{"id":22983,"date":"2020-08-28T00:07:24","date_gmt":"2020-08-27T22:07:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22983"},"modified":"2020-09-05T11:09:36","modified_gmt":"2020-09-05T09:09:36","slug":"von-babylon-nach-jalta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/von-babylon-nach-jalta\/","title":{"rendered":"Von Babylon nach Jalta"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als sich im August 2018 die Gruppe \u201eJuden in der AfD\u201c (JAfD) gr\u00fcndete, reagierte die Redaktion der im Jahr zuvor gegr\u00fcndeten Zeitschrift schnell mit einem Positionspapier, in dem auf die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/der-faschistische-strom-der-afd\/\">Gef\u00e4hrlichkeit der AfD<\/a> insbesondere f\u00fcr Minderheiten und die demokratische Kultur hingewiesen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraufhin meldeten sich hunderte von Unterst\u00fctzerInnen, der Aufruf wurde gespiegelt, die Tageszeitungen New York Times und Haarez (Israel) berichteten ausf\u00fchrlich. Der Zentralrat der J\u00fcdinnen und Juden zog mit einer Stellungnahme nach. Es folgten eine Kundgebung gegen die JAfD mit dem Motto \u201eDiese Alternative ist nicht koscher!\u201c sowie eine Podiumsdiskussion. Der haupts\u00e4chlich aus j\u00fcngeren Erwachsenen bestehenden Redaktionsgruppe ist es schon nach drei Ausgaben gelungen, ein deutliches Zeichen zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung in der BRD ebenso wie der auf 200.000 Menschen angewachsenen j\u00fcdischen Gemeinschaft durch Migration stark ver\u00e4ndert. Die Redaktion stellt in ihrer zweiten Ausgabe dazu fest, dass die bisherige Vorstellung von \u201eDeutschsein\u201c \u00fcberholt sei und den Ausschluss von Minderheiten bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Desintegriert Euch!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem Kampf gegen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/06\/antisemitismus-in-deutschland-2\/\">Antisemitismus<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/schwarze-nele-nur-du\/\">Rassismus<\/a> setzen die AutorInnen nicht darauf, durch Anpassung mehr Akzeptanz und Anerkennung bei der \u201echristlich-biodeutschen\u201c Mehrheitsgesellschaft zu erlangen. Vielmehr kommen in Jalta auch Muslime oder beispielweise eine Sinteza und eine Vietnamesin mit ihren eigenen, manchmal \u00fcberraschenden Beobachtungen, Erfahrungen und Deutungen zu Wort. Mit dem vielbeachteten Buch \u201eDesintegriert Euch!\u201c brachte der Mitherausgeber Max Czollek 2018 diese Haltung auf den Punkt. Auf die ihnen im \u00f6ffentlichen Diskurs oftmals zugedachte Rolle als \u201eOpfergruppe\u201c will die selbstbewusste neue Generation j\u00fcngerer J\u00fcdinnen und Juden nicht reduziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den sieben bisher erschienen Ausgaben wird von den AutorInnen deutlich gemacht, dass das bisherige Gedenken an den Holocaust beim \u201eErinnerungsweltmeister\u201c Deutschland nur deswegen so stark ausgepr\u00e4gt ist, weil zuvor zahllose kleine Initiativen und Einzelpersonen durch B\u00fchnenbesetzungen (Fassbinder), Hungerstreiks und vielerlei Aktionen Druck gemacht haben. Dem heute oft praktizierten ritualisierten Gedenken, einmal als \u201eGed\u00e4chtnistheater mit Klezmermusik\u201c bezeichnet, k\u00f6nnen die meisten AutorInnen weniger abgewinnen. Sie verweisen auf eine Einf\u00fchlungsverweigerung und Distanz der Mehrheitsgesellschaft gegen\u00fcber den Holocaustopfern und ihren Nachkommen. Der Verlust des gro\u00dfen j\u00fcdischen Anteils an der Kultur in Deutschland wird kaum wahrgenommen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Konflikte in den Gemeinden<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das enorme Wachstum der j\u00fcdischen Gemeinden ist eine Herausforderung. J\u00fcngere Erwachsene, die sich mit unkonventionellen und progressiven Ideen in den vielf\u00e4ltigen j\u00fcdischen Gemeindestrukturen einbringen wollen, haben mit Schwierigkeiten und Widerst\u00e4nden zu k\u00e4mpfen, die hier diskutiert werden. Jalta bindet aber auch j\u00fcdische Menschen ein, die mit der konventionellen Verbandsarbeit nichts anfangen k\u00f6nnen, sich lieber in emanzipatorischen linken Gruppen und Zusammenh\u00e4ngen bewegen oder ihren ganz eigenen Weg gehen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Auseinandersetzung mit konservativen und ultraorthodoxen J\u00fcdInnen auch zu k\u00f6rperlicher Gewalt und Bedrohungen f\u00fchrte, mussten die \u201eWomen of the Wall\u201c erleben. Sie setzen sich seit 30 Jahren f\u00fcr pluralistische Gebetsformen und einen Zugang f\u00fcr Frauen zur Kotel (\u201eKlagemauer\u201c in Jerusalem) ein. Deshalb mussten sie sich heftigen Angriffen von rechten Eiferern und der Staatsgewalt erwehren, wie Jalta in ihrer Erstausgabe berichtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auseinandersetzung mit feministischen Themen nimmt breiten Raum ein und wird auch durch den Namen der Zeitschrift betont. Denn Jalta ist nicht nur der Ort, an dem im Februar 1945 nach der Niederringung des Faschismus die Nachkriegsordnung durch die Alliierten verhandelt wurde, sondern auch eine durch den Talmud \u00fcberlieferte rebellische und eigensinnige Frau, die sich gegen die Macht der M\u00e4nner auflehnte. In dem Beitrag \u201eKann Zorn gerecht sein?\u201c in Ausgabe f\u00fcnf wird diese Frauengestalt Jalta, die nach der sexistischen Beleidigung eines Mannes die kostbaren 400 Weinkr\u00fcge im Weinkeller zerst\u00f6rte, ausf\u00fchrlich dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Probleme, \u00fcber die \u00f6ffentlich nicht so gerne geredet wird, wie sexuelle Ausbeutung und Abh\u00e4ngigkeiten in den Gemeinden oder die Rolle von M\u00e4nnerb\u00fcnden thematisiert Jalta und unterstreicht die Notwendigkeit f\u00fcr ein feministisches Empowerment in den etwa hundert j\u00fcdischen Gemeinden in der BRD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im halachischen Sinne j\u00fcdisch ist nur, wer eine j\u00fcdische Mutter hat. Wie mit der steigenden Anzahl von \u201eVaterjuden\u201c und ihren Angeh\u00f6rigen bei gemischt j\u00fcdisch-nichtj\u00fcdische Ehen umgegangen wird und welcher Status ihnen die liberalen und orthodoxen Gemeinden zusprechen ist eine umstrittene Problematik, die Jalta ausf\u00fchrlich diskutiert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">J\u00fcdisch-muslimischer Dialog<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den gro\u00dfen Themen Antisemitismus, Nazis und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/hanau-und-maenner-crash\/\">rechte Gewalt<\/a> w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte in der BRD greift die Redaktion auf die Erfahrungen und Erkenntnisse von Ralf Giordano, Fritz Bauer und Michel Friedmann zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche M\u00f6glichkeiten und Perspektiven f\u00fcr einen j\u00fcdisch-muslimischen Dialog bestehen, ist bei den AutorInnen umstritten. Bemerkenswert finde ich den Beitrag \u201eNahostalgie\u201c von Lianne Merkur, indem sie beschreibt, wie iranische und j\u00fcdische MusikerInnen sich trotz der gegenseitigen feindlichen Haltung ihrer Heimatstaaten in der BRD auf neutralem Boden n\u00e4her kommen, weil sie dem Herkunftsland nicht mehr politisch loyal bleiben m\u00fcssen und gemeinsame Vorlieben entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber verweist Sigmount K\u00f6nigsberg, Antisemitismusbeauftragter der J\u00fcdischen Gemeinden, auf tiefgreifende Dissonanzen zwischen den beiden Religionsgemeinschaften und wertet verschiedene Dialogformate zur Abhilfe aus. Er stellt fest, dass viele j\u00fcdische Menschen speziell von Muslimen bedroht werden und zitiert hierbei den Bericht des Unabh\u00e4ngigen Expertenkreises Antisemitismus des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2019: \u201eBesonders h\u00e4ufig wurden muslimische Personen als T\u00e4ter angegeben: 48 Prozent der versteckten Andeutungen, 62 Prozent der Beleidigungen und 81 Prozent der k\u00f6rperlichen Angriffe gingen nach dieser Einsch\u00e4tzung von muslimischen Personen aus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Autorenbeitr\u00e4ge formulieren als Gegenposition, dass man es der \u201ekartoffeldeutschen\u201c Mehrheitsgesellschaft nicht durchgehen lassen sollte, mit dem Hinweis auf migrantische Muslime von der eigenen Hauptverantwortung f\u00fcr den hausgemachten Antisemitismus abzulenken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Babylon<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem generationen\u00fcbergreifenden Zeitungsprojekt Jalta wird engagiert diskutiert. Von der \u00e4lteren Generation ist Mitherausgeber Micha Brumlik dabei und gibt seine Erfahrungen weiter. Er hat nicht nur B\u00fccher zu vielf\u00e4ltigen Themen geschrieben (1) , sondern arbeitete in den 70er Jahren im linkssozialistischen Netzwerk \u201eSozialistisches B\u00fcro\u201c (SB) mit und war Mitherausgeber von Jaltas Vorg\u00e4ngerzeitung \u201eBabylon. Beitr\u00e4ge zur j\u00fcdischen Gegenwart\u201c (2). In den Jahren 1986 bis 2010 erschienen insgesamt 23 Ausgaben. Brumlik schrieb in der vierten Ausgabe von Jalta r\u00fcckblickend: \u201eUns pr\u00e4gten sozialwissenschaftliche Themen mit Blick auf Israel, den Zionismus und das Judentum. Und nat\u00fcrlich Deutschland. (&#8230;) Zum Antisemitismus in der Linken haben wir uns damals kritisch positioniert\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Suche nach neuen postmigrantisch gepr\u00e4gten Allianzen unterscheidet sich Jalta von Babylon auch durch eine Vielzahl von unterschiedlichen kulturellen und k\u00fcnstlerischen Beitr\u00e4gen, die ihren Ausdruck in Fotostudien, Bildcollagen, Plakaten, dadaistischen Bizarrerien, Gedichten, Ausstellungsexponaten und H\u00f6rst\u00fccken finden. Hinzu kommen noch kuriose Erlebnisse der Puppenspielerin Shlomit Tulgan, ein Bilderessay \u00fcber den Judenhut und ein provokatives Plakat mit der Frage, ob wom\u00f6glich in Zukunft das Schwein koscher wird &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mirjam Wenzel, Direktorin des j\u00fcdischen Museums Frankfurt, betont in dem Interview in Ausgabe drei, dass sie \u201ej\u00fcdische Kulturen immer im Plural\u201c und begleitet von einer offenen Diskussion \u00fcber die Gegenwart darstellen will. Das kann durchaus zu heftigen innerj\u00fcdischen Konflikten f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aktualit\u00e4t der Halbjahreszeitung beim Aufgreifen von Diskursen zeigt sich in der sachlichen Besprechung eines religionsphilosophischen Buches (\u201eZwei G\u00f6tter im Himmel\u201c) des renommierten Wissenschaftlers und Leiters des j\u00fcdischen Museums in Berlin, Peter Sch\u00e4fer. Gut ein Jahr sp\u00e4ter musste ein vom Museum auf Twitter weitergeleiteter Link als Leseempfehlung f\u00fcr einen taz-Artikel \u00fcber BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) dazu herhalten, den unliebsamen Leiter loszuwerden. Jalta-Redaktionsmitglied Brumlik kommentierte diese Ausgrenzung im Deutschlandfunk am 24. Juni 2019: \u201eIch spreche von McCarthyismus \u2013 Herrschaft des Verdachts und Kontaktschuld.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Inhalt der sieben bis zu 204 Seiten umfassenden Ausgaben und einer Literatur-Sondernummer ist nicht nur kritisch und streitbar, sondern erweitert das Blickfeld der LeserInnen f\u00fcr \u00fcberraschende und unerwartete Perspektiven. Jalta ist damit ein Lichtblick in einer Medienlandschaft, die immer mehr verflacht und nach rechts abdriftet. Im Vorwort der soeben erschienenen siebten Ausgabe lese ich, dass sich die umtriebige Redaktion zus\u00e4tzlich zur Printausgabe auf die Suche nach neuen Begegnungsr\u00e4umen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Debatten und Interventionen macht. Wir d\u00fcrfen also gespannt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Horst Blume<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jalta. Positionen zur j\u00fcdischen Gegenwart. Neofelis Verlag, Berlin, Einzelheft 16 Euro. <a href=\"https:\/\/neofelis-verlag.de\/verlagsprogramm\/zeitschriften\/jalta\">https:\/\/neofelis-verlag.de\/verlagsprogramm\/zeitschriften\/jalta<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sich im August 2018 die Gruppe \u201eJuden in der AfD\u201c (JAfD) gr\u00fcndete, reagierte die Redaktion der im Jahr zuvor gegr\u00fcndeten Zeitschrift schnell mit einem Positionspapier, in dem auf die Gef\u00e4hrlichkeit der AfD insbesondere f\u00fcr Minderheiten und die demokratische Kultur hingewiesen wurde. 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