{"id":2296,"date":"1998-11-01T00:00:14","date_gmt":"1998-10-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2296"},"modified":"2022-07-26T14:26:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:30","slug":"herrschaft-als-massenmobilisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/herrschaft-als-massenmobilisierung\/","title":{"rendered":"Herrschaft als Massenmobilisierung"},"content":{"rendered":"<p>Die zweiten 400 Seiten des &#8222;Schwarzbuchs&#8220; beginnen mit dem neben Nicolas Werths Analyse der Sowjetunion lesenswertesten Kapitel, n\u00e4mlich dem \u00fcber China. Jean-Louis Margolin beschreibt den hohen Grad an Gewalt, der die chinesische Revolution von Anfang an begleitete. Nach der Niederschlagung der st\u00e4dtischen KommunistInnen durch die national-milit\u00e4rische Kuomintang errichtete die chinesische KP auf ihrem &#8222;langen Marsch&#8220; eine Herrschaft des &#8222;demokratischen Terrors&#8220; (S.520f), wie es ihr erster F\u00fchrer, Peng Pai, bezeichnete. Alle DorfbewohnerInnen mu\u00dften in der Regel der Hinrichtung von Grundbesitzern und Konterrevolution\u00e4ren beiwohnen und zustimmen &#8211; und wurden durch ihre Beteiligung an die neuen Verh\u00e4ltnisse gebunden. Der hohe Grad des chinesischen Militarismus in einer B\u00fcrgerkriegssituation f\u00fchrte sofort zu einer massiven inneren Repression in den &#8222;befreiten Gebieten&#8220;: laut Margolin mu\u00dften die Bauern dort im Jahr 1941 &#8222;35 % des Ernteertrags abliefern, viermal mehr als in den von der Kuomintang beherrschten Gebieten.&#8220; (S.521) Der neue Vorsitzende, Mao Zedong, setzte Peng Pais Linie fort und wurde 1931 sogar kurzzeitig abgesetzt, weil er f\u00fcr die Entfremdung von Bev\u00f6lkerung und KP aufgrund seiner harten Repression kritisiert worden war.<\/p>\n<p>Die Landreform Anfang der f\u00fcnfziger Jahre war die erste fl\u00e4chendeckende Erfassung des chinesischen Riesenreiches \u00fcberhaupt, und hatte von Anfang an einen Kontrollaspekt. Die Partei legte im Vorfeld Quoten von Privilegierten fest (10-20 %) und teilte die Bauern\/B\u00e4uerinnen in &#8222;arme, halbarme, mittlere und reiche&#8220; sowie die LandbesitzerInnen ein (S.528). Die Unterschiede waren unscharf, zumal in China im Gegensatz zu Osteuropa und Lateinamerika die l\u00e4ndlichen Besitzverh\u00e4ltnisse vergleichsweise differenziert waren (viele Kleinparzellen). In der sogenannten &#8222;Bitterkeitsversammlung&#8220; sprachen die zun\u00e4chst meist sch\u00fcchternen DorfbewohnerInnen nach Anleitung durch die Kader schlie\u00dflich das Todesurteil \u00fcber reiche Bauern oder Landbesitzer aus, das sofort vollstreckt wurde. Der Anteil lokaler Willk\u00fcr war hoch. Die Versammlungen waren autorit\u00e4r strukturierte Rituale, die nur Konformismus abverlangten, und bildeten das Vorbild zu sp\u00e4teren Kampfversammlungen und Versammlungen zur Selbstkritik, die das System organisierte (S.529). Bei der Landreform wurden zwar 40 % des Bodens neu verteilt, aber die durchschnittliche Hofgr\u00f6\u00dfe der Kleinbauern lag immer noch bei 0,8 Hektar, weniger als in Japan, Taiwan oder S\u00fcdkorea (S.531). Daf\u00fcr gab es etwa zwei Millionen Tote und ca. vier Mio. reiche Bauern, die in die chinesischen Umerziehungslager, die Laogai, wanderten. &#8222;Die schreckliche Grausamkeit der chinesischen Landreform diente darum nicht prim\u00e4r der Reform selbst, sondern dem politischen Ziel der totalen Macht\u00fcbernahme des kommunistischen Apparates. Dazu geh\u00f6rten die Auswahl einer kleinen Zahl von Aktivisten als Agitatoren und Funktion\u00e4re, der Abschlu\u00df von \u2018Blutspakten\u2019 mit der Masse der Dorfbewohner, die in Hinrichtungen verwickelt waren, und die Demonstration gegen\u00fcber allen, die Widerstand leisteten oder nur halbherzig mitmachten, da\u00df die KP in der Lage war, mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte zu regieren.&#8220; (S.531)<\/p>\n<h3>Massenmobilisierung beim &#8222;Gro\u00dfen Sprung&#8220;<\/h3>\n<p>Beim Lesen von Margolins Analyse maoistischer Staatsgewalt ist mir besonders der Charakter der Massenmobilisierung aufgefallen, der zwar in allen staatssozialistischen Regimes eine Rolle spielt, aber nirgendwo so ausgepr\u00e4gt war wie in China. W\u00e4hrend Herrschaft in b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Regimes in der Regel zum Ziel hat, die Bev\u00f6lkerung ruhig, passiv oder zumindest gleichg\u00fcltig zu halten, hielt Maos Staat die Massen in best\u00e4ndiger Bewegung, um Zustimmung zum System zu organisieren. Zugespitzt: w\u00e4hrend der Schrebergarten im Kapitalismus als Inbegriff des Konservatismus und der Ruhigstellung der B\u00fcrgerInnen gilt, galt die Anlage von Blumenbeeten w\u00e4hrend der chinesischen &#8222;Kulturrevolution&#8220; als konterrevolution\u00e4rer Akt. Die in zustimmender Bewegung gehaltenen Massen durften bei Mao nie zur Ruhe kommen. Sie h\u00e4tten dabei ja selbst\u00e4ndig zu denken anfangen k\u00f6nnen. So gab es w\u00e4hrend der f\u00fcnfziger Jahre immer wieder &#8222;Massenkampagnen&#8220;, etwa eine zur &#8222;Eliminierung versteckter Konterrevolution\u00e4re&#8220; (1955), die sich gegen Intellektuelle und alte Parteik\u00e4mpfer richtete. Auch die bekannte Kampagne &#8222;La\u00dft hundert Blumen bl\u00fchen&#8220; (1957) war eine solche Massenkampagne: Mao ermutigte von oben zu m\u00f6glichst breiter Kritik, um nach wenigen Wochen die Liberalisierung f\u00fcr beendet zu erkl\u00e4ren, alle KritikerInnen zu verfolgen und die Einheit des Parteiapparats zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Auch die gro\u00dfe Hungersnot von 1959-1961, die von Margolin als die &#8222;gr\u00f6\u00dfte Hungersnot aller Zeiten&#8220; (S.539) mit ca. 20 (von China 1988 offiziell genannt) bis 43 Mio. Toten bezeichnet wird, war Folge einer Massenmobilisierung: angefangen hatte es mit der Kollektivierung von 1955\/56, bei der anfangs noch der invididuelle R\u00fcckzug aus der Kooperative erlaubt war und die D\u00f6rfer stehenblieben. Doch 1958 wurde die Errichtung der Volkskommunen befohlen (der eigentliche &#8222;Gro\u00dfe Sprung&#8220;), wobei keine individualistischen Ausnahmen mehr geduldet wurden. Die mobilisierten Massen wurden parallel zum Bau von neuen Wohnprojekten, Bew\u00e4sserungsprojekten, einer drastischen Erh\u00f6hung der landwirtschaftlichen Produktion und zur Errichtung von Industrieprojekten (Kleinhoch\u00f6fen in jeder l\u00e4ndlichen Kommune, um Autarkie zu erreichen) gezwungen, was zu totaler k\u00f6rperlicher Ersch\u00f6pfung f\u00fchrte. Gleichzeitig wurden die Zwangsabgaben von Getreide f\u00fcr den Staat zum Aufbau von Industrien in den St\u00e4dten drastisch erh\u00f6ht. 1960 konnten die Bauern aus k\u00f6rperlicher Schw\u00e4che kaum noch die Ernte einbringen. Die Produktion ging zur\u00fcck, doch die Abgabeforderungen des Staates blieben und noch w\u00e4hrend der Hungerjahre 1959-1961 wurde Getreide exportiert. Mao konnte den Produktionsr\u00fcckgang und damit das Scheitern des &#8222;Gro\u00dfen Sprungs&#8220; nicht zugeben und fr\u00fchzeitig gegensteuern &#8211; eine Struktur, die Margolin erst recht als Ursache f\u00fcr die Ausbreitung der Hungersnot anf\u00fchrt. Die Hungersnot umfa\u00dfte das ganze Land und f\u00fchrte zur R\u00fccknahme der Volkskommunen und zum Aufstieg von Maos pragmatischem Widersacher Liu Saoqi und seinem Verb\u00fcndeten Deng Xiaoping innerhalb der Partei.<\/p>\n<p>Im Vergleich zum &#8222;Gro\u00dfen Sprung&#8220; forderte die &#8222;Kulturrevolution&#8220; mit ca. 500 000 bis 1 Mio. Opfern weitaus weniger Todesopfer, doch veranschaulicht Margolin unter dem \u00e4u\u00dferst deplazierten Titel &#8222;Anarchischer Totalitarismus (1966-1976)&#8220; (S. 570ff) noch einmal anschaulich die Funktionsweise dieser Form der Herrschaft durch Massenmobilisierung: gegen seine Bedrohung durch Aufsteiger innerhalb der Partei mobilisierte Mao vor allem Jugendliche und sogenannte &#8222;schlechte Elemente&#8220;, Leute mit sogenanntem ung\u00fcnstigen Klassenhintergrund, d.h. Saisonarbeiter, Tagel\u00f6hner. Sie bildeten die &#8222;Roten Garden&#8220;, welche Intellektuelle und LehrerInnen diskriminierten, die mittleren Parteib\u00fcros in den Provinzen st\u00fcrmten und sich nationalistisch gegen Fremde und Minderheiten wandten. Maos Widersacher f\u00fchrten gegen sie die sogenannten &#8222;Fortsetzer&#8220; ins Feld. Und alle bek\u00e4mpften sich gegenseitig, aber immer mit Mao-Zitaten aus verschiedenen Epochen. Die Ausrichtung an Mao wurde nie in Frage gestellt, und die &#8222;Gruppe Kulturrevolution beim ZK&#8220; beanspruchte die Steuerung. Kennzeichen der Herrschaft durch Massenmobilisierung ist jedoch die M\u00f6glichkeit, da\u00df sie auch aus dem Ruder laufen kann. Nachdem die &#8222;Roten Garden&#8220; Maos Position wieder gefestigt hatten, hatten sie gleichzeitig zuviel Macht gewonnen und wurden durch das Milit\u00e4r des Mao-Verb\u00fcndeten Lin Biao, das sich bisher rausgehalten hatte, niedergeschlagen &#8211; dieser Abschlu\u00df der &#8222;Kulturrevolution&#8220; forderte die meisten Todesopfer. Mao konnte seinen Erfolg jedoch nicht mehr auskosten: sein Tod 1976 l\u00e4utete die R\u00fcckkehr Deng Xiaopings zur Macht ein.<\/p>\n<p>Margolins Analyse Chinas unter Mao zerst\u00f6rt viele Mythen: den Mythos der Popularit\u00e4t Maos unter den Bauern\/B\u00e4uerinnen &#8211; im Gegensatz dazu waren gerade die Pragmatiker unter den Bauern st\u00e4rker gesch\u00e4tzt; den Mythos, in China habe niemand gehungert, jede\/r eine t\u00e4gliche Schale Reis bekommen, anders als in anderen L\u00e4ndern der &#8222;Dritten Welt&#8220; &#8211; in Wirklichkeit gab es dort 1959-61 eine der gr\u00f6\u00dften Hungersn\u00f6te aller Zeiten; den Mythos schlie\u00dflich, die &#8222;Kulturrevolution&#8220; sei eine &#8222;Rebellion&#8220;, die Mao nur gerechtfertigt habe &#8211; tats\u00e4chlich verlie\u00dfen die AkteurInnen nie die autorit\u00e4re Ausrichtung auf Mao.<\/p>\n<h3>Warum?<\/h3>\n<p>\u00c4u\u00dferst schwach gegen\u00fcber den Analysen Margolins sind die Kapitel zu Kuba und Nicaragua im Schwarzbuch. W\u00e4hrend Margolin die Kuomintang als fr\u00fche Gegner zumindest erw\u00e4hnt, werden von Pascal Fontaine die US-Interventionen in Kuba und Nicaragua sowie die Contra-Kriege nicht ber\u00fccksichtigt oder pauschal verharmlost. Es geht bei kommunistischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr revolution\u00e4re Gewalt jedoch immer um Gegengewalt. Wer sie kritisiert, mu\u00df zumindest ein Bewu\u00dftsein f\u00fcr Umfang und Dimension b\u00fcrgerlicher oder imperialistischer Gewalt erkennen lassen. Im Kuba-Kapitel passiert das nicht, und es wird zudem die vom US-Altanarchisten Sam Dolgoff beschriebene Niederschlagung der anarchosyndikalistischen Bewegung durch Castro\/Guevara verschwiegen (&#8222;Leuchtfeuer in der Karibik. Eine libert\u00e4re Analyse der kubanischen Revolution&#8220;, Libertad Verlag). Beide Kapitel sind \u00e4u\u00dferst \u00e4rgerlich, viel zu kurz und ungen\u00fcgend, w\u00e4hrend die weiteren Beitr\u00e4ge \u00fcber Kambodscha, Afrokommunismus und Afghanistan zwar ebenfalls zu kurz, aber annehmbar ausfallen. Auf die ebenfalls problematischen DDR-Kapitel am Ende der deutschen Ausgabe des &#8222;Schwarzbuchs&#8220; kann hier aus Platzgr\u00fcnden nicht weiter eingegangen werden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist das Abschlu\u00dfkapitel von Herausgeber Courtois (&#8222;Warum?&#8220;, S.793ff) im Gegensatz zur zu Recht umstrittenen Einleitung nicht schlecht. Auf der Suche nach den Ursachen f\u00fcr staatskommunistische Verbrechen bietet Courtois eine Mischung aus: erstens der Fortsetzung einer &#8222;Kultur der Gewalt&#8220; (S.800) im zaristischen Ru\u00dfland, zweitens einer aus dem Weltkrieg 1914-18 hervorgegangenen gesteigerten Gewaltt\u00e4tigkeit weltweit, und drittens der Kultivierung des Netschajew\u2019schen kalten, unmoralischen, bed\u00fcrfnislos nur der Sache ergebenen Berufsrevolution\u00e4rs durch den Leninismus. Dabei diskutiert Courtois zun\u00e4chst Kautskys sozialdemokratische Analyse &#8222;Die Diktatur des Proletariats&#8220; (1918). Gegen Lenins Antwort auf den &#8222;Renegat Kautsky&#8220; ist Kautsky geradezu hellsichtig, was die Gefahren eines st\u00e4ndigen Guerillakrieges und eines B\u00fcrgerkrieges, der nicht mehr aufh\u00f6rt, anbetrifft. Nach Kautsky wird im Leninismus der B\u00fcrgerkrieg, die Gewalt der Waffen und damit auch die Grausamkeit zur Form der Austragung sozialer und politischer Gegens\u00e4tze (S.809). Leider setzt Kautsky dagegen nur die parlamentarische Demokratie und ihre Wahlmaschinerie. Und Courtois vergi\u00dft in seiner Wertsch\u00e4tzung Kautskys dessen Rolle bei der Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD. Immerhin zitiert Courtois sp\u00e4ter aber noch Isaac Steinbergs verzweifelte Antinomie, nach welcher der Terror nicht nur die Seele des Besiegten, sondern auch des Siegers vergifte. Und Courtois widmet sich dann \u00fcberraschenderweise noch einmal recht ausf\u00fchrlich dem Bruch Bakunin-Netschajew, der sinnbildlich f\u00fcr die Frage stehe, ob das &#8222;revolution\u00e4re Handeln bestimmten grundlegenden moralischen Zw\u00e4ngen&#8220; (S.823) verbunden bleiben mu\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zweiten 400 Seiten des &#8222;Schwarzbuchs&#8220; beginnen mit dem neben Nicolas Werths Analyse der Sowjetunion lesenswertesten Kapitel, n\u00e4mlich dem \u00fcber China. Jean-Louis Margolin beschreibt den hohen Grad an Gewalt, der die chinesische Revolution von Anfang an begleitete. 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