{"id":234,"date":"1996-04-01T00:00:43","date_gmt":"1996-03-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=234"},"modified":"2022-07-26T14:26:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:40","slug":"frauen-und-okonomische-unterdruckung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/04\/frauen-und-okonomische-unterdruckung\/","title":{"rendered":"Frauen und \u00f6konomische Unterdr\u00fcckung"},"content":{"rendered":"<h3>Aspekte \u00f6konomischer Unterdr\u00fcckung<\/h3>\n<p>\u00d6konomische Unterdr\u00fcckung und Frauen sind in unserem Zusammenhang synonym. Auf den verschiedensten Ebenen \u00f6konomischer Beziehungen und T\u00e4tigkeiten sind Frauen immer die ersten Opfer. Ich m\u00f6chte kurz diese Aspekte der sich daraus ergebenden Unterdr\u00fcckung und Benachteiligung beschreiben und gleich am Anfang betonen, da\u00df ich dies als gesellschaftliche Gewalt sehe, die sich auf Frauen auswirkt, und deshalb alle von uns angehen sollte, die nach einer gewaltfreien Gesellschaftsordnung streben.<\/p>\n<h3>Auf dem Land<\/h3>\n<p>Indien ist in erster Linie eine Agrargesellschaft, in der Frauen eine wichtige Rolle beim Ackerbau spielen. Sie leisten nicht nur den Hauptteil der Arbeit w\u00e4hrend und nach der Ernte, sondern sie sind auch traditionell die H\u00fcterinnen des \u00f6kologischen Gleichgewichts der Natur und damit verbundener lebensunterst\u00fctzender Systeme. Bis zum vehementen Eindringen selbstzerst\u00f6rerischer chemischer Pestizide und anderer hochtechnologischer Eingriffe versorgten die Frauen die Felder, das Vieh und das Gefl\u00fcgel, k\u00fcmmerten sich um die Gesundheitsversorgung und waren f\u00fcr den gesamten Alltagsablauf verantwortlich.<\/p>\n<p>Landwirtschaft ist eine Hauptverbraucherin von Land, Wasser und lebenden Ressourcen, und in den meisten F\u00e4llen wird sie im kleinen betrieben, oft sind es kleine Bauern und B\u00e4uerinnen, die diese Ressourcen nutzen. Deshalb ist Armut ein Hauptfaktor zum Verst\u00e4ndnis der Entscheidungen, die Menschen im Hinblick auf die Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen treffen.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung der Politik der &#8222;Gr\u00fcnen Revolution&#8220;, die hohen Technikeinsatz, die Kommerzialisierung der Anbauprodukte, biotechnische Innovationen und andere Strategien beinhaltet, hat unterschiedlichen, aber immer tiefgreifenden Einflu\u00df auf die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Beziehungen in diesen l\u00e4ndlichen Gebieten und damit auf die Situation der Frauen. Die Einf\u00fchrung von auf den Verkauf ausgerichteten Anbauprodukten und die Anbindung an den Weltmarkt hat zu einer absichtlichen Verlagerung von der Subsistenzproduktion auf der Basis nat\u00fcrlicher und frei zug\u00e4nglicher Ressourcen hin zu einer geldorientierten Wirtschaftsweise gef\u00fchrt. Die \u00f6kologischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen des Wandels in der Landwirtschaft sind schwerwiegender als die wirtschaftlichen Vorteile, die f\u00fcr die Mehrheit entstanden sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die Landwirtschaft macht 37 % des indischen Bruttosozialprodukts aus und besch\u00e4ftigt 70 % der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und etwa 84 % aller wirtschaftlich aktiven Frauen. So sind sie diejenigen, die die schlimmsten Auswirkungen der immer mehr darniedergehenden Landwirtschaft zu tragen haben.<\/p>\n<h3>Gesellschaftliche Zug\u00e4nglichkeit<\/h3>\n<p>Analphabetismus hindert Frauen nicht nur am gesellschaftlichen Aufstieg, sondern versperrt ihnen auch den Zugang zu st\u00e4rkerer Beteiligung auf wirtschaftlicher Ebene. Es gen\u00fcgt nicht festzustellen, da\u00df das Land \u00fcber ad\u00e4quate Grund- und Sekundarschulen f\u00fcr Frauen verf\u00fcgt. Das blo\u00dfe Vorhandensein von Bildungseinrichtungen f\u00fcr Frauen ohne eine soziale Atmosph\u00e4re oder eine gesellschaftliche Einstellung, die f\u00fcr diesen Proze\u00df f\u00f6rderlich sind, f\u00fchrt zu nichts. 71 % der indischen Frauen sind Analphabetinnen. Der Mangel an Schulbildung verhindert, einen Arbeitsplatz zu finden, Kredite zu erhalten, sich politisch zu beteiligen und den eigenen und gesellschaftlichen Status zu verbessern. Nicht lesen und schreiben zu k\u00f6nnen und das Fehlen anderer Grundkenntnisse schlie\u00dft einen gro\u00dfen Teil der Frauen von lukrativen Arbeitsm\u00f6glichkeiten aus.<\/p>\n<p>Ebenso sind Banken und Finanzinstitute im l\u00e4ndlichen Sektor sehr zur\u00fcckhaltend, wenn es darum geht, Frauen Kredite zu gew\u00e4hren, und dem Antrag einer Frau wird nur in Bezug auf ihren Mann oder Vater stattgegeben. Au\u00dferdem benachteiligen die meisten Bankkreditprogramme Frauen aufgrund ihrer ungen\u00fcgenden Schulbildung, welche in gewisser Weise eine paradoxe Situation der doppelten Benachteiligung darstellt: zum einen lernt eine gro\u00dfe Zahl von Frauen aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden nicht Lesen und Schreiben, zum anderen sind sie genau deshalb nicht in der Lage, einen Kredit zu erhalten.<\/p>\n<h3>Diskriminierende L\u00f6hne, weniger Arbeitsplatzsicherheit im organisierten Sektor<\/h3>\n<p>Starke \u00dcberausbeutung weiblicher Arbeitskr\u00e4fte in den unorganisierten Sektoren fordert von diesen nicht nur extreme Arbeitsleistungen, sondern zahlt daf\u00fcr auch noch diskriminierende L\u00f6hne. In den St\u00e4dten nimmt solch eine wirtschaftliche Unterdr\u00fcckung eine andere Form an. Nicht nur dort warten viele registrierte arbeitslose Frauen auf eine Besch\u00e4ftigung; schlimmer ist, da\u00df die Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten, die Frauen offenstehen, alarmierend knapp sind. Nat\u00fcrlich ist auch in den f\u00fcr Frauen zug\u00e4nglichen Bereichen die Bezahlung extrem diskriminierend. Nach einer k\u00fcrzlich erschienen Studie des Arbeitsministeriums sind von den 29,94 Millionen Menschen, die im formellen Sektor arbeiten, 3,89 Millionen Frauen. 94 % der weiblichen Arbeitskr\u00e4fte wiederum sind im unorganisierten Sektor besch\u00e4ftigt, wo keine Unterst\u00fctzungssysteme existieren. Industriezweige, die L\u00f6hne nach St\u00fcckzahl z.B. f\u00fcr Beedis, Zigarren, Kleidungsst\u00fccke oder Kunsthandwerk bezahlen, bedienen sich unorganisierter Arbeitskr\u00e4fte, und davon sind 90 % Frauen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rkung von Frauen im Hinblick auf die Verbesserung sowohl ihrer sozialen als auch ihrer wirtschaftlichen Lage ist eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr die gesamte menschliche Entwicklung. Jedoch verhindert die gegenw\u00e4rtige gesellschaftliche Situation das Vorw\u00e4rtskommen von Frauen und enth\u00e4lt somit dem gr\u00f6\u00dferen Teil der Bev\u00f6lkerung das Grundrecht vor, mit gleichen Chancen und in W\u00fcrde, gegr\u00fcndet auf wirtschaftlicher Beteiligung, zu leben.<\/p>\n<h3>Aufbau von Alternativen<\/h3>\n<h3>Angebot \u00f6konomischer M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen<\/h3>\n<p>Was am dringendsten ben\u00f6tigt wird, ist die Schaffung von mehr Ausbildungseinrichtungen f\u00fcr alternative Berufsrichtungen und die Erzeugung von Einkommen, welches nicht nur die wirtschaftliche Stellung der Frau verbessern, sondern auch die gesellschaftliche Wertebasis \u00e4ndern helfen w\u00fcrde; weg vom &#8222;individuellen Profit&#8220; hin zum &#8222;Teilen in der Gruppe&#8220;. Die F\u00f6rderung von Fertigkeiten, die im Dorf dringend gebraucht werden, anstelle einer Orientierung auf Konsumartikel, w\u00fcrde im indischen Kontext letztlich mehr dazu beitragen, da\u00df Armut beseitigt werden kann.<\/p>\n<h3>Organisation von l\u00e4ndlichen Frauen-Selbsthilfe-Gruppen<\/h3>\n<p>Ein wichtiger Schritt gegen wirtschaftliche Ausbeutung ist die Steigerung der organisierten St\u00e4rke von Frauen, indem Bewu\u00dftsein \u00fcber die \u00f6konomischen Faktoren geschaffen wird, die einen negativen Einflu\u00df auf ihr Leben haben. Mit der Idee der St\u00e4rkung von Frauen im Mittelpunkt k\u00f6nnen die so gebildeten Gruppen dazu angeregt werden, mit einkommenserzeugenden T\u00e4tigkeiten zu beginnen. Diese unternehmerischen Frauenkooperativen k\u00f6nnen die Ausbeutung durch Zwischenh\u00e4ndler und d\u00f6rfliche Geldverleiher verhindern, die ansonsten riesige Gewinne aus der harten Arbeit armer Landfrauen ziehen. Die Schaffung geeigneter Vermarktungswege auf kooperativer Grundlage unter Frauen kann in eine solche Initiative integriert werden, die im Besitz von Frauen ist und von diesen verwaltet wird. Sie sparen einen gewissen Betrag f\u00fcr die eigene Verwendung als auch f\u00fcr die Gruppe. Dies dient einem doppelten Zweck. Einerseits wird ein l\u00e4ndliches Kreditsystem geschaffen. Andererseits versetzt ein auf diese Weise geschaffener Fonds die Gruppe in die Lage, f\u00fcr ihre eigenen organisatorischen Kosten aufzukommen.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderung im Wertedenken f\u00fchrt zum Entstehen einer friedlichen sozialen Atmosph\u00e4re, die eine freie und umfassende Beteiligung am Leben durch alle erm\u00f6glicht. Dazu geh\u00f6rt, das in der Gesellschaft vorhandene traditionelle Bild der Frau zu ver\u00e4ndern, das Frauen abwertet und ihnen eine schwache, unterw\u00fcrfige und passive Rolle zuschreibt. Solange solche Meinungen in der Gesellschaft bestehen, wird die Ausbildung von Frauen nie gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Zusammenfassend mu\u00df ich sagen, da\u00df man\/frau zu bestimmten Zeiten der menschlichen Geschichte einen entscheidenden Schritt tun mu\u00df. Wir m\u00fcssen jetzt einen entscheidenden Schritt f\u00fcr die Sache der Frauen tun, denn &#8222;es gibt gr\u00f6\u00dfere Kriege zu f\u00fchren, gr\u00f6\u00dfere Schlachten zu gewinnen&#8220; &#8211; nat\u00fcrlich alle f\u00fcr eine gerechte Gesellschaft ohne Benachteiligung aufgrund des Geschlechts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aspekte \u00f6konomischer Unterdr\u00fcckung \u00d6konomische Unterdr\u00fcckung und Frauen sind in unserem Zusammenhang synonym. Auf den verschiedensten Ebenen \u00f6konomischer Beziehungen und T\u00e4tigkeiten sind Frauen immer die ersten Opfer. 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