{"id":23269,"date":"2020-10-01T13:34:13","date_gmt":"2020-10-01T11:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23269"},"modified":"2020-10-15T17:11:01","modified_gmt":"2020-10-15T15:11:01","slug":"eine-epoche-geht-zu-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/eine-epoche-geht-zu-ende\/","title":{"rendered":"Eine Epoche geht zu Ende"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 10. August 2020 ist Pierre Gallissaires im Krankenhaus von Toulouse im Alter von 88 Jahren gestorben. Als Anarchist, Poet und \u00dcbersetzer brachte er die Ideen der Situationistischen Internationale nach Deutschland. Als er 1972 in Hamburg die jungen Anarchist*innen Lutz Schulenburg und Hanna Mittelst\u00e4dt kennenlernte, war das auch die Inititialz\u00fcndung f\u00fcr den sp\u00e4teren Verlag <a href=\"https:\/\/edition-nautilus.de\">Edition Nautilus<\/a>. Letztere wurde 1974 als libert\u00e4rer Verlag f\u00fcr politische Sachb\u00fccher, Biografien und Belletristik in Hamburg gegr\u00fcndet und ist heute der vielleicht einflussreichste libert\u00e4re Verlag im deutschsprachigen Raum. (1) Pierre Gallissaires war neben <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/06\/lutz-schulenburg\/\">Lutz Schulenburg<\/a> und Hanna Mittelst\u00e4dt der dritte Verlagsgr\u00fcnder des MaD-Verlags, sp\u00e4ter Edition Nautilus. Hanna Mittelst\u00e4dt erinnert an ihn mit einem bewegenden Nachruf. (GWR-Red.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pierre Gallissaires lebte seit vielen Jahren allein in Montauban in einem H\u00e4uschen am Stadtrand, die Vorderseite auf eine graue, vielbefahrene Ausfallstra\u00dfe gerichtet, Autobahnzubringer, Gewerbegebiet, Stadion, aber die Fenster der R\u00fcckseite blickten auf eine Art Paradies: ein gr\u00fcner Garten, dahinter ein Nebenarm der Tarn, der vor Jahren, kurz nach seinem Einzug, um mehr als sieben Meter anschwoll und einen Teil von Pierres Bibliothek ers\u00e4ufte, der noch in Kartons auf dem Boden stand. Aber nur einen kleinen Teil, denn das meiste war bereits ordentlich in Regale eingeordnet. Pierre hasste das, was landl\u00e4ufig Ordnung genannt wird, er hasste wei\u00dfe W\u00e4nde, Krankenh\u00e4user und die Katholische Kirche. Er hasste Professoren. Und die \u201eAlte Welt\u201c. Haupts\u00e4chlich liebte er aber: die Poesie, die Revolution, seine eigene, selbstgebastelte Ordnung und seinen eigenen, m\u00f6glichst langsamen Rhythmus, so langsam wie m\u00f6glich in all den Turbulenzen. Er liebte seine Freundinnen, Freunde und Genossen sowie Genossinnen, seine Gef\u00e4hrtin Nadine Tonneau, die lange vor ihm starb, und auch, nehme ich an, sein selbst gestaltetes Vorstadth\u00e4uschen, in dem es keine wei\u00dfen W\u00e4nde gab: Sie waren alle mit Collagen und Plakaten aus der \u201eeigenen Produktion\u201c, mit B\u00fcchern einer 70 Jahre lang stetig gef\u00fcllten Bibliothek, mit den Fundst\u00fccken seines langen Lebens, den T\u00f6pfereien und Bildern seines Bruders Francois, mit Fotos und einigen schwer in die Jahre gekommenen aus dem Elternhaus geerbten M\u00f6beln bedeckt. In der K\u00fcche hing eine Sammlung von Holzl\u00f6ffeln aus aller Welt, bestimmt hundert, aber was sind schon Zahlen, sie bedeckten eine ganze Wand. Immer, wenn ich kam (oder sicher auch andere), stand im G\u00e4stezimmer eine Vase mit einer frisch geschnittenen Rose oder etwas Bl\u00fchendem aus dem Garten. Ich war gern in seinem Haus, beim Eigenbr\u00f6tler mit seinem festen Tagesrhythmus, ich ging in der von mir geliebten und\/oder geteilten Geschichte umher.<br \/>\nIch kann es nur immer wieder betonen, wie wichtig Pierre f\u00fcr die Anf\u00e4nge des Verlags war, f\u00fcr die Programmatik, und was f\u00fcr gro\u00dfartige Projekte er teils initiierte, teils umsetzte: Das Paris der Surrealisten, Fotos und Texte, von ihm zusammengestellt und ausgesucht, mit dem wir uns vorwitzig auf den Kunstbuchmarkt wagten. Die Autobiographien von Charles Mingus und Billie Holiday, von Jacques Mesrine (damals Staatsfeind Nr. 1 Frankreichs). Die Dadaisten, Isidore Ducasse, Jacques Vach\u00e9, Arthur Cravan, das geschriebene Werk Francis Picabias &#8230; all das kannten wir anarchistischen L\u00fcmmel Lutz und ich ja gar nicht, jung wie wir waren. Pierre war, was man heute unseren Mentor nennen w\u00fcrde. F\u00fcr uns war er ein Genosse und enger Freund, der sich auskannte und dessen literarischem und politischem Geschmack wir vertrauten.<br \/>\nEr war der \u201eSendbote\u201c der situationistischen Ideen, mit ihm zusammen \u00fcbersetzte ich die gesamten Texte der Zeitschrift \u201eInternationale Situationniste\u201c ins Deutsche. Pierre war auch Freund Raul Vaneigems und legte uns dessen B\u00fccher aus der nach-situationistischen Zeit ans Herz, die wir sehr gern, aber auch sehr erfolglos ver\u00f6ffentlichten.<br \/>\nPierre war immer wieder \u00fcberrascht, dass wir ihn \u00f6ffentlich stets als \u201eDritten Mann\u201c der Edition Nautilus-Gr\u00fcndung erw\u00e4hnten. F\u00fcr ihn war das, was wir zusammen machten, ein Spiel, ein Abenteuer, eine politische Ausrichtung, aber kein Verlag. Er hasste alles Institutionelle, Verfestigte.<br \/>\nPierre war 1972 nach <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/12\/anarchie-in-hamburg\/\">Hamburg<\/a> gekommen, er suchte eine andere Welt als die des niedergeschlagenen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/1968-war-die-zuendung\/\">Mai 68<\/a> in Frankreich. Er fand diese andere Welt, die nat\u00fcrlich eine zu schaffende war, damals bei den jungen Anarchisten in Hamburg. Er hatte den alten anarchistischen Genossen Jean Barru\u00e9 in Bordeaux nach Kontakten in Deutschland gefragt, und dieser hatte ihm ein paar Kombattanten seines Alters in Frankfurt genannt. Das war noch die Generation aus der vor-faschistischen Zeit, und Pierre fragte sie nach j\u00fcngeren Aktivisten. In Hamburg sollte es eine lebendige Gruppe von jungen Suchenden geben, und so machte sich Pierre in das Versammlungslokal im Keller des Lokals \u201eGewinde\u201c im Hamburger Karlinenviertel auf. Dort wurde vehement diskutiert, wie die Revolution vorangetrieben werden k\u00f6nnte, bewaffnet oder nicht, mit welchen Aktionen, in welchen gesellschaftlichen Feldern oder Konflikten interveniert werden k\u00f6nnte etc. Pierre hatte eine feine und genaue Art, Fragen zu stellen oder Thesen oder Erfahrungen aufzuspannen. Er konnte fast druckreif und auf jeden Fall akzentfrei deutsch sprechen. Seine historische und \u201etheoretisch-praktische\u201c Kenntnis \u00fcberstieg die der Anwesenden erheblich. Trotzdem war Pierre nie autorit\u00e4r und auch nicht didaktisch. Er war aber bestrebt, den Horizont weit zu stecken und die politischen Ideen genau anzusehen. Er praktizierte die \u201eradikale Kritik\u201c im besten Sinn: nie demagogisch, nicht rechthaberisch, immer bereit zum Spiel und mit einem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Willen zur Klarheit. Die Begegnung mit Lutz war eine \u201eLiebe auf den ersten Blick\u201c. Lutz, der schon ein paar Jahre Aktivist in der Sch\u00fcler- und Lehrlingsbewegung gewesen war, wollte unbedingt dazulernen. Und Pierre liebte diese ungest\u00fcme Begeisterung. Ich stie\u00df kurz darauf dazu, und die Zusammenf\u00fcgung der drei Temperamente und Leidenschaften entz\u00fcndete ein lange brennendes Feuer der Neugierde und Tatkraft. Lutz und ich waren in etwa zwanzig und Pierre vierzig Jahre alt.<br \/>\nAuch wenn Pierre Hamburg schon bald wieder verlie\u00df, um mit seiner neuen Freundin Nadine nach Frankreich zur\u00fcckzukehren, lie\u00df die Verbindung nicht nach. Wir kamen im Sommer f\u00fcr vier Wochen dorthin, wo deren Nomadentum gerade eine Unterkunft gefunden hatte, und Pierre reiste hin und wieder nach Hamburg oder zu einem Treffen anderswo. Wir praktizierten das Verlagsprogramm (diskutierten, \u00fcbersetzten, suchten nach Geld, entwarfen Strategien) und daneben experimentierten wir eine politische Praxis in der Folge der Situationisten: Poesie, Alltagsleben, Politik in einem T\u00e4tigsein vereint. \u201eSeid Wasser\u201c sagte man damals noch nicht, aber wir waren gegen jede Verfestigung.<br \/>\nUm anzudeuten, wie wir mit der \u201epolitischen Praxis\u201c experimentierten, hier ein Auszug aus einem Brief Pierres von 1977, in dem er seine Grundlagen der Kollektivit\u00e4t und des revolution\u00e4ren Eingreifens als \u201eLangstreckenpraxis\u201c formulierte, die auch f\u00fcr uns galten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im allt\u00e4glichen Leben\/\u00dcberleben kann man nur in dem Ma\u00dfe erleben, in dem man darin eingreift, sich ihm gegen\u00fcber aktiv verh\u00e4lt. Ein Irrtum w\u00e4re also zu glauben, man k\u00f6nnte ohne Intervention im allt\u00e4glichen Leben\/\u00dcberleben zum Erleben gelangen. &#8230; Erleben hat nur mit Lebendigem zu tun, d.h. Unmittelbarem, Direktem, Nahem &#8230; Wie die Spontaneit\u00e4t ist das Erleben vielmehr eine Eroberung als ein Gegebenes &#8230; Ein Subjekt\/Individuum l\u00e4sst sich dadurch definieren, dass es durch den Willen zum Leben lebendig gemacht wird, den Willen zum Leben, den es entweder nie ganz verloren oder auch wiedererlangt hat, den Willen, sich selbst und die Welt zu erzeugen und zu gestalten, sich selbst zu machen, wie man Geschichte macht &#8230; ein Subjekt, ein Individuum, das durch die T\u00e4tigkeit zum Ausdruck kommt, durch diese \u201enotwendige Ent\u00e4u\u00dferung\u201c, und nur durch sie zu sich selbst kommt und sich selbst verwirklicht (Debord, These 161 ((aus: Die Gesellschaft des Spektakels))); das den anderen nur dann begegnen kann (Kommunikation), wenn sie gleichfalls durch denselben Willen zum Leben getrieben werden (und nicht nur \u00dcberlebende sind) &#8230; Bekanntlich ist die erste Form, in der dieser Wille zum Leben zum (\u00e4u\u00dferlichen) Ausdruck kommt, die Spontaneit\u00e4t, die \u201eSeinsweise der individuellen Kreativit\u00e4t\u201c (Vaneigem) und die Poesie die \u201eOrganisation\u201c dieser \u201ekreativen Spontaneit\u00e4t\u201c &#8230; Eingreifen, intervenieren, in die Hand nehmen, sch\u00f6pferisch gestalten, spielen usw. usf. &#8230; aber wie?<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">1. die beste Intervention ist diejenige, die am weitesten vom Militantismus (=Politaktivismus) jeder Art entfernt ist und bleibt. &#8230;<br \/>\n2. die beste Intervention ist diejenige, die am weitesten von der Wiederholung, d.h. auch von der Austauschbarkeit entfernt ist und bleibt.<br \/>\n3. die beste Intervention ist diejenige, die am weitesten von dem Bewusstsein der \u201enotwendigen\u201c F\u00fcgung entfernt ist und bleibt.<br \/>\n&#8230; und im positiven Sinne<br \/>\n1. die dem Spontanen am n\u00e4chsten ist und bleibt, d.h. eigentlich, die ihm trotz all seiner Unzul\u00e4nglichkeiten und Unvollst\u00e4ndigkeiten Vertrauen schenkt, ein selbstkritisches Vertrauen, das wei\u00df, das Spontane sei auf der einen Seite kein Gegebenes, es enthalte aber auf der anderen Seite in sich selbst die Elemente ihrer Weiterf\u00fchrung und Entfaltung &#8211; ihrer Organisation, ihrer eigenen Poesie &#8230;<br \/>\n2. die dem Moment am n\u00e4chsten ist und bleibt, d.h. dem Punktuellen des einmaligen, unmittelbaren und einheitlichen Moments &#8230; gegen die tote Zeit der hektischen Wiederholungversuche, die Zeit sozusagen zu verlangsamen, um die \u201efortw\u00e4hrenden Leidenschaften der unmittelbaren Erfahrung zu erleben &#8230; sie nicht an sich vor\u00fcbergehen zu lassen, sondern sie zu leben und fortw\u00e4hrend neu zu schaffen &#8230;\u201c (Raul Vaneigem)<br \/>\n&#8230;<br \/>\n(schlussfolgernd)<br \/>\n5. die beste Intervention ist diejenige, die ein Maximum an Lust zum Spiel und an Spielm\u00f6glichkeiten und -formen einsetzt, die am meisten das dialektische Spiel des erlebten Raumes und der erlebten Zeit bet\u00e4tigt, mit dem Ziel, die einheitliche Raum-Zeit des Erlebten zu konstruieren. &#8230; die keinen qualitativen Unterschied zwischen Ausgangspunkt und Ziel kennt, das ist sogar ein Aspekt ihrer Einheitlichkeit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Es lebe unsere unreduzierbare Unzufriedenheit und Begierde dem Leben gegen\u00fcber! Es lebe das st\u00e4ndige Experiment &#8211; zur st\u00e4ndigen Kritik und Neuschaffung der Totalit\u00e4t des allt\u00e4glichen Lebens! Ohne tote Zeit, ohne Hemmnisse, so unterschrieb Pierre jeden Brief und auch diesen auf deutsch verfassten und noch viel l\u00e4ngeren Exkurs \u00fcber die Grundlagen der Organisation &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir versuchten also, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen, d.h. zu leben, pers\u00f6nlich, kollektiv. Diese Haltung lag immer \u00fcber unserem Verlagsunternehmen, und der Spagat zwischen den t\u00e4glichen Erfordernissen &#8211; den sich verfestigenden Formen der \u00d6konomie und B\u00fcrokratie, ihren Zw\u00e4ngen und Wiederholungen &#8211; und der revolution\u00e4ren Vision war oft anstrengend. Nicht zuletzt, weil der Verlag bald kein \u201eSpiel\u201c mehr war, ist Pierre in Distanz gegangen und sich selbst treu geblieben.<br \/>\nUm Pierre kein Unrecht zu tun: er hat ganz selten solche grunds\u00e4tzlichen Thesen aufgeschrieben oder m\u00fcndlich vertreten. Das entsprach gar nicht seinem Temperament. Aber hin und wieder kam es aus ihm heraus, wenn der \u201everlorene Haufen\u201c in Deutschland sich verrannte oder Lutz verzweifelte. Dann holte er aus, in einem Deutsch, das wir immer bewundert haben.<br \/>\nPierre wurde in Frankreich ein angesehener \u00dcbersetzer, zum bescheidenen Broterwerb, aber die Texte entsprachen in der Mehrzahl seinem pers\u00f6nlichen Geschmack. Er \u00fcbersetzte eine lange Liste von Werken unterschiedlichster Autoren aus dem Deutschen: Max Stirner, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/revolutionaere-poetik\/\">Ernst Toller<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/10\/gustav-landauer\/\">Gustav Landauer<\/a>, Heinrich B\u00f6ll, Arthur Schnitzler, Oscar Panizza, Alfred D\u00f6blin, Hugo Ball, Karl Kraus, Joseph Roth, Hans-Magnus Enzensberger, Franz Jung, Paul Scheerbarth, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2016\/03\/erich-muehsam-in-meiningen\/\">Erich M\u00fchsam<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/von-muenchen-nach-mexiko\/\">B. Traven<\/a>, A. Granach u.a. F\u00fcr gemeinsame Lyrik-\u00dcbersetzungen mit Jan Mysjkin aus dem Niederl\u00e4ndischen erhielten die beiden 1995 und 2009 jeweils einen Lyrik-Preis. Pierre hasste Preise, aber es war doch verdient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pierre liebte es, seine eigene Lyrik zu schreiben. Nachdem er irgendwann entschieden hatte, mit dem \u00dcbersetzen aufzuh\u00f6ren (er hatte stets abgelehnt, sich an einen Computer auszuliefern &#8211; er hasste Maschinen), setzte er sich jeden Abend nach einer leichten Suppe, die er liebte, an seine Schreibmaschine, eine lebenslange Treue, und dichtete, in franz\u00f6sischer Sprache, die schweren Fensterl\u00e4den zur Stra\u00dfe sorgf\u00e4ltig geschlossen. 1967 erschien sein erster Gedichtband vingt-deux po\u00e8mes (22 war seine magische Zahl), 1968 der Folgeband vingt-deux po\u00e8mes pour en rire. 1971 wurde Suite Benjamin mit einem beigelegten Siebdruck seines Bruders Francois in einer bibliophilen Ausgabe mit unaufgeschnittenen Druckb\u00f6gen publiziert. Es enth\u00e4lt die deutschsprachige Widmung vom 2. Juli 1972: f\u00fcr lutz und hannah, dieses st\u00fcckchen einer langen folge zur befreiung der menschlichen sprache. In der Edition Nautilus wurde, als sie noch MaD-Verlag hie\u00df, 1975 eine Sammlung von Pierres Gedichten mit Zeichnungen von Lutz als Flugschrift Nr. 10 unter dem Titel: Die Stra\u00dfen, die Mauern, die Commune, 22 Gedichte \u00fcber Mai und Juni 68 auf franz\u00f6sisch und deutsch ver\u00f6ffentlicht. Pierres enge Freundin Evy Azuelos gr\u00fcndete 2009 den kleinen Verlag Aviva und ver\u00f6ffentlichte zwei seiner Gedichtb\u00e4nde: Le dit du po\u00e8me parmi d\u00b4autre (Gedichte 1979 &#8211; 2009) enth\u00e4lt die franz\u00f6sischsprachige Widmung: f\u00fcr h.m. von ihrem alten freund und komplizen \u201ef\u00fcr immer\u201c. Je tu il ou d\u00b4aucuns, 2015, mit der Widmung an mich: F\u00fcr h.m., am faden der worte, der jahre und einer alten freundschaft, dein pg. Ein neuer Gedichtband ist bei Aviva in Vorbereitung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">AM HELLEN TAG<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">das gl\u00fcck war da das risiko<br \/>\nder \u00fcberfluss der traum<br \/>\nund seine wirklichkeiten schwarze blumen von neuem<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">vom tiefen meeresgrund kamen die blumen an die oberfl\u00e4che<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">die zukunft in der gegenwart das unglaubliche<br \/>\nevident wie 2 und 2<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">sind m\u00e4rz im monat mai<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">FABEL<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">h\u00f6ren sie doch auf aber h\u00f6ren sie doch auf<br \/>\nangst zu haben und der alte<br \/>\nwackelpudding<br \/>\nsinkt endlich zusammen<br \/>\nin die peugeot taxe die davon f\u00e4hrt<br \/>\nlangsam ganz langsam<br \/>\nh\u00f6ren sie doch auf aber h\u00f6ren sie doch auf<br \/>\nangst zu haben rue cassette paris<br \/>\nalso in frankreich am ersten juli<br \/>\n1968<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">vielleicht sagt ihnen sowas nichts-<br \/>\nmir aber sehr viel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Epoche geht zuende, schrieb mir eine Freundin zum Tod Pierres. Aus der Urzelle der Nautilus-Epoche bin ich jetzt die letzte. Die Nautilus-GMBH der Mitarbeiter*innen ist eine neue Epoche, an der ich nicht mehr teilhabe. Ich sitze am Schreiben der Verlagschronik, die bis Lutz\u00b4 Tod reichen wird, und bin mit den Verlagskorrespondenzordnern von 1972 schon bis 1979 vorgedrungen. Die H\u00e4lfte der Ordner nimmt der Briefwechsel zwischen Lutz und Pierre ein. Was f\u00fcr ein Schatz, dass es sie gibt. Was f\u00fcr eine lebenslange Arbeit am Wort. Was f\u00fcr Lebenslinien: vom Vorstadtproleten ohne g\u00fcltigen Schulabschluss und mit nicht bestandener Dekorateurslehre zum erfolgreichen Verleger (Lutz), von der recht ordentlichen Abiturientin zur Erbin unserer Erfahrungen, vom Deserteur aus dem Algerienkrieg Ende der f\u00fcnfziger Jahre, dem begeisterten Kombattanten im Mai 68 zum Dichter an der Schreibmaschine im Jahr 2020. Pierre wurde 88 Jahre alt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. August 2020 ist Pierre Gallissaires im Krankenhaus von Toulouse im Alter von 88 Jahren gestorben. Als Anarchist, Poet und \u00dcbersetzer brachte er die Ideen der Situationistischen Internationale nach Deutschland. Als er 1972 in Hamburg die jungen Anarchist*innen Lutz Schulenburg und Hanna Mittelst\u00e4dt kennenlernte, war das auch die Inititialz\u00fcndung f\u00fcr den sp\u00e4teren Verlag Edition &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/eine-epoche-geht-zu-ende\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine Epoche geht zu Ende - graswurzelrevolution","description":"Am 10. 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