{"id":2263,"date":"1998-11-01T00:00:10","date_gmt":"1998-10-31T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2263"},"modified":"2022-07-26T14:26:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:30","slug":"genetix-snowball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/genetix-snowball\/","title":{"rendered":"genetiX snowball"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;genetiX snowball ist eine Kampagne gewaltfreier ziviler Verantwortlichkeit, die darauf abzielt, aktiven Widerstand gegen diese neue Gentechnologie, die unerw\u00fcnscht, unn\u00f6tig, unsicher und irreversibel ist, aufzubauen&#8220;, so hei\u00dft es im Aktionshandbuch der Kampagne. Zur Legitimation der Kampagne hei\u00dft es: &#8222;Wenn Biotechnologiefirmen sich weigern, ihre Verantwortung f\u00fcr die Risiken genetischer Modifikationen zu akzeptieren; wenn unser Rechtssystem frei wird von Moral und Ethik &#8211; dann m\u00fcssen wir Verantwortung \u00fcbernehmen. Wir sind \u00fcberzeugt, da\u00df ein Weg, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, darin besteht, sicher eine symbolische Anzahl von genetisch manipulierten Pflanzen zu entfernen und dann andere ermutigen, \u00e4hnliche Aktionen auszuf\u00fchren.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Damit ist der Kern der Aktionsidee umschrieben: kleine Gruppen &#8211; organisiert als Bezugsgruppen &#8211; entfernen in einer \u00f6ffentlich angek\u00fcndigten Aktion eine symbolische Anzahl gentechnisch manipulierter Pflanzen von Versuchsfeldern. Diese Aktionen werden gegen\u00fcber den betroffenen Bauern\/B\u00e4uerinnen, Gentechnik-Firmen, der Presse und der Polizei vorher \u00f6ffentlich angek\u00fcndigt und begr\u00fcndet. &#8222;Offenheit und Verantwortlichkeit sind Grundsteine einer echten Demokratie. Multinationale Firmen und die Mehrheit derjenigen, die an der Biotechnologie-Industrie beteiligt sind, sind \u00fcberwiegend nicht rechenschaftspflichtig gegen\u00fcber dem Rest der Gesellschaft. &#8230; Wir zeigen unsere Offenheit, indem wir an den\/die Bauern\/B\u00e4uerin vor unserer Aktion schreiben &#8211; entweder den\/die spezielle\/n Bauern\/B\u00e4uerin, oder an alle Bauern\/B\u00e4uerinnen, die in dem Kreis, in dem wir unsere Aktion durchf\u00fchren wollen, gentechnisch ver\u00e4nderte Pflanzen anbauen. Wir zeigen unsere Verantwortlichkeit, indem wir pers\u00f6nliche Erkl\u00e4rungen hinterlassen, die erl\u00e4utern, warum wir zur gewaltfreien Aktion gegriffen haben.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Teil der Aktion ist die Bereitschaft, die Konsequenzen als Teil des eigenen Widerstandes zu akzeptieren. Dabei wird gesehen, da\u00df es als Folge der Aktionen zu Verhaftungen und Verfahren kommen kann. Diese Prozesse zu f\u00fchren wird als eine M\u00f6glichkeit angesehen, die notwendige gesellschaftliche Diskussion \u00fcber die Verantwortbarkeit von Gentechnik (wieder) in Gang zu bringen.<\/p>\n<p>Auch wenn sich regional oder lokal neue, unabh\u00e4ngige Gruppen im Rahmen von genetiX snowball gr\u00fcnden sollen, so gibt es doch eine gemeinsame Basis, genannt &#8222;Verpflichtung&#8220;, die den gewaltfreien Rahmen der Kampagne umrei\u00dft, sowie eine Koordinationsgruppe, organisiert nach dem SprecherInnenratsmodell, die sich f\u00fcr die gesamte Kampagne verantwortlich f\u00fchlt (allerdings nicht f\u00fcr Aktionen einzelner Gruppen) und bestehende Gruppen koordinieren soll.<\/p>\n<h3>Inspirationen<\/h3>\n<p>Die genetiX snowball-Kampagne beruht auf den Erfahrungen dreier verschiedener Traditionen: der gewaltfreien Snowball- Kampagne gegen milit\u00e4rische nukleare Einrichtungen der USA in Gro\u00dfbritannien in den 80er Jahren, der &#8222;Schwerter zu Pflugscharen&#8220;-Tradition, in deren Rahmen einfache Handwerkszeuge genutzt werden, um Waffen abzur\u00fcsten, und den vielen gewaltfreien Aktionen im Rahmen der Umweltbewegung in Gro\u00dfbritannien und weltweit.<\/p>\n<p>Der Name verweist auf die Tradition der Snowball-Kampagne in den 80er Jahren. An dieser Kampagne beteiligten sich nahezu 3 000 Menschen an 42 verschiedenen Orten in Gro\u00dfbritannien. Die erste Aktion dieser Art fand am 1. Oktober 1984 an der US-Air Force-Basis in Sculthorpe statt.<\/p>\n<p>Alle Beteiligten an der Kampagne stimmten der Gewaltfreiheit zu, schrieben eine pers\u00f6nliche Erkl\u00e4rung und kontaktierten die relevanten Beh\u00f6rden, bevor sie &#8211; bei Anwesenheit der Polizei &#8211; ein einzelnes St\u00fcck aus einem Maschendrahtzaun um eine US-Milit\u00e4rbasis herausschnitten.<\/p>\n<p>Diese symbolischen Aktionen f\u00fchrten zu mehr als 2 000 Verhaftungen und Gerichtsverfahren, in denen die AktivistInnen ihre Beweggr\u00fcnde gegen\u00fcber dem Gericht, der Presse und der \u00d6ffentlichkeit erl\u00e4uterten. Etwa 1 000 TeilnehmerInnen an der Kampagne weigerten sich, die geringf\u00fcgigen Geldstrafen zu zahlen und sa\u00dfen als Teil ihrer Aktion kurze Gef\u00e4ngnisstrafen ab. Nach der Aktion versuchte jede beteiligte Person, zwei oder drei weitere Menschen zu finden, die sich beteiligen k\u00f6nnten, und so wuchs der Schneeball zu einer Gr\u00f6\u00dfe an, die ausreichte, das Ziel zu erreichen. ((3))<\/p>\n<p>Die Tradition der Pflugschar-Bewegung begann in den USA in den 80er Jahren mit einer Aktion, bei der acht AktivistInnen mit einfachen H\u00e4mmern Nuklearsprengk\u00f6pfe abzur\u00fcsten versuchten. Seitdem hat es mehr als 60 Pflugscharaktionen gegeben. ((4))<\/p>\n<p>Vergleichbar scheint mir der Ansatz von genetiX snowball in Deutschland vor allem mit den Aktionen der EUCOMmunity, da auch hier Traditionen aus der Pflugscharbewegung aufgegriffen werden, der materielle Schaden aber in den Hintergrund r\u00fcckt gegen\u00fcber der m\u00f6glichen Beteiligung von m\u00f6glichst vielen Menschen ((5)).<\/p>\n<p>Doch entstanden ist genetiX snowball zu einem gro\u00dfen Teil aus der britischen &#8222;direct action&#8220;-Umweltbewegung, die auch hierzulande durch spektakul\u00e4re Aktionen von sich reden macht(e), so z.B. den Tunneln und Walkways gegen eine Umgehungsstra\u00dfe bei Newbury (vgl. GWR 206) oder gegen die Erweiterung des Flughafens von Manchester. Die Bewegung hat mittlerweile erreicht, da\u00df das Stra\u00dfenbauprogramm in England massiv zusammengestrichen wurde, und ist derzeit auf der Suche nach neuen Aktionsfeldern und -formen. Gentechnik ist dabei derzeit in der Diskussion ein Thema, da\u00df sich f\u00fcr Aktionen anbietet.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es jedoch in Ans\u00e4tzen eine kritische Diskussion zu Aktionsformen, und ein Ergebnis dieser kritischen Reflexion ist die genetiX snowball-Kampagne.<\/p>\n<h3>Kampagnenziele<\/h3>\n<p>Die formulierten Ziele der genetiX snowball-Kampagne sind eher moderat, was Anla\u00df f\u00fcr Diskussionen innerhalb der Kampagne, aber auch f\u00fcr heftige Kritik von au\u00dferhalb ist. Die Forderungen der Kampagne sind:<\/p>\n<ol>\n<li>Ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Moratorium f\u00fcr Freisetzungen von gentechnisch ver\u00e4nderten Pflanzen in Gro\u00dfbritannien, mit Ausnahme von staatlich unterst\u00fctzten umweltvertr\u00e4glichkeits- und -sicherheitsversuchen (in geschlossenen Systemen) und;<\/li>\n<li>die Entfernung aller bisher existierenden genetisch manipulierten Pflanzen durch Regierungsstellen, Bauern\/B\u00e4uerinnen oder Biotechnologiefirmen. ((6))<\/li>\n<\/ol>\n<p>Sollten diese Forderungen erf\u00fcllt werden, so wird die Kampagne beendet &#8211; so zumindest der derzeitige Diskussionsstand.<\/p>\n<p>Die Vorteile dieses moderat formulierten Zieles liegen sicherlich darin, da\u00df es in einem \u00fcberschaubaren Zeitraum erreicht werden kann und somit als realistisch erscheint. Und bei der derzeitigen Zunahme von Freilandversuchen w\u00e4re mit Sicherheit ein f\u00fcnfj\u00e4hriges Moratorium zun\u00e4chst ein wichtiger Zwischenschritt, um ein absolutes Verbot von Freilandsversuchen zu erreichen.<\/p>\n<p>Kritisiert wird jedoch, da\u00df diese Forderungen nicht weitgehend genug sind, da\u00df sie keine grunds\u00e4tzliche Ablehnung von Gentechnik beinhalten.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, welche Position hier taktisch sinnvoller ist. Angesichts des fast v\u00f6lligen Fehlens einer gesellschaftlichen Diskussion kann die Forderung nach einem Moratorium vielleicht einiges in Bewegung bringen, gerade wenn sie durch eine breite Kampagne zivilen Ungehorsams erreicht wird. Und dieser Zusammenhang darf bei der Diskussion nicht vergessen werden, denn ein Moratorium w\u00e4re nur ein erster Schritt, und zwar w\u00fcrde die jetzige genetiX snowball-Kampagne dann beendet, aber die aufgebauten Strukturen w\u00fcrden mit Sicherheit eine neue, weitergehende Kampagne vorbereiten, um einen endg\u00fcltigen Stopp von Freilandversuchen und auch von &#8222;Novel Food&#8220; zu erreichen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der Kampagnenidee liegt ja gerade in ihrem potentiell aktivierenden Charakter. Es geht ihr darum, schrittweise eine gro\u00dfe Anzahl von Menschen zu aktivieren, gegen gentechnisch modifizierte Pflanzen aktiv zu werden und &#8222;sicher Freisetzungstandorte mit gentechnisch ver\u00e4nderten Pflanzen zu dekontaminieren, bis ein Moratorium gew\u00e4hrleistet ist.&#8220; Gerade in dieser Einladung zur &#8222;Teilnahme an gewaltfreien Aktionen, die die Gesellschaft n\u00e4her an Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden untereinander und mit der Erde heranf\u00fchren werden&#8220; liegt der Kern der Kampagnenidee. Die &#8222;Infragestellung gedankenlosen Gehorsams&#8220; und die \u00dcberwindung der \u00c4ngste hin zu einer &#8222;Position geteilter Macht im Gleichgewicht mit einem starken Gef\u00fchl der Verantwortlichkeit&#8220; ((7)) sollen die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern, so da\u00df auch nach dem Ablauf eines Moratoriums eine R\u00fcckkehr zu Freisetzungen nicht mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt f\u00fcr mich eine offene Frage, ob eine radikalere Formulierung der Kampagnenziele mit eindeutiger Absage an Gentechnik nicht auch politisch sinnvoller w\u00e4re.<\/p>\n<h3>Was hei\u00dft das f\u00fcr Deutschland?<\/h3>\n<p>In vielem scheint die Situation in Gro\u00dfbritannien mit der hiesigen vergleichbar zu sein. Auch in Gro\u00dfbritannien sprechen sich ca. 77 % der Bev\u00f6lkerung gegen gentechnisch ver\u00e4nderte Lebensmittel aus ((8)), \u00e4hnlich d\u00fcrften Meinungsumfragen hier aussehen. Diese gesellschaftliche Mehrheit gegen Gentechnik setzt sich aber nicht in eine entsprechende Politik um &#8211; auch das gilt f\u00fcr Gro\u00dfbritannien und Deutschland.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend aber in Gro\u00dfbritannien sich genetiX snowball auf eine gewaltfreie Aktionstradition st\u00fctzen kann &#8211; u.a. die snowball-Kampagne der 80er Jahre und die j\u00fcngste direct action-Umweltbewegung &#8211; so scheint mir das in Deutschland gerade f\u00fcr eine potentielle Anti-Gentechnik-Bewegung schlechter auszusehen. Die \u00d6kologiebewegung hat sich vielfach von Aktionen Zivilen Ungehorsams entfernt und \u00fcbt den Schulterschlu\u00df mit Staat und Kapital &#8211; von \u00f6kologischer Steuerreform bis Agenda 21. Doch w\u00e4hrend als Folge der Anti-Castor-Bewegung von der rot-gr\u00fcnen Koalition ein butterweicher Atomausstieg (immerhin!) beschlossen wurde, kann als Folge des Fehlens einer radikalen Bewegung gegen Gentechnik aus diesem Bereich nichts vergleichbares berichtet werden.<\/p>\n<p>Eine Kampagne \u00e4hnlich der genetiX snowball-Kampagne k\u00f6nnte dies \u00e4ndern und gerade aufgrund ihrer Offenheit und eindeutigen Gewaltfreiheit hier Ber\u00fchrungs\u00e4ngste bei \u00f6rtlichen Gentechnik-Initiativen und Umweltgruppen abbauen helfen, l\u00e4\u00dft sie sich doch nicht so einfach der &#8222;Unverantwortlichkeit&#8220; ihrer Aktionen bezichtigen. Gerade in ihrer Offenheit zum Dialog mit den betroffenen Bauern\/B\u00e4uerinnen und der \u00d6ffentlichkeit, mit ihrer Bereitschaft, f\u00fcr die gewaltfreien Aktionen zivilen Ungehorsams mit der ganzen Person einzustehen, kann sie auf viele Menschen zugehen und sie vielleicht sogar zum Mitmachen bewegen. Bringen wir auch hier den Schneeball ins Rollen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;genetiX snowball ist eine Kampagne gewaltfreier ziviler Verantwortlichkeit, die darauf abzielt, aktiven Widerstand gegen diese neue Gentechnologie, die unerw\u00fcnscht, unn\u00f6tig, unsicher und irreversibel ist, aufzubauen&#8220;, so hei\u00dft es im Aktionshandbuch der Kampagne. 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