{"id":22994,"date":"2020-08-28T00:24:52","date_gmt":"2020-08-27T22:24:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=22994"},"modified":"2020-09-27T22:29:27","modified_gmt":"2020-09-27T20:29:27","slug":"keine-nazistischen-denkmaeler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/keine-nazistischen-denkmaeler\/","title":{"rendered":"&#8222;Keine nazistischen Denkm\u00e4ler&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auf einer Anh\u00f6he \u00fcber der Unistadt Heidelberg befindet sich der riesige \u201eEhrenfriedhof\u201c, eine nazistische Anlage von 17ha Fl\u00e4che, 1933 bis 1935 erbaut. Ein langer Aufmarschweg f\u00fchrt an Wehrmachtskreuzen vorbei auf einen abschlie\u00dfenden l\u00e4nglichen, rohen Stein zu, der entfernt an einen liegenden Toten erinnern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Totensonntag, 22. November 1985, war die Gewaltfreie Aktionsgruppe Regenbogen an einem Aktionsb\u00fcndnis gegen die jedes Jahr stattfindende, milit\u00e4rische Kriegerehrung durch Kranzniederlegungen auf dem Heidelberger Ehrenfriedhof beteiligt, an der damals regelm\u00e4\u00dfig neben dem B\u00fcrgermeister Zundel Abordnungen der Bundeswehr, der US-Armee und auch der faschistischen NPD teilnahmen.<\/p>\n<h5>Eine Kranzniederlegung \u201ef\u00fcr die vergewaltigten Frauen\u201c \u2013 und die Folgen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die besondere Aktion der Gewaltfreien Aktionsgruppe war das wie selbstverst\u00e4ndlich erscheinende Einreihen auf halber Strecke im Aufmarschweg von zwei in schwarzer Traueraufmachung gekleideten Frauen der Gruppe. Sie beteiligten sich an der offiziellen Kranzniederlegung, indem sie einen selbst gefertigten Kranz \u201ef<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/08\/wehrmachtsbordelle\/\">\u00fcr die vergewaltigten Frauen<\/a>\u201c mitf\u00fchrten und neben die anderen Kr\u00e4nze legten. Begleitet wurde das von pl\u00f6tzlich entrollten Transparenten der anderen Mitglieder der Gruppe, die sich unter das umstehende Publikum gemischt hatten. Die Aktion f\u00fchrte zu erheblichen Diskussionen und Rempeleien vor Ort, zumal die Frauen der Gruppe vor ihrem Kranz stehen blieben und skandierten: \u201eAuch deutsche Soldaten haben vergewaltigt!\u201c \u2013 um einer patriarchal-nationalen Interpretation, das seien ja nur die Russen bei der Besetzung Deutschlands am Kriegsende gewesen, von vorne herein den Spielraum zu nehmen. Im umstehenden Publikum versuchten einige NPD-Mitglieder, die Transparente zu entwenden, was ihnen aber nur in einem Fall gelang. Der \u201eEhrenfriedhof\u201c war in jener Zeit oft Ziel solcher Aufm\u00e4rsche und Gegenaktionen, wovon diese Kranzniederlegung sicherlich die \u00fcberraschendste war. Seit 2010 finden dort keine Aufm\u00e4rsche mit Kranzniederlegungen mehr statt, doch die nazistische Anlage steht da noch immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe geh\u00f6rte damals insofern zu einer Ausnahme in Gruppen der anarchistischen Bewegung, als in ihr \u00fcber die gesamten Achtzigerjahre hinweg eine Zwei-Drittel-Mehrheit von Frauen bestand. Bei der Diskussion um den Inhalt dieser Aktion wurde offenbar, dass eine Frau der Gruppe bereits einmal vergewaltigt worden und eine weitere Kind einer vergewaltigten Mutter war. In der Situation konnten es die Frauen kaum aushalten, in einer gemischten Gruppe zu sein, zumal die M\u00e4nner sich mit der ihnen eigenen Ignoranz \u00fcber diese Bekenntnisse hinwegsetzten. Der Schock sa\u00df tief, doch die L\u00f6sung war konstruktiv: Die Gruppe entschied sich, von nun an \u00fcber mehrere Jahre hinweg <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/metoo-und-nu\/\">Anti-Sexismus<\/a> zum Hauptthema zu machen. Dabei wurden sowohl die anstehenden Bewegungsthemen wie Volksz\u00e4hlung, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/04\/tschernobyl-2\/\">Tschernobyl<\/a>, zivilmilit\u00e4rische Wintex-Cimex-Man\u00f6ver unter antisexistischem Blick bearbeitet als auch antisexistische Schwerpunktthemen wie Pornographie und Vergewaltigung jahrelang intensiv diskutiert und auch in Aktionen umgesetzt. Die Schwierigkeit einer Auseinandersetzung \u00fcber Sexismus in gemischtgeschlechtlichen Gruppen wurde mit dem Versuch angegangen, abwechselnd reine M\u00e4nner- und Frauentreffs zu machen, um zweiw\u00f6chentlich wieder als gemischte Gruppe zusammenzukommen. In dieser Phase, gegen Ende 1986, bildete sich aus den M\u00e4nnertreffen der Gruppe eine eigenst\u00e4ndige Graswurzel-\u201eM\u00e4nnergruppe gegen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/hanau-und-maenner-crash\/\">M\u00e4nnergewalt<\/a>\u201c heraus. (1)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Einbetonierung und Enthauptung des Hitler-Denkmals in Landstuhl<\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-23164\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-500x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-500x1024.jpg 500w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-300x614.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-600x1229.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-147x300.jpg 147w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf-73x150.jpg 73w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/KriegerDenkmalHitlerOhneKopf.jpg 673w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/>Hitler ohne Kopf. Gek\u00f6pftes Nazi-Denkmal in Landstuhl\/Pfalz 1993. &#8211; Bild: GWR Archiv<\/p>\n<p align=\"right\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine klandestin organisierte \u201eGewaltfreie Aktionsgruppe <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/clara-wichmann-der-weg-der-befreiung\/\">Clara Wichmann<\/a>\u201c f\u00fchrte Ende der Achtziger und in den Neunzigerjahren im s\u00fcdwestdeutschen Raum mehrfach materielle Denkmalsbesch\u00e4digungen durch, die sie in Presseerkl\u00e4rungen als \u201egewaltfreie Sachbesch\u00e4digung\u201c oder \u201egewaltfreie Sabotage\u201c deklarierte. Nach aufwendigen Recherchen und der Verfolgung mehrerer Hinweise gelang es dem Autor dieses Artikels, einen damaligen Aktivisten der Gruppe ausfindig zu machen und ihn anonym zu interviewen. Er benutzte im Gespr\u00e4ch das Pseudonym \u201eG. Waltfrei\u201c, um den gewaltfreien Charakter dieser Sabotageaktionen zu betonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im pf\u00e4lzischen Landstuhl steht seit 1934 ein von den Nazis eingeweihtes Kriegerdenkmal f\u00fcr \u201eGefallene\u201c des Ersten Weltkriegs. Es war ein von NS-Bildhauer Adolf Bernd gemachtes Reiterdenkmal mit dem Titel \u201eIm Gebet vor der Schlacht\u201c, wobei der Kopf des Reiters die Gesichtsz\u00fcge und das B\u00e4rtchen Hitlers hatte. \u201eDie P\u00e4chterin des Kiosks wei\u00df es genau: \u201aKlar, das ist Adolf\u2019\u201c \u2013 stand damals in einem \u201eSpiegel\u201c-Artikel zum Denkmal. (2)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe, so erz\u00e4hlte mir G. Waltfrei im Gespr\u00e4ch, \u201elegte viel Wert auf den Unterschied zwischen einer gewaltfreien Aktion und Mitteln, die milit\u00e4risch ausgelegt werden k\u00f6nnten. Es kam auf den handwerklichen und damit auch leicht nachahmbaren Charakter der Aktion an. Sprengen \u2013 was Autonomen oft spontan als Erstes zu solchen Aktionen einfiel, war also tabu, weil auch Milit\u00e4rs Sprengabteilungen hatten. Ein solches Mittel zu finden, war also eine Frage der Phantasie.\u201c Das Landstuhler Hitler-Denkmal wurde von der Gruppe insgesamt zweimal nachts angegriffen: Noch 1989 sollte der Kopf Hitlers dauerhaft einbetoniert werden. Um den Hals wurde ein gro\u00dfer Bottich angebracht und dann mit einer Betonmischung gef\u00fcllt. Dazu das Schild umgeh\u00e4ngt: \u201eKeine faschistischen Denkm\u00e4ler!\u201c Doch die Aktion wurde vereitelt, schon am n\u00e4chsten Tag war Hitlers Kopf wieder reingewaschen \u2013 offenbar war der Bottich entdeckt und entfernt worden, bevor der Beton fest werden konnte. (3)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim zweiten Anlauf der Gruppe 1993 gab es ein anderes Konzept, so G. Waltfrei weiter. Eine sofortige Wiederherstellung sollte dabei unm\u00f6glich werden. Also wurde in einer n\u00e4chtlichen Aktion der Kopf erst anges\u00e4gt und dann mit einem langen Vorschlaghammer von einem Aktivisten der Gruppe, der von den anderen gesichert auf dem R\u00fccken des Steinpferdes stand, abgeschlagen. \u201eWieder Schild mit demselben Spruch dran. Und den Kopf haben wir mitgenommen\u201c, so G. Waltfrei. Nun kam die Stadt um eine l\u00e4ngere kommunalpolitische Diskussion nicht herum. G. Waltfrei: \u201eDie reformistische L\u00f6sung der immer emp\u00f6rten Rechten, die solche Denkm\u00e4ler wiederherstellen wollen und daf\u00fcr sogar Geld investieren, war lustig: Der Kopf wurde neu modelliert und wieder aufgesetzt, aber oh Wunder: Das Gesicht des Reiters ist nun nicht mehr Hitler, sondern ein reines Engelsgesicht (ohne Schnauzbart) mit lockigem Haar!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Presseerkl\u00e4rung der Gruppe spiegelte sich bereits das gewandelte sozialkulturelle Umfeld, die nazistischen Pogrome von Hoyerswerda, M\u00f6lln und Solingen wieder: \u201eUnsere Aktion ist eine gewaltfreie Aktion. Wenn Menschen \u2013 gem\u00e4\u00df dem neuen Asylkompromiss der herrschenden Parteien \u2013 abgeschoben werden in L\u00e4nder, in denen sie bedroht sind, dann erleiden sie Gewalt. Sachen aber k\u00f6nnen keine Gewalt erleiden. Wenn AsylbewerberInnenheime von Neonazis angegriffen werden, dann ist das Gewalt. Das Abs\u00e4gen eines Hitler-Kopfes aus Buntsandstein aber hat mit Gewalt nichts zu tun.\u201c (4)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von der Zerst\u00f6rung des Weinheimer Kriegerdenkmals bis zum Gegen-Denkmal<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die badische Kleinstadt Weinheim ist Heimat einer uns\u00e4glichen Kriegerdenkmals-Kultur, die der libert\u00e4r-sozialistische Weinheimer Stadthistoriker Werner Pieper in einem B\u00fcchlein \u201eMensch, Denk Mal\u201c umfassend und kritisch aufgearbeitet hat. (5) 24 reaktion\u00e4re Denkmale hat er in der Stadt gez\u00e4hlt. Das geht bis ins Kaiserreich zur\u00fcck; \u00fcber Weinheim ragt die riesige \u201eWachenburg\u201c, in der in einer Ehrenhalle Gefallene des 1870\/71-Feldzuges \u201egeehrt\u201c werden. Doch zentral wurde in den 1980ern und 1990ern der Streit um das 1936 eingeweihte Nazi-Kriegerehrenmal in der Bahnhofstra\u00dfe. Es zeigt drei \u00fcberlebensgro\u00dfe, entschlossen voranschreitende Nazi-Soldaten aus Quarzporphyr-Stein vor Tafeln mit Gefallenen des Ersten Weltkriegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Kriegerehrenmal war regelm\u00e4\u00dfig St\u00e4tte von Aufm\u00e4rschen der NPD und auch der Bundeswehr, mit Fackelfeiern zum Volkstrauertag Mitte November jeden Jahres. Bereits im M\u00e4rz 1974 war dieses Denkmal durch einen unbekannten T\u00e4ter mit Hammerschl\u00e4gen auf die Nazi-Helme der Soldaten und das \u00dcbergie\u00dfen mit blauer Farbe leicht besch\u00e4digt worden. In den Reaktionen setzte eine Lynchstimmung gegen den unbekannten Verursacher ein. Auch die marxistisch-leninistische Ortsgruppe des KBW (Kommunistischer Bund West-Deutschlands), in deren B\u00fcro immerhin von Rechten die Scheiben eingeworfen wurden, verurteilte diese Aktion: \u201eF\u00fcr den hinterh\u00e4ltigen Nacht- und Nebelanschlag auf das Denkmal gibt es keine Rechtfertigung, wir verurteilen ihn entschieden. Ein solches Denkmal hat in Weinheim so lange seinen Platz, wie die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung es haben will\u201c, hei\u00dft es in einer KBW-Presserkl\u00e4rung. Pieper lakonisch dazu: \u201eDie wurde aber nie gefragt.\u201c (6)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1990ern bedr\u00e4ngte eine \u201eFriedensinitiative Weinheim\u201c die Stadt, doch endlich eine Umwidmung dieses uns\u00e4glichen Denkmals zuzulassen. Daf\u00fcr f\u00fchrten sie einen \u00f6ffentlichen K\u00fcnstler*innen-Wettbewerb mit Vorschl\u00e4gen zur Umgestaltung durch, den der K\u00fcnstler Rainer Negrelli mit dem Vorschlag gewann, die drei Soldaten technisch aufw\u00e4ndig hinten hochzuheben und zu kippen, so dass ihr entschlossener Marsch nach unten und nicht nach vorne geht. Diesem Reformprojekt machte die \u201eGewaltfreie Aktionsgruppe Clara Wichmann\u201c einen Strich durch die Rechnung. Am 7. November 1994 zerst\u00f6rten sie den linken Kopf der drei Soldaten und entschwanden mit ihm in die Nacht. \u201eDen haben wir dann von einer Br\u00fccke auf den Grund des Neckars geworfen, wo er heute noch vor sich hinschimmelt\u201c, lacht G. Waltfrei mir gegen\u00fcber. \u201eDas war auch wieder eine Frage der Phantasie. Wie sollten wir so ein riesiges Denkmal zerst\u00f6ren, ohne gef\u00e4hrlichen und missverst\u00e4ndlichen Sprengstoff zu verwenden?\u201c Die L\u00f6sung war: \u201eWir benutzten einen Wagenheber, spannten ihn zwischen zwei der drei K\u00f6pfe und kurbelten so lange, bis einer der K\u00f6pfe, plopp, abbrach. Dass es der linke war, war reiner Zufall.\u201c In der Erkl\u00e4rung zur Aktion nahm die Gruppe auch Bezug zum vorgeschlagenen Reformprojekt: \u201eWir verstehen unsere Aktion als offensiven Gegenentwurf zu den uns bekannten vorangegangenen Versuchen, die offiziellen Stellen um eine Umgestaltung des Denkmals zu bitten.\u201c Und es gab auch einen Bezug zur neuen Rolle der Bundeswehr: \u201eDass eine deutsche Armee nicht einmal 50 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Vernichtungs- und Eroberungskrieges wieder weltweit Eins\u00e4tze plant, erinnert auf schreckliche Weise an die politische Aussage des Weinheimer Denkmals: die Vorbereitung des n\u00e4chsten Krieges.\u201c (7)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Pieper sieht im Datum der Aktion auch eine antikoloniale Komponente: \u201eDiese Tat, auf den Tag genau 80 Jahre nach der Kapitulation der deutschen Kolonialtruppen in Tsingtao, China, l\u00f6ste in der Stadt heftige Diskussionen aus. F\u00fcr die einen war die deutsche Ehre beschmutzt, andere empfanden Genugtuung, da\u00df diese Krieger endlich \u201aecht\u2019 aussahen \u2013 kaputt halt.\u201c (8)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201ezu unserer gro\u00dfen Freude\u201c (G. Waltfrei) nun \u00fcber Monate hinweg gef\u00fchrten kommunalen Diskussion kam es zu Kuriosit\u00e4ten: Bei der kurz darauf folgenden Fackelfeier zum Volkstrauertag 1994 musste die Bundeswehr dem kopflosen Soldaten huldigen. Oder der Pfarrer der \u00f6rtlichen Markusgemeinde predigte zum Volkstrauertag 1994 die \u201eWorte des kopflosen Soldaten vom Ehrenmal\u201c in Gedichtform (Ausz\u00fcge):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">\u201eSie haben mir den Kopf abgeschlagen \u2013 schon damals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Als sie mich ins Feld geschickt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Da haben sie alle meine Glieder zerrissen und zerstreut. (&#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Die Guten Kameraden an meiner Seite \u2013 einer von ihnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Vielleicht w\u00e4re er lieber desertiert,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">bevor man ihn in Stein gehauen hat. (&#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">H\u00e4tte Nein gesagt und sich verweigert<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">H\u00e4tte sich nicht mehr einreihen lassen in Reih und Glied. (&#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Da, wo mein Kopf war, da ist nun eine Leere \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Keine Stimme, kein Wort von ehrw\u00fcrdigem Soldatentod.\u201c (9)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Rechte und die Stadt sammelten \u00f6ffentlich Geld, um den unauffindbaren Kopf tats\u00e4chlich neu herstellen zu lassen und ihn dem Soldaten wieder aufzusetzen. F\u00fcr die Friedensinitiative war nun ihr Kippvorschlag vom Tisch: \u201eDie Restaurierung eines Denkmals, das Nazi-Propaganda ist, lehnen wir ab. Dem K\u00fcnstler Negrelli ist es nicht zuzumuten, ein wieder instandgesetztes Nazi-Denkmal zu ver\u00e4ndern.\u201c (10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So f\u00fchrte die Friedensinitiative Weinheim nunmehr eine Kampagne f\u00fcr ein Gegen-Denkmal, das sie durchsetzen konnte und das bis heute existiert. Direkt gegen\u00fcber dem Soldatendenkmal gibt es nun seit dem 9. November 1999 ein luftiges Gegen-Denkmal, in dem eine unstrukturierte Gruppe von Menschen auf einem Balken mit erhobenen Armen tanzt. Dazu steht auf der Widmungstafel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">\u201eDies ist ein Ort des Gedenkens<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">an die Opfer von Krieg, Gewalt und Verfolgung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">in Vergangenheit und Gegenwart<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">als Mahnung f\u00fcr die Zukunft. (&#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Die Menschengruppe als Silhouette dargestellt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">ist orientierungslos, entwurzelt und versucht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Balance zu halten in dem Moment zwischen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">Vergangenheit und Zukunft.\u201c (11)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Orientierungslosigkeit des H\u00e4ufleins mag man ein Gegenbild zu milit\u00e4rischer Disziplin erkennen. Aber w\u00e4re der notwendige antimilitaristische Kampf etwa inhaltlich \u201eorientierungslos\u201c? Auch Werner Pieper ist nicht so recht gl\u00fccklich mit solchen Reformen, bei denen das originale Denkmal letztlich nicht, wie heute oftmals in den USA, endg\u00fcltig entfernt wird:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo richtig ist das leider noch nicht gelungen. Zur Gedenkfeier \u201a70 Jahre Verschleppung der Juden aus Weinheim\u2019 finden sich 2010 ganze 40 B\u00fcrger*innen am Mahnmal ein. Ich z\u00e4hlte meine Schritte: 288 Schritte bergauf, von den T\u00e4tern zu den Opfern; 272 Schritte bergab von den Opfern zu den T\u00e4tern.\u201c (12)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer Anh\u00f6he \u00fcber der Unistadt Heidelberg befindet sich der riesige \u201eEhrenfriedhof\u201c, eine nazistische Anlage von 17ha Fl\u00e4che, 1933 bis 1935 erbaut. Ein langer Aufmarschweg f\u00fchrt an Wehrmachtskreuzen vorbei auf einen abschlie\u00dfenden l\u00e4nglichen, rohen Stein zu, der entfernt an einen liegenden Toten erinnern k\u00f6nnte. Am Totensonntag, 22. 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