{"id":2343,"date":"1998-12-01T00:00:12","date_gmt":"1998-11-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2343"},"modified":"2022-07-26T12:59:14","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:14","slug":"gefangen-im-netz-kollektiver-identitaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/12\/gefangen-im-netz-kollektiver-identitaten\/","title":{"rendered":"Gefangen im Netz kollektiver Identit\u00e4ten?"},"content":{"rendered":"<p>Diese Fragestellungen waren f\u00fcr mich Ausgangspunkt einer \u00fcberaus kritischen Besch\u00e4ftigung mit &#8222;Identit\u00e4t&#8220;, deren aktuellen Stand ich versuche in diesem Artikel wiederzugeben. Aktueller Anla\u00df f\u00fcr diesen Artikel ist dabei die Verschr\u00e4nkung verschiedener Diskussionen innerhalb der WRI, bei denen es sich h\u00e4ufig um &#8222;Identit\u00e4ten\u201d nationaler oder &#8222;geschlechtlicher\u201d Art dreht. Stehe ich einerseits kollektiven Identit\u00e4ten sehr kritisch gegen\u00fcber, sehe sie gar als Hindernis auf dem Weg zu einer herrschaftslosen Gesellschaft; so l\u00e4\u00dft sich andererseits aktuell die Wirkm\u00e4chtigkeit gerade dieser kollektiven Identit\u00e4ten kaum leugnen, wie gerade nationalistische Verhetzungen und Kriege nur zu grausam deutlich machen.<\/p>\n<p>In diesem Artikel bleibt vielleicht manches unklar oder widerspr\u00fcchlich, doch ich denke, da\u00df es auf die Frage der Identit\u00e4t keine einfache Antwort geben kann. Und ich verstehe diesen Artikel zudem als einen Anfang, als einen Schritt der kritischen Auseinandersetzung mit Identit\u00e4t.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 4ex;\">&#x2642;<\/span><\/p>\n<p>Vielleicht ist es kein Zufall, da\u00df es gerade wei\u00dfe, westeurop\u00e4isch\/nordamerikanische, heterosexuelle, der Mittelklasse angeh\u00f6rende M\u00e4nner sind, die sich ihrer Identit\u00e4t nicht bewu\u00dft sind: sie sind es, die die &#8222;Norm&#8220; repr\u00e4sentieren, gegen die alle und alles gemessen wird. Kollektive Identit\u00e4ten sind h\u00e4ufig Definitionen des &#8222;Anderen&#8220;, des von der Norm abweichenden und damit &#8222;Minderwertigen&#8220;. Diese Zuschreibungen des &#8222;Anderen&#8220; sind aber gleichzeitig notwendig f\u00fcr die Definition der &#8222;Norm&#8220;, die h\u00e4ufig als &#8222;Nat\u00fcrlichkeit&#8220; daherkommt.<\/p>\n<p>Eine dieser &#8222;Normalit\u00e4tskonstruktionen&#8220; ist Heterosexualit\u00e4t. Hier wird &#8222;etwas als Normalit\u00e4t ausgewiesen, was eigentlich eine Setzung, eine gesellschaftliche Konstruktion ist, die zum Machterhalt und zur Herrschaftssicherung dient.&#8220; ((2)) M\u00f6glich wurde diese Normalit\u00e4tskonstruktion gar nicht so sehr durch die eigenst\u00e4ndige Definition der Heterosexualit\u00e4t, sondern durch die Erfingung des &#8222;Anderen&#8220;, des &#8222;Nicht- Heterosexuellen&#8220;: des Homosexuellen. Die Abgrenzung, der Ausschlu\u00df von der Norm, f\u00fchrt dabei zu einer Identit\u00e4tskonstruktion, der Beschreibung einer kollektiven Identit\u00e4t der Homosexuellen. ((3)) Nicht bewu\u00dft wird dabei, da\u00df die Normalit\u00e4t, obwohl sie die sozial dominante Form ist, in einer Art Abh\u00e4ngigkeit zu dem steht, was ausgeschlossen ist &#8211; hetero braucht homo. &#8222;Nur durch die Marginalisierung von einigen kann die zweigeschlechtliche heterosexuelle Ordnung sich selbst best\u00e4tigen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Es ist leicht einsichtig, da\u00df f\u00fcr die so aus der Heterosexualit\u00e4t ausgeschlossenen ein kollektives Gef\u00fchl des &#8222;Nicht-Dazugeh\u00f6rens&#8220;, des &#8222;Anders-Seins&#8220; entsteht. Dieses Gef\u00fchl des &#8222;Anders-Seins&#8220;, des &#8222;von der Norm abweichens&#8220; ist bis heute &#8211; trotz der nicht zu leugnenden Fortschritte schwul\/lesbischer Emanzipation &#8211; vorherrschend, w\u00e4re doch sonst ein &#8222;Coming Out&#8220; als schwul\/lesbisch nicht notwendig.<\/p>\n<p>Den &#8222;Nicht-Dazugeh\u00f6renden&#8220; wird somit ihre eigene kollektive Identit\u00e4t schmerzlich gerade durch diesen Ausschlu\u00df bewu\u00dft. Sie ist &#8211; daran gibt es wohl wenig zu zweifeln &#8211; pr\u00e4gend f\u00fcr die eigene Entwicklung, f\u00fcr das eigene Selbstbewu\u00dftsein. Doch gleichzeitig ist auch diese homosexuelle (bzw. schwul\/lesbische) Identit\u00e4t nicht denkbar ohne die (Hetero) Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich l\u00e4\u00dft sich das f\u00fcr &#8222;nationale&#8220; Identit\u00e4ten aufzeigen. Ein aktuelles Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re die Situation im Kosovo\/a, in der h\u00e4ufig &#8211; und zu Recht &#8211; der Nationalismus der Kosovo\/a- AlbanerInnen kritisiert wird. Doch auch diese &#8222;nationale Identit\u00e4t&#8220; ist zumindest teilweise von au\u00dfen konstruiert. Schon lange vor der Aberkennung der Autonomie im Jahre 1991 war die gesamte kosova-albanische Bev\u00f6lkerung Ziel einer Ha\u00dfkampagne der serbischen Medien, in der sie entmenschlicht und als Bestien und Vergewaltiger dargestellt wurden. Dies Kampagne basierte auf fabrizierten Geschichten, insbesondere \u00fcber Vergewaltigungen und ethnischer &#8222;Zwischenf\u00e4lle&#8220;.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens nach der Aberkennung der Autonomie war ein gro\u00dfer Teil der albanischen m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung im Alter von mehr als 12 Jahren direkter physischer Gewalt durch serbische Polizeikr\u00e4fte ausgesetzt, die meisten Familien mu\u00dften miterleben, da\u00df Familienmitglieder verhaftet wurden, teilweise gefoltert und in einigen F\u00e4llen in der Polizeihaft buchst\u00e4blich erschlagen wurden. Mehr als 70 % der AlbanerInnen wurden au\u00dferdem durch die serbischen Beh\u00f6rden aus ihrem Arbeitsplatz gefeuert. ((5))<\/p>\n<p>Durch die so vorgenommene gezielte Ausgrenzung &#8211; bis hin zur Schlie\u00dfung albanisch-sprachiger Schulen &#8211; wurde fast schon zwangsl\u00e4ufig eine kosovo\/a-albanische nationale Identit\u00e4t konstruiert. Entscheidend hierbei ist, da\u00df auch diese nationale Identit\u00e4t zun\u00e4chst faktisch von au\u00dfen aufgezwungen wird. Ob mensch will oder nicht, es ist praktisch unm\u00f6glich, sich dieser Identit\u00e4tszuschreibung zu entziehen; sie ist f\u00fcr die eigene Erfahrung &#8211; als individuelle und kollektive Erfahrung der Unterdr\u00fcckung &#8211; pr\u00e4gend.<\/p>\n<p>Diese kollektive Erfahrung machen die der &#8222;Norm&#8220; entsprechenden &#8211; eben jene westeurop\u00e4isch\/nordamerikanischen, wei\u00dfen und heterosexuellen, der Mittelklasse angeh\u00f6renden &#8211; M\u00e4nner in der Regel so nicht. Ihre Erfahrung &#8211; durchaus auch kollektiv &#8211; ist die &#8222;normale&#8220; bzw. als normal gesetzte, sie repr\u00e4sentiert zwar auch eine kollektive Identit\u00e4t, die aber durch ihren Normcharakter als solche nicht bewu\u00dft wird.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 4ex;\">&#x2642;&#x2642;<\/span><\/p>\n<p>Voraussetzung der schwul\/lesbischen Emanzipationsbewegung war es, die als &#8222;minderwertig&#8220; definierte und von au\u00dfen zugeschriebene kollektive Identit\u00e4t positiv zu wenden. &#8222;Gay Pride&#8220;, &#8222;Gay is good&#8220; oder \u00e4hnlich lauteten die Slogans, die den Proze\u00df der positiven Inbesitznahme der eigenen Identit\u00e4t beschreiben. \u00c4hnliche Prozesse lassen sich ebenfalls f\u00fcr die Frauenbewegung oder auch die Schwarzenbewegung in den USA feststellen. &#8222;Das Herausbilden eines politischen Identit\u00e4tsbewu\u00dftseins &#8230; ist ein Schritt der Politisierung und des Widerstands unterdr\u00fcckter Gruppen im Kampf gegen diese Unterdr\u00fcckung. &#8230; Das hei\u00dft Identit\u00e4tsbewu\u00dftsein ist Produkt und Mittel einer Befreiungspolitik, Identit\u00e4t ein (vor\u00fcbergehender) Kampfbegriff: Entgegnung auf die Diskriminierung und die Sicht der Norm. Identit\u00e4t in diesem Sinne umfa\u00dft das Bewu\u00dftsein einer gemeinsamen Geschichte der Ausbeutung und der Unterdr\u00fcckung&#8230;&#8220;, so Susanne Kappeler ((6)).<\/p>\n<p>Viele dieser Bewegungen hatten am Anfang damit zu k\u00e4mpfen, verinnerlichte Zuschreibungen von au\u00dfen zu \u00fcberwinden. Genauso wie viele Schwarze in der USA (und nicht nur dort) ein verinnerlichtes Selbstbild ihrer eigenen angeblichen &#8222;Minderwertigkeit&#8220; gegen\u00fcber Wei\u00dfen zun\u00e4chst im Proze\u00df ihrer Organisierung gegen Rassismus \u00fcberwinden und umkehren mu\u00dften, genauso galt f\u00fcr viele Schwule und Lesben h\u00e4ufig die \u00dcbernahme negativer Selbstdefinitionen. Die nach &#8222;Stonewall&#8220; erstarkende Schwulen- und Lesbenbewegung war vielfach auch eine &#8222;Coming Out&#8220;-Bewegung, die ihr eigenes Coming Out &#8222;politisch abarbeitete&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frauenbewegung dien(t)en Frauengruppen zun\u00e4chst einmal dazu, die gemeinsame Erfahrung der Unterdr\u00fcckung aufzuzeigen und sich gegenseitig &#8222;als Frauen&#8220; zu empowern, um daraus dann politische Aktion zu entwickeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Bewegungen (oder alle drei, wenn mensch Schwulen- und Lesbenbewegung als zwei verschiedene Bewegungen betrachtet, was durchaus Sinn macht) l\u00e4\u00dft sich jedoch eine Tendenz weg von Identit\u00e4t als gemeinsame Erfahrung der Unterdr\u00fcckung hin zu einer &#8222;Identit\u00e4tspolitik&#8220; feststellen, bei der die so neu gefundenen eigenen schwulen, lesbischen oder Frauenidentit\u00e4ten festgeschrieben und als Basis f\u00fcr Politik definiert werden. &#8222;Mit der Konsolidierung der Schwulen\/Lesbenbewegung (gay movement) verlor der frontale Angriff auf gerade diese Vorstellung von Grenzen zwischen sexuellen Identit\u00e4ten rapide in Popularit\u00e4t. Gay-AktivistInnen begannen zu argumentieren, da\u00df Gays eine sexuelle Minderheit seien, denen die gleichen Rechte zustehen w\u00fcrden, wie anderen B\u00fcrgerInnen. Anstatt das Sytem einzurei\u00dfen, war das neue Ziel eine Ver\u00e4nderung des Systems, um Homosexuellen eine Beteiligung auf gleicher Grundlage zu erm\u00f6glichen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Damit verliert Identit\u00e4t dann den Charakter eines (vor\u00fcbergehenden) Kampfbegriffes und wird selbst wieder normbildend &#8211; zumindest f\u00fcr die Gruppe, der diese Identit\u00e4t \u00fcbergest\u00fclpt werden soll.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 4ex;\">&#x2642;<\/span><\/p>\n<p>&#8222;M\u00e4nnliche Identit\u00e4t&#8220;, &#8222;heterosexuelle Identit\u00e4t&#8220; oder auch &#8222;wei\u00dfe Identit\u00e4t&#8220; existieren dagegen schon jetzt als Norm; sie sind wenig bewu\u00dft. Es macht jedoch auch wenig Sinn, sie als &#8222;Kampfbegriff&#8220; oder &#8222;Produkt und Mittel einer Befreiungspolitik&#8220; im oben genannten Sinne von Susanne Kappeler zu st\u00e4rken. Im Gegenteil: durch ihren Normierungscharakter sind sie Mittel der Unterdr\u00fcckung und Zurichtung, ohne da\u00df gleichzeitig ein Bewu\u00dftsein der Identit\u00e4t notwendig w\u00e4re. R\u00fcdiger Lautmann behauptet f\u00fcr Heterosexualit\u00e4t, da\u00df sie &#8222;nicht f\u00fcr eine Identit\u00e4t taugt&#8220;. Sie ist lediglich &#8222;Ausschlu\u00dfkategorie&#8220;, &#8222;Restkategorie&#8220; (&#8222;alles, nur nicht so&#8220; &#8211; was in diesem Fall homosexuell meint, AS), bleibt dabei aber selbst im Hintergrund. &#8222;Vielleicht m\u00f6chte Heterosexualit\u00e4t schlicht mit dem Menschsein gleichgesetzt werden, und auf diesem nicht gerade bescheidenen Anspruch beruht ihr universaler Erfolg.&#8220; ((9)) Hierin spiegeln sich die strukturellen gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse wieder, die Voraussetzung sind f\u00fcr die Macht zur Definition, die Durchsetzung der wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen, heterosexuellen Norm.<\/p>\n<p>Diese Form der &#8222;Identit\u00e4t&#8220; gilt es daher zunehmend in Frage zu stellen, einerseits als normsetzende Identit\u00e4t der scheinbaren Nat\u00fcrlichkeit zu entrei\u00dfen, andererseits aufzuweichen, zu verunsichern, zum Einsturz zu bringen. Doch kann es andererseits nicht darum gehen, diese Identit\u00e4ten schlicht zu negieren. Als &#8222;Wei\u00dfer&#8220; &#8211; und auch als &#8222;Deutscher&#8220; &#8211; habe ich den Blick der Norm. Ohne diesen zu reflektieren laufe ich st\u00e4ndig Gefahr, andere entsprechend der Norm zu bewerten, sie entsprechend ihrer \u00dcbereinstimmung mit oder Abweichung von der Norm in Kategorien einzuteilen, ihnen vielleicht auch mit einem &#8222;Normierungsdruck&#8220; zu begegnen, die mit der Zugeh\u00f6rigkeit zur Norm verbundene Macht auch auszuspielen.<\/p>\n<p>&#8222;M\u00e4nnlich&#8220;, &#8222;heterosexuell&#8220; und &#8222;wei\u00df&#8220; sind Attribute der Macht, nicht der Befreiung. Gleichzeitig sind sie durch ihren normierenden Charakter auch f\u00fcr diejenigen, auf die diese Norm zutrifft, begrenzend, raubt die Norm den sie verk\u00f6rpernden doch eine potentielle Vielfalt anderer Verhaltensm\u00f6glichkeiten; macht sie sozusagen zu SklavInnen der Norm. Wer einmal versucht hat, den Bruch mit M\u00e4nnlichkeit wirklich zu vollziehen, der kann vielleicht nachvollziehen, wie hoch der Normierungsdruck ist &#8211; selbst f\u00fcr &#8222;Nicht-Heterosexuelle&#8220;. Das f\u00e4ngt schon bei so banalen Fragen wie Kleidung an, zeigt sich doch gerade an diesen \u00c4u\u00dferlichkeiten der Druck gesellschaftlicher Normen am deutlichsten (schonmal ein Cross-Dressing in der \u00d6ffentlichkeit versucht?). Doch noch schwieriger ist es bei den subtilen, nicht bewu\u00dften Merkmalen von M\u00e4nnlichkeit.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 4ex;\">&#x2642;&#x2642;&#x2640;&#x2640;<\/span><\/p>\n<p>Doch auch die kollektiven Identit\u00e4ten marginalisierter, unterdr\u00fcckter Gruppen sind ambivalent. Aus meiner Sicht wird von Bef\u00fcrworterInnen einer Identit\u00e4tspolitik der Aspekt des Empowerment, der aus dem kollektiven Bewu\u00dftsein der Unterdr\u00fcckung und der positiven Wendung der Identit\u00e4t entspringt, stark \u00fcberbewertet ((10)). Kollektiven Identit\u00e4ten ist sozusagen das Ausschlu\u00dfprinzip inh\u00e4rent, sie sind immer normbildend und damit begrenzend. Susanne Luhmann zeigt dies am Beispiel der &#8222;frauenidentifizierten lesbischen Identit\u00e4t&#8220;, wie sie in Anlehnung an Adrienne Rich ((11)) weit rezipiert wurde. Hier wird ein neues &#8222;regulatives Ideal&#8220; konstruiert, das gleichzeitig neue Marginalisierungen hervorruft und somit kontrolliert, welche Formen von Geschlecht und Sexualit\u00e4t legitim und welche illegitim sind. ((12))<\/p>\n<p>Auch hier lassen sich wieder deutliche Parallelen zu &#8222;nationaler Identit\u00e4t&#8220; feststellen. Auch unterdr\u00fcckte nationale Identit\u00e4ten entwickeln im Proze\u00df ihrer &#8222;Emanzipation&#8220;, ihrer Selbst-Aufwertung, eigene Normen f\u00fcr ihre Mitglieder. Hiermit entsteht zum einen ein Normierungsdruck, wie z.B. Schwarze zu sein haben (und schwarze M\u00e4nner hatten auch in den USA in der Regel eben heterosexuell zu sein, wie schwule Schwarze schmerzhaft erleben mu\u00dften), zum anderen auch Ausschlu\u00dfkriterien aus der &#8222;schwarzen Gemeinschaft&#8220;. Gerade bei eskalierenden Konflikten gibt es sehr massiv nur noch ein &#8222;entweder-oder&#8220;, einen massiven Zwang, sich einer der nationalen\/ethnischen (oder auch sexuellen) Identit\u00e4ten zuzuordnen (wovon wohl viele B\u00fcrgerInnen des ehemaligen Jugoslawiens aus eigener Erfahrung berichten k\u00f6nnen). So ist es auch f\u00fcr die serbische Minderheit im Kosovo\/a eine berechtigte Angst, in einem unabh\u00e4ngigen Kosovo\/a aus der dann neuen nationalen Identit\u00e4t ausgeschlossen und somit unterdr\u00fcckt zu werden. Aus einem (zeitweiligen) Mittel des Empowerment wird somit schon jetzt absehbar ein Mittel der Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Susanne Kappeler bringt die Begrenzungen der Identit\u00e4tspolitik sehr pr\u00e4gnant auf den Punkt: &#8222;Sinn und Zweck des politischen Identit\u00e4tsbewu\u00dftseins ist nicht das Feiern einer gefundenen Identit\u00e4t, sondern die \u00dcberwindung der rassistischen, sexistischen, heterosexistischen Identit\u00e4t und die Abschaffung aller Kriterien der Diskriminierung und Ausbeutung, sei es Rasse, Geschlecht oder sexuelle Orientierung. Identit\u00e4tspolitik, d.h. Interessenpolitik aufgrund sog. Identit\u00e4ten, ist die Entpolitisierung des Selbstbefreiungskampfes unterdr\u00fcckter Gruppen. Mit der Identit\u00e4tspolitik &#8211; Frauenpolitik statt feministischer Politik, Lesben- und Schwulenpolitik statt Anti-Heterosexismuspolitik, weibliche Kultur statt Patriarchatskritik &#8211; mit der Identit\u00e4ts- und der ganzen &#8218;Differenzpolitik&#8216; also, die heute ihren Einzug h\u00e4lt, ist der politische Sinn der kollektiven Bildung eines &#8218;Identit\u00e4tsbewu\u00dftseins&#8216; unterdr\u00fcckter Gruppen verloren gegangen. &#8218;Identit\u00e4t&#8216; ist zum psychologischen und kulturellen Begriff verkommen, dessen befreiungspolitische Bedeutung verloren gegangen ist.&#8220; ((13))<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 4ex;\">&#x2642;&#x2642; &#x2642;&#x2640;?<\/span><\/p>\n<p>Warum mu\u00df ich mich dem Zwang der Zuordnung zu kollektiven Identit\u00e4ten eigentlich beugen, warum mich einer den Definitionen von &#8222;schwul&#8220; oder &#8222;heterosexuell&#8220; zuordnen? Sind diese Normierungen denn nicht Einengungen, Begrenzungen meiner M\u00f6glichkeiten? W\u00e4re demnach eine Zuordnung nicht auch eine Akzeptierung der Norm, eine Form der freiwilligen Unterordnung unter die Norm?<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit in der praktischen Umsetzung einer Verweigerung der Zuordnung liegt f\u00fcr mich jedoch darin, da\u00df die gesellschaftlichen Normierungen nat\u00fcrlich auch auf mich eine massive Wirkm\u00e4chtigkeit aus\u00fcben. Nat\u00fcrlich bin ich als Mann sozialisiert und habe somit auch Anteil an den Vorteilen, die das Patriarchat M\u00e4nnern bietet, und gleichzeitig falle ich doch aus einem wichtigen Attribut der M\u00e4nnlichkeit &#8211; der (ausschlie\u00dflichen) Heterosexualit\u00e4t &#8211; heraus. Doch mu\u00df ich mich deswegen einer neuen &#8211; schwulen &#8211; kollektiven Identit\u00e4t zuordnen, und somit die Binarit\u00e4t &#8222;homo-hetero&#8220; weiter fortschreiben und mich an ihrer Zementierung beteiligen, um mich dann den Normen der &#8222;gay community&#8220; unterzuordnen? Wo bleibt da die &#8222;Befreiung&#8220;?<\/p>\n<p>Kollektive Identit\u00e4ten begreife ich daher als ein Gef\u00e4ngnis, aus dem es auszubrechen gilt. Wir m\u00fcssen uns befreien aus dem &#8222;Netz kollektiver Identit\u00e4ten&#8220;, in das wir nicht hineingeboren sind, sondern das uns durch gesellschaftliche Normkonstruktionen von au\u00dfen aufgezwungen wird, an dem wir selbst aber auch flei\u00dfig mitweben. Dabei liegt jedoch eine Gefahr darin, die Wirkm\u00e4chtigkeit der real-existierenden kollektiven Identit\u00e4ten schlicht zu leugnen, sich der eigenen Verstrickung in diese Identit\u00e4ten nicht bewu\u00dft zu sein. Wenn wir er schaffen, uns zumindest dem &#8222;Mit-Weben&#8220; zu verweigern, vielleicht einzelne Spinnf\u00e4den des schon &#8211; auch von uns &#8211; gewebten Netzes zu zerschneiden und somit das Netz der Identit\u00e4ten zu destabilisieren, dann entstehen &#8211; vielleicht &#8211; Potentiale f\u00fcr Befreiung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Fragestellungen waren f\u00fcr mich Ausgangspunkt einer \u00fcberaus kritischen Besch\u00e4ftigung mit &#8222;Identit\u00e4t&#8220;, deren aktuellen Stand ich versuche in diesem Artikel wiederzugeben. Aktueller Anla\u00df f\u00fcr diesen Artikel ist dabei die Verschr\u00e4nkung verschiedener Diskussionen innerhalb der WRI, bei denen es sich h\u00e4ufig um &#8222;Identit\u00e4ten\u201d nationaler oder &#8222;geschlechtlicher\u201d Art dreht. 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