{"id":23271,"date":"2020-10-01T13:34:13","date_gmt":"2020-10-01T11:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23271"},"modified":"2020-10-15T17:23:46","modified_gmt":"2020-10-15T15:23:46","slug":"melde-gehorsamst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/melde-gehorsamst\/","title":{"rendered":"\u201eMelde gehorsamst&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Jaroslav Ha\u0161ek (1883-1923), der Autor des bekannten \u201ebraven (in der neuen deutschen \u00dcbersetzung w\u00f6rtlich, aber ironisch: \u201eguten\u201c) Soldaten Schwejk\u201c, gilt heute als tschechischer Nationalschriftsteller. Doch das ist eine posthume Erscheinung. Tats\u00e4chlich war er lange Zeit in seinem Land ein Au\u00dfenseiter, verfemt, weil er sich \u00fcber alles lustig machte und besonders die satirische Technik der \u00dcberzeichnung meisterhaft beherrschte, um noch jeden B\u00fcrokraten oder jeden Vorgesetzten l\u00e4cherlich zu machen und damit dessen Autorit\u00e4t blo\u00dfzustellen. Selbst ernst gemeinte Stellengesuche nach seinem Rauswurf aus dem Gymnasium \u2013 einem Rauswurf von vielen \u2013 schrieb er in solch satirischer \u00dcberzeichnung: \u201eIn tiefem Respekt erlaubt sich Unterzeichneter hiermit, die l\u00f6bliche Direktion um die Erteilung einer Stelle bei der l\u00f6blichen Bank zu ersuchen\u201c (S. 30). Lang blieb er auch dort nicht.<br \/>\nSchon beim Jugendlichen h\u00f6rte man oft das \u201eMelde gehorsamst&#8230;\u201c seines Sp\u00e4twerks, dem \u201eSchwejk\u201c heraus, den er ab 1920 zu schreiben begann und der aufgrund seines fr\u00fchen Todes Anfang 1923 unvollendet blieb. Er schrieb Humoresken, Satiren, Kurzgeschichten gegen Kirche, B\u00fcrokratie und die Regierung des \u00f6sterreichischen Kaiserreiches, zu dem Prag damals geh\u00f6rte.<br \/>\nViele Jahre seines Jugend- und auch noch Erwachsenenlebens verbrachte er als <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/vagabundage-generalstreik-ein-leben-lang\/\">Vagabund<\/a>. Er war oft verwahrlost, wurde mehrfach verhaftet und hielt sich mit kleinen Honoraren aus seinen satirischen Texten, die er an alle Prager Zeitungen schickte, mehr schlecht als recht \u00fcber Wasser. St\u00e4ndig bat er seine Mutter um Geld. Auch in der anarchistischen Szene Prags trieb er sich herum und schrieb f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/zeitschriften-organisationsmittel-und-affektive-knotenpunkte\/\">anarchistische Zeitschriften<\/a>.<br \/>\nMit viel Witz und Ironie begleiten die Autoren Cantzen und Dringenberg Jaroslav Ha\u0161ek durch sein turbulentes Leben, das viel zu fr\u00fch endete. Eine von mehreren m\u00f6glichen Todesursachen war notorischer Alkoholismus, Ha\u0161ek schluckte zeitlebens zuviel Bier. Den Schwejk schreibend, dann \u2013 schreibunf\u00e4hig geworden \u2013 diktierte er am Ende seines Lebens \u201eabseits von Prag im tschechischen Dorf Lipnice, wobei wie immer, wenn er schrieb\u201c, so die Autoren, \u201eviel Bier floss. Zuletzt floss nichts mehr aus seiner Feder, nur noch Bier in ihn hinein\u201c (S. 117).<br \/>\nDiese Biografie Ha\u0161eks ist immer am\u00fcsant zu lesen, dabei \u00e4u\u00dferst materialreich. Gekonnt springen Cantzen\/Dringenberg zwischen realem Lebensweg und literarischer Analyse hin und her. Besonders spannend fand ich das Kapitel \u00fcber Ha\u0161eks gleichaltrigen libert\u00e4ren Weggef\u00e4hrten Franz Kafka, der ebenfalls 1883 in Prag geboren wurde und kurz nach Ha\u0161ek, 1924, starb. Kafka schrieb in Deutsch, Ha\u0161ek in Tschechisch; Kafka beschrieb den psychischen Horror und die Verstrickung in rechtlichen und institutionellen Verh\u00e4ltnissen, Ha\u0161ek \u00fcberzeichnete sie und machte sich \u00fcber sie lustig; Kafka war als h\u00f6herer Verwaltungsangestellter immer eine gepflegte Erscheinung und Antialkoholiker, Ha\u0161ek wirkte heruntergekommen und versoffen \u2013 aber es gab auch viele Gemeinsamkeiten: Beide bewegten sich in der Prager anarchistischen Szene, verkehrten in denselben Kneipen und hatten in dem Anarchisten Michal Mare\u0161 einen gemeinsamen Freund \u2013 ein direkter Austausch zwischen Kafka und Ha\u0161ek ist jedoch nicht belegt (S.\u00a083f.).<br \/>\nCantzen und Dringenberg weisen jedoch auf die ideologische Unzuverl\u00e4ssigkeit Ha\u0161eks hin. F\u00fcr seine erste Geliebte Jarmila folgte er ohne Widerspruch der Weisung deren Vaters, f\u00fcr dessen Zustimmung zur Heirat das anarchistische Milieu nicht mehr zu frequentieren. Nur der Satire blieb Ha\u0161ek f\u00fcr immer treu. Jarmila lie\u00df an einer Stelle in die seelischen Abgr\u00fcnde Ha\u0161eks blicken, als sie meinte, die Satire Ha\u0161eks habe \u00fcbert\u00f6nt, \u201ewas in ihm weinte und st\u00f6hnte\u201c (S. 61).<br \/>\nAuch seine unhinterfragte Kriegsbeteiligung im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/des-kaisers-liebster-bundeswehr-standort\/\">Ersten Weltkrieg<\/a> wirkt auf mich verst\u00f6rend. Er wechselte schnell die Fronten von nationalistisch-tschechischen Truppen hin zur 5. Roten Armee der Bolschewiki. Er wird im Krieg zweimal wegen Tapferkeit ausgezeichnet \u2013 und das ist kein Witz (S. 91ff.)! An reale Kriegsdienstverweigerung schien er nicht gedacht zu haben. 1920 kehrte er als politisch Resignierter nach Prag in die nunmehr tschechoslowakische Republik zur\u00fcck. Doch noch 1921 verteidigte er mit seiner typischen satirischen \u00dcberzeichnung Lenin gegen Vorw\u00fcrfe, in der Sowjetunion werde viel gemordet. Ha\u0161eks Antwort: \u201eNat\u00fcrlich. Dort wird jeder, der noch lebt, umgebracht. Der letzte Bolschewik, der dies alles leitet, Lenin, wird in dem Augenblick, als er in Russland ganz allein dastehen wird, in den Gully springen und den Kanaldeckel hinter sich zuklappen\u201c (S. 110). So konnte sich auch die Satire \u00e0 la Ha\u0161ek am Ausgang des Ersten Weltkriegs opportunistisch und durch \u00dcberzeichnung in den Dienst einer autorit\u00e4ren Herrschaft stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaroslav Ha\u0161ek (1883-1923), der Autor des bekannten \u201ebraven (in der neuen deutschen \u00dcbersetzung w\u00f6rtlich, aber ironisch: \u201eguten\u201c) Soldaten Schwejk\u201c, gilt heute als tschechischer Nationalschriftsteller. Doch das ist eine posthume Erscheinung. 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