{"id":23279,"date":"2020-10-01T13:34:14","date_gmt":"2020-10-01T11:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23279"},"modified":"2020-10-23T17:29:04","modified_gmt":"2020-10-23T15:29:04","slug":"ein-untergrundroman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/ein-untergrundroman\/","title":{"rendered":"Ein Untergrundroman"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In den Libert\u00e4ren Buchseiten vom Oktober 2010 hatte ich <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/10\/ziviler-ungehorsam-oder-demokratie\/\">Martin Balluchs<\/a> Buch \u201eWiderstand in der Demokratie\u201c besprochen und dabei Stellungnahmen kritisiert wie: \u201eDas Gewaltmonopol (des Staates) ist grunds\u00e4tzlich zu bejahen\u201c, oder: \u201eGenauso wie die AktivistInnen demokratiepolitisch zu Gewaltfreiheit verpflichtet sind, muss das auch die Exekutive sein.\u201c Letzteres aber ist eine demokratiepolitische Illusion, denn die Exekutive ist nie gewaltfrei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man dieses Buch kennt, ist der vorliegende Tierrechtsroman \u00fcber Balluchs aktive Zeit in der englischen Tierrechtsbewegung von 1989 bis 1997 zun\u00e4chst \u00fcberraschend, er erkl\u00e4rt aber die Genese des staatskonformen Verst\u00e4ndnisses des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/die-folgen-des-zivilen-ungehorsams\/\">zivilen Ungehorsams<\/a> als Folge der Sackgassen, in die er sich in England treiben lie\u00df, so dass er England klandestin verlassen und zur\u00fcck in seine Heimat \u00d6sterreich gehen musste, wo er nach wie vor im \u201eVerein gegen Tierfabriken\u201c (VGT) aktiv ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem spannend zu lesenden, in gro\u00dfen Teilen autobiografischen Tierrechtsroman \u201eIm Untergrund\u201c \u2013 Balluch tritt als Protagonist \u201ePaul\u201c auf \u2013 erinnert er sich an seine \u201ewilde Zeit\u201c. Wichtig f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Romans ist das Vorwort: \u201eDie \u00f6ffentliche Meinung, die Medien und die Justiz wurden ignoriert. (&#8230;) Man begann in einer abgeschlossenen Blase zu leben, die sich verselbst\u00e4ndigte\u201c (S. 7). Balluch zeichnet seinen eigenen Weg des Tierbefreiers in der englischen ALF (Animal Liberation Front) nach. Er bietet Einblicke in die damalige Bewegung, die in England von Polizei und Staat mit den Mitteln der Terrorbek\u00e4mpfung und harten Gef\u00e4ngnisstrafen bis zu drei Jahren verfolgt wurde, im Falle von Barry Horne gar von 18 Jahren infolge von Brandstiftungen in Pelzgesch\u00e4ften, bevor er nach 68-t\u00e4gigem Hungerstreik verstarb. Die Aktionen der englischen Tierbefreier*innen richteten sich gegen <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/wir-haben-einen-nerv-getroffen\/\">Tierfabriken<\/a>, die Fuchsjagden eines arroganten Adels und ihrer Schl\u00e4ger, gegen Absch\u00fcsse von Moorh\u00fchnern und Fasanen, Hetzjagden auf Mink-Pelztiere, Versuchstieranlagen von Beagle-Hunden, Katzen und Kaninchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePaul\u201c bekommt anfangs in Cambridge an der Uni eine interessante Forschungsstelle zum Ozonloch, nimmt Kontakte zur Gruppe ARC (Animal Rights Cambridge) auf. Er schlittert in immer gewaltsamere Aktionszusammenh\u00e4nge hinein, ein Prozess, den er als Radikalisierung beschreibt, den ich aber als Fanatisierung bezeichnen w\u00fcrde. Begriffe wie Gewaltfreiheit, \u201eFriedlichkeit\u201c, Legalit\u00e4t, Pazifismus werden dabei wahllos durcheinander geworfen, gleichzeitig herabgesetzt, weil die freie Abschussfahrt in die Gegengewalt dies notwendig macht, um die Abgrenzung zu rechtfertigen. Schlie\u00dflich wird zu jeder von J\u00e4gern, Wildtierzirkusleuten, Versuchstierz\u00fcchtern und der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/04\/die-polizei-in-ihrem-lauf\/\">Polizei<\/a> erlittenen Gewalt gesagt, das w\u00e4re auch nicht vermieden worden, \u201ewenn wir immer friedlich und unterw\u00fcrfig geblieben w\u00e4ren\u201c (S. 429). Typisch f\u00fcr diese militante Perspektive ist diese Gleichsetzung von gewaltfreien Aktionen mit Friedlichkeit oder gar Unterw\u00fcrfigkeit, wogegen dann generell Gegengewalt mit \u201eWiderstand\u201c an sich gleichgesetzt und Gewaltfreiheit nicht mal mehr als Widerstandsform anerkannt, sondern nur mit legalen Demos identifiziert wird. Es ist leider die Anlage des Romans als Abschussfahrt in immer gewaltsamere Aktionen, die solch eine Perspektive auf gewaltfreie Aktion zustandekommen l\u00e4\u00dft \u2013 wom\u00f6glich gegen den Willen des Autors.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die brutalen Tierqu\u00e4lereien werden im Roman detailgetreu dargestellt und die Aktionsabl\u00e4ufe in kursiv gesetzter Schrifttype quasi in Echtzeit beschrieben. Man muss den Roman jedoch gegen den Strich dieser Abschussfahrt lesen, dann kommen die Probleme zum Vorschein, die \u201ePaul\u201c andeutet, aber nie reflektiert: Deutlich wird, dass die ALF eine individualistische Trademark war, keine Organisation \u2013 wer die Aktionen macht, gibt sich selbst ohne basisdemokratische Absprache mit irgendeinem ALF-Kollektiv durch Sprayen oder Presseerkl\u00e4rung als Teil von ALF aus: \u201eALF was here!\u201c Urspr\u00fcnglich hatte ALF eine gewaltfrei-anarchistische Programmatik, doch wenn die Aktiven nach einer Befreiungsaktion einen Aufruf zum \u201eRache nehmen\u201c (S. 352) ans Tierversuchslabor spr\u00fchen, wird die Ablehnung von Gewalt gegen Menschen unglaubw\u00fcrdig. Die Aktionen wurden meist privat unter vier, f\u00fcnf Freunden ausbaldowert, oft kannten sich die Aktivist*innen nicht, machten die Aktion mit schwarzen Sturmhauben anonym und trennten sich sofort wieder. Sonderkommissionen der Polizei infiltrierten die Szene leicht mit Spitzeln. \u00dcbrig blieb ein individualistischer Aktivismus, der dem sportlich durchtrainierten H\u00fcnen \u201ePaul\u201c entgegenkam. Er \u00fcberlie\u00df die anderen Aktivist*innen oft unsolidarisch der Polizeirepression, w\u00e4hrend er den J\u00e4gern oder Polizisten mit seiner Ausdauer davonrannte. \u201ePaul\u201c merkt dabei vor lauter Beschreibung der Polizeibrutalit\u00e4t gar nicht mehr, dass die englische Polizei ihm bei seinem erfolgreichen Davonlaufen nie in den R\u00fccken schoss, wie es die franz\u00f6sische Polizei jederzeit mit Kautschuk-Granaten und die US-Polizei mit Schusswaffen tun w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend \u201ePaul\u201c seine Empathie mit Eddy, einem verletzten Fuchs, den die Jagdgesellschaft sogar noch aus dem Wildtierspital entf\u00fchrt und t\u00f6tet, ausf\u00fchrlich beschreibt, l\u00e4sst er solche Empathie bei Menschen, die er in physischen Schlachten, etwa bei einer Mink-Jagdgesellschaft, angreift, zunehmend vermissen: \u201eIch hole aus und schlage ihm (einem J\u00e4ger) mit gro\u00dfer Wucht den Stein auf den Hinterkopf. Er st\u00fcrzt nach vorn wie bewusstlos um\u201c (S. 239). Au\u00dfer der Rechtfertigung, das sei Notwehr gewesen, fragt sich Paul im Verlauf des Romans nie mehr, was denn aus dem Getroffenen nun geworden ist, ob er \u00fcberlebt hat oder nicht \u2013 ganz anders aber bei verletzten oder gequ\u00e4lten Tieren, wo die Folgen der K\u00e4fighaltung \u00fcber Seiten mit emotionaler Hingabe beschrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Tierbefreiungszusammenh\u00e4ngen gibt es einen militanten Teil, der sich gegen Gewalt gegen Tiere mit gro\u00dfen Risiken engagiert, dabei aber jederzeit Rechtfertigungen f\u00fcr Gewalt gegen Menschen findet. Es findet da eine unreflektierte ethische Verkehrung statt. Eine Folge davon, die im Roman angesprochen wird, ist der hohe Durchlauf der Aktivist*innen und ihre schnelle Fanatisierung. Im Schnitt hielten es die meist sehr jungen Aktivist*innen bei ALF gerade mal ein Jahr lang aus (S. 289), dann waren sie schon wieder weg (oder tot oder im Knast). Balluch\/\u201ePaul\u201c mit seinen acht aktiven Jahren war da die Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den erz\u00e4hlten Aktionen wiederholen sich Szenen, in denen \u201ePaul\u201c immer nur rennt. Sein sportliches Gehabe nimmt patriarchalische und bodyistische Z\u00fcge an, wenn er sich st\u00e4ndig \u00fcber zu dicke oder nicht austrainierte Aktivist*innen aufregt, die nicht so schnell rennen k\u00f6nnen wie er. Besonders \u00fcbel das explizite Sizeism nach so einem Gerenne: \u201e\u201aIch sage ja\u2019, meine ich, \u201aman muss fit sein f\u00fcr die Jagdsabotage. Leider geht niemand mit mir trainieren.\u2019 (&#8230;) Molly schaut in die andere Richtung. Offenbar will sie sich nicht angesprochen f\u00fchlen. (Sie) rennt praktisch nie. Sie ist auch etwas wohlbeleibt.\u201c Und sie hei\u00dft auch noch \u201eMolly\u201c (S. 200)! Es wird ein physisch-elit\u00e4rer Habitus verherrlicht, wie ich ihn von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/autonome-mythen-ungeknackt\/\">autonomen Schlachtenritualen<\/a> mit der Polizei kennen und ablehnen gelernt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ehrt Balluch, dass er im Roman an einigen wenigen Stellen Kritik an diesem Habitus referiert. Mitaktivist Tony schreit ihn bei einer Aktion an: \u201ePaul, du wirst jetzt nicht abhauen und uns alleine lassen, du Arschloch! (S. 384)\u201c Und an einer anderen Stelle, als die Hochzeit einer Tierrechtsaktivistin in eine peinliche Schl\u00e4gerei mit Fleischessern ausartet: \u201eDurch diese st\u00e4ndige Gewalt, die wir bei unseren Jagdsabotageaktionen erlebten, war ich schneller bereit, zuzuschlagen, als ich das sonst gewesen w\u00e4re. Meine Pers\u00f6nlichkeit hatte sich ver\u00e4ndert\u201c (S. 321).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman bringt viele Facetten des englischen Tierbefreiungsaktivismus dieser Jahre zum Ausdruck, das ist seine St\u00e4rke. Doch die gewaltfreie Aktion geht mit ihrem radikalen Potential dabei unter. Immer wieder wird sie als nicht effizient dargestellt und basisdemokratische, kollektive Prozesse nach innen bleiben umso mehr auf der Strecke, als der anonymisierte, einzelk\u00e4mpferische Militanzfetischismus sich durchsetzt. Nur Molly thematisiert kurz das Konzept der \u201eAffinity groups\u201c (S. 196), Paul interessiert es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen muss dann die sp\u00e4tere Verbandsobmann-T\u00e4tigkeit Balluchs beim VGT nach seiner R\u00fcckkehr nach \u00d6sterreich gesehen werden. Das schl\u00e4gt nun um in eine falsche, staatsrechtskonforme Pseudo-Gewaltfreiheit und den erschreckend \u2013 vor allem vor dem Hintergrund seiner Erfahrung in England \u2013 naiven Versuch, die staatliche Exekutive auf Gewaltfreiheit festlegen zu wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Libert\u00e4ren Buchseiten vom Oktober 2010 hatte ich Martin Balluchs Buch \u201eWiderstand in der Demokratie\u201c besprochen und dabei Stellungnahmen kritisiert wie: \u201eDas Gewaltmonopol (des Staates) ist grunds\u00e4tzlich zu bejahen\u201c, oder: \u201eGenauso wie die AktivistInnen demokratiepolitisch zu Gewaltfreiheit verpflichtet sind, muss das auch die Exekutive sein.\u201c Letzteres aber ist eine demokratiepolitische Illusion, denn die Exekutive &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/ein-untergrundroman\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ein Untergrundroman - graswurzelrevolution","description":"In den Libert\u00e4ren Buchseiten vom Oktober 2010 hatte ich Martin Balluchs Buch \u201eWiderstand in der Demokratie\u201c besprochen und dabei Stellungnahmen kritisiert wie:"},"footnotes":""},"categories":[1226,1139,1058],"tags":[1185,1264,1089],"class_list":["post-23279","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-452-oktober-2020","category-das-schlachten-beenden","category-libertaere-buchseiten","tag-gewaltfreie-aktion","tag-militanz","tag-tierrechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23279"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23279\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}