{"id":23268,"date":"2020-10-01T13:34:13","date_gmt":"2020-10-01T11:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23268"},"modified":"2020-10-15T17:07:38","modified_gmt":"2020-10-15T15:07:38","slug":"ueberlebensfragen-gute-oekonomie-fuer-harte-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/ueberlebensfragen-gute-oekonomie-fuer-harte-zeiten\/","title":{"rendered":"\u00dcberlebensfragen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Volkswirtschaftliche Theorien sind gerade bei Anarchist*innen nicht besonders beliebt. Die liberalen Klassiker lassen sich, um es zugespitzt zu formulieren, gut und gern als Legitimation von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen lesen, w\u00e4hrend die linken h\u00e4ufig nur Variationen von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/john-holloways-neuer-marxismus\/\">Marx<\/a> bieten und dabei sowohl aktuelle Entwicklungen vernachl\u00e4ssigen als auch das herrschaftskritische Projekt ausschlie\u00dflich auf \u00f6konomische Verh\u00e4ltnisse reduzieren.<br \/>\nIn letzter Zeit allerdings gibt es einige Ans\u00e4tze, die das Ganze neu aufrollen. Wie das Wirtschaftsmagazin Forbes neulich bemerkte, sind es sehr h\u00e4ufig Frauen, die mit ihren volkswirtschaftlichen Analysen \u201eout of the box\u201c denken. Eine davon ist die Franz\u00f6sin Esther Duflo, die f\u00fcr ihre Forschungen voriges Jahr \u2013 als zweite Frau nach Elinor Ostrom \u2013 mit dem Alfred Nobel Ged\u00e4chtnispreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde.<br \/>\nZusammen mit ihrem Mann, dem Inder Abhijit V. Banerjee, f\u00fchrt sie vor allem empirische Forschungen zu globalen Entwicklungen in den verschiedensten Regionen der Welt durch. Ergebnisse haben die beiden jetzt in dem Buch \u201eGute \u00d6konomie f\u00fcr harte Zeiten\u201c zusammengef\u00fchrt. Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, ohne ideologische Grabenk\u00e4mpfe an das Thema heranzugehen, also volkswirtschaftlichen Theorien einerseits durchaus etwas zuzutrauen \u2013 in dem Sinn, dass sie hilfreich sein k\u00f6nnen, um politische Entscheidungen zu treffen \u2013 andererseits aber zu sehen, dass das wirkliche Leben nicht nur aus Wirtschaft besteht.<br \/>\nEin wichtiges Thema ist dabei das von Migrationsbewegungen. Nach der klassischen Theorie des \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/die-evolution-der-kooperation\/\">Homo oeconomicus<\/a>\u201c\u00a0(1), also der Vorstellung, dass Menschen immer rational und nutzenorientiert handeln, folgen Arbeitskr\u00e4fte dem Angebot an Arbeitsgelegenheiten. Duflo und Banerjee zeigen jedoch, dass das empirisch nicht zutrifft. Und zwar nicht nur, weil rassistische und nationalistische Politiken Migration behindern, zum Beispiel nach Europa oder in USA. Sondern weil Menschen normalerweise viel weniger mobil sind, als die Idee vom Homo oeconomicus suggeriert. Auch innerhalb von L\u00e4ndern wie Indien oder den USA zieht nur ein sehr kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung den besseren Arbeits- und Verdienstm\u00f6glichkeiten hinterher. Deshalb pl\u00e4dieren Duflo und Banerjee eindringlich daf\u00fcr, an lokalen L\u00f6sungen zu arbeiten, die Menschen erlauben, dort zu bleiben, wo sie sich wohlf\u00fchlen.<br \/>\nEin anderer Punkt ist, dass viele klassische volkswirtschaftliche Theoreme sich empirisch als falsch erweisen. Wegen der Maxime \u201eWas nichts kostet, ist auch nichts wert\u201c zum Beispiel hat man lange gez\u00f6gert, Moskitonetze in Afrika kostenlos zu verteilen, mit dem Ergebnis, dass sie kaum Verwendung fanden. Denn selbst sehr niedrige Preise haben viele Menschen davon abgehalten, sie zu verwenden. Seit die Netze hingegen kostenlos verteilt werden, sank die Sterblichkeitsrate wegen Malaria um sagenhafte 75 Prozent.<br \/>\nDie Globalisierung bewerten Duflo und Banerjee zwiesp\u00e4ltig. Einerseits habe sie die Situation der \u00e4rmeren H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung im Durchschnitt durchaus verbessert, sowohl in Bezug auf Einkommen \u2013 vor allem in China \u2013 als auch in Bezug auf Kindersterblichkeit, Alphabetisierung und \u00e4hnliche Faktoren. Die Lebensverh\u00e4ltnisse der n\u00e4chsten 49 Prozent jedoch, zu denen fast alle Menschen in Europa und USA geh\u00f6ren, sind stagniert oder haben sich sogar leicht verschlechtert. Am meisten profitiert hat das wiederum <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/occupy-wall-street\/\">oberste Prozent<\/a> der Reichsten \u2013 sie allein haben 27 Prozent der Globalisierungsgewinne eingesteckt.<br \/>\nDas gr\u00f6\u00dfte Problem liege deshalb nach Ansicht von Duflo\/Banerjee darin, dass Globalisierungsgewinne nicht richtig verteilt werden. Deshalb schlagen sie f\u00fcr die meisten L\u00e4nder ein <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/grundeinkommen-kontrovers\/\">bedingungsloses Grundeinkommen<\/a> vor, das aus den Globalisierungsgewinnen finanziert wird \u2013 als einfache, transparente und praktikable M\u00f6glichkeit, alle Menschen mit einem Existenzminimum an Kaufkraft auszustatten. In den Industriel\u00e4ndern hingegen halten sie das nicht f\u00fcr ausreichend, da hier nicht nur das Einkommen, sondern auch soziale Zugeh\u00f6rigkeit stark am Arbeitsplatz h\u00e4ngen.<br \/>\nEin lesenswertes Buch, das zeigt, wie stark wirtschaftliche Dynamiken mit kulturellen und gesellschaftlichen Prozessen verwoben sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volkswirtschaftliche Theorien sind gerade bei Anarchist*innen nicht besonders beliebt. 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