{"id":23280,"date":"2020-10-01T13:34:14","date_gmt":"2020-10-01T11:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=23280"},"modified":"2020-10-30T02:19:10","modified_gmt":"2020-10-30T00:19:10","slug":"schlachtet-die-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/schlachtet-die-heimat\/","title":{"rendered":"Schlachtet die Heimat!"},"content":{"rendered":"<p>Wir sollten von vorne beginnen. Mit der Erbs\u00fcnde: Adam stibitzt den Apfel, Eva bei\u00dft genie\u00dferisch hinein, der s\u00fc\u00dfe Saft spritzt und wir feiern ab sofort j\u00e4hrlich ein Fest, das diesen Akt der Befreiung feiert. Nat\u00fcrlich sollten wir das Ereignis anders benennen und es damit umdeuten. Vielleicht \u201eAbnabelung\u201c, \u201eEmanzipation\u201c oder \u201eLob des Ungehorsams\u201c. Denn jene Abnabelung wirkt bis heute nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar hat Luther daf\u00fcr gesorgt, dass wir heute, wenn wir wollen, keinen Ablass mehr daf\u00fcr leisten m\u00fcssen. Also nicht mehr zur Beichte schreiten m\u00fcssen, um von unseren S\u00fcnden, die auch auf der Erbs\u00fcnde beruhen, befreit zu werden. Ob er es als positiven Akt des <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/ungehorsam\/\">Ungehorsams<\/a> deuten w\u00fcrde, sei dagegen dahingestellt. War er doch der Meinung: \u201eDrum soll hier erschlagen, w\u00fcrgen und stechen, heimlich oder \u00f6ffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Sch\u00e4dlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufr\u00fchrerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muss: schl\u00e4gst du (ihn) nicht, so schl\u00e4gt er dich und ein ganzes Land mit dir.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Widersprechen w\u00fcrde ihm die griechische Sch\u00f6pfungsgeschichte, die ebenfalls auf \u201eeinen Akt des Ungehorsams\u201c zur\u00fcckgeht, wie es Erich Fromm so treffend festgestellt hat. Denn Prometheus stahl den G\u00f6ttern das Feuer und \u201elegte \u2026 die Grundlage f\u00fcr die Entwicklung des Menschen\u201c. Und war stolz darauf: \u201eIch m\u00f6chte lieber an diesen Felsen gekettet als der gehorsame Diener der G\u00f6tter sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erbs\u00fcnde als eine Schuld ist tief in uns verankert, allen voran, katholisch sozialisierten Menschen wie mir. Ich wei\u00df noch, als w\u00e4re es gestern gewesen, wie ich in der d\u00e4mmrigen, Weihrauch durchwalkten Kirche zum Beichtstuhl schritt. Am Abend zuvor hatte ich mir im Bett \u00fcberlegt, welche S\u00fcnden ich begangen hatte, um sie dem Pfarrer hinter dem Holzgitter in der beklemmenden Enge des Beichtstuhls zu gestehen. Da ich damals noch ein \u00e4u\u00dferst anst\u00e4ndiger Bub war, gr\u00fcbelte ich wie besessen, bis in die Nacht hinein, \u00fcber m\u00f6gliche Verfehlungen. Und goss damit den Samen der Erbs\u00fcnde, f\u00fcr die n\u00e4chtlichen, schuldgeplagten Gr\u00fcbeleien im Erwachsenenalter zwischen ein und drei Uhr morgens, die bekanntlich zu nichts f\u00fchren, au\u00dfer zu Augenringen und Gewissensbissen. Und hier zeigt sich wieder einmal die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Die Bisse schmerzen, sie dringen ins Fleisch, lassen einen sich von der einen Seite des Bettes auf die andere werfen. Darum sind Begrifflichkeiten auch von derart eminenter Bedeutung, besonders, wenn sie mit tiefen Emotionen, Deutungsmustern und daraus hervorgehenden Handlungsmustern oder -anweisungen verkn\u00fcpft sind. Eben Begriffe wie Erbs\u00fcnde oder Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade der gerne von Ernst Bloch zitierte Satz: \u201eHeimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war\u201c, spiegelt die emotionale Suggestion von Worten wider. Mit Heimat verkn\u00fcpfen viele Menschen die Geborgenheit auf dem Scho\u00df der Mutter, bestenfalls sogar des Elternhauses. Hinzu kommen B\u00e4ume, Wiesen, W\u00e4lder: Natur. Wer m\u00f6chte es ihnen verg\u00e4llen. Wir alle sehnen uns nach Harmonie. Und gerade im Weichsp\u00fcler des R\u00fcckblicks ist sie in besonderem Ma\u00dfe vorhanden. Wie in einem Werbespot: Kr\u00e4ftige Farben, breites L\u00e4cheln (scheinbar) makelloser Menschen, bl\u00fctenwei\u00dfe, saubere Laken. Die Blutspritzer auf dem Wei\u00df, durch die Schl\u00e4ge des Vaters oder Sch\u00fcsse der Waffen-SS, w\u00fcrden verst\u00f6ren. Ebenso das noch warme Blut des erlegten Hirsches, aufgeh\u00e4ngt an den L\u00e4ufen, das aus der Hauptschlagader der durchschnittenen Kehle pulst. Der Hirsch als Element des Heimatgef\u00fchls. Nicht als Hirschkopf \u00fcber dem Esstisch, sondern als Hirschbraten auf dem Esstisch. Als Mahl am Heiligen Abend. Durchdrungen vom Zauber der Bescherung, der \u00dcberraschung der Geschenke hinter dem bunten Papier und dem Spiel zu F\u00fc\u00dfen der Eltern und Verwandten. Der nicht selten am Weihnachtsabend aufbordende Streit wird im R\u00fcckblick h\u00e4ufig genauso ausgeblendet wie die anstrengenden, weil angespannten Verwandtenbesuche an den darauffolgenden Feiertagen bei Onkeln, Tanten und Gro\u00dfeltern. Darum bewirkte die Forderung nach einem Veggieday auch eine derart heftige Reaktion. Wie kommen die (damals noch) b\u00f6sen Gr\u00fcnen nur auf den Gedanken, mir diese heimelige Erinnerung an den Braten oder andere fleischliche Gen\u00fcsse, verkn\u00fcpft mit Geborgenheit, zu rauben!?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir nun versuchen w\u00fcrden, dem Begriff der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/05\/nicht-um-heimat-geht-es-sondern-um-zugehoerigkeit\/\">Heimat<\/a> eine fortschrittliche, emanzipatorische Bedeutung zu geben, fernab von Heimatt\u00fcmelei und Nationalismus, m\u00fcssten wir den Hirsch schlachten, um die Blutspritzer auf dem wei\u00dfen Laken zu zeigen, auf dem kitschigen Bild der verkl\u00e4rten Kindheit und damit der Heimat. Wie bei dem Begriff der Erbs\u00fcnde sind die mit dem Begriff und der Realit\u00e4t der Heimat, also einer Nation, Gesellschaft, Region, einhergehenden Unterdr\u00fcckungsmechanismen enorm. Denn Sprache formt Bewusstsein und geriert damit Realit\u00e4t. F\u00fchle ich mich der Heimat zugeh\u00f6rig, f\u00fchle ich mich nicht selten auch als Teil der Macht und habe damit das Gef\u00fchl, \u201edas Richtige\u201c zu tun, wenn ich gehorsam bin. Dann f\u00fchle ich mich als Teil der Gemeinschaft, nicht mehr allein, f\u00fchle mich aufgehoben in der Heimat. So, wie es Erich Fromm in seinem Aufsatz \u201eDer Ungehorsam als ein psychisches und ethisches Problem\u201c beschrieben hat. Ein wesentliches Element dieses Gehorsams ist immer auch, nicht zu s\u00fcndigen, also sich nicht schuldig zu machen. Was gerade in der Provinz gleichbedeutend ist mit gehorsam sein. \u201eProvinz ist \u00fcberall\u201c, schrieb der homosexuelle, niederbayerische Dramatiker Martin Sperr und unterstrich damit die Weltl\u00e4ufigkeit dieses nicht selten brutalen Mechanismus, dem letztlich meist nur in der Stadt zu entkommen ist. Denn sobald man gegen die Regeln und Gesetze der Heimat verst\u00f6\u00dft, ist man ungehorsam und bekommt unmittelbar zu sp\u00fcren, dass man sich etwas zuschulden kommen hat lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dank der Erbs\u00fcnde wird bei Streitereien sofort die Frage aufgeworfen, wer Schuld hat. Es geht keineswegs um ein m\u00f6glichst konstruktives Probleml\u00f6sungsverhalten, mit dem allen gedient w\u00e4re, sondern um richtig und falsch und letztlich auch darum, wer das Sagen, die Macht hat. Somit hat die beklemmende Enge der Heimat immer auch ein ausgrenzendes Moment. Wer Ungehorsam ist, f\u00e4llt auf und raus und kann kein Teil dieses Konstrukts sein. Die \u201eZugereisten\u201c auf altbairisch auch abf\u00e4llig, \u201eZuagroaste\u201c oder \u201ePrei\u00dfn\u201c geschimpft, haben es qua Abstammung noch schwerer, was den Blut- und Boden-Aspekt des Heimat-Konstruktes und damit auch des -Begriffes offenbart \u2013 von dem es keine Entsprechung in anderen als der deutschen Sprache gibt. Und der nur im Singular auftaucht, was aufzeigt, dass es in Zeiten der Globalisierung nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df ist. Und das den \u201eEingeborenen\u201c mehr Rechte einr\u00e4umt, als den Neuank\u00f6mmlingen. Als w\u00fcrden die kapitalistischen Ausgrenzungsmechanismen nicht schon gen\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die mit Heimat einhergehenden Ausgrenzungsmechanismen sind eine Form von Gewalt, die das Grundbed\u00fcrfnis nach Sicherheit raubt und seine Kumulation in Molotow-Cocktails und \u201eAusl\u00e4nder-raus!\u201c-Rufen vor Unterk\u00fcnften f\u00fcr Gefl\u00fcchtete findet. Und sie \u00e4u\u00dfern sich auch in zweierlei Ma\u00df der Bemessung von Gewalt. Wenn sich die Dorfjugend \u201efotzt\u201c, geh\u00f6rt das zum Erwachsenwerden. Wenn gefl\u00fcchtete Jugendliche andere angreifen, was keineswegs relativiert werden soll, aber ebenso ein Element der Lebensphase Jugend sein kann, geh\u00f6ren sie abgeschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer also versucht, einen progressiven oder linken Heimatbegriff zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt. Oder wie sollte die \u201eHeimat\u201c der alten Nazis, die eine \u201erassische\u201c Durchmischung ablehnten, wie auch der Neo-Nazis des \u201eTh\u00fcringer-Heimatschutz\u201c, aus dem der NSU entstand, und auch die der Faschist*innen der Neuen Rechten und der AfD positiv konnotiert werden? Der Rechtsruck und die t\u00e4gliche Gewalt gegen \u201enicht-Heimat-Ans\u00e4ssige\u201c geben die Antwort: \u00dcberhaupt nicht. Genauso unm\u00f6glich ist es, einem Hirsch die Kehle auf einem wei\u00dfen Laken durchzuschneiden, ohne dass es von Blut besudelt wird. Eher wird es uns gelingen, die Erbs\u00fcnde als Akt der Befreiung und des Lobs des Ungehorsams neu zu schreiben und zu verinnerlichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sollten von vorne beginnen. Mit der Erbs\u00fcnde: Adam stibitzt den Apfel, Eva bei\u00dft genie\u00dferisch hinein, der s\u00fc\u00dfe Saft spritzt und wir feiern ab sofort j\u00e4hrlich ein Fest, das diesen Akt der Befreiung feiert. Nat\u00fcrlich sollten wir das Ereignis anders benennen und es damit umdeuten. Vielleicht \u201eAbnabelung\u201c, \u201eEmanzipation\u201c oder \u201eLob des Ungehorsams\u201c. 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