{"id":2310,"date":"1998-12-01T00:00:02","date_gmt":"1998-11-30T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2310"},"modified":"2011-11-13T20:51:12","modified_gmt":"2011-11-13T18:51:12","slug":"geschichte-der-startbahnbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/12\/geschichte-der-startbahnbewegung\/","title":{"rendered":"Geschichte der Startbahnbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte der sozialen Bewegung gegen die Startbahn-West l\u00e4\u00dft sich sehr grob in zwei Phasen aufteilen: die Phase der Massenbewegung mit den H\u00f6hepunkten in den Jahren 1981\/82 und die Phase der militanten Sonntagsspazierg\u00e4nge von 1985 bis zu den Sch\u00fcssen aus den Reihen der DemonstrantInnen, die am 2.11.1987 zwei Polizisten t\u00f6teten und zwei weitere schwer verletzten, und in deren Gefolge die staatliche Repression die Startbahn-Bewegung vollst\u00e4ndig zerschlug.<\/p>\n<h3>I. Beginn der Massenbewegung &amp; Konzept &#8222;gewaltfrei, aber aktiv&#8220;<\/h3>\n<p>Die Anf\u00e4nge des Protests gegen die Flughafenerweiterung reichen bis in die 60er Jahre zur\u00fcck, Pfarrer Oeser war Bindeglied zur und Symbolfigur f\u00fcr die Anfangszeit zugleich. Doch erst nach dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts Berlin 1978 gr\u00fcndete sich eine Aktionsgemeinschaft und daraus im Februar 1979 die &#8222;B\u00fcrgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung&#8220; (im folgenden kurz BI genannt, obowhl sie aus vielen Gruppen bestand), dazu kam eine lokale Parteienaktionsgemeinschaft gegen die geplante Startbahn West. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck erweiterte sich die Argumentation von der \u00f6kologischen Bedrohung durch L\u00e4rm, durch massive Waldabholzung und Grundwasserabsenkung auf eine \u00f6konomische Kritik der Wachstums- und Industriegesellschaft und eine antimilitaristische Kritik der potentiellen milit\u00e4rischen Nutzung durch die NATO &#8211; wobei die \u00f6kologische Argumentation lange im Vordergrund stand.<\/p>\n<p>Organisatorisch dominierte die BI mit ihren ca. 10 Ortsgruppen bis Dezember 1980 ein sogenanntes Leitungsteam (&#8222;Provinz-Elite&#8220;), erfahrene und bereits lange protestierende B\u00fcrgerInnen aus der Region. Von der &#8222;Massenphase&#8220; wurde die BI in der Folge organisatorisch \u00fcberrollt und konnte mit Struktur\u00e4nderungen der Entwicklung nie Schritt halten. Nachdem die Ortsgruppen auf ca. 50 angewachsen waren, folgte eine basisdemokratische Umstrukturierung, wonach eine Delegiertenversammlung der Ortsgruppen einen achtk\u00f6pfigen Delegiertenrat w\u00e4hlte. Im Mai 1981 schlie\u00dflich wurde der Tatsache Rechnung getragen, da\u00df viele Gruppen aus anderen Regionen und der Stadt Frankfurt\/M. beteiligt waren. Es wurde ein Koordinationsausschu\u00df (KO) gebildet, in dem nicht mehr die Ortsgruppendelegierten, sondern VertreterInnen aus den politischen Spektren der Startbahn-Bewegung sa\u00dfen. Das trug den realen Abl\u00e4ufen zwar Rechnung, der KO war jedoch gleichzeitig zentralistischer als der Delegiertenrat und konnte trotzdem in der hei\u00dfen Phase ab Oktober 1981 auch nur die erste direkte Aktion gut vorbereiten, danach \u00fcberschlugen sich die Ereignisse.<\/p>\n<p>Strategie der BI war zun\u00e4chst die Aussch\u00f6pfung aller legalen Mittel. Bis September 1980 scheiterte der juristische Weg und der hessische Wirtschaftsminister Karry verk\u00fcndete den sofortigen Bauvollzug. Im M\u00e4rz 1981 t\u00e4uschte die sozialliberale Landesregierung unter B\u00f6rner und Karry zudem die B\u00fcrgerInnen mit einem inszenierten Landtagshearing, dessen Ergebnis, die Bau-Bef\u00fcrwortung, schon vorher feststand. Eine Protestw\u00e4hlerInnenliste erreichte sofort 25 % bei den Kommunalwahlen im gleichen Monat. Und im April 1981 wurde schlie\u00dflich mit knapper Mehrheit in der BI das hessenweite Volksbegehren f\u00fcr einen Volksentscheid gestartet. In einer ersten Phase mu\u00dften dazu 120 000 Unterschriften gesammelt werden, in einer zweiten Phase mu\u00dften 20 % der Bev\u00f6lkerung Hessens unterschreiben (800 000). Bis zur \u00dcbergabe der Unterschriften f\u00fcr die erste Phase am 14.11.81 waren 220 000 Unterschriften gesammelt worden, bis zum gerichtlichen Verbot des in der Landesverfassung gew\u00e4hrten Verfahrens im Februar 82 waren es 300 000 geworden. Aber da war die Bewegung bereits in der Krise.<\/p>\n<p>Das Volksbegehren war sehr umstritten, weil es nach den juristischen Niederlagen die legalistische Schiene weiterverfolgte. Die Bef\u00fcrworterInnen sahen in der landesweiten Ausdehnung die M\u00f6glichkeit, B\u00fcrgerInnen anzusprechen, f\u00fcr die der Schritt zur direkten Aktion noch zu gro\u00df war und die Bewegung auf andere Projekte auszudehnen (z.B. eine damals in Nordhessen geplante WAA). Die GegnerInnen des Volksbegehrens kritisierten die Legitimierung der BetreiberInnen im Falle einer Niederlage sowie die Verlagerung der Entscheidungskompetenz weg von der betroffenen Region auf die Landesebene. Au\u00dferdem wurde die Bindung von gro\u00dfen organisatorischen Energien beklagt, die besser in die Vorbereitung der direkten Aktionen gesteckt worden w\u00e4ren &#8211; eine Kritik, die zu Recht erhoben wurde, weil das Volksbegehren parallel zur Phase der Zuspitzung der direkten Aktionen lief.<\/p>\n<p>Im Mai 1980 hatte nach langer Vorbereitung auch durch viele Graswurzel- und gewaltfreie Aktionsgruppen die Republik Freies Wendland in Gorleben stattgefunden. Das libert\u00e4re H\u00fcttendorf endete nach vier Wochen mit einer R\u00e4umung durch Wegtragen. Erst mit historischem Abstand zeigt sich die Richtigkeit des R\u00e4umungskonzepts bei der Begr\u00fcndung des Mythos von 1004 &#8211; doch unmittelbar zur damaligen Zeit wurde das R\u00e4umungskonzept &#8211; durchaus vergleichbar mit der Kritik an X-tausendmal quer 1997 &#8211; von seiten einiger autonomer Gruppen als &#8222;Passivit\u00e4t&#8220; ausgelegt. In der Region M\u00f6rfelden-Walldorf s\u00fcdlich von Frankfurt\/M. gab es zu Beginn der Startbahnbewegung keine gewaltfrei-libert\u00e4re Gruppenstruktur, gewaltfreie Aktionsgruppen bildeten sich erst im Laufe der Auseinandersetzung. So \u00fcbernahm die BI die Kritik der sogenannten Passivit\u00e4t bei der R\u00e4umung von Gorleben und nannte ihr Widerstandskonzept &#8222;gewaltfrei, aber aktiv&#8220;. Mit dieser Kompromi\u00dfformel konnte zwar anfangs f\u00fcr Aktionskonzepte bis weit in b\u00fcrgerliche Kreise hinein geworben werden, ihr haftete aber von vorneherein ein falsches Verst\u00e4ndnis gewaltfreier Aktion an: da\u00df n\u00e4mlich gewaltfreie Aktion in Wirklichkeit passiv sei und Aktivit\u00e4t ein Gegensatz zum Prinzip der Gewaltfreiheit sein k\u00f6nne. Au\u00dferdem wurde in BI-Kreisen mit &#8222;gewaltfrei&#8220; auch immer wieder die legalistischen Kampagnen wie das Volksbegehren umschrieben und daher ein Verst\u00e4ndnis gewaltfreier Aktion erschwert, das den legalen Rahmen praktisch \u00fcberschreitet und ihn sogar theoretisch als Gewaltstruktur des Staates analysiert. An diesem Widerspruch setzten dann sp\u00e4ter die militanten Aktionskonzepte an.<\/p>\n<h3>II. H\u00f6hepunkt der &#8222;Massenphase&#8220; 81\/82<\/h3>\n<p>Bereits im Mai 1980 war auf dem Waldgel\u00e4nde zun\u00e4chst eine BI-H\u00fctte, dann ein H\u00fcttendorf entstanden, das bis zum Herbst 1981 trotz zahlreicher Probleme und von der Polizei eingeschleuster &#8222;agents provocateurs&#8220; (ein militanter H\u00fcttendorfbewohner wurde als Polizeispitzel enttarnt) ((1)) bestehen blieb. Im Oktober 1980 erfolgte die erste Rodung auf einem Bauabschnitt au\u00dferhalb des H\u00fcttendorfs. Bundesweit konnten 3 000 AktivistInnen mobilisiert werden, deren Rest (72 Leute) anderntags von der Polizei ger\u00e4umt wurde, wonach es zu ersten Kn\u00fcppeleins\u00e4tzen kam. Dieses 7-Hektar-Rodungsgebiet wurde nach Karrys Vollzugsank\u00fcndigung am 6.10.1981 von 10 000 Aktiven besetzt. Die Menschen verschanzten sich in Gruben, hinter W\u00e4llen und &#8222;verknoteten&#8220; ihre Leiber und Gliedma\u00dfen. Die Polizei r\u00fcckte massenhaft an, mit Bulldozer, Bagger und Wasserwerfer &#8211; und zog wieder ab. Es war der erste und letzte Sieg auf ganzer Linie. Schon am 7.10.81 wurden die restlichen 1 000 BesetzerInnen ger\u00e4umt, es wurde eine Mauer hochgezogen und am 11.10. bei einem Gottesdienst und einer Kundgebung an der Mauer brutal in die Menge gekn\u00fcppelt (&#8222;Blutsonntag&#8220;). Am 2.11.1981 wurde zudem ganz \u00fcberraschend das H\u00fcttendorf ger\u00e4umt. Am 7.11.81 rief die BI zur &#8222;Wiederbesetzung&#8220; auf: 40 000 Menschen kamen in den Wald, 60 DemonstrantInnen zogen ihre Kleider aus und \u00fcberstiegen die NATO- Stacheldr\u00e4hte. Sie kamen mit Zusagen von Politikern und der Einsatzleitung vor Ort zur\u00fcck, die Besetzung wurde abgeblasen &#8211; doch die Zusagen hatten keine juristische Relevanz und wurden von der Landesregierung negiert. Dieser &#8222;Nackten&#8220;-Sonntag hat innerhalb der Bewegung zu kontroversen Einsch\u00e4tzungen gef\u00fchrt: viele KritikerInnen sahen die &#8222;Nackten&#8220;-Aktion als eine typische gewaltfreie Aktion, die nichts gebracht habe au\u00dfer einem guten Presseecho. In der GWR wurde damals innerhalb der Chronologie der Ereignisse zum &#8222;Nackten&#8220;-Sonntag hinzugef\u00fcgt: &#8222;Keine gewaltfreie Aktion&#8220; ((2)) Warum? Weil damit 40 000 extra in den Wald zur Besetzung gekommene Aktive zur Passivit\u00e4t und zur Hinnahme eines Verhandlungsabschlusses gezwungen wurden, den eine StellvertreterInnengruppe ausgehandelt hatte und den zu diskutieren sie keine M\u00f6glichkeit hatten. Recht besehen war das aber kein Problem der gewaltfreien Aktion, sondern ein Problem der mangelnden Basisdemokratie bei dieser Aktion. Doch die militanten KritikerInnen identifizierten dieses Vorgehen in der Folge mit Gewaltfreiheit, um sich populistisch davon absetzen zu k\u00f6nnen. Immerhin hatte der &#8222;Nackten&#8220;-Sonntag durch die positive Presse zu einem Anstieg der Mobilisierung gef\u00fchrt. Doch den neu zur direkten Aktion bereiten Menschen konnten die Kontroversen innerhalb der Bewegung nicht mehr vermittelt werden.<\/p>\n<p>Es folgte wiederum nur eine Woche sp\u00e4ter, am 13.11. ein \u00f6ffentliches Ultimatum von BI-Sprecher Alexander Schubart an die Landesregierung (wof\u00fcr er sp\u00e4ter hart bestraft wurde), am 14.11. eine Massendemo mit 150 000 Menschen in Wiesbaden und am 15.11. schlie\u00dflich die legend\u00e4re Flughafenblockade mit Blockade des Autobahnzubringers von mehreren Zehntausend Aktiven. Und hier drehte sich das medienpolitische Pendel, die Saat der Medienbetreuung durch die Polizei, die in Bussen redaktionelle Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr JournalistInnen zur Verf\u00fcgung stellte, ging auf. Im damaligen Bericht in der GWR hie\u00df es zur Flughafenblockade:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Nachdem sich viele Menschen friedlich vor dem Flughafen versammelt hatten und noch keine Scheiben zu Bruch gegangen waren, pr\u00fcgelte die Polizei die Leute weg. In dem entstehenden Chaos warfen endlich einige Frustrierte die von der Polizei provozierten Steine. Jetzt erst gingen am Terminal die Scheiben zu Bruch. Die Berichterstattung der Polizei war am Flughafen-Sonntag hervorragend. Wo sie in den Wochen vorher unkoordiniert und schlurig oft den Informationen der B\u00fcrgerinitiativen hinterherhinkten und ein schlechtes Image erhielten, war hier alles darauf ausgerichtet, da\u00df die Polizei ihre Berichte durchbrachte, um die Startbahn-GegnerInnen zu diffamieren. Zu diesem Gesch\u00e4ft lie\u00dfen sich unglaublicherweise auch Journalisten hinrei\u00dfen, die sich noch vor einigen Wochen mit scheinbarem Wohlwollen gegen\u00fcber unserer Sache profilieren wollten. Ihnen ist aber inzwischen ihr Redaktionssitz wichtiger geworden als politische Moral. Der Staat konnte sich keine gewaltige gewaltfreie Aktion leisten, die wom\u00f6glich Schule macht. (&#8230;) Darum wurden aus ein paar Militanten tausende gewaltt\u00e4tiger Demonstranten. Und die Polizei schlug zu, um einzusch\u00fcchtern und gewaltsame Reaktionen zu provozieren. Das Konzept ging auf. (&#8230;) Die Spitze war ein Film in der \u2018Report\u2019-Sendung vom 17.11., der direkt aus der Polizei-Schule kam. Es war zu sehen, wie vermummte Gestalten Steine in die (Polizei-)Kamera werfen. F\u00fcr den Zuschauer vor der Glotze entsteht der Eindruck, die werfen auf uns. Psycho! Hier zeigt sich ein reibungsloses Zusammenspiel von Polizei und Presse. Bilder von Hunderten, die friedlich auf der Autobahn sitzblockierten, gab es dann erst in der taz.&#8220; ((3))<\/p><\/blockquote>\n<p>Obwohl die Militanz bei dieser gewaltfreien Massenaktion, der ersten Autobahn- und Flughafenblockade in der BRD- Geschichte, minimal war, bedeutete sie den Wendepunkt in der Massenmobilisierung innerhalb der Startbahn-Bewegung. Das mag auch mit dem Ultimatum-Aufruf zusammenh\u00e4ngen, wodurch die Flughafenblockade als Aktion den Charakter einer Entscheidungs&#8220;schlacht&#8220; bekam, die zu &#8222;verlieren&#8220; sich der Staat auf keinen Fall leisten konnte. An der gut organisierten und ebenfalls nur von minimaler Militanz begleiteten symbolischen Eintagesbesetzung des Bauloses II am 30.1.1982 beteiligten sich dann &#8222;nur&#8220; noch 10 000 Menschen. Das Konzept &#8222;gewaltfrei, aber aktiv&#8220; galt gro\u00dfen Teilen der Bewegung als gescheitert. In der GWR wurde die Losung &#8222;Gewaltfreiheit mit Helm&#8220; kontrovers diskutiert, also die passive Schutzkleidung gegen Polizeikn\u00fcppel und Tr\u00e4nengas. Manch schnell entstandene gewaltfreie Aktionsgruppe l\u00f6ste sich wieder auf. ((4))<\/p>\n<h3>III. Militante Zaunk\u00e4mpfe bis zum 2.11.87<\/h3>\n<p>1984 war die Startbahn gebaut und in Betrieb genommen. Das Areal war durch eine Betonmauer zum Wald hin abgeriegelt. Nun schlug die Stunde der Autonomen. Aus den bereits seit 1982 entstandenen Sonntagsspazierg\u00e4ngen an der Mauer entsprangen immer wieder spontane Aktionen, bei denen mit Baumpfl\u00f6cken Betonstreben aus der Mauer gebrochen wurden &#8211; f\u00fcr die Betreiber auf Dauer ein kostspieliger Schaden. Besonders nach Fertigstellung der Startbahn, etwa ab 1985, entstand aus diesen Aktionen eine militante Politik, die das Strebenknacken mit flankierenden Angriffen auf anr\u00fcckende Polizei oder Wasserwerfer sch\u00fctzte. Benutzt wurden Steine, Mollis, Zwillen oder Leuchtpistolen. Es kam zur fr\u00f6hlichen Sylvestermilitanz oder zu weniger fr\u00f6hlichen Scharm\u00fctzeln im Wald mit klaffenden Platzwunden.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4nglich weggebliebenen B\u00fcrgerInnen kamen zwischenzeitlich bis zu einem gewissen Grade wieder, die Frauen aus der &#8222;K\u00fcchenbrigade&#8220; bekochten nun die meist m\u00e4nnlichen militanten K\u00e4mpfer. Zwar wurde das Niveau aus der &#8222;Massenphase&#8220; nie mehr erreicht, doch einige Tausend kamen schon mal wieder in den Wald. Die verbitterten B\u00fcrgerInnen, die vormals den gewaltfreien Widerstand unterst\u00fctzt hatten, bef\u00fcrworteten nun die Militanz. Dabei beteiligten sie sich jedoch kaum am Strebenknacken, sondern bildeten meist die passiven und auch mal klatschenden ZuschauerInnen. Zwar war das Strebenknacken lustig und w\u00e4re gut als gewaltfreie Aktion denkbar gewesen, doch die flankierenden Steinhagel und Angriffe machten sie zur eindeutig militanten Aktion, an der Gewaltfreie kaum noch ohne Selbstwiderspruch teilnehmen konnten. Auch die Graffitis an der Mauer deuteten auf den klar militanten, ja antigewaltfreien Charakter der Aktionen, je l\u00e4nger sie dauerten (z.B. das sprichw\u00f6rtliche &#8222;Schwerter zum Flughafen&#8220;). Da die gewaltfreien AktivistInnen keine Aktionsalternativen zu bieten hatten oder sich einfach zur\u00fcckzogen, kann bei dem, was nun kam, zumindest eines nicht unterstellt werden: da\u00df Gewaltfreie die militanten Mauerk\u00e4mpferInnen in irgendeiner Weise gest\u00f6rt, gespalten oder sonstwie an ihren Aktionen behindert h\u00e4tten. Im Gegenteil: die Sch\u00fcsse vom 2.11.1987 k\u00f6nnen als beispielhaft f\u00fcr das analysiert werden, wohin die militante Konzeption eine soziale Bewegung f\u00fchren kann, wenn sie sich ohne Widerspruch durchsetzt und voll durchgezogen wird.<\/p>\n<p>Besonders nach dem Abflauen der Tschernobyl-Bewegung und den parallel in Wackersdorf stattfindenden Zaunk\u00e4mpfen, die ohne unmittelbar z\u00e4hlbare Erfolge geblieben waren, aber sich besonders an der Startbahn eher zu immergleichen Ritualen entwickelt hatten, regte sich eine erste Kritik innerhalb des autonomen Spektrums, die von der Frankfurter &#8222;Lupus-Gruppe&#8220; noch auf den ersten Libert\u00e4ren Tagen im April \u201887 in Frankfurt\/M. vorgetragen wurde. Hier einige Ausschnitte dieser relativ radikalen Selbstkritik:<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt gerade unter uns eine Hierarchie der Wertigkeit, die zutiefst reaktion\u00e4r ist, die die Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen Angsthasen und Furchtlosen, Dr\u00fcckebergern und Frontk\u00e4mpfern, Wassertr\u00e4gern und Fightern nicht aufhebt, sondern vertieft und kultiviert.&#8220; Das betraf das Verh\u00e4ltnis zu den militanzbef\u00fcrwortenden B\u00fcrgerInnen, die sich zuvor noch bei den gewaltfreien Massenaktionen gleichberechtigt an der Aktion beteiligt hatten und nun nur Kulisse waren und blieben. Aktionen der Autonomen f\u00fchrten nach Lupus zum &#8222;Effekt einer 3-fachen Demobilisierung: 1. diejenigen, die unter dem Druck der Ereignisse keine Chance mehr sehen, dem etwas entgegenzusetzen, ziehen sich zur\u00fcck. 2. diejenigen, die nicht direkt beteiligt sind, haben keine Lust (mehr), sich als Kulisse hirnrissiger Aktionen verheizen zu lassen, weil das militante Vorgehen f\u00fcr sie keinen kollektiven Schutz darstellt, sondern nur das Risiko, die Konsequenzen militanten Vorgehens individuell auszubaden. 3. schlie\u00dflich jene, die unbedingt ihre Aktion durchziehen m\u00fcssen und damit genau jenem Bild Nahrung geben, das Staat und Presse so gerne \u00fcber uns verbreiten.&#8220; Das f\u00fchre zu informellen Hierarchien innerhalb der nichtorganisierten autonomen Bewegung: &#8222;Ohne jemanden sichtbar aus Entscheidungen auszuschlie\u00dfen, werden allzuoft Entscheidungen von wenigen getroffen und durchgepowert, von jenen, auf die es &#8211; unausgesprochen &#8211; ankommt.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Interessant ist jetzt, da\u00df diese Selbstkritik auf den Libert\u00e4ren Tagen im April 1987 diskutiert wurde und dort nach meiner Wahrnehmung auf gro\u00dfe Zustimmung traf, da\u00df trotzdem schon w\u00e4hrend der Libert\u00e4ren Tage ein Mauerspaziergang ganz nach dem alten Muster mit militanten Schlachten stattfand, und dann nur ein halbes Jahr sp\u00e4ter, am 2.11.87, zum 6. Jahrestag der H\u00fcttendorfr\u00e4umung, die Sch\u00fcsse auf die Polizisten fielen (nach vielen Untersuchungen des Hergangs konnten die Sch\u00fcsse zwar nicht den Festgenommenen und sp\u00e4ter Verurteilten nachgewiesen werden, aber die Analysen liefen darauf hinaus, da\u00df sie tats\u00e4chlich aus den Reihen der DemonstrantInnen auf die Polizei abgegeben wurden, die Militanz bei den Zaunk\u00e4mpfen hatte ein Niveau erreicht, bei dem das zumindest m\u00f6glich war und auch nicht sofort bemerkt oder verhindert wurde). ((6)) Die unmittelbaren Folgen waren desastr\u00f6s und bildeten das Ende der Startbahnbewegung: die Polizei konnte brutalste Repression nun \u00f6ffentlich legitimieren, mehrere Wellen von Festnahmen f\u00fchrten zu einem Aussagekarussell der AktivistInnen mit peinlichen und erschreckenden gegenseitigen Beschuldigungen (bis hin zur Denunziation von T\u00e4terInnen bei Strommasts\u00e4geaktionen), die nur m\u00fchsam gestoppt werden konnten. Die kommenden Jahre hatten alle mit den Prozessen zu tun, die Bewegung war am Ende. ((7))<\/p>\n<p>Die Reaktionen aus dem autonomen Spektrum zum 2.11. waren ungef\u00e4hr zweigeteilt: zun\u00e4chst gab es eine Welle von erschreckten Erkl\u00e4rungen aus eher diffus sich zur autonomen Szene z\u00e4hlenden Gruppen und aus autonom-libert\u00e4ren Str\u00f6mungen, in denen pl\u00f6tzlich ein Konsens beschworen wurde, nach welchem Schu\u00dfwaffen bei der eigenen Bewaffnung tabu gewesen seien und jede\/r das gewu\u00dft habe, das mache den Unterschied zwischen militanter und milit\u00e4rischer Politik aus. In einer zweiten Welle von Erkl\u00e4rungen meldeten sich dann eher die straffer organisierten marxistisch-autorit\u00e4ren und die antiimperialistisch orientierten Gruppen zu Wort und emp\u00f6rten sich \u00fcber die angeblich naiven Betroffenheiten aus dem autonomen Spektrum. Ein s\u00fcffisantes &#8222;Highlight&#8220; von &#8222;Einigen Autonomen aus G\u00f6ttingen&#8220; zur Kostprobe:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Dem Staat keinen Millimeter&#8230;, sondern neun Millimeter&#8220; (die Tatwaffe war eine 9mm-Waffe Typ Sig-Saur, d.A.) &#8222;Im Moment irgendwelche Bullen abzuknallen kann nicht unsere Sache (sein). Abgesehen von der pers\u00f6nlichen Befriedigung (sic!; d.A.) ist an einer solchen Aktion nicht viel Positives nachvollziehbar. (&#8230;) Anders ist es, wenn es sich darum handelt, bestimmte Repr\u00e4sentanten oder besondere Schweine umzupl\u00e4tten. (&#8230;) Durch die Ereignisse an der Startbahn kommt es in diversen Papieren und Diskussionen erneut zu einer Nennung und Vermischung der Begriffe &#8218;militant&#8216; und &#8218;milit\u00e4risch&#8216;, die wir haarstr\u00e4ubend finden. (&#8230;) Der Gebrauch einer Knarre, ja selbst wenn es zwei oder drei gewesen w\u00e4ren, macht f\u00fcr uns noch lange (ganz lange) keine milit\u00e4rische Auseinandersetzung aus. Auch die Existenz von diversen Kleingruppen und dieser oder jener Bombenanschlag sind f\u00fcr uns keine milit\u00e4rische Auseinandersetzung. F\u00fcr uns ist das alles militante Politik mit militanten Mitteln. (&#8230;) Eine milit\u00e4rische Auseinandersetzung setzt eine Organisierung und Ausr\u00fcstung voraus, die es hier momentan nicht gibt und auch in absehbarer Zeit nicht geben wird. Au\u00dferdem bedeutet sie eine H\u00e4rte der Auseinandersetzung, die diese &#8218;Linke&#8216;, die schon bei zwei toten Bullen fast einen Kollaps kriegt, keine f\u00fcnf Minuten durchhalten w\u00fcrde.&#8220; ((8))<\/p><\/blockquote>\n<p>Da\u00df der angebliche Konsens innerhalb der Autonomen nie einer war und immer von einer anderen autonomen Gruppe aufgek\u00fcndigt werden konnte, verdeutlicht wie keine andere diese praktische Situation, in welcher Militanz einen Grad erreicht hatte, in welcher der Schu\u00dfwaffengebrauch nur der n\u00e4chste logische Schritt gewesen ist. Das Konzept der Militanz wird nie diesen sowohl theoretischen wie praktischen Widerspruch, der im Falle der Startbahnbewegung geradewegs in die Katastrophe f\u00fchrte, aufl\u00f6sen k\u00f6nnen: da\u00df der behauptete festmachbare Unterschied zwischen militanter und milit\u00e4rischer Politik in Wirklichkeit flie\u00dfend ist und von der Bestimmung her v\u00f6llig willk\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Noch ein Beispiel, um den Unterschied zu verdeutlichen: die Stadtguerilla &#8222;Revolution\u00e4re Zellen&#8220; (RZ) hat mitten in der &#8222;Massenphase&#8220;, am 11. Mai 1981, den hessischen Wirtschaftsminister Karry, der immerhin nur ein Jahr vorher den Bauvollzug durchsetzte, ermordet. Die bewaffneten DilletantInnen wollten Karry eigentlich nur zur Warnung ins Knie schie\u00dfen, zielten aber schlecht und so starb er halt, was die RZ in einer Erkl\u00e4rung dann tats\u00e4chlich als &#8222;Unfall&#8220; ((9)) bezeichneten. Doch obwohl die RZ mit ihrer &#8222;Aktion&#8220; die Startbahnbewegung unterst\u00fctzen wollten, konnte die staatliche Repression &#8211; noch dazu in der &#8222;Massenphase&#8220;, als sie verzweifelt nach Vorw\u00e4nden suchte &#8211; aus diesem dilettantischen politischen Mord keinen Nutzen ziehen, um die Bewegung zu spalten, weil sich diese so eindeutig auf das Konzept &#8222;gewaltfrei, aber aktiv&#8220; bezog, da\u00df sie damit nicht desavouiert werden konnte. Mit Distanzierung hat das \u00fcbrigens gar nichts zu tun, sehr viel aber mit einer kritischen Solidarit\u00e4t, die ihren Namen nur verdient, wenn sie die Kritik gegebenenfalls auch einmal deutlich ausspricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der sozialen Bewegung gegen die Startbahn-West l\u00e4\u00dft sich sehr grob in zwei Phasen aufteilen: die Phase der Massenbewegung mit den H\u00f6hepunkten in den Jahren 1981\/82 und die Phase der militanten Sonntagsspazierg\u00e4nge von 1985 bis zu den Sch\u00fcssen aus den Reihen der DemonstrantInnen, die am 2.11.1987 zwei Polizisten t\u00f6teten und zwei weitere schwer verletzten, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/12\/geschichte-der-startbahnbewegung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Geschichte der Startbahnbewegung - graswurzelrevolution","description":"Die Geschichte der sozialen Bewegung gegen die Startbahn-West l\u00e4\u00dft sich sehr grob in zwei Phasen aufteilen: die Phase der Massenbewegung mit den H\u00f6hepunkten in"},"footnotes":""},"categories":[155,26],"tags":[],"class_list":["post-2310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-234-dezember-1998","category-okologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2310"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2310\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}