{"id":23005,"date":"2020-12-04T00:05:59","date_gmt":"2020-12-03T22:05:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23005"},"modified":"2022-01-12T19:36:52","modified_gmt":"2022-01-12T17:36:52","slug":"schweinesystem-a-la-toennies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/schweinesystem-a-la-toennies\/","title":{"rendered":"Schweinesystem \u00e0 la T\u00f6nnies"},"content":{"rendered":"<p>Ende M\u00e4rz 2020 mussten zwei junge M\u00e4nner je 250 Euro Strafe zahlen, weil sie zu zweit am Stadtsee meiner Wahlheimatstadt gegrillt haben. Mir kam das absurd und willk\u00fcrlich vor, w\u00e4hrend die Lokalzeitung die Kriminalisierung als angemessenes Durchgreifen geradezu abfeierte. \u00c4hnliches geschah w\u00e4hrend und nach dem ersten Covid19-Lockdown auch an etlichen anderen Orten. Viele Menschen wurden in den letzten Monaten kriminalisiert, weil sie die Abstands-, Hygiene- oder andere Corona-Regeln nicht eingehalten haben. Nun sind diese Regeln gewiss mehrheitlich sinnvoll; aber anders als die oben erw\u00e4hnten Studenten wurde der Fleischproduzent Westfleisch bisher nicht belangt, obwohl sich im Westfleisch-Schlachthof in Coesfeld im Mai 2020 mindestens 283 Arbeiter*innen mit dem Corona-Virus infiziert haben, weil Westfleisch nicht daf\u00fcr gesorgt hat, dass die \u00fcberwiegend aus <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/aufstand-der-spargelritter\/\">Rum\u00e4nien<\/a> kommenden Schlachtarbeiter*innen die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten k\u00f6nnen. (1)<\/p>\n<p>Offenbar noch dramatischer ist die Situation f\u00fcr die Menschen, die f\u00fcr T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck unter extrem unw\u00fcrdigen Bedingungen Tiere am Flie\u00dfband t\u00f6ten und zerst\u00fcckeln. \u201eDie T\u00f6nnies Unternehmensgruppe hatte 2019 einen Jahresumsatz von 7,3 Milliarden Euro. Daf\u00fcr mussten 20.800.000 Schweine und 440.000 Rinder gewaltsam sterben\u201c, so die gemeinn\u00fctzige Organisation \u201eLiberation Now\u201c am 21. Juni 2020. (2) In Rheda-Wiedenbr\u00fcck werden t\u00e4glich bis zu 30.000 Schweine get\u00f6tet. Es ist eine von 29 Produktionsst\u00e4tten des weltweit agierenden Konzerns.<\/p>\n<h5>\u201eClemens T\u00f6nnies ist nicht nur ein Rassist, sondern das System T\u00f6nnies ist Menschenschinderei\u201c<\/h5>\n<p>Clemens T\u00f6nnies ist bekannt als M\u00e4zen und war bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender von Schalke 04. Er ist Chef des zweitgr\u00f6\u00dften <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-fleischindustrie-in-der-coronakrise%e2%80%86\/\">Schweine-Schlacht-Konzerns<\/a> in Europa. Sein menschenfeindliches, rassistisches Weltbild zeigte der einflussreiche Kapitalist im August 2019. Beim Tag des Handwerks lehnte der Patriarch als Festredner vor 1.600 Menschen in Paderborn Steuererh\u00f6hungen im Kampf gegen den Klimawandel ab. Dabei stellte er einen angeblichen Zusammenhang von Energieversorgung, Klimawandel und \u201e\u00dcberbev\u00f6lkerung\u201c in Afrika her. Statt die Abgaben zu erh\u00f6hen solle man lieber j\u00e4hrlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren, \u201edann w\u00fcrden die Afrikaner aufh\u00f6ren, B\u00e4ume zu f\u00e4llen, und sie h\u00f6ren auf, wenn\u2019s dunkel ist, Kinder zu produzieren.\u201c (3)<\/p>\n<p>Die Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg formulierte daraufhin im August 2019 treffend: \u201eT\u00f6nnies ist nicht nur ein Rassist, sondern das System T\u00f6nnies ist Menschenschinderei\u201c. (4) Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Werksvertragsarbeiter*innen seien eine Horrorwelt: \u201eIn Kellinghusen sind rum\u00e4nische Werksvertragsarbeiter von Vorarbeitern zusammengeschlagen worden, ein rum\u00e4nischer Kollege, George Berca, hatte einen Unfall, bei dem er sich die Hand verst\u00fcmmelte. T\u00f6nnies dazu: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/von-schweinen-und-stoischen-hoffnungstraegern\/\">Selbstverst\u00fcmmelung!<\/a> Diese Zust\u00e4nde sind zwangsl\u00e4ufige Folgen des Werkvertragssystems und des System T\u00f6nnies. Pr\u00e4ses Peter Kossen hat f\u00fcr die \u00fcberausgebeuteten WerksvertragsarbeiterInnen deshalb den Namen Wegwerfmenschen gefunden. Zu Recht. (\u2026) Wir alle, zusammen mit GewerkschafterInnen, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/animal-utopia-gegenbilder-zur-tierindustrie\/\">Tierschutz- und Tierrechtsgruppen<\/a>, k\u00e4mpfen gegen das System T\u00f6nnies und f\u00fcr die Abschaffung von Werkvertr\u00e4gen.\u201d (5)<\/p>\n<p>In den Fleischfabriken von T\u00f6nnies arbeiten die Menschen vor allem aus Rum\u00e4nien und Bulgarien auch heute noch zu Billigl\u00f6hnen und unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Besonders schlimm ist die Situation der Frauen, die \u00fcber 30 Prozent der Arbeiter*innenschaft bei T\u00f6nnies ausmachen und oft auch sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Inge Bultschnieder, Gr\u00fcnderin der Interessengemeinschaft \u201eWerkFAIRtr\u00e4ge\u201c (6), k\u00e4mpft seit 2012 gegen die katastrophalen Zust\u00e4nde in der Massenschlachterei T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck. In einem EMMA-Interview mit Annika Ross berichtet sie, warum sie sich mit dem Milliard\u00e4r T\u00f6nnies anlegt: \u201eIch lag 2012 im Krankenhaus. Neben mir lag Katja, eine junge Bulgarin, total abgemagert. Sie war bei T\u00f6nnies am Flie\u00dfband zusammengebrochen. Sie hatte keine Krankenversicherung. Pl\u00f6tzlich kam jemand in unser Zimmer und machte ihr Dampf, sie m\u00f6ge gef\u00e4lligst bald wieder bei der Arbeit erscheinen, sonst w\u00fcrde er sie rausschmei\u00dfen. (\u2026) Katja erz\u00e4hlte von den uns\u00e4glichen Arbeitsbedingungen. Stehen in der K\u00e4lte. Angetrieben werden durch die Vorarbeiter. Katjas Job war es, mit dem Messer Schinken vom Knochen zu l\u00f6sen. Sie musste immer wieder zustechen. Das ist Schwerstarbeit. Ihre Hand- und Ellbogengelenke waren total entz\u00fcndet. Sie hat mir erz\u00e4hlt, f\u00fcr 200 Stunden Arbeit im Monat h\u00e4tte sie um die 1.100 Euro netto bekommen. Davon musste sie rund 300 Euro Miete f\u00fcr ein Bett in einem Zimmer mit Stockbetten f\u00fcr acht Leute und 100 Euro f\u00fcr die Fahrt ins Werk bezahlen. \u00dcberstunden wurden nicht entgolten. Das Reinigen des Arbeitsplatzes galt nicht als Arbeitszeit.\u201c (7)<\/p>\n<p>In der Interessengemeinschaft WerkFAIRtr\u00e4ge engagiert sich auch die \u00c4rztin Almuth Stork, die damals im Rettungswagen Notdienste gefahren sei und st\u00e4ndig zu T\u00f6nnies musste, weil sich Arbeiter*innen verletzt hatten. Inge Bultschnieder: \u201eAls Almuth einmal einen schwerverletzten Arbeiter aus der Halle ziehen wollte, der sich mit der Kettens\u00e4ge fast das ganze Bein abgetrennt hatte, haben die dort nicht einmal das Band mit den rotierenden Schweineh\u00e4lften angehalten. Die sind ihr in den R\u00fccken geknallt. Ein anderes Mal musste die \u00c4rztin einem Arbeiter die Haut von den F\u00fc\u00dfen ziehen. Ein scharfes Desinfektionsmittel war ihm in die Schuhe gelaufen. Aber der Vorarbeiter gab ihm keine neuen Gummistiefel, erz\u00e4hlte Almuth, und der Arbeiter musste den ganzen Tag darin weiterarbeiten. Almuth war 15 Jahre Not\u00e4rztin in Rheda-Wiedenbr\u00fcck, in der Zeit hatte sie mindestens einmal pro Woche einen Einsatz bei T\u00f6nnies: Schw\u00e4cheanf\u00e4lle, abgetrennte Gliedma\u00dfen, gebrochene Knochen. Einmal, hat sie erz\u00e4hlt, hatte sich ein Arbeiter in einer Abstellkammer erh\u00e4ngt, der wurde tagelang nicht gefunden und niemand wusste, wer er war.\u201c (8)<\/p>\n<p>Inge Bultschnieder hat von vielen Frauen erfahren, dass es beispielsweise in den Umkleidekabinen bei T\u00f6nnies <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/femizide-und-haeusliche-gewalt-in-zeiten-von-corona\/\">sexuelle \u00dcbergriffe<\/a> gegeben hat. T\u00f6nnies dominiert als m\u00e4chtiger Arbeitgeber und M\u00e4zen die Stadt Rheda-Wiedenbr\u00fcck. Weil sich Inge Bultschnieder f\u00fcr die T\u00f6nnies-Arbeiter*innen einsetzt, wird sie angefeindet. Schlimm sei es gewesen, als sie 2015 der Arbeiterin Michaela geholfen habe. Die Rum\u00e4nin war nach eigenen Angaben von ihrem Vorarbeiter schwanger. \u201eSie war total eingesch\u00fcchtert. Sie hatte ihr Baby allein in einer Garage bekommen und es danach ausgesetzt. Sie wusste sich einfach nicht anders zu helfen und musste ja auch wieder am Band stehen. Das Kind wurde zur Adoption freigegeben, Michaela zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. In der Vernehmung sagte sie, man habe ihr gedroht, dass sie den Job verliere, wenn sie schwanger w\u00fcrde. Michaela ist viel Schlimmes in ihrem Leben passiert, sie hat nie gelernt, sich zu wehren. Hier wurde sie dann als \u201adie Hexe mit Syphilis\u201c gebrandmarkt\u201c, berichtet Bultschnieder.<\/p>\n<p>Die Unterbringung der Arbeiter*innen in \u00fcberf\u00fcllten, verwahrlosten, teilweise verschimmelten Wohnungen zu Wuchermieten ist nach wie vor katastrophal. Der 1,5 bis zwei Meter Abstand, der anderswo die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/arbeiterinnen-gegen-die-politik-des-kapitals\/\">Corona-Pandemie<\/a> erfolgreich begrenzen konnte, l\u00e4sst sich unter solch miesen Bedingungen kaum einhalten. Mindestens 1.553 der 7.000 Arbeiter*innen bei T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck haben sich bis zum 23. Juni 2020 mit dem Coronavirus aufgrund dieser skandal\u00f6sen Arbeits- und Lebensbedingungen infiziert. (9) Kurz nachdem sich im vorr\u00fcbergehend geschlossenen T\u00f6nnies-Werk in Rheda-Wiedenbr\u00fcck die Flie\u00dfb\u00e4nder in Bewegung setzten, wurden am 27. Juli bereits 31 neue Corona-Infektionen \u00f6ffentlich. (10)<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auf die am Anfang des Artikels erw\u00e4hnten grillenden Studenten zur\u00fcckkommen. Muss denn nun auch der f\u00fcr die katastrophalen Zust\u00e4nde in Rheda-Wiedenbr\u00fcck verantwortliche Milliard\u00e4r, Rassist und Superspreader T\u00f6nnies eine Strafe zahlen? Nein, offensichtlich nicht. Wie nennt sich das? Klassengesellschaft.<\/p>\n<p>Nachdem Bundesarbeitsminister Heil (SPD) einen Gesetzentwurf zum Verbot von Werkvertr\u00e4gen angek\u00fcndigt hat, lie\u00df T\u00f6nnies Mitte Juli 2020 kurzerhand 15 sogenannte Vorratsgesellschaften am Amtsgericht G\u00fctersloh f\u00fcr Rheda-Wiedenbr\u00fcck eintragen. \u201eDie Vermutung verschiedener Nutzerinnen und Nutzer: T\u00f6nnies wolle das Verbot von Werkvertr\u00e4gen umgehen, weil dieses nicht f\u00fcr Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden gelte. (\u2026) Ob T\u00f6nnies die neuen Gesellschaften allerdings tats\u00e4chlich nur vorsorglich hat eintragen lassen, oder ob ein bestimmter Zweck im Hinblick auf das Verbot von Werkver\u2028tr\u00e4gen verbunden ist, bleibt offen\u201c, so die Tagesschau am 30. Juli 2020. (11)<\/p>\n<h5>Proteste gegen T\u00f6nnies und Co.<\/h5>\n<p>In den vergangenen Wochen fanden direkte gewaltfreie Aktionen gegen T\u00f6nnies statt. So wurde am 4. Juli die Schlachtfabrik in Rheda-Wiedenbr\u00fcck blockiert und ein Banner mit der Aufschrift \u201eShut down Tierindustrie\u201c entrollt (siehe Interview und Artikel in dieser GWR). Wegen einer \u00e4hnlichen Schlachthofblockade in Kellinghusen im Oktober 2019 fordert der T\u00f6nnies-Konzern nun 40.000 Euro Schadensersatz von Aktivist*innen. Das B\u00fcndnis \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/gemeinsam-gegen-die-tierindustrie\/\">Gemeinsam gegen die Tierindustrie<\/a>\u201c unterst\u00fctzt die Betroffenen und ruft zu einer Demo gegen T\u00f6nnies am 29. August 2020 in der Ortschaft in Schleswig-Holstein auf. Die Aktivist*innen erwarten zeitnah einen Schadenersatzprozess. B\u00fcndnis-Vertreterin Katja Suhr \u00e4u\u00dferte sich dazu am 12. August in der \u201ejungen Welt\u201c: \u201eDas Gesch\u00e4ftsmodell von Konzernen wie T\u00f6nnies beruht auf Tierleid, Naturzerst\u00f6rung und Ausbeutung. (\u2026) W\u00e4hrend T\u00f6nnies f\u00fcr all die vom Unternehmen verursachten Sch\u00e4den nicht aufkommen muss, sollen jetzt diejenigen bezahlen, die die t\u00f6dliche Maschinerie f\u00fcr ein paar Stunden unterbrochen haben\u201c. (12) Die Aktivist*innen fordern die Enteignung der Fleischkonzerne und die sofortige Umstellung auf eine \u00f6kologische und solidarische Produktion von Nahrungsmitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">T\u00f6nnies ist ein skrupelloser Kapitalist wie er im Buche steht. Das Fazit meines<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/das-system-toennies\/\"> GWR-Onlinekommentars<\/a> vom 23. Juni bleibt aktuell: Der Kampf f\u00fcr eine klassenlose, herrschafts- und gewaltfreie Gesellschaft ist auch das solidarische Eintreten f\u00fcr \u00d6kologie und eine sozial gerechte Welt, in der es keinen Kapitalismus, keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, keinen Rassismus und keine industriellen Massenschlachtungen mehr gibt. (13)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Bernd Dr\u00fccke<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende M\u00e4rz 2020 mussten zwei junge M\u00e4nner je 250 Euro Strafe zahlen, weil sie zu zweit am Stadtsee meiner Wahlheimatstadt gegrillt haben. Mir kam das absurd und willk\u00fcrlich vor, w\u00e4hrend die Lokalzeitung die Kriminalisierung als angemessenes Durchgreifen geradezu abfeierte. \u00c4hnliches geschah w\u00e4hrend und nach dem ersten Covid19-Lockdown auch an etlichen anderen Orten. 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