{"id":23249,"date":"2020-10-04T16:04:15","date_gmt":"2020-10-04T14:04:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23249"},"modified":"2022-08-08T09:54:10","modified_gmt":"2022-08-08T07:54:10","slug":"der-stress-nimmt-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/der-stress-nimmt-zu\/","title":{"rendered":"Der Stress nimmt zu"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt inzwischen zum Allgemeingut, dass \u201edie Digitalisierung\u201c alles ver\u00e4ndert. Von wissenschaftlichen Publikationen bis hin zur breiten \u00d6ffentlichkeit ist davon zu lesen, wie neue digitale Technik sowohl Produktion wie Konsumtion ver\u00e4ndern werden und schon l\u00e4ngst ver\u00e4ndern. Auch in der Autoindustrie stehen gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen an: Das Auto selbst wird digitalisiert. Autonome Fahrzeuge sollen bereits 2021 auf den Markt kommen. Die Produktion dieser Autos soll dank Industrie 4.0 in voll vernetzten Fabriken stattfinden. Auch die Arbeitsbedingungen sollen sich entsprechend ver\u00e4ndern. \u201eDie Digitalisierung\u201c verlange von den Besch\u00e4ftigten \u201eh\u00f6chste Flexibilit\u00e4t\u201c, ein klassischer Normalarbeitstag hingegen passe nicht mehr ins \u201eZeitalter der Smartphones\u201c. Mehr Arbeit, mehr Verantwortung, st\u00e4ndige Erreichbarkeit \u2013 ein Produkt der Digitalisierung?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Produktivkraft und Produktionsverh\u00e4ltnis<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist allemal merk- und denkw\u00fcrdig. Dank cyber-physischen Systemen, also der Vernetzung aller Maschinen in der Fabrik, kann mehr in weniger Zeit hergestellt werden. Roboter sollen besonders schwere Arbeiten noch weiter \u00fcbernehmen als bisher. Digitale Endger\u00e4te erm\u00f6glichen die \u00dcberwachung der Produktion auch aus der Ferne. Die Arbeit wird durch die Technik also produktiv gemacht. Es steckt im Verh\u00e4ltnis immer weniger Anstrengung und Verausgabung in jedem einzelnen Auto, je mehr Technik angewendet wird. Ganz prinzipiell muss weniger Arbeit in die Herstellung von Bedarfsg\u00fctern investiert werden, was die Menschen im materiellen Sinne reich und frei macht. Die Voraussetzung f\u00fcr diesen materiellen Reichtum hat die kapitalistische Produktionsweise praktisch geschaffen und sie schafft es mit dem, was heute Digitalisierung hei\u00dft, auch weiterhin jeden Tag. Soweit die gute Nachricht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Die schlechte Nachricht: <\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Entwicklung der Produktivkraft, die heute unter dem Titel Digitalisierung stattfindet, zeitigt allerdings, nicht erst seit sie diesen Namen f\u00fchrt, ein ganz anderes Ergebnis. Es wird an und mit den technisch immer h\u00f6her entwickelten Maschinen und Apps mehr gearbeitet als jemals zuvor. Mit jeder Entwicklung der Produktivkraft wird die Arbeit dichter und der Stress nimmt zu. Einerseits sinkt also die notwendige Arbeit zur Herstellung verschiedenster Gebrauchsg\u00fcter. Die aufgewendete und verausgabte Arbeit wird immer weniger wichtig f\u00fcr alles, was man so braucht \u2013 immer wichtiger dagegen wird der Stand der Wissenschaft und der Maschinenpark, der mit dieser Arbeit in Bewegung gesetzt wird. Andererseits geh\u00f6ren Stress auf der Arbeit, \u00dcberstunden, die Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages zu den Folgen aller Produktivkraftentwicklungen im Kapitalismus und so auch zur jenen der Digitalisierung. Hier handelt es sich um einen Widerspruch, der erkl\u00e4rt sein mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arbeitsprozess, also die Herstellung n\u00fctzlicher G\u00fcter, wird dem Verwertungsprozess, also der \u201ePlusmacherei\u201c, untergeordnet. Der Stoffwechsel mit der Natur zur Herstellung von Gebrauchswerten, also das was Arbeit in allen Gesellschaften ist, findet im Kapitalismus nur insofern und in der Form statt, wie er auch seinem Zweck, der Verwertung des Werts, nachkommt. Die digitalen Techniken sind damit in der b\u00fcrgerlichen \u00d6konomie ein Mittel zur Umwandlung von Naturstoff in Gebrauchswert nur insofern sie auch ein Mittel f\u00fcr die Schaffung von Mehrwert sind. Anders ausgedr\u00fcckt: Die Technik wird nur eingesetzt, wo sie die Produktion verbilligt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grund f\u00fcr die l\u00e4ngere oder intensivere Arbeit liegt im Interesse des Kapitals an der Technik und nicht in der Technik selbst. Dass f\u00fcr die Kapitalseite eigentlich nie genug gearbeitet werden kann, ergibt sich aus dem Zweck der ganzen Produktion in dieser \u201ebesten aller Welten\u201c. Der Reichtum dieser Gesellschaft besteht eben nicht in der freien Zeit, sondern in Geld. Als Reichtum z\u00e4hlt in dieser Gesellschaft, was sich auf dem Markt verkaufen l\u00e4sst und sich durch Gewinne rechtfertigt. Wo es um diesen abstrakten Reichtum geht, da gibt es auch keinen Ma\u00dfstab, an dem die Produktion an ihr Ende kommen k\u00f6nnte. Irgendwann hat man genug Tische, St\u00fchle, Autos und B\u00fccher. Das Bed\u00fcrfnis nach diesen G\u00fctern hat seine Grenze im Bed\u00fcrfnis selbst. Wo es um die Herstellung n\u00fctzlicher Dinge f\u00fcr deren Verkauf geht, wo also der Zweck der ganzen Produktion Geld ist, da f\u00e4llt diese Grenze. Autos kann man genug haben \u2013 Geld nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Sorte abstrakter Reichtum kennt der Sache nach kein Ziel und keine Menge, die letztg\u00fcltig angestrebt wird. Sein Ma\u00df hat er in der f\u00fcr die hergestellten Waren aufgewendeten Arbeitszeit, von der es daher nicht genug geben kann. Die Produktion n\u00fctzlicher Dinge ist daher in dieser Gesellschaft nicht Zweck der ganzen Produktion und Produktivkraftentwicklung, sondern Mittel f\u00fcr den eigentlichen Zweck: geldwerten Reichtum zu produzieren. So geht es dann nicht einfach um die Reduktion von Arbeit, sondern um die \u201eRationalisierung\u201c, also um die Verminderung von bezahlter Arbeit bei gleichzeitig ziemlich entscheidender Verdichtung und Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So setzt sich dann auch durch, was an der Oberfl\u00e4che jede Zeitungsleserin kennt: Dass diese Sorte Reichtum sich f\u00fcr den Unternehmer herstellt und nicht f\u00fcr diejenigen, welche die Arbeit verrichten. Alles, was Lohnabh\u00e4ngige einkaufen, um ihr Leben zu bestreiten, gibt es nur und wird nur angeboten unter der Pr\u00e4misse, dass es sich f\u00fcr die Seite lohnt, welche sie nur daf\u00fcr produziert, damit am Ende ein Profit herausspringt. So wirkt sich das staatlich garantierte Recht auf Eigentum praktisch aus f\u00fcr die Arbeitnehmer*innen. F\u00fcr alle, die auf Lohn angewiesen sind, ist die Arbeit lang und intensiv und wirkt daher f\u00fcr sie extrem unproduktiv. Auf der anderen Seite, n\u00e4mlich im Sinne des geldwerten \u00dcberschusses, steigt die Produktivit\u00e4t der Arbeit mit jeder technischen Innovation. Der tats\u00e4chliche \u00dcberschuss flie\u00dft dem Kapital zu, w\u00e4hrend die Produktivkraftsteigerung sich \u2028f\u00fcr die Arbeiter*innen als zus\u00e4tzliche Belastung bemerkbar macht. So kommt der Reichtum in der kapitalistischen Welt vor.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Scheinsubjekt Digitalisierung<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angeblich ist die Digitalisierung f\u00fcr alles M\u00f6gliche verantwortlich, von schlechteren Arbeitsbedingungen bis hin zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von der \u00dcberfl\u00fcssigmachung von Arbeiter*innen bis zur Entstehung neuer Branchen, vom Arbeitsstress bis zur besseren Work-Live-Balance. Nie fehlt deswegen auch die Phrase von den \u201eChancen und Risiken\u201c, welche uns die Digitalisierung bietet. Dabei zwingt uns die Digitalisierung weder l\u00e4nger zu arbeiten noch schafft sie k\u00fcrzere Arbeitstage. Die Digitalisierung macht gar nichts. Sie wird gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Subjekt der neuen technischen Entwicklungen ist n\u00e4mlich nicht eine omin\u00f6se \u201eDigitalisierung\u201c, die nun irgendwie \u00fcber uns alle kommt, sondern das Kapital. Unternehmer*innen entwickeln neue Techniken und setzten sie ein, und zwar f\u00fcr ihre \u00f6konomischen Zwecke. \u201eDie Digitalisierung\u201c gibt es also gar nicht als Subjekt, welches irgendjemand zu irgendetwas n\u00f6tigt. Technik ist selbst immer Mittel und nicht Akteur. Wer verstehen will, wie sich Arbeitsprozesse dieser Tage ver\u00e4ndern, tut also gut daran nicht auf \u201edie Digitalisierung\u201c zu blicken, sondern auf die ma\u00dfgeblichen Akteur*innen, welche diese neue Technik ins Werk setzten sowie deren polit-\u00f6konomische Interessen zu untersuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Digitalisierung handelt es sich um ein \u201eScheinsubjekt\u201c. Das hei\u00dft auf lateinisch Expletivum und ist den Deutschlehrern unter den Leserinnen und Lesern aus S\u00e4tzen bekannt, wo etwas passiert, das niemand zugeordnet werden kann. Das klassische Beispiel: \u201eEs\u201c regnet. Hier ist \u201eEs\u201c das Expletivum, das Scheinsubjekt. Genau darum handelt es sich auch bei der Digitalisierung. So werden die Unternehmen und die Politik als tats\u00e4chliche Akteurinnen in diesen Verh\u00e4ltnissen aus dem Blick genommen, und statt dessen die neuen digitalen Techniken als urs\u00e4chlich betrachtet.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Die praktischen Folgen\u00a0<\/strong><strong>der Digitalisierung<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erkl\u00e4rt sich auch der Widerspruch, dass mitten in einer enormen Entwicklung der Produktivkraft unter dem Titel der \u201eElektromobilit\u00e4t\u201c Daimler durch seinen Personalchef Wilfried Porth ank\u00fcndigte, dass der Autokonzern eventuell mehr als 15.000 Menschen entlassen m\u00fcsse. Das ist zwar inzwischen von Tisch, da das Unternehmen mehrere Millionen an Personalkosten eingespart hat, ohne Mitarbeiter*innen zu entlassen. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/krise-ohne-grund\/\">Corona-Krise<\/a> nannte Porth zwar auch als Grund, gab aber selbst gleich zu bedenken, dass mit dem Trend \u201eder Digitalisierung\u201c auch danach nicht mehr mit den gleichen Arbeitsbedingungen zu rechnen sei. Diese im Jargon der Personaler vorgenommene \u201ewettbewerbsf\u00e4hige Kostenpositionierung\u201c hei\u00dft eben im Klartext: Die immer weiter steigende Produktivit\u00e4t und die eingesparte Arbeit durch einfacher zu konstruierende E-Motoren statt komplexen Verbrennern ist f\u00fcr Unternehmen wie Daimler der Hebel daf\u00fcr, die Arbeit zu verdichten und den Lohn im Verh\u00e4ltnis zur immer weiter steigenden Produktivit\u00e4t zu senken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im globalen Wettbewerb um den Verkauf von Autos erhofft sich Daimler so den entscheidenden Vorteil gegen\u00fcber der Konkurrenz. Die besteht im Automobilsektor bereits seit Jahren in einem Verdr\u00e4ngungswettbewerb, weil es weltweit eine \u00dcberproduktion an Autos gibt. So brachte es der ehemalige Chef von BMW, Eberhard von Kuenheim, auf seine eigene Art auf den Punkt, als er mit Blick auf Daimler sagte: \u201eEs gibt zu viele Autos auf der Welt, aber zu wenig BMW.\u201c Und so geh\u00f6rt der Widerspruch notwendig zum Kapitalismus: Einerseits gibt es zu viele Autos auf der Welt, andererseits spornt das alle Produzenten dazu an, noch mehr Autos zu bauen. Einerseits werden die Autos mit immer weniger Arbeit herstellbar, andererseits verdichtet sich die Arbeit f\u00fcr die verbliebenen Besch\u00e4ftigten immer mehr. Das ist keine Folge \u201eder Digitalisierung\u201c. Wer etwas gegen diese Widerspr\u00fcche hat, findet ihre Notwendigkeiten in den hier eingerichteten polit-\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geh\u00f6rt inzwischen zum Allgemeingut, dass \u201edie Digitalisierung\u201c alles ver\u00e4ndert. Von wissenschaftlichen Publikationen bis hin zur breiten \u00d6ffentlichkeit ist davon zu lesen, wie neue digitale Technik sowohl Produktion wie Konsumtion ver\u00e4ndern werden und schon l\u00e4ngst ver\u00e4ndern. Auch in der Autoindustrie stehen gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen an: Das Auto selbst wird digitalisiert. 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