{"id":23270,"date":"2020-10-01T13:34:13","date_gmt":"2020-10-01T11:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23270"},"modified":"2020-10-31T12:26:10","modified_gmt":"2020-10-31T10:26:10","slug":"die-zwischenraeume-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/die-zwischenraeume-nutzen\/","title":{"rendered":"Die Zwischenr\u00e4ume nutzen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Nachruf auf den am 2. September 2020 verstorbenen Anthropologen David Graeber erweckt Robert Misik in der ZEIT den Eindruck, Graeber sei eher so zuf\u00e4llig mit dem Anarchismus in Verbindung gebracht worden. \u201eAnderen linken Str\u00f6mungen oder gar Parteien f\u00fchlte er sich nicht richtig zugeh\u00f6rig, so war er vielleicht eher ein Anarchist mangels besserer Alternative.\u201c Wahrscheinlich war er deshalb Mitglied der anarchistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW), weil es ja sonst keine Gewerkschaften gibt. Und vermutlich hat er auch deshalb Texte wie \u201eFragmente einer anarchistischen Anthropologie\u201c geschrieben oder auch \u201eDie anarchistische Anthropologie, die beinahe schon existiert\u201c, weil er sich sonst keiner Form von Anthropologie so richtig zugeh\u00f6rig f\u00fchlte.<br \/>\nAm Ende seines Beststellers \u201eSchulden. Die ersten 5000 Jahre\u201c schreibt Graeber: \u201eNiemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich wert sind\u201c. Da kommt eine Grundhaltung zum Ausdruck von jemandem, der sich seit seinem sechzehnten Lebensjahr als Anarchist bezeichnet, die wir blo\u00df mangels besserer Alternative mal anarchistisch nennen k\u00f6nnen. Aber Vorsicht, Misik warnt: \u201e\u2018Anarchist\u2018 nannte er sich \u2013 oder wurde er genannt \u2013, aber ob er wirklich einer war, das kann man diskutieren.\u201c Sicher, das kann man, ebenso wie man diskutieren kann, ob Robert Misik ein Journalist ist oder ob DIE ZEIT eine Wochenzeitung ist. Das halten sie nicht aus, die sozialdemokratischen Linken, dass einer \u201eeiner der originellsten Kapitalismuskritiker, den die heutige Linke hatte\u201c (Misik \u00fcber Graeber) ist und kein Sektierer \u2013 und trotzdem Anarchist! H\u00f6rt das nie auf?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Spa\u00df beiseite. David Graeber war, neben <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/05\/noam-chomsky-erhielt-den-erich-fromm-preis-2010-in-stuttgart\/\">Noam Chomsky<\/a>, der wohl bekannteste Anarchist der Gegenwart. Mit seinem besagten Buch \u00fcber Schulden landete er 2011 einen weltweiten Beststeller, der selbst von der konservativen FAZ gefeiert wurde. Auch seine B\u00fccher \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/anarchismus-und-occupy-bewegung-in-den-usa\/\">Occupy Wall Street-Bewegung<\/a>, an der er beteiligt war \u2013 angeblich hat er den Slogan \u201eWe are the 99 percent\u201c mit erfunden \u2013 wie auch \u00fcber die Arbeitsverh\u00e4ltnisse der Gegenwart (\u201eBullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit\u201c, 2018) verkauften sich gut. Graeber war ein unerm\u00fcdlicher Aktivist. Er war aber auch ein erfolgreicher Akademiker, der an anerkannten Universit\u00e4ten in den USA (Yale, 1998-2005) und Gro\u00dfbritannien (Goldsmith\u2018s College der University of London, 2007-2013, und London School of Economics, seit 2013) unterrichtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Anarchismus speiste sich aus beiden Bereichen, verband Ergebnisse anthropologischer Forschung mit aktivistischen Erfahrungen. Und er ging meist, wie viele Anarchismen, von sehr einfachen Fragen aus: \u201eWarum sollte Demokratie\u201c, hei\u00dft es etwa in \u201eInside Occupy\u201c (2012), \u201eeigentlich kein Verfahren kollektiver Probleml\u00f6sung sein?\u201c Die Antwort auf die Frage nach den gesellschaftlichen Arrangements, die am besten die Beteiligung aller gew\u00e4hrleisten w\u00fcrde, war f\u00fcr ihn eindeutig: \u201eAnarchie\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Graebers Anarchismus bringt allerdings auch viele Probleme mit sich, die er mit vielen anarchistischen Ans\u00e4tzen der Gegenwart teilt. Auch deshalb lohnt es sich, so darauf herumzureiten, dass Graeber Anarchist war. Drei Beispiele:<br \/>\nSeine These, dass das Geld nicht aus dem einfachen Tauschhandel entstanden ist, besticht absolut. Die von \u00d6konomInnen gerne kolportierte Geschichte, die Menschen h\u00e4tten erst zwanzig H\u00fchner gegen eine Kuh getauscht und dann, weil H\u00fchner und K\u00fche zu schwer wurden und schlecht zu lagern waren, das Geld erfunden, ist laut Graeber nirgendwo empirisch verb\u00fcrgt. Es war viel komplizierter, Graeber spricht von einer \u201ehumanen \u00d6konomie\u201c jenseits von Marktpl\u00e4tzen und instrumenteller Vernunft. Dass Gegenst\u00e4nde erst als Geld verwendet werden, \u201ewenn Regierungen und M\u00e4rkte ins Spiel kommen\u201c, scheint zudem eine anarchistische Ansicht zu best\u00e4tigen. Aber stimmt es auch? Die Frage ist, ob staatliche Regulierungen nicht auch Teil einer komplexen Gaben\u00f6konomie sein k\u00f6nnen (und sogar sollten), oder ob sie ihr tats\u00e4chlich nur als \u00e4u\u00dfere Gewalt gegen\u00fcberstehen.<br \/>\nMit der ausschlie\u00dfenden Gegen\u00fcberstellung von Staat und Alltagspraxis ist eine weitere fragliche These verbunden. Graebers Anarchismus ging so weit, auch einfache Handlungen, wie etwa Fremden spontan zu helfen, miteinzubeziehen. Wir seien, schloss er, auch gegenw\u00e4rtig schon \u201evon anarchistischen Sozialverh\u00e4ltnissen\u201c umgeben. Aber ist das sinnvoll, den Begriff Anarchismus derma\u00dfen weit zu fassen? Geh\u00f6rt nicht viel mehr dazu, als hin und wieder freundlich zu sein? Herrschaftslosigkeit braucht doch auch Organisierung gegen die Reproduktion gesellschaftlicher Klassen, braucht antisexistische Haltungen und braucht gelebten und institutionalisierten Antirassismus, mindestens. Und umgekehrt ist auch Herrschaft mehr als Staat: Dass es keinen Staat gibt, bedeutet ja leider noch lange nicht die Abwesenheit von Herrschaft.<br \/>\nDie Gleichsetzung von Herrschaft und Staat f\u00fchrt drittens dazu, dass Graeber, wie manch andere Anthropolog*innen auch, hin und wieder dazu tendiert, nicht-staatlich organisierte Gesellschaften zu romantisieren. Ob die unanfechtbaren Entscheidungen von Dorf\u00e4ltesten oder anderen traditionellen, meist m\u00e4nnlich besetzten Gremien aber wirklich den geregelten Verfahren eines modernen Nationalstaates immer vorzuziehen sind, sollte auch aus emanzipatorischer Perspektive infrage gestellt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hat Graeber, als Person ein Knotenpunkt vieler Debatten und Aktionen, letztlich nicht nur anarchistische Themen wieder st\u00e4rker in die \u00f6ffentliche Diskussion gebracht. Das hat er getan wie kaum ein zweiter in den letzten Jahrzehnten. Er hat auch dazu angeregt, die Schwachstellen anarchistischer Theorie erneut zu diskutieren. Dabei war Graeber durchaus undogmatisch: Er bewunderte den <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/05\/der-zapatismus-hat-viele-libertare-elemente\/\">Zapatischen Aufstand<\/a> im S\u00fcden Mexikos und unterst\u00fctzte zugleich die Labour Party unter dem linken Ex-Gewerkschaftsfunktion\u00e4r Jeremy Corbyn. Auch damit allerdings steht er nicht unbedingt allein im Lager der staatskritischen Linken: Schon <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/\">Peter Kropotkin<\/a> (1842\u20131921), der wohl einflussreichste Theoretiker des kommunistischen Anarchismus, zeigte sich trotz Staatsfeindschaft begeistert \u00fcber jede Stimme, die f\u00fcr sozialistische Arbeiterparteien gewonnen werden konnte. Anarchismus schlie\u00dft so gesehen politisch-strategisches Denken nicht unbedingt aus. Auch Graeber war kein vulg\u00e4ranarchistischer Alles-oder-Nichts-Revoluzzer. \u201eF\u00fcr den Augenblick\u201c, schreibt Graeber in Auseinandersetzung mit dem Zapatismus, \u201ehei\u00dft Demokratie also die R\u00fcckkehr in die R\u00e4ume ihrer Urspr\u00fcnge: die R\u00e4ume dazwischen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Graeber, der aus einer New Yorker Arbeiterfamilie stammte, starb mit nur 59 Jahren an inneren Blutungen. Sein Tod ist traurig und ein herber Schlag f\u00fcr die linken sozialen Bewegungen und f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sichtbarkeit emanzipatorischer Ans\u00e4tze und Ideen. Graeber war mit der K\u00fcnstlerin Nika Dubrovsky verheiratet, die auch im aktuellen Buch mitredet: Gerade ist im Diaphanes Verlag ein Gespr\u00e4chsband von Graeber erschienen. Darin geht es darum, \u201edem politischen Denken jenseits der allgemeinen Alternativlosigkeiten und politischen Schemata neue Impulse zu verschaffen\u201c. Der Band hei\u00dft \u2013 sicherlich \u201emangels besserer Alternative\u201c\u2013 \u201eAnarchie \u2013 oder was?\u201c (2020).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Nachruf auf den am 2. 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