{"id":22988,"date":"2020-08-28T00:16:33","date_gmt":"2020-08-27T22:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22988"},"modified":"2020-09-07T20:39:27","modified_gmt":"2020-09-07T18:39:27","slug":"die-rassismus-uhr-steht-niemals-still","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/die-rassismus-uhr-steht-niemals-still\/","title":{"rendered":"Die Rassismus-Uhr steht niemals still"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem ich meine <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/schwarze-nele-nur-du\/\">Rede<\/a> auf der Black Lives Matter-Kundgebung am 6. Juni (1) gehalten habe, schien keine mir bekannte Person, der ich begegnete, in der Lage zu sein, mich auf etwas anzusprechen, das sich nicht auf das Thema Rassismus oder die Kundgebung im Speziellen bezog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ergreifend es gewesen sei, wie mutig ich war, wie beeindruckend die gesamte Veranstaltung \u00fcberhaupt ablief, dass es wichtig sei sich zu erheben, sagte man mir, wie selten Achtsamkeit sei und wie sehr man sich selbst nun anstrengen werde, sich zu engagieren, gegen den Rassismus, versicherte man mir oder sich selbst, ich war mir nicht sicher. Ich nickte und l\u00e4chelte. Ich bedankte mich. Ich umarmte oder sch\u00fcttelte H\u00e4nde. Ich f\u00fchlte mich f\u00fcr einige kleine Momente wichtig, als w\u00fcrde ich wirklich ernst genommen und als h\u00e4tte ich etwas bewegt, wenn auch nur minimal. Ich f\u00fchlte mich geborgen, umgeben von wundersch\u00f6nen, starken Pers\u00f6nlichkeiten, mit denen ich Seite an Seite stand und k\u00e4mpfte. Ich sp\u00fcrte ein erstarkendes, kribbelndes Selbstbewusstsein, das mich f\u00fcr die Folgetage nachts besser schlafen lie\u00df und empfand etwas mehr als Hoffnung. Etwas, das zu wenig war, um \u201eSicherheit\u201c genannt zu werden, aber schon aus dem Zustand des Hoffens herausgewachsen zu sein schien. Ich w\u00fcrde sagen, ich bin kurz geflogen. Weil ich dachte, dass die Menschen zuh\u00f6ren w\u00fcrden und beginnen zu begreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie \u00fcblich flacht die achtsame Euphorie, der Hype, allm\u00e4hlich ab. Wenn man sich anstrengt kann man sie sp\u00fcren, die Gewohnheit, ihr langsames Wiederkehren in den Alltag und mit ihr trete auch ich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck meinen Landeanflug an. Ich komme zur\u00fcck auf den Boden. Die Tatsachen sind wieder erkennbar f\u00fcr mich, die Hoffnung ist da und an ihr halte ich mich fest, der Kampf wirkt wieder gro\u00df und lang und \u00f6fter un\u00fcberwindbar, ich merke, dass ich unwichtiger bin als ich dachte. Ich bekomme das Gef\u00fchl, f\u00fcr den plakativen Tokenismus (2) meiner Wei\u00dfen Mitmenschen auszureichen. Das wirklich auf dem Schirm haben und sofort an mich oder andere BIPoC-Aktivist:innen (3) denken, wenn etwas ansteht, wo unsere Expertise gebraucht wird, das tut offenbar doch keiner so richtig. Also schon ab und zu, vereinzelt, gef\u00fchlte ein bis zwei Tage vor dem jeweiligen Projekt. Und dann sind wir nat\u00fcrlich auch dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen uns anstrengen. Wir m\u00fcssen laut bleiben. Wir m\u00fcssen der Gewohnheit Einhalt gebieten. Wir m\u00fcssen etwas daf\u00fcr tun, gesehen zu werden. Es wird keinen Moment geben, an dem wir endg\u00fcltig auf dem Radar existieren und unsere Arbeit ein Ende hat. Wir werden uns immer an der Peripherie der gesamtgesellschaftlichen Relevanz herumtummeln, wenn wir uns nicht von jetzt an und f\u00fcr immer daf\u00fcr anstrengen und unaufh\u00f6rlich in das Blickfeld der Gesellschaft rudern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe noch da, mit herausgestreckter Faust und um mich herum sind meine Geschwister mit ernster und krafterf\u00fcllter Miene und geben mir Mut. Ich sp\u00fcre, dass meine Beine anfangen zu wackeln und mein K\u00f6rper zittert. Darf ich mich ausruhen? Darf ich einen Tag nicht an die Arbeit denken? Muss ich st\u00e4ndig alle Postings auf Instagram verfolgen? Muss ich mich auf alle Gespr\u00e4che und Diskussionen einlassen? \u2013 Nein, ich m\u00f6chte nicht andauernd \u00fcber meine Rassismuserfahrungen sprechen. Nein, du kannst nicht verstehen was ich empfinde. Nein, ich bin nicht zust\u00e4ndig f\u00fcr deine Absolution. Nein, der Rassismus in Amerika ist nicht der gleiche wie in Deutschland. Nein, es geht nicht darum, dass du meine Perspektive einnimmst und mich nachvollziehst. Ja, du musst deine Perspektive einnehmen und dich nachvollziehen. Ja, du musst deine Position in unserer rassistischen Gesellschaft begreifen und verstehen. Nein, es reicht nicht eine schwarze Kachel bei Instagram zu posten und auf eine Demo zu gehen. Ja, du bist rassistisch. Nein, dadurch bist du nicht ein ganz und gar schlechter Mensch. Ja, du musst dich anstrengen. Ja, ich darf zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gewissheit, dass mir stets ein gewisses Ma\u00df an Unerm\u00fcdlichkeit abverlangt wird und ich standhaft und ausdauernd sein muss, stark sein muss, erz\u00e4hlen muss, laut sein muss, weiter machen muss, verfolgt mich wie ein Schatten. Wie eine paranoide Angst, nachts auf dem Weg nach Hause. Ich habe das Verlangen weg zu laufen. Mich zu verkriechen, zu verschwinden. Und das darf ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Person, die diesen Kampf k\u00e4mpft und sich hingibt, darf sich ausruhen. Die Priorit\u00e4t liegt nicht in der st\u00e4ndigen Pr\u00e4senz, nicht in dem up-to-date-sein, sondern in der Regeneration, in der eigenen Achtsamkeit. Um laut sein zu k\u00f6nnen, muss man tief Luft holen. Um die Faust in den Himmel zu strecken, braucht es Kraft. Um den Weg zu gehen und den Kampf zu k\u00e4mpfen braucht es einen funktionst\u00fcchtigen K\u00f6rper, keinen ausgebrannten. Es braucht Menschen, die gut tun und best\u00e4rken. Es braucht Ruhe um sich herum und noch mehr in sich selbst. Ich beginne das zu begreifen. Ich beginne zu sch\u00e4tzen, was mir gut tut und lerne mich gegen die Dinge zu wehren, die mich schw\u00e4chen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Schl\u00fcssel zur Hoffnung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg wird gegangen, egal was passiert. Ich kann versuchen, die Richtung zu ver\u00e4ndern. Ich k\u00e4mpfe daf\u00fcr, die Richtung zu ver\u00e4ndern. Die Herausforderungen wachsen, die Problematiken f\u00e4chern sich auf, es wird ihnen begegnet, es wird eine L\u00f6sung gesucht, es wird sich engagiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird sich vernetzt. Es wird sich organisiert. Es wird sich gegenseitig Ruhe zugesprochen. Es wird sich gegenseitig Wichtigkeit und Relevanz zugesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin liegt der Schl\u00fcssel, das ist meine Hoffnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Nele M\u00fcller<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich meine Rede auf der Black Lives Matter-Kundgebung am 6. Juni (1) gehalten habe, schien keine mir bekannte Person, der ich begegnete, in der Lage zu sein, mich auf etwas anzusprechen, das sich nicht auf das Thema Rassismus oder die Kundgebung im Speziellen bezog. 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