{"id":23277,"date":"2020-10-01T13:37:29","date_gmt":"2020-10-01T11:37:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23277"},"modified":"2020-10-23T12:41:13","modified_gmt":"2020-10-23T10:41:13","slug":"auf-der-suche-nach-dem-neuen-alten-proletariat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/auf-der-suche-nach-dem-neuen-alten-proletariat\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem neuen alten Proletariat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Schwerpunktheft \u201eArbeit und Literatur\u201c der Zeitschrift \u201eArbeit \u2013 Bewegung \u2013 Geschichte\u201c wird aus aus einer breit angelegten historischen Perspektive der Frage nachgegangen, welche Funktion Literatur f\u00fcr das Bild von Arbeit und f\u00fcr die Vorstellung von einer Arbeiter*innenklasse aus\u00fcbt. Letztlich geht es darum, das identifikatorische Potenzial von Arbeit sowohl f\u00fcr das Individuum als auch f\u00fcr die Gemeinschaft der Arbeitenden auszuloten. Dass dieses Unterfangen im Rahmen eines Sammelbands maximal schlaglichtartig angegangen werden kann, versteht sich. Die versammelten Beitr\u00e4ge entwerfen aber mit einer gro\u00dfen historischen Spannweite ein vielschichtiges Panorama literarischer Entw\u00fcrfe von Arbeit, Arbeitenden und der Arbeiter*innenklasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Highlight des Bandes hinsichtlich der Frage, was Literatur f\u00fcr Vorstellungen von der Arbeitswelt und ihrer Protagonist*innen leistet, ist das Interview mit Anke Stelling, Autorin des Romans \u201eSch\u00e4fchen im Trockenen\u201c. Sie zeigt hier das Potenzial fiktionaler literarischer Entw\u00fcrfe, Protagonist*innen in gesellschaftliche Settings zu platzieren und auszuloten, wie sich die einzelnen Individuen in sozialen Strukturen bewegen, wie sie entscheiden, wie sie f\u00fchlen. Literatur ist keine Soziologie, sie verf\u00fcgt neben den wissenschaftlichen Beschreibungs-, Erkl\u00e4rungs- und Vorhersagefunktionen \u00fcber die F\u00e4higkeit, Leser*innen \u201emitf\u00fchlen und miterleben\u201c zu lassen, \u201eein erstaunlich g\u00fcnstiges und leicht zug\u00e4ngliches Empathietraining\u201c (37), so Stelling.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den gr\u00f6\u00dften Teil des Schwerpunkts zu Arbeit und Literatur nehmen gleich vier Beitr\u00e4ge von US-amerikanischen und britischen Autor*innen ein, die bereits 2017 erstmalig erschienen und nun in deutscher \u00dcbersetzung publiziert werden. Sherry Lee Linkon analysiert amerikanische Arbeiterliteratur \u201enach der Deindustrialisierung\u201c, so der Titel. Die \u201aDeindustrialisierung\u2018 und die damit verbundene \u201aDeindustrialisierungsliteratur\u2018 verortet sie am Ende des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und zeichnet anhand von interessanten Lekt\u00fcren ein Bild der amerikanischen Arbeitswelt. Im Zentrum steht die Suche nach der identit\u00e4tsstiften Bedeutung von Arbeit f\u00fcr das einzelne Subjekt sowie f\u00fcr die Gemeinschaft der Arbeitenden. Ist \u201aArbeit\u2018 \u00fcberhaupt noch eine Kategorie, \u00fcber die sich eine Gemeinschaftsidentit\u00e4t formulieren lie\u00dfe? Haben wir nicht alle nur noch \u201aJobs\u2018, die nicht nur prek\u00e4r und tempor\u00e4r, sondern auch weniger produktorientiert sind und daher in immateriellen Werten wie Dienstleistungen etc. zerflie\u00dfen? Gerade am Ende des industriellen Zeitalters werden die Br\u00fcche sichtbar, die die neuen Formen von Arbeit bei den Menschen und den Gemeinschaften hinterlassen. Die Literatur, so l\u00e4sst Linkons Beitrag schlie\u00dfen, ist jener empfindliche Seismograph sozialer Ver\u00e4nderung, an dem sich diese Bruchstellen erkennen und reflektieren lassen. Leikons Artikel stammt, wie gesagt, aus dem Jahr 2017 und es w\u00e4re spannend zu sehen, wie sich das von ihr untersuchte Verh\u00e4ltnis von Arbeit und sozialer sowie individueller Identit\u00e4t w\u00e4hrend des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/04\/trumps-america-first-in-der-handelspolitik\/\">Trump-Regimes<\/a> weiterentwickelt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gleiche Frage stellt sich auch am Ende des Aufsatzes von Kathy M. Newman, der ebenfalls 2017 erschien und in dem sich die Autorin mit der Darstellung von Arbeiter*innen und Arbeit im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2006\/05\/die-kunst-der-propaganda\/\">Hollywoodfilm<\/a> auseinandersetzt. Der Text ist eine Fundgrube f\u00fcr Cineasten, zeigt aber auch, wie sehr sich \u201aArbeit\u2018 in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat und wie wenig, so scheint es, von einer Arbeiterklasse als einer irgendwie homogenen, sich mit einer gemeinschaftlichen sozialen Erfahrung identifizierenden Gruppierung die Rede sein kann. Die Autorin zeigt scharfsichtig, wie schon in fr\u00fchen Hollywoodfilmen weitere diversifizierende Faktoren wie etwa Immigration, \u201aRace\u2018, Geschlecht usw. f\u00fcr ein vielschichtiges Bild der Arbeiterklasse mitreflektiert werden.\u2006 \u2006 Es dr\u00e4ngt sich die Frage auf, was mit der Solidarit\u00e4t und dem Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl einer sozialen \u201aKlasse\u2018 geschehen ist, ob davon in unserer Gegenwart \u00fcberhaupt noch etwas \u00fcbrig ist. Im Interview mit Patrick Eiden-Offe, Autor des Buchs \u201ePoesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats\u201c, wird genau dieser Frage nachgegangen. Eiden-Offe stellt die These auf, dass die Literatur einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung eines Klassenbewusstseins im 19. Jahrhundert hatte und dass es daher auch heute an den Arbeiter*innen w\u00e4re, sich eine kollektive Identit\u00e4t gewisserma\u00dfen selbst zu erfinden. Allerdings m\u00fcsse dies in einem paradoxen Sch\u00f6pfungsakt geschehen, denn die Arbeiterklasse m\u00fcsste sich erst einmal \u201emit ihrer v\u00f6lligen Machtlosigkeit identifizieren\u201c (117) und sich auf diese Weise machtvoll als machtloses Kollektiv formieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer grunds\u00e4tzlicher Aspekt des Sammelbands ist die Fokussierung auf popul\u00e4re Literatur und Kunst. Freilich einleuchtend, denn die Kunst der Arbeiter*innen oder \u00fcber Arbeiter*innen wurde zumeist nicht als \u201ahohe Literatur\u2018 eingesch\u00e4tzt und ist aus dem Kanon der Schulen, Universit\u00e4ten und Feuilletons verschwunden. Die besondere Leistung einiger Autor*innen des Sammelbands besteht daher nicht zuletzt darin, die vielen Texte aufzusp\u00fcren, die nicht zu \u201aKlassikern\u2018 geworden sind, so z.B. der Beitrag von Florence S. Boos \u00fcber die Autobiografien viktorianischer Arbeiterinnen, in dem das Bild der englischen Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts um die bislang viel zu wenig sichtbare Perspektive der Arbeiterinnen erweitert wird. Auch der Beitrag von Jan Goggans \u00fcber US-amerikanische Arbeiterliteratur 1830-1930 nennt zahlreiche vergessene Texte und Textformen und stellt den Umgang mit literarischen Werken in der Arbeiterklasse dar. Erg\u00e4nzt wird der Fokus auf US-amerikanische Produktionen um einen Beitrag von Helen Thein \u00fcber den Autor Ronald M. Schernikau, der eine Ausbildung am Literaturinstitut \u201eJohannes R. Becher\u201c in der DDR genoss und im Zuge der damaligen Kulturpolitik des \u201eBitterfelder Wegs\u201c einige Zeit in einem Tagebaubetrieb arbeiten musste, um diese Arbeit literarisch zu \u201averarbeiten\u2018. Am Ende, nach einer scharfz\u00fcngigen Rezension von u.a. Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c und der Vorstellung einiger Einrichtungen zur Erforschung der Arbeiter*innenliteratur, steht ein Tagungsbericht, der einen dunklen Fleck ausmacht, den auch dieser Sammelband nicht erhellen kann: Was ist sie denn nun, die Arbeiterklasse des 21. Jahrhunderts? Die \u201eR\u00fcckkehr\u201c zur Arbeiterklasse kann kein Aufw\u00e4rmen eines Klassenbewusstseins des 19. oder fr\u00fchen 20. Jahrhunderts werden \u2013 viel zu sehr hat sich die gegenw\u00e4rtige Arbeitsgesellschaft ausdifferenziert und ebenso die Perspektiven auf Arbeit aus antirassistischer, feministischer, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/gender-binaer-oder-queer\/\">queerer<\/a> etc. Sicht, die das Potenzial bergen, den Begriff von Arbeit, das Bild vom Proletarier und vom politischen Kampf zu \u201epr\u00fcfen und zu erweitern\u201c (147). Diese \u201aR\u00fcckkehr\u2018 zu einem erneuerten Klassenbewusstsein bleibt also am Ende als offene Frage und als Motivation, weiter zu lesen. Denn eines macht dieser Band deutlich: Die Literatur wird der Ort sein, an dem die Frage nach dem neuen Klassenbewusstsein verhandelt wird, an dem das neue Proletariat erfunden werden wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schwerpunktheft \u201eArbeit und Literatur\u201c der Zeitschrift \u201eArbeit \u2013 Bewegung \u2013 Geschichte\u201c wird aus aus einer breit angelegten historischen Perspektive der Frage nachgegangen, welche Funktion Literatur f\u00fcr das Bild von Arbeit und f\u00fcr die Vorstellung von einer Arbeiter*innenklasse aus\u00fcbt. 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