{"id":22664,"date":"2020-06-20T01:01:14","date_gmt":"2020-06-19T23:01:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22664"},"modified":"2020-06-20T01:01:14","modified_gmt":"2020-06-19T23:01:14","slug":"umverteilung-regulieren-und-selbstverwalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/umverteilung-regulieren-und-selbstverwalten\/","title":{"rendered":"Umverteilung \u2013 Regulieren und Selbstverwalten"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Es ist bis heute einer der wichtigsten Slogans der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/zehn-jahre-zapatistischer-aufstand\/\">zapatistischen Bewegung<\/a>: \u201eAlles f\u00fcr alle!\u201c Damit machten die k\u00e4mpfenden, indigenen B\u00e4uerinnen und Bauern im S\u00fcden Mexikos klar: Es geht uns nicht allein um die Anerkennung unserer kulturellen Gepflogenheiten, es geht nicht allein um einen Kampf gegen Rassismus. Es geht ums Ganze, um die Abschaffung sozialer Ungleichheit. Der aktuelle Oxfam-Bericht zur globalen sozialen Ungleichheit macht einmal mehr deutlich, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht: Das reichste Prozent der Weltbev\u00f6lkerung besitzt 45 Prozent des weltweiten Reichtums, Frauen arbeiten mehr und verdienen viel weniger als M\u00e4nner usw. usf. (1)<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Suchte man nach Vorl\u00e4ufern der zapatistischen Ansichten und Anspr\u00fcche, sie lie\u00dfen sich im Anarchokommunismus finden. \u201eAlles soll allen geh\u00f6ren!\u201c (2) schrieb <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/\">Peter Kropotkin<\/a> 1919 in seiner optimistischen Kampfschrift \u201eDie Eroberung des Brotes\u201c. Und Kropotkin war klar, dass die Umsetzung dieser Forderung auf die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums hinauslaufen muss. Es gelte, so Kropotkin, laut zu proklamieren, \u201eda\u00df die Gesellschaft unter Alle ohne Ausnahme die Existenzmittel, \u00fcber welche sie verf\u00fcgt, zu verteilen hat\u201c (3). Was Kropotkin allerdings auch klar zu sein schien war, dass die gesellschaftliche Entwicklung, der Fortschritt, letztlich unabl\u00e4ssig auf einen Zustand zulaufen w\u00fcrde, der diese Umverteilung bewerkstelligen werde. Der Ansturm des sich bewusst werdenden Volkes auf das Privateigentum, so Kropotkins hoffnungsfrohe Ansicht, werde dazu f\u00fchren, dass sich Gesellschaften \u2013 in unterschiedlichen Formen zwar \u2013 anarcho-kommunistisch organisieren. Das schien ihm der logische Effekt eines Strebens nach Gleichheit. Mit dieser Pr\u00e4misse allerdings, so sch\u00f6n der Optimismus auch heute noch zu lesen ist, tat er dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/02\/quo-vadis-anarchismus\/\">Anarchokommunismus<\/a> keinen Gefallen. Denn damit er\u00fcbrigte sich im Grunde jede Frage nach einer Strategie, mit der die Umverteilung angegangen und umgesetzt werden k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">Das anarchosyndikalistische Dilemma: Gestern&#8230; <\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Anliegen jeder sozialrevolution\u00e4ren Politik muss es sein, gesellschaftlichen Reichtum an Ressourcen zu verteilen. Das bedeutet, ihn umzuverteilen, denn er ist ja bereits verteilt und <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">wird in jedem Augenblick weiter verteilt, wobei (unter kapitalistischen Bedingungen) diejenigen, die bereits viel haben, immer besser wegkommen als jene, die nichts haben. Bestehende Ungleichheiten m\u00fcssen abgeschafft werden. Dazu aber m\u00fcssen bestehende Abl\u00e4ufe und Routinen, und zwar nicht nur \u00f6konomischer Art, unterbrochen und ver\u00e4ndert werden. Hier entsteht der Knackpunkt jedes heutigen Anarchokommunismus: Umverteilung geht nicht ohne Regulierung! Denn diejenigen, die von der bestehenden Verteilung profitieren, haben selbstverst\u00e4ndlich etwas dagegen, dass ihnen weniger zukommen soll als bisher. Und mit den Profiteur*innen sind bei Weitem nicht nur die Superreichen und Konzernchefs gemeint. Auf nahezu allen Ebenen des Sozialen w\u00e4gen Menschen ihre Vorteile gegen\u00fcber Nachteilen ab, profitieren von der Ausbeutung und Diskriminierung anderer. Das ist der Grund daf\u00fcr, dass heute nicht den Hauch einer Chance auf gesellschaftliche Mehrheiten hat, wer mit einem sozialrevolution\u00e4ren Programm radikaler Umverteilung in die \u00d6ffentlichkeit tritt. Eine Tatsache, die von der Linken, auch der libert\u00e4ren Linken, gerne ausgeblendet wird. Denn so entsteht das anarchokommunistische Dilemma: Die Umverteilung m\u00fcsste mindestens gegen die Eliten, im ung\u00fcnstigeren Fall der westlichen Gegenwartsgesellschaften aber wohl gegen die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung durchgesetzt werden. Das m\u00fcsste schlie\u00dflich mit relativ brachialen Regulierungsma\u00dfnahmen geschehen, und das selbstverst\u00e4ndlich widerspricht dem programmatischen Anspruch auf freie Entfaltung und freie Assoziation.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Bei Kropotkin aber gab es keinen Zweifel, dass der Kommunismus fr\u00fcher oder sp\u00e4ter \u201ezum Fundament des gesamten sozialen Lebens wird\u201c, und zwar der anarchistische Kommunismus, also der \u201eKommunismus ohne Regierung\u201c (4). Die staatliche Organisation des Sozialen wie auch der \u00d6konomie schien ihm \u00fcberfl\u00fcssig: \u201eDie freie Vereinbarung, die freie Organisation ersetzen diesen teuren und sch\u00e4dlichen Apparat [von Staat und Regierung, O.L.] und leistet Besseres\u201c (5). An der \u00dcberzeugung, dass eine generalisierte Selbstverwaltung Besseres zustande bringt als der moderne Nationalstaat, ist sicherlich auch unter postanarchistischen Vorzeichen festzuhalten. Zu verwerfen aber ist das Vertrauen in die sich selbst bewusst werdende und dann rebellierende Bev\u00f6lkerung. Denn dieser Glaube hat die Beantwortung der Frage verhindert, wie eine solche Gesellschaft nicht nur auf den Weg gebracht, sondern auch gegen die immensen Widerst\u00e4nde aus allen sozialen Milieus durchgesetzt werden soll. Kropotkin ist in dieser Sache leider bis heute ma\u00dfgebend. (Wobei ihm selbst nat\u00fcrlich zu Gute gehalten werden muss, dass er die Entwicklung des Fordismus mit seiner Massenproduktion, die Beteiligung der Arbeiter*innenklasse am Konsum und am politisch-repr\u00e4sentativen Organisationengef\u00fcge ebenso wenig voraussehen konnte wie insgesamt Aufstieg und Fall des Wohlfahrtsstaates!)<\/span><\/p>\n<h5 align=\"left\"><span lang=\"de-DE\">&#8230;und heute<\/span><\/h5>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Heute argumentieren Anarchist*innen aber noch \u00e4hnlich. \u00dcber die Mittel zur Durchsetzung der anarchokommunistischen Gesellschaft wird geschwiegen, als h\u00e4tte die Integration der Arbeiter*innenklasse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht stattgefunden. Dabei liegt etwa der anarchistische \u00d6konom Gerhard Senft zun\u00e4chst gar nicht falsch, wenn er schreibt: \u201eKein System jemals zuvor in der Geschichte hat in herrschaftstechnischer Hinsicht derart gr\u00fcndlich und zuverl\u00e4ssig funktioniert wie das moderne Akkumulationsregime\u201c (6). Die \u00d6konomie durchdringt alles. Mehr denn je, w\u00e4re zu erg\u00e4nzen, in den letzten vierzig Jahren, die durch die Hegemonie des Neoliberalismus gepr\u00e4gt sind. Umso wichtiger, sich aus herrschaftskritischer Sicht damit auseinanderzusetzen, also nicht nur den Staat, sondern auch die \u00d6konomie zu analysieren und zu attackieren. Senft schreibt im gleichen Text, ebenfalls sehr richtig, anarchistische Theorie und Praxis habe immer darauf beharrt, \u201es\u00e4mtliche autorit\u00e4re Tendenzen aus den politischen und wirtschaftlichen Organisationsformen zu verdammen\u201c (7). Dann aber kommt gleich im n\u00e4chsten Satz die Behauptung, die das anarchokommunistische Dilemma gerade umgeht: \u201eDer libert\u00e4re Sozialismus bedarf keiner etatistischen und technokratischen Autorit\u00e4ten\u201c (8). Tja, das ist als Lehre sicherlich korrekt wiedergegeben und ehrenwert, nur fragt sich eben: Wie soll er dann durchgesetzt werden, der libert\u00e4re Sozialismus? <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Braucht es wirklich keinerlei Autorit\u00e4ten, um Umweltstandards, Arbeitsrechte, Antidiskriminierungsma\u00dfnahmen etc. umzusetzen? Um bei der Ablehnung \u201eetatistischer und technokratischer\u201c Autorit\u00e4ten zu bleiben, m\u00fcssten wir angesichts der perversen globalen sozialen Ungleichheit aber sehr schnell und sehr gr\u00fcndlich Konzepte anderer Autorit\u00e4ten entwickeln, um die Privatisierungs- und Deregulierungspolitiken der Megakonzerne und ihrer Helfershelfer*innen in die Schranken zu weisen und dann zu zerschlagen. An solchen Konzepten aber mangelt es auf schmerzliche Weise. Bei Senft ist dann etwas weiter im Text zwar noch von der Notwendigkeit der Kollektivierung von Grund und Boden die Rede. Aber auch da wird die Frage gar nicht erst aufgeworfen, wer sie auf welche Art und Weise umsetzen k\u00f6nnte. Diese Frage dr\u00e4ngt sich aber wohl auf, denn, wie gesagt, die zu Enteignenden werden der Kollektivierung kaum ohne Weiteres zustimmen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Nur, um da nicht missverstanden zu werden: Das hier ist kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Besinnung auf Sozialdemokratie und Staatsr\u00e4son. Es geht darum, sich \u00fcber die Etablierung einer wirkm\u00e4chtigen, generalisierten Selbstverwaltung Gedanken zu machen, die den neoliberalen Angriffen auf die Errungenschaften der Arbeiter*innen- und anderer sozialer Bewegungen etwas entgegenzusetzen hat.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span lang=\"de-DE\">Das \u201eAlles f\u00fcr alle!\u201c der Zapatistas hat seine praktische Umsetzung in der Aneignung von Land und dem Aufbau basisdemokratischer <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/gewaltfreier-kampf-und-selbstverwaltung\/\">kollektiver Selbstverwaltung<\/a> gefunden. Ein Modell allerdings, das auf der relativen Homogenit\u00e4t der Lebensverh\u00e4ltnisse im ruralen mexikanischen S\u00fcden fu\u00dft. Und leider kaum auf die diversifizierten, urbanen Landschaften westlicher Gegenwartsgesellschaften zu \u00fcbertragen ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"right\"><strong><span lang=\"de-DE\">Oskar Lubin<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist bis heute einer der wichtigsten Slogans der zapatistischen Bewegung: \u201eAlles f\u00fcr alle!\u201c Damit machten die k\u00e4mpfenden, indigenen B\u00e4uerinnen und Bauern im S\u00fcden Mexikos klar: Es geht uns nicht allein um die Anerkennung unserer kulturellen Gepflogenheiten, es geht nicht allein um einen Kampf gegen Rassismus. 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