{"id":22981,"date":"2020-08-28T00:05:08","date_gmt":"2020-08-27T22:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22981"},"modified":"2020-10-15T12:41:58","modified_gmt":"2020-10-15T10:41:58","slug":"schoene-finstere-datenwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/schoene-finstere-datenwelt\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne finstere Datenwelt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Beispielsweise im Bildungsbereich: W\u00e4hrend man dort den Wechsel von der Pr\u00e4senzlehre zu digitalen Formaten (etwa ZOOM-Konferenzen) zu Hochzeiten der Pandemie, wenn auch oft mit h\u00f6rbar knirschenden Z\u00e4hnen, mehrheitlich als ein unvermeidbares \u00dcbel ansah, um zu retten, was zu retten war, ist inzwischen eine wohltuend kontroverse Debatte \u00fcber die Zukunft digitaler Lehrformate im sekund\u00e4ren und terti\u00e4ren Bildungssektor (also an Schulen und Universit\u00e4ten) entbrannt. Diese Debatte kann scharf und sachlich gef\u00fchrt werden, denn die Tage der M\u00e4rchenversprechungen aus den Dunstkellern der Marketingabteilungen der IT-Industrie sind gez\u00e4hlt: Zehntausende von Lehrerinnen und Lehrern, Dozentinnen und Dozenten und Professorinnen und Professoren haben hierzulande w\u00e4hrend der Pandemie praktische Erfahrungen mit M\u00f6glichkeiten und Grenzen digitaler Technik im Lehrbetrieb gemacht. F\u00fcr andere Bereiche des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens gilt \u00e4hnliches. Einem sachlichen, transparenten und demokratischen Entscheidungsprozess \u00fcber den Fortgang der Digitalisierung st\u00fcnde also nichts im Weg. Eigentlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Digitalisierung soll im Folgenden nicht ein sinnvoller Einsatz digitaler Technik in begrenzten Bereichen des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens verstanden werden, bei dem Nutzen und Schaden vollst\u00e4ndig und sachlich gegeneinander abgewogen wurden. Sich gegen einen solchen Einsatz zu stemmen, w\u00e4re wohl wirklich Kinderei und den heutigen Zeiten nicht angemessen. Digitalisierung im hier verstandenen Sinne meint die aggressive, intransparente und nicht selten autoritativ durchgesetzte Einf\u00fchrung digitaler Technik in allen Bereichen des modernen Lebens, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig vom tats\u00e4chlichen Nutzen und Schaden f\u00fcr Verbraucherinnen und Verbraucher, bei der Profitinteressen der Digitalwirtschaft und \u00dcberwachungstr\u00e4ume des Staates h\u00e4ufig Hand in Hand gehen. Um eine so verstandene Digitalisierung durchzusetzen, versuchen m\u00e4chtige Lobbygruppen \u2013 wie in Deutschland etwa die Bertelsmann-Stiftung \u2013 aber auch Personen aus Politik und Medien, Einfluss darauf zu nehmen, welche Argumente in der \u00f6ffentlichen Diskussion als \u201ezul\u00e4ssig\u201c gelten. W\u00e4hrend \u00fcber die Gefahr von Datenlecks, Konzernabh\u00e4ngigkeiten oder die Konsequenzen einer (zu) fr\u00fchen Nutzung digitaler Technik im Kindesalter durchaus gestritten wird, gl\u00e4nzt ein weiteres wichtiges Thema h\u00e4ufig durch Abwesenheit: Die Frage nach den \u00f6kologischen Folgen der Digitalisierung. Manche Autorinnen und Autoren sprechen auch vom \u201eblinden Fleck der Digitalisierung\u201c. Statt die bekannten Gefahren f\u00fcr Klima und Umwelt durch massenhafte Nutzung digitaler Technik kritisch zu thematisieren, wird gern mit Suggestionen gearbeitet. Wenn etwa EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen als Ziel der gewaltigen Investitionen der Europ\u00e4ischen Union nach der ersten Welle der Pandemie angibt, diese sollten \u201eEuropa digitaler und klimafreundlicher\u201c machen, so stellt sie eine Verbindung her, die so bisher allenfalls theoretisch existiert. Aber selbst (mehrheitlich junge) Bewegungen wie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/fridays-for-future-saturdays-for-system-change\/\">Fridays for Future<\/a> sind bisher auff\u00e4llig zur\u00fcckhaltend, wenn es darum geht, die Klima- und Umweltbelastungen durch Digitalisierung zu thematisieren. Oder auch nur: zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n<h5>Energiebedarf und CO2-Aussto\u00df durch Datenverarbeitung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider liegen bisher noch keine belastbaren Zahlen \u00fcber den Anstieg des Energieverbrauchs und CO2-Aussto\u00dfes durch den massiven Einsatz digitaler Technik w\u00e4hrend des Lockdowns vor. Dieser Artikel wird sich daher notgedrungen mit Zahlen begn\u00fcgen m\u00fcssen, die zum Teil bereits zwei oder drei Jahre alt sind. Es braucht allerdings weder \u00fcberbordende Phantasie noch tiefe mathematische Kenntnisse, um sich die Entwicklung w\u00e4hrend der vergangenen Monate, ausgehend von den Verl\u00e4ufen aus der Zeit vor der Pandemie, ungef\u00e4hr zu verdeutlichen. Generell f\u00e4llt auf, dass ernstzunehmende Studien zu den \u00f6kologischen Folgen der Digitalisierung bisher kaum existieren. Man muss sie mit der Lupe suchen. S\u00e4mtliche hier genannten Zahlen und Fakten entstammen nichts desto trotz (in Zeiten von Fakenews und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/das-gespenst-der-freiheit\/\">Hygiene-Demos<\/a> ist eine solche Klarstellung notwendig) seri\u00f6sen und \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Quellen. Die wichtigsten finden sich am Ende dieses Artikels aufgelistet. Informierten Leserinnen und Lesern m\u00f6gen die hier dargestellten Fakten wenig Neues bieten. Es stellt sich allerdings immer wieder heraus, dass in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit genauere Kenntnisse \u00fcber die \u00f6kologischen Folgen der Digitalisierung erschreckend d\u00fcnn ges\u00e4t sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eW\u00e4re das Internet ein Land\u201c, schreibt Greenpeace, \u201edann h\u00e4tte es den sechstgr\u00f6\u00dften Energieverbrauch weltweit\u201c. Im Jahr 2017 gab es auf der Erde ca. 1700.000.000 station\u00e4re PCs und Laptops, vier bis f\u00fcnf Milliarden Smartphones und sechs bis sieben Milliarden weitere \u201esmarte\u201c Ger\u00e4te. Also mehr internetf\u00e4hige Ger\u00e4te als Menschen. Heute d\u00fcrften diese Zahlen deutlich h\u00f6her liegen. Mitte 2020 besa\u00dfen beispielsweise in Deutschland 81% aller Menschen \u00fcber dem 14ten Lebensjahr ein Smartphone. Um all diese Ger\u00e4te funktionsf\u00e4hig zu halten, gab es 2017 global 800 Milliarden Netzger\u00e4te, DSL-Boxen usw., sowie 60 Millionen Server in Datenzentren. Nimmt man Herstellung und Nutzung zusammen, verursachte der digitale Sektor insgesamt 4% der weltweiten Treibhausemissionen. Zum Vergleich: Der weltweite Flugverkehr verursachte im gleichen Jahr \u201enur\u201c 2% der Emissionen. Die Freude \u00fcber den wundervoll kondensstreifenfreien Himmel w\u00e4hrend des Lockdowns mag also, was seine \u00d6ko-Bilanz angeht, ein wenig verfr\u00fcht gewesen sein. Bis zum Beginn der Pandemie wuchsen die durch digitale Technik verursachten CO2-Emissionen j\u00e4hrlich um 8%. Tendenz: steigend. 3% des globalen Energiebedarfs entfallen bereits auf die Verarbeitung von Daten, und seri\u00f6se Sch\u00e4tzungen nehmen an, dass dieser Bedarf in absehbarer Zeit auf ein Viertel (!) des weltweiten Energieverbrauchs wachsen wird \u2013 ein in der Tat beunruhigendes Szenario. Bisher hat sich der Energieverbrauch der Rechenzentren alle vier Jahre verdoppelt. In den n\u00e4chsten zehn Jahren soll er sich verdreifachen. Eine Studie in Japan kam zu dem Ergebnis, dass allein der Energiebedarf f\u00fcr digitale Dienstleistungen im Jahr 2030 die aktuelle Stromerzeugungskapazit\u00e4t des gesamten Landes \u00fcbersteigen werde. Die Covid-19-Pandemie hat diese Entwicklung weltweit beschleunigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sich den tats\u00e4chlichen Energieverbrauch durch die Nutzung digitaler Funktionen und Dienste gut verdeutlichen, indem man ihn mit dem einer normalen Gl\u00fchbirne vergleicht. In diesem Rechenmodell entspricht das Versenden einer kurzen E-Mail mit Anhang der 25-min\u00fctigen Brenndauer einer 60 Watt-Gl\u00fchbirne. Das \u201eStreamen\u201c eines einst\u00fcndigen Films in HD-Qualit\u00e4t verbraucht bereits so viel Energie, als lie\u00dfe man dieselbe Gl\u00fchbirne 250 Stunden brennen, also etwas l\u00e4nger als zehn Tage. Ausgerechnet dieses \u201eStreamen\u201c verursachte 2017, angeregt nicht zuletzt durch die sogenannten sozialen Medien, den h\u00f6chsten Energieverbrauch unter allen Online-Diensten. Man kann sich leicht ausmalen, wie lange die arme Gl\u00fchbirne 2020 h\u00e4tte brennen m\u00fcssen, um den Energiebedarf von abertausenden von 90-min\u00fctigen ZOOM-Konferenzen an Schulen und Universit\u00e4ten auszugleichen. Ob dann wohl dem ein- oder anderen ein Licht aufgegangen w\u00e4re? Einen ebenfalls beunruhigend hohen Energieverbrauch hat das sogenannte Internet of Things, also die Vernetzung unterschiedlicher Ger\u00e4te miteinander. Dies betrifft offenbar auch die Corona Tracing App, die bereits 16 Millionen User in Deutschland heruntergeladen haben und benutzen. Um diese App tobte Mitte 2020 eine scharfe \u00f6ffentliche Debatte. Nach ihrer \u00d6ko-Bilanz zu fragen fiel dabei freilich niemandem ein.<\/p>\n<h5>Genutzte Energiequellen: Fossil oder regenerativ?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Klima- und \u00d6ko-Bilanz angeht, ist Energieverbrauch nicht gleich Energieverbrauch. Die Nutzung fossiler Energiequellen hat einen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viel h\u00f6heren CO2-Aussto\u00df als etwa (wenn man die gesamte Produktionskette in den Blick nimmt) die von Windkraft oder Sonnenenergie. Soll Digitalisierung, wie oft \u00f6ffentlich behauptet wird, tats\u00e4chlich einen g\u00fcnstigen Einfluss auf das Klima haben, m\u00fcsste sie sich im Grunde vollst\u00e4ndig aus regenerativen Energiequellen speisen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Bereits 2011 ver\u00f6ffentlichten Gary Cook und Jodie Van Horn von Greenpeace International eine aufschlussreiche Studie mit dem Titel: \u201eHow dirty is your data?\u201c [Wie dreckig sind deine Daten?]. Sie gingen der Frage nach, mit Hilfe welcher Energiequellen die zehn gr\u00f6\u00dften internationalen Digitalfirmen eigentlich ihre Produkte am Laufen hielten? Die Recherchen gestalteten sich schwierig, da s\u00e4mtliche Firmen, wenn auch in unterschiedlicher Intensit\u00e4t, mit der Bereitstellung von Informationen zu diesem Thema mehr als zur\u00fcckhaltend waren. In der IT-Branche spielt sich der Hauptenergieverbrauch in den sogenannten Datenzentren bzw. Datenfarmen ab. Sie sind die Fabriken des digitalen Zeitalters, und inzwischen auch fast genauso gro\u00df. Hier laufen die gewaltigen Gro\u00dfrechner und Server, die das Internet speisen und st\u00e4ndig aufw\u00e4ndig gek\u00fchlt werden m\u00fcssen. Cook und Van Horn fanden heraus, dass sowohl Google als auch Facebook und Apple ihre Datenzentren in einem \u00fcberschaubaren Radius im US- Bundesstaat North Carolina angesiedelt hatten. North Carolina z\u00e4hlt, was seine Energiegewinnung betrifft, zu den \u201edreckigsten\u201c Staaten der USA. Gerade einmal 3,6% seiner Energie gewann der Staat 2008 aus regenerativen Energiequellen. Der Rest stammte aus Kohle- und Atomkraftwerken. Bis 2021 will North Carolina gerade einmal 12,5% seiner Energie auf regenerative Gewinnung umstellen. Das ist in den USA schon viel, denn Staaten wie South Carolina oder Georgia machen \u00fcberhaupt keine Anstalten, an Ihrer fossilen Energiegewinnung irgendetwas zu \u00e4ndern. North Carolina hatte die drei IT-Giganten einerseits mit Steuerverg\u00fcnstigungen angelockt, andererseits aber auch mit dem Versprechen schier grenzenloser, billiger Energie aus Kohlekraft. So war denn auch 2007 der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck der drei Firmen gr\u00f6\u00dfer als der Spaniens im selben Jahr. Die Greenpeace-Studie zeigte damals Wirkung: Einige Jahre sp\u00e4ter verpflichteten sich die Giganten der IT-Branche (Google, Apple, Facebook, Amazon usw.), ihre Energieversorgung vollst\u00e4ndig auf regenerative Energiequellen umzustellen. Als Greenpeace jedoch erneut nachbohrte, fiel die Bilanz ern\u00fcchternd aus. Amazon etwa bezog 2017 gerade einmal 20% seiner Energie aus regenerativen Quellen. Apple konnte immerhin 83% vorweisen. Aber wie glaubw\u00fcrdig sind solche Angaben bei einer Industrie, die von Transparenz wenig h\u00e4lt, in m\u00f6rderischem Konkurrenzkampf steht, gute Au\u00dfenwirkung zu sch\u00e4tzen wei\u00df und gigantische Profite einf\u00e4hrt? Und mit welcher Infrastruktur h\u00e4tte Apple, dessen Datenzentren ja nach wie vor in North Carolina laufen, diese erfreuliche Umstellung bewerkstelligen wollen? Es bleiben Zweifel. An vielen Orten der Welt behindert der enorme Energiebedarf der Digitalisierung sogar die n\u00f6tige Umstellung auf regenerative Energiequellen, schlicht, weil dieser viel zu lange dauern w\u00fcrde, bis er die zu erwartenden oder bereits ben\u00f6tigten Strommengen erzeugen k\u00f6nnte. Als etwa der digitale Boom-Markt Indien sich mit dem Problem konfrontiert sah, gar nicht genug Strom erzeugen zu k\u00f6nnen, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten, lie\u00df die Regierung veraltete, stinkende Dieselgeneratoren (wieder) in Dienst stellen, die eine enorme Umweltbelastung darstellten. Und man mag sich im Stillen fragen, wieviel der r\u00e4tselhaften Anh\u00e4nglichkeit der Regierung Merkel an den Kohlestrom wohl von Prognosen \u00fcber den zu erwartenden Stromverbrauch der dahinrasenden Digitalisierung in Deutschland herr\u00fchrt? Eine 2013 in den USA ver\u00f6ffentlichte Studie trug jedenfalls nicht zuf\u00e4llig den Titel: \u201eThe cloud begins with coal\u201c [Die Cloud beginnt mit Kohle]. Pittoreskerweise stammte die Studie keineswegs von einer Umweltorganisation, sondern von zwei Lobbygruppen der Montanindustrie, die so verdeutlichen wollten, dass es ohne Kohlekraft mit der Digitalisierung nichts werden k\u00f6nne. Unrecht hatten sie nicht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das Effizienzargument<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es um die \u00f6kologischen Folgen der Digitalisierung geht, macht die IT-Branche im Allgemeinen zwei Argumente stark: Das Effizienzargument und das Rechenmodell der Klimaneutralit\u00e4t. Wobei die Formulierung \u201edie IT-Branche macht\u2026\u201c missverst\u00e4ndlich sein k\u00f6nnte. Denn nicht nur die Marketingabteilungen von Google oder Apple argumentieren so. Lobbycontrol hat nachgewiesen, dass beispielsweise Google in den USA hunderte von Forschungspapieren in Auftrag gab und finanzierte, um missliebige politische Regierungsvorhaben abzuwehren und sich selbst als Teil der L\u00f6sung (auch) drohender \u00f6kologischer Probleme zu pr\u00e4sentieren. In Europa ist die Lage nicht besser: \u201eDigitalkonzerne unterst\u00fctzen diverse Verb\u00e4nde, Denkfabriken und Institute, um die eigenen Positionen zu st\u00e4rken. [\u2026] Die Digital-Lobby hat es mit ihrem Einfluss bislang etwa geschafft, die Einf\u00fchrung einer Digitalsteuer in Europa zu verhindern\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Effizienzargument ist nicht v\u00f6llig aus der Luft gegriffen. Es ist nicht zu bestreiten, dass Digitalkonzerne Energie oft effizienter einsetzen als analoge Industrien. Das ist allerdings nur ein schwacher Trost. Denn die IT-Branche ist ein Boom-Markt mit j\u00e4hrlichen Wachstumsraten bis zu 12%. Effiziente Energienutzung kann also den Anstieg gef\u00e4hrlicher Treibhausgasemissionen bestenfalls verlangsamen. Solange die gesamte Branche eher an weiterem schnellen Wachstum und steigenden Profiten interessiert ist als daran, ihre Energieversorgung vollst\u00e4ndig auf regenerative Energiequellen umzustellen, wird ihr CO2-Aussto\u00df in k\u00fcrzester Zeit jenen der analogen Industrien \u00fcbertreffen. Hierzu tr\u00e4gt, auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher, auch der sogenannte Rebound Effekt bei. Der eine oder andere kennt dieses paradoxe Ph\u00e4nomen vielleicht noch von der Diskussion um energiesparende K\u00fchlschr\u00e4nke: Man kauft sich ein teures A+++-Modell, um Energie zu sparen und das Klima zu sch\u00fctzen. Der alte K\u00fchlschrank tut es aber ja noch. Zu schade, ihn einfach wegzuschmei\u00dfen. Also stellt man ihn in den Keller oder ins Gartenh\u00e4uschen (so vorhanden) und k\u00fchlt damit das Bier, falls Freunde kommen. Das Ergebnis: Trotz bester Absichten und Investitionen hat sich der tats\u00e4chliche Energieverbrauch fast verdoppelt. In der IT-Branche ist \u00e4hnliches zu beobachten: Durch hohe Energieeffizienz sinken die Kosten. Wird diese Einsparung zum Teil an die Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben, erh\u00f6ht sich die Attraktivit\u00e4t des Produkts. Und damit letztlich wiederum der Energieverbrauch. Abschlie\u00dfend bleibt noch zu bemerken, dass sich, entgegen optimistischer Prognosen, l\u00e4ngst herausgestellt hat, dass Produkte und Dienste der digitalen Industrien jene der analogen keineswegs ersetzen. Der Online-Handel beispielsweise, mit seinen schier endlosen Kurierfahrten und seinem Verpackungsm\u00fcll, hat den Gro\u00df- und Einzelhandel nicht ersetzt. Die Leute fahren trotzdem noch zum Einkaufen mit dem Auto massenweise in die Stadt. Gro\u00dfe Digitalkonzerne haben Kohlekraftwerke keineswegs vom Markt geschoben, sondern, wie bereits erl\u00e4utert, durch ihren hohen Energiebedarf und Profithunger eher wieder lukrativ gemacht. Die Klima- und Umweltbelastungen der Digitalisierung addieren sich also mit jenen der analogen Industrien. Da bleibt vom Effizienzargument wenig \u00fcbrig. Zur Legitimierung der Digitalisierung ist es hinf\u00e4llig.<\/p>\n<h5>Klimaneutralit\u00e4t: eine Mathematikschulaufgabe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es von einem neuen Gro\u00dfserver, der in irgendeinem US-Datencenter in Dienst gestellt wird, hei\u00dft, er arbeite \u201eklimaneutral\u201c, so bedeutet das nicht, dass sein Betrieb keine Treibhausgasemissionen verursachen w\u00fcrde. Das tut er (so er nicht rein aus regenerativen Quellen gespeist wird) f\u00fcr gew\u00f6hnlich in H\u00fclle und F\u00fclle. Es bedeutet, dass die Betreiberfirma, meist an irgendeinem anderen Ort der Welt, Investitionen get\u00e4tigt hat, die die verursachten Emissionen (angeblich) ausgleichen, etwa, indem sie f\u00fcr den Erhalt eines Nationalparks in Vietnam sorgt oder einer besonders dreckigen Fabrik in Sierra Leone Filter verpasst. F\u00fcr die Au\u00dfenwirkung der entsprechenden Firma ist das f\u00f6rderlich: Man gibt sich umweltbewusst. Das Problem ist nur: Meist ist die gew\u00fcnschte ausgleichende Wirkung rein hypothetisch, ein Rechenexempel, eine Mathehausaufgabe f\u00fcr die Unterstufe: \u201eWenn ich soundsoviel CO2 aussto\u00dfe, wie viele B\u00e4ume muss ich dann pflanzen, wenn ein Baum\u2026\u201c usw. Es geht der Digitalindustrie nicht darum, Emissionen tats\u00e4chlich einzusparen, sondern darum, sie ohne schlechte Presse weiter verursachen und sogar steigern zu k\u00f6nnen. Der einzige Sinn der Kategorie der Klimaneutralit\u00e4t ist es, dem Wachstum der Digitalindustrie nicht hinderlich zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hat sich eine ganze Branche entwickelt, die gro\u00dfen Digitalfirmen, aber nat\u00fcrlich auch der analogen Industrie und sogar Privatpersonen Vorschl\u00e4ge macht (selbstverst\u00e4ndlich gegen gute Bezahlung), wo sie investieren sollten, um sich und ihre Dienste \u00f6ffentlich als \u201eklimaneutral\u201c hinstellen zu k\u00f6nnen. Da die versprochene Wirkung, wenn \u00fcberhaupt, erst nach Jahren nachweisbar sein wird, ist dies ein recht sicheres Gesch\u00e4ft. \u00dcberpr\u00fcft werden die hohen Versprechungen aber ohnehin so gut wie nie. Und selbst, wenn man einmal annehmen wollte, dass zumindest ein Teil der verursachten Emissionen auf diese Weise tats\u00e4chlich verhindert oder gebunden werden k\u00f6nnte, lie\u00dfe sich durch ein solches Vorgehen der globale CO2-Aussto\u00df nicht senken, sondern nur auf einem ann\u00e4hernd gleichen Level halten. Dieses aber w\u00fcrde angesichts der enormen Zuwachsraten in der Digitalindustrie trotzdem Jahr f\u00fcr Jahr steigen. \u201eKlimaneutralit\u00e4t\u201c ist denn auch l\u00e4ngst zu einem beliebten Werbebanner geworden, mit dem sich noch die aberwitzigsten Umwelts\u00fcnden bem\u00e4nteln lassen. Verbraucherinnen und Verbraucher, die auf ihre geliebten Waren und Dienstleistungen aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden nicht verzichten wollen, glauben solche L\u00fcgen nur zu gerne. In Deutschland liefert etwa DHL seine Pakete inzwischen \u201eklimaneutral\u201c aus. Beruhigend, angesichts der Abgasmassen, die der Online-Handel hierzulande verursacht\u2026 Auch das Argument der Klimaneutralit\u00e4t ist also zur Legitimation der Digitalisierung denkbar ungeeignet.<\/p>\n<h5>Energiebedarf und Umweltbelastung bei der Ger\u00e4teproduktion<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders augenf\u00e4llig sind die \u00f6kologischen Verw\u00fcstungen der Digitalisierung bei der Herstellung der digitalen Hardware, also der massenhaften Produktion von Computern, Smartphones und dergleichen. Um an die n\u00f6tigen seltenen Metalle und Erden heranzukommen, die man zur Herstellung eines 2 kg schweren Computers braucht, ben\u00f6tigt man 240 kg fossiler Brennstoffe, 22 kg zum Teil hochgiftiger Chemikalien und sage und schreibe 1,5 Tonnen Wasser. F\u00fcr ein gew\u00f6hnliches Smartphone ohne exquisite Extras braucht man immerhin 50 dieser seltenen Erden. Die Rechnung lie\u00dfe sich also fortspinnen. Die enorme Nachfrage nach seltenen Erden hat bereits weite Regionen Afrikas verw\u00fcstet und politisch destabilisiert. Man k\u00e4mpft mit Gewalt um den Zugang und die Vermarktungsrechte, so diese nicht ohnehin westlichen Firmen geh\u00f6ren. Hinzu kommt der R\u00fcckexport von tausenden von Tonnen Elektroschrott, der trotz anderslautender Versicherungen immer noch stattfindet und wiederum enorme Umwelt- und Gesundheitsprobleme verursacht. Zwar gibt es Bem\u00fchungen, die Produktion digitaler Ger\u00e4te nachhaltiger zu gestalten und f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. So kam etwa ein Fairphone auf den Markt, das recycelte Materialien verwendet und dessen Hersteller sich um Transparenz und eine menschenw\u00fcrdige Produktion bem\u00fchen. Aber zum einen hat sich das Produkt am Markt bisher nicht durchsetzen k\u00f6nnen, und zum anderen m\u00fcssen die Hersteller selbst einr\u00e4umen, dass bestimmte Komponenten ihres Fairphones schlicht und ergreifend nirgends auf der Welt zu fairen Bedingungen zu haben sind. Hinzu kommt, dass digitale Technik von vorne herein so gestaltet wurde, dass man sie best\u00e4ndig erneuern muss: Neue Programme laufen nicht auf alten Ger\u00e4ten, neue technische Funktionen werden eingebaut, das Smartphone ist l\u00e4ngst den gleichen Gesetzen unterworfen wie die best\u00e4ndig wechselnde Mode. Im Schnitt kauft sich jeder Smartphone-Nutzer in Deutschland alle zwei Jahre ein neues Ger\u00e4t. Im Grunde m\u00fcsste man also, um ein realistisches Bild der tats\u00e4chlichen Klima- und Umweltbelastung durch die Herstellung digitaler Ger\u00e4te zu erhalten, die oben genannten Zahlen um ein Vielfaches multiplizieren. Dann allerdings w\u00fcrde man wohl ziemlich schlecht schlafen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Schlussfolgerung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrden die \u00f6kologischen Folgen der Digitalisierung in der \u00f6ffentlichen Diskussion so prominent gemacht, wie sie es tats\u00e4chlich sind, d\u00fcrfte es zum jetzigen Zeitpunkt \u00fcberhaupt keine Digitalisierung geben. Das ist wohl auch der Grund, warum sie so selten Erw\u00e4hnung finden. Die aktuellen \u00f6kologischen Gef\u00e4hrdungen und Sch\u00e4digungen des Klimas durch Digitalisierung sind erwiesen und besorgniserregend. Werden sie bei der sachlichen Bewertung von Nutzen und Schaden digitaler Formate unterschlagen, ist die entsprechende Entscheidung nicht l\u00e4nger ernst zu nehmen. Keine blo\u00dfe Umstellung auf eine neue, profittr\u00e4chtige Produktpalette, seien es E-Autos, E-Bikes oder eben die Digitalisierung, die allesamt den Stromverbrauch enorm erh\u00f6hen und wertvolle Ressourcen vergeuden, w\u00e4hrend die \u00fcberlebensnotwendige Energiewende politisch verschleppt und sabotiert wird, wird das Leben auf unserem Planeten erhalten k\u00f6nnen. \u00dcberkonsum und imperiale Lebensweise m\u00fcssen ein Ende finden. Der Verzicht muss in den reichen L\u00e4ndern und Schichten zum neuen Lebensprinzip werden. Wenn nicht endlich mit \u00e4hnlicher Entschlossenheit wie gegen die Corona-Pandemie gegen die drohende Klimakatastrophe vorgegangen wird, werden sich unsere Kinder und Enkel dereinst der Zeiten von Covid-19 als einer Zeit beseligender F\u00fclle und Sicherheit erinnern. Solange gilt: Keine Investition der Welt kann Europa digitaler und klimafreundlicher machen. Sie kann Europa nur digitaler oder klimafreundlicher machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Joseph Steinbei\u00df<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beispielsweise im Bildungsbereich: W\u00e4hrend man dort den Wechsel von der Pr\u00e4senzlehre zu digitalen Formaten (etwa ZOOM-Konferenzen) zu Hochzeiten der Pandemie, wenn auch oft mit h\u00f6rbar knirschenden Z\u00e4hnen, mehrheitlich als ein unvermeidbares \u00dcbel ansah, um zu retten, was zu retten war, ist inzwischen eine wohltuend kontroverse Debatte \u00fcber die Zukunft digitaler Lehrformate im sekund\u00e4ren und terti\u00e4ren &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/schoene-finstere-datenwelt\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":499,"featured_media":23174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Sch\u00f6ne finstere Datenwelt - graswurzelrevolution","description":"Beispielsweise im Bildungsbereich: W\u00e4hrend man dort den Wechsel von der Pr\u00e4senzlehre zu digitalen Formaten (etwa ZOOM-Konferenzen) zu Hochzeiten der Pandemie, w"},"footnotes":""},"categories":[1182,1,1060,1029],"tags":[1203,1205,1070],"class_list":["post-22981","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-451-september-2020","category-allgemeines","category-bits-and-bytes","category-prima-klima","tag-co2","tag-digitalisierung","tag-klimawandel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/499"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22981"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22981\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23174"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}