurch?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich kenne nat\u00fcrlich nicht jede einzelne Solawi. Wir haben aber \u00fcber unsere Verteiler mehrfach aufgerufen, uns zur\u00fcckzumelden, ob es auf Grund dieser Situation Schwierigkeiten gibt. Bisher haben wir in dieser Hinsicht nur wenig geh\u00f6rt, h\u00f6chstens dass es Schwierigkeiten gibt, die gro\u00dfe Nachfrage und Anfrage zu managen, die entstanden sind. Das ist das, was eigentlich alle durch die Bank sagen. <\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"100%\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/0QndxeDXn-M\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe>Video: Was ist Solidarische Landwirtschaft &#8211; Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0QndxeDXn-M\">Youtube<\/a><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Die \u201egro\u00dfe Nachfrage\u201c? Das habe ich nicht verstanden.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Die erh\u00f6hte Nachfrage von Menschen, die in Solawis Mitglied werden m\u00f6chten. Das sp\u00fcren alle. Aber das sagen ja auch andere Direktvermarkter. Schwierig war es f\u00fcr einige Solawis innerhalb des Shutdowns die Beteiligung der Mitglieder zu gew\u00e4hrleisten. Also, dass diese vor Ort Aufgaben \u00fcbernehmen. Beispielsweise musste sich die Verteilung in den Depots auf die Hygienema\u00dfnahmen einstellen und teilweise umstrukturiert werden. Ich hab aber von keinem geh\u00f6rt, dass dadurch eine Solawi ernsthaft in Gefahr geraten w\u00e4re. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Ja, das l\u00e4sst sich vorstellen, dass jetzt nicht die M\u00f6glichkeit besteht, viele Leute auf den Hof zu holen und dann z.B. gemeinsam zu s\u00e4hen o.\u00e4.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ein anderer Hinweis darauf, dass die Solawis durch die Corona-Krise zurzeit keine wirtschaftlichen Probleme haben, sind die Beitr\u00e4ge f\u00fcr unser Netzwerk, die genau in diesen Wochen f\u00e4llig geworden sind. Denn wir sind als gemeinn\u00fctziger Verein ja \u00fcber unsere Mitglieder finanziert. Sowohl ganze Solawis k\u00f6nnen Mitglied im Netzwerk werden, als auch Einzelpersonen, die die Sache an sich unterst\u00fctzenswert finden. Wir hatten schon gedacht, dass die eine oder andere Solawi jetzt sagt: \u201eWir sind gerade so unsicher, was unsere Zukunft betrifft. Wir k\u00f6nnen jetzt nichts mehr zahlen oder wir m\u00fcssen unseren Beitrag reduzieren.\u201c Denn die Mitglieder in unserem Netzwerk zahlen ihre Beitr\u00e4ge nach Selbsteinsch\u00e4tzung und da war eher das Gegenteil der Fall. Wir hatten Solawis, die gesagt haben: \u201eWir haben jetzt mehr Mitglieder, wir k\u00f6nnen auch mehr zahlen!\u201c &#8211; und wir hatten keinen einzigen Austritt einer Solawi aus diesem Grund. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Das freut mich zu h\u00f6ren. Als ich mir das Thema f\u00fcr dieses Interview \u00fcberlegt habe, hatte ich die Hoffnung, dass solidarische Strukturen mit so einer Situation besser zu Recht kommen als andere, weil sie eben keine Waren produzieren, die verkauft werden m\u00fcssen.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Es gibt zwei Sachen, die ich dazu sagen m\u00f6chte. Das eine ist, dass die meisten Solawis Grundnahrungsmittel produzieren. Wenn ich schauen muss, wie ich \u00fcber die Runden komme, essen m\u00fcssen wir alle. Da verzichte ich vielleicht eher mal auf dieses oder jenes und bleibe lieber meiner Solawi treu. Da wei\u00df ich vielleicht nicht ganz genau, was n\u00e4chste Woche geerntet wird und was ich dann zum Essen bekomme, aber ich wei\u00df ziemlich genau, <\/span><span lang=\"de-DE\">dass<\/span><span lang=\"de-DE\"> ich was bekomme. Das gibt ein gutes Gef\u00fchl in einer Zeit, in der soviel Unsicherheit herrscht. Diesen Effekt spiegeln mir auch viele Mitglieder, dass man n\u00e4mlich nicht gleich \u00fcberlegt: \u201eOh Gott, ich spare jetzt hier an der Solawi\u201c, sondern im Gegenteil. <\/span><span lang=\"de-DE\">Aber wenn wir wirklich l\u00e4ngerfristige Folgen wie Rezession, Inflation, Arbeitslosigkeit etc. zu sp\u00fcren bekommen, muss es sich noch beweisen, in wie fern die Solidargemeinschaften in der Solidarischen Landwirtschaft das untereinander ausgleichen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Ich habe zur Vorbereitung auf dieses Gespr\u00e4ch einen kurzen <a href=\"http:\/\/www.zwischenzeit-muenster.de\/andere-welten-film-solawi.html\">Dokumentarfilm<\/a> gesehen. (2) Da erz\u00e4hlte jemand von einer Solawi aus Freiburg, dass nicht alle Ernteteiler*innen bei ihnen dasselbe zahlen w\u00fcrden, sondern alle ihren Beitrag selbst festlegen.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Das ist auch etwas, was sich immer mehr durchsetzt. Es findet ein solidarischer Ausgleich innerhalb der Mitgliederschaft statt, also nicht nur zwischen den Verbraucher*innen und den Erzeuger*innen, sondern auch zwischen den Ernteteiler*innen selbst, bei denen ja auch unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse und M\u00f6glichkeiten vorherrschen. Man sagt ja immer, dass dieses System eine sehr gro\u00dfe Ungleichheit und Unfairness in den finanziellen Ressourcen der Menschen geschaffen hat. Wir versuchen das dadurch abzufangen, dass wir die Gesamtkosten der Solawi gemeinsam aufbringen. Es gibt da das System der Bieter-Runde, das immer mehr Solawis anwenden. Die Mitglieder bieten sozusagen auf den Gesamtbetrag, den die Solawi in einem Zeitraum braucht. Sie sagen: \u201eWir geben das, was es uns wert ist oder was wir k\u00f6nnen, tun unseren Beitrag in einen Topf und nach der ersten Runde gucken wir, ob wir die Summe zusammen bekommen haben, die wir f\u00fcr die Gesamtkosten der Unternehmung brauchen und wenn nicht, machen wir noch eine zweite Runde.\u201c Meistens brauchen die Solawis dazu nicht mehr als zwei oder drei Runden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Das gef\u00e4llt mir. Ich wohne n\u00e4mlich in einem Projekt des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/ein-wunder-in-der-berliner-innenstadt\/\">Mietsh\u00e4usersyndikats<\/a> und wir bestimmen unsere Mietanteile genauso. Das funktioniert vorz\u00fcglich. Nur dass wir keinen Topf, sondern einen Hut verwenden.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Das Sch\u00f6ne ist, dass in den Solawis auch Menschen sind, die in erster Linie wegen der Lebensmittel dabei sind und sich nicht aus politischen oder idealistischen Gedanken angeschlossen haben. Auf einmal werden sie mit so etwas konfrontiert. Das ist spannend.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Ich k\u00f6nnte mir auch vorstellen, dass aus den Ernteteiler*innen eine Gemeinschaft wird. Man hat einen Hof, von dem man versorgt wird und um den man sich gemeinsam sorgt. Also ein Gemeinschaftsobjekt, \u00fcber das auch eine Verbindung zwischen den Leuten entsteht.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ja, das ist vielen noch mehr Wert als die Produkte, die hinterher dabei herauskommen. Weil es dieses Gemeinschaftsgef\u00fchl, dieses Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl eben nicht im Supermarkt zu kaufen gibt und auch nicht im Bioladen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Jetzt w\u00fcrde ich gerne \u00fcber die n\u00e4here Zukunft reden. Wahrscheinlich kommt es aufgrund des Lockdowns zu einer weltweiten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/krise-ohne-grund\/\">Wirtschaftskrise<\/a>, wohl m\u00f6glich schlimmer als die Finanzkrise 2008. Solawi ist trotz seiner solidarischen Struktur Teil eines unsolidarischen Wirtschaftssystem. Was f\u00fcr Probleme kommen auf Euch zu, wenn es zu einer Rezession kommt?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Die Solawi-Projekte sind unterschiedlich stark mit dem bestehenden System vernetzt und abh\u00e4ngig, ob das jetzt Treibstoffe, Rohstoffe oder Reparaturkosten f\u00fcr Maschinen sind. Eine Wirtschaftskrise wird den Blick sch\u00e4rfen, wie man das minimieren kann, bzw. wo man andere alternative Strukturen aufbauen kann. Die ersten Schritte in diese Richtung existieren bei Saatgut, wobei Solawis sich zusammentun und gemeinsam <\/span><span lang=\"de-DE\">Saatgut z\u00fcchten und verbreiten. Grunds\u00e4tzlich streben Solawi-Projekte eine Kreislaufwirtschaft an, d.h. sie versuchen das Unternehmen mit relativ wenigen, externen Dingen am Laufen zu halten. Im Vergleich zu anderen Produkten ist das bei Grundnahrungsmitteln einfacher, weil wir mit der Natur arbeiten. Der Boden ist da, es sollte irgendeine Art Bew\u00e4sserung geben, entweder es regnet oder man hat eine Bew\u00e4sserung installiert. Nat\u00fcrlich haben alle, die mit Maschinen arbeiten, ganz andere Abh\u00e4ngigkeiten. Wenn wir den Ackerbau, den Getreideanbau und zum Teil auch die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/05\/tierrechtsbewegung-zwei-einfuehrungen\/\">Tierhaltung<\/a> betrachten. Aber letztere kann man auch relativ nachhaltig und in Kreislaufwirtschaft gestalten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Wir beobachten auch, dass es f\u00fcr Solawis, die noch nicht gegr\u00fcndet sind, oder zu Beginn der Corona-Krise gerade in der Gr\u00fcndungsphase waren, schwerer wird, weil in so einer Situation viele Menschen nichts Neues beginnen, von dem sie nicht wissen, ob es funktioniert oder ob es f\u00fcr sie passt und dann auf alte Verhaltensmuster, die sie kennen, zur\u00fcckfallen. So habe ich von ein paar Initiativen geh\u00f6rt, die im Moment zum Stillstand gekommen sind, weil sie eben noch nicht beweisen konnten, dass sie funktionieren. Das ist etwas, was die Solawibewegung bremsen kann. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Wie sieht die Hilfe oder Unterst\u00fctzung zwischen den einzelnen Projekten aus?<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Im Rahmen unseres Netzwerks kann man sich \u00fcber gemeinsame Verteiler und Plattformen austauschen. Wenn es m\u00f6glich ist, werden wir auch wieder zu gro\u00dfen Vernetzungstreffen einladen, weil es wichtig ist, dass Wissen, das in der einen Solawi entsteht, schnell zu den anderen kommt. Die Solidarische Landwirtschaft ist ein neues System. Darum gibt es keinen gro\u00dfen Wissensvorrat, den man abgreifen k\u00f6nnte, sondern der entsteht in der Praxis t\u00e4glich neu. Ein Teil unserer Aufgabe ist es daf\u00fcr zu sorgen, dass dieses Wissen so schnell wie m\u00f6glich weiter gegeben wird. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Zur Kultur von Solidarischer Landwirtschaft geh\u00f6rt auch die Kooperation au\u00dferhalb von Solawis. Man tritt dann vielleicht auf Nachbarbetriebe, Verarbeitungsbetriebe oder Gruppen in seiner unmittelbaren Umgebung zu und sagt: \u201eHe, k\u00f6nnen wir nicht irgendwas zusammen machen?\u201c <\/span><span lang=\"de-DE\">Das kann auch ein Keim sein, um in einer Region eine regionale Versorgung anzustreben. Ich denke, da ist das Bewusstsein jetzt besonders gesch\u00e4rft. Den Leuten wird klar: \u201eDas mit den langen Lieferketten ist vielleicht doch nicht so eine schlaue Idee und besser w\u00e4re es, wenn wir hier vor Ort Menschen h\u00e4tten, die w\u00fcssten wie man Lebensmittel herstellt und diese vor Ort verarbeiten k\u00f6nnen, damit man die hergestellten Lebensmittel nicht noch mal wieder hunderte von Kilometern durchs Land fahren muss, z.B. um aus Mehl Brot zu machen\u201c <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong><span lang=\"de-DE\">GWR: Meiner Meinung nach ist das Problem der Wirtschaftskrise nicht, dass wir nicht genug produzieren k\u00f6nnten. Probleme entstehen nur, weil das alles \u00fcber Geld und Wert vermittelt wird und wir nicht f\u00fcr den Gebrauch produzieren, sondern f\u00fcr den Profit.<\/span><\/strong><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ja, und weil durch die Auslagerung in billigere Produktionsstandorte lange Lieferketten entstanden sind, die abh\u00e4ngiger von einer funktionierenden, globalen Wirtschaft sind als eine Region. Wenn die Dinge vor Ort geschehen, hat man den Transport nicht, man hat die Kommunikationsprobleme nicht und man kann auf eine spezielle Situation auch unmittelbar reagieren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Wenn man wenig Geld hat und im Bioladen einkaufen will, merkt man, das ist alles ziemlich teuer. Ich vermute, dass auch f\u00fcr Solawi-Produkte letztendlich ein Preis bezahlt werden muss, der \u00fcber dem im Supermarkt liegt. Kann es nicht sein, dass sich die Ernteteiler*innen das ab einem bestimmten Punkt nicht mehr leisten k\u00f6nnen, wenn wir in eine Wirtschaftskrise schlittern?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ja, nat\u00fcrlich kann das auch hier und da geschehen. Je nachdem wie die Zusammensetzung der Menschen ist, die an einer Solawi teilnehmen, und wie flexibel das Unternehmen auf so etwas reagieren kann: Wo k\u00f6nnen z.B. Menschen mitarbeiten, um statt Geld ihre Arbeitsleistung einzubringen? Wie kann man die Verwendung von Geld soweit wie m\u00f6glich reduzieren und in wie fern kann es solidarische Ausgleichsmechanismen unter den Mitgliedern geben? Das sind die Fragen, die sich jede Solawi stellen muss. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Sich austauschen und gemeinsam neue L\u00f6sungen finden, ist auch ein ganz wertvolles Element in der solidarischen Landwirtschaft, so dass, wenn ein Problem oder eine Ver\u00e4nderung auftritt, nicht nur ein, zwei Personen sich hinsetzen und \u00fcberlegen: \u201eOh, wie kann<\/span><span lang=\"de-DE\"> ich<\/span><span lang=\"de-DE\"> das l\u00f6sen?\u201c, sondern dass viele K\u00f6pfe zusammen kommen und gemeinsam \u00fcberlegen: \u201eWie k\u00f6nnen wir zusammen eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Thema finden\u201c. Da k\u00f6nnen auf einmal ganz andere Dinge entstehen, ganz andere L\u00f6sungswege auftauchen, als sich vorher jemand allein h\u00e4tte ausdenken k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: Ich hab bei der Umsetzung unseres Mietsh\u00e4usersyndikat-Projekts, die gleiche Erfahrung gemacht. N\u00e4mlich, dass man als Gruppe sehr viel mehr Ressourcen hat und viel mehr Sachen hinkriegt, als als Einzelner.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.:<\/span><span lang=\"de-DE\"> Ja, ich glaube, das muss man auch Erzeuger*innen sagen, die vielleicht erst mal skeptisch sind, sich auf so eine Verbrauchergemeinschaft einzulassen: \u201eOh, da muss ich soviel kommunizieren, die wollen soviel wissen. Dann hab ich dauernd Leute, die hier rumlaufen&#8230;\u201c oder wie auch immer. Das Geschenk ist, dass man nicht alleine ist und auch nicht alleine gelassen wird. Das muss man sehen, pflegen und kultivieren. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR: M\u00f6chtest Du zum Abschluss noch etwas sagen?<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">S.W.: <\/span><span lang=\"de-DE\">Ich kann alle GWR-Leserinnen und -Leser nur ermuntern, sich zu erkundigen, ob es in ihrer N\u00e4he eine Solidarische Landwirtschaft gibt und sich diese Projekte anzuschauen. Da gibt es immer M\u00f6glichkeiten f\u00fcr einen Besuch. Und auch zu \u00fcberlegen, wenn es in der N\u00e4he keine Solawi gibt, in wie fern man selbst eine gr\u00fcnden kann; und dann kann man sich gerne bei uns, beim <a href=\"https:\/\/www.solidarische-landwirtschaft.org\/startseite\/\">Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V<\/a>., melden. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\"><strong>GWR Vielen Dank. Ich hoffe, dass noch viele Solawis mehr entstehen werden.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Dieses Interview wurde im Mai 2020 von Daniel Korth als Radio Graswurzelrevolution-Sendung produziert und f\u00fcr die GWR \u00fcberarbeitet. Die B\u00fcrgerfunksendung wird <\/span><span lang=\"de-DE\">am 19. Juni um 20.04 Uhr im <a href=\"https:\/\/www.muenster.org\/medienforum\/\">Livestream<\/a> von Antenne M\u00fcnster gesendet und steht danach in der <a href=\"https:\/\/www.nrwision.de\/mediathek\/sendungen\/radio-graswurzelrevolution\/\">Mediathek<\/a> zur Verf\u00fcgung.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Hallo Stephanie! Bitte erkl\u00e4r uns zuerst, was Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist, wie sie funktioniert und was der Unterschied von Solawi z.B. zu einem normalen Biobauernhof ist. Stephanie Wild: Das grundlegende Element der solidarischen Landwirtschaft ist, dass es keine Preise im herk\u00f6mmlichen Sinne und auch keinen Verkauf von Waren gibt, sondern eine Solidargemeinschaft, die gemeinsam &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":22853,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Eroberung des Brotes - graswurzelrevolution","description":"GWR: Hallo Stephanie! 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