{"id":2352,"date":"1998-12-01T00:00:19","date_gmt":"1998-11-30T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2352"},"modified":"2022-07-26T14:17:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:02","slug":"reclaim-yourself","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/12\/reclaim-yourself\/","title":{"rendered":"Reclaim yourself!"},"content":{"rendered":"<p>Fast acht Jahre ist es her, da\u00df Bey&#8217;s erstes Buch mit dem wunderlichen Titel &#8222;T.A.Z.: Die tempor\u00e4re autonome Zone und Ontologischer Anarchismus&#8220; als neuer Underground-Klassiker Kultstatus erreichte. Die &#8222;Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr Anarcho-Dandys&#8220; mit Manifestcharakter stillt seitdem das Legitimationsbed\u00fcrfnis einer neuen Widerstandskultur, die eher auf Diskontinuit\u00e4t und Direktheit, auf Spontaneit\u00e4t und Spa\u00df setzt, als auf gro\u00dfangelegte Strategien und Kulturkritik. Die erlebnisorientierten Protestler haben scheinbar ihren Theoretiker gefunden, f\u00fcr den &#8222;langweilig&#8220; ein f\u00fcrchterliches Schimpfwort ist, und der auf schwarzroten Flaggen das Motto: &#8222;Fight for your Right to Party&#8220; postuliert. Mit einem Programm, dessen Kernpunkte eine erneute Vermittlung von Widerstand und Kunst, schrankenlose Selbstverwirklichung und individuellem Spriritualismus sind, begeistert er die LeserInnen &#8211; oder schockiert. Im Kontrast zur &#8218;moralisierenden&#8216; Linken (&#8222;Those bitchy Leftists !&#8220; H.B.), ruft er nach Immoralit\u00e4t (juristisch, sexuell oder sonstwie), die keineswegs menschenfeindlich ist, aber durchaus obz\u00f6n sein kann: Pornographie statt Political Correctness. Seine anhaltende (und wachsende) Popularit\u00e4t verdankt Bey zu einem gro\u00dfen Teil dem Internet, wo praktisch alle seine Texte umgehend ver\u00f6ffentlicht werden, vermutlich, weil er das Netz nicht ausschlie\u00dflich als kommerzielle Werbefl\u00e4che und Spielwiese f\u00fcr \u00e4ltere Kinder betrachtet, sondern als potentielle Waffe f\u00fcr die libert\u00e4re Sache.<\/p>\n<p>Seine Essays sind gelehrt &amp; poetisch, clever &amp; kindisch, philosophisch &amp; unterhaltsam und schweifen oft ins religi\u00f6se, manchmal auch kitschige ab. So wirr wie es klingt, liest es sich dann auch, so da\u00df die Texte weniger argumentativ \u00fcberzeugen, als durch ihre poetische Vitalit\u00e4t faszinieren. Doch die Frage ist, welche Perspektiven er wirklich entwirft, und welche Strategien politischen Handelns er vorschl\u00e4gt. Darum soll es hier gehen.<\/p>\n<h3>Die TAZ<\/h3>\n<p><cite> &#8222;Die tempor\u00e4re autonomen Zone ist [&#8230;] ein Palimpsest aller utopischen Theorien und Begierden. Sie schafft die Matrix einer anti-autorit\u00e4ren Bewegung, in der es m\u00f6glich ist das ganze Durcheinander anarchistischer, libert\u00e4rer, syndicalistischer, anarcho-kommunistischer, post-situationistischer Tendenzen zusammenzuklumpen. Diese Vereinigung des nicht Einheitlichen wird nicht von Idiologie getrieben, sondern von einer Art aufst\u00e4ndischen Krachs oder Chaos der Revolte, der Verneinung und der Offenbarung. Hundert, tausend Blumen des Widerstands, der Verschiedenheit, des nicht-ordin\u00e4ren Bewu\u00dftseins werden bl\u00fchen &#8211; der Wille zur Macht als Andersartigkeit.&#8220; <\/cite><\/p>\n<p>Die TAZ ist Widerstand ohne &#8222;lanweilige&#8220; basispolitische Arbeit oder das Warten auf die Revolution, sondern als spontaner Aufstand, als pl\u00f6tzliche Insurrektion. Sie kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Party zur Hausbesetzung oder Kommune beschreibt sie jede Form der zeitweiligen Autonomie, des miteinander-(er)lebens au\u00dferhalb des gesellschaftlichen Konsens. Bey will sie nicht als neues politisches Konzept verstanden wissen, denn <cite>&#8222;zu jeder Zeit gab es tempor\u00e4re autonome Zonen, und es wird sie immer geben&#8220;<\/cite>, doch gerade in einer Zeit des &#8222;omnipr\u00e4senten Staates&#8220; sieht er sie als wichtigste Manifestation des Widerstands an. Statt einem &#8222;geistigen Festhalten am Idealen&#8220; oder der blo\u00dfen &#8222;Emp\u00f6rung \u00fcber unser Opferdasein&#8220; will er die Revolte direkt, wenn auch nur f\u00fcr kurze Zeit, verwirklicht sehen. <cite>&#8222;Also &#8211; die Revolution ist zuende, der Aufstand allerdings m\u00f6glich. Wir konzentrieren unsere Kraft auf tempor\u00e4re Machtwellen und vermeiden jegliche Verwicklung in permanente L\u00f6sungen.&#8220;<\/cite> Er schl\u00e4gt vor, der Gewalt des Staates auszuweichen, sich auf keine Konfrontation und damit sinnloses M\u00e4rtyrertum einzulassen. Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke der TAZ soll ihre Unsichtbarkeit sein, sie soll nicht zu fassen und nicht zu definieren sein, &#8222;irgendwo in den Spalten und Rissen des Monolithen aufflammen&#8220;, nur um wieder zu verschwinden, wenn sie die Aufmerksamkeit der Medien oder Repressionen des Staates auf sich zieht. Statt sich auf einen ungleichen Kampf einzulassen, schl\u00e4gt er eine Taktik des Verschwindens vor, die &#8222;virtuelle Unsichtbarkeit&#8220;.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem erf\u00fcllteren und intensiverem Leben, strebt er die perfekte Symbiose von Protest und Selbstverwirklichung an, <cite>&#8222;das Festival als Wider- und Aufstand, beides in Einem, als die wirkliche Bedeutung und innere Struktur der Autonomie&#8220;<\/cite>. Anarchie als ekstatische Philosophie, als &#8222;Steigerung des Lebens&#8220;, statt Verfolgung realpolitischer Ziele. Bey steht ganz in Individual-anarchistischer Tradition, kn\u00fcpft an Stirner und Nietzsche an, sucht aber gleichzeitig die Gemeinschaft, die Vereinigung mit Gleichgesinnten. <cite>&#8222;Die Autonomie des Individuums erscheint komplementiert und vergr\u00f6\u00dfert in der Bewegung der Gruppe; w\u00e4hrend die Effektivit\u00e4t der Gruppe von der Autonomie der Individuen abh\u00e4ngt.&#8220;<\/cite><\/p>\n<p>Trotz seiner Erlebnisorientiertheit w\u00e4re es falsch, Bey als reinen Party-Anarchisten zu outen und aus der Diskussion zu werfen. Sein Konzept der tempor\u00e4ren autonomen Zone umfa\u00dft mehr als eine verbotene (oder erlaubte) Fete auf der n\u00e4chsten Kreuzung oder illegale Drogen-Orgien in dunklen Kellern. Neben der angestrebten psychologischen Befreiung mit dem gef\u00e4hrlichen Slogan ENTDECKE DEINE WAHREN BED\u00dcRFNISSE! (und lebe sie aus!!), die ohne Zweifel wenigstens zu einem Teil nur hedonistisches Geschw\u00e4tz ist, gibt er auch einige Anregungen, die wenigstens zu diskutieren w\u00e4ren.<\/p>\n<h3>Die Neue Unmittelbarkeit<\/h3>\n<p>Bey vertritt die Meinung, da\u00df jede politische Tat mit dem Ziel identisch sein sollte und zumindest teilweise das anvisierte Ziel realisieren mu\u00df, um erfolgreich zu sein. Das entscheidende und wirkungsvolle ist die direkte Aktion und nicht deren Rezeption in den Medien, die, wenn irgend m\u00f6glich sogar ganz zu vermeiden ist. Er kritisiert die alte Taktik der Konfrontation &amp; bestm\u00f6glichen Vermarktung in den Massenmedien und wei\u00dft darauf hin, da\u00df mediale Pr\u00e4senz keine Wirksamkeit garantiert, sondern eher kontraproduktiv ist. <cite>&#8222;Wenn etwas repr\u00e4sentiert wird, verwandelt es sich in ein Bild von sich selbst, semiotisch reicher, aber existentiell verarmt, verfremdet, aus sich selbst herausgezogen und abgeschw\u00e4cht &#8211; eine potentielle Ware.&#8220;<\/cite> Politische Aktionen m\u00fcssen an empirischen Zielen orientiert sein, um wirklichen Erfolg zu haben. Presse und Fernsehen w\u00fcrden nur einen schiefen Schatten der Wirklichkeit liefern und in illusion\u00e4rer Objektivit\u00e4t Widerstand vermarkten, Widerstand, der zur Ware und zum Bild erstarrt ist wenn er den Nachrichtenkonsumenten erreicht hat. Statt zu \u00fcberzeugen wird dieses &#8222;verzerrte Bild des Rebellen&#8220; nur auf Mi\u00dfverst\u00e4ndnis und Ablehnung sto\u00dfen, ob es sich um einzelne kleinere Aktionen oder Demonstrationen handelt. <cite>&#8222;Ich pers\u00f6nlich denke, das der einzige Effekt einer Demonstation die Befriedigung ist rauszugehen und ein bi\u00dfchen zu schreien. Ich denke nicht, da\u00df es irgendetwas bewegt, und ein perfektes Beispiel wie nichts erreicht wird, ist der letzte Golf-Krieg. Fr\u00fcher dachte jeder, da\u00df wenn die Demo in den Abendnachrichten war, dann war sie erfolgreich. Vielleicht war das einmal richtig; ist es jetzt aber sicherlich nicht mehr. Das beste was passieren kann, ist das sie sagen werden: Und jetzt h\u00f6ren wir den Standpunkt der anderen Seite. Was bist du dann? Die andere Seite. Wir sollten <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Seite sein. [&#8230;] Wenn wir all die Anstrengung, die die Linken in Demos investiert haben, in eine Untergrund- \u00d6konomie gesteckt h\u00e4tten, dann h\u00e4tten wir &#8222;die Revolution&#8220; schon lange verwirklicht.&#8220;<\/cite> Bey stellt die These in den Raum, das es wichtiger sei, sich heimlich, unmittelbar, und direkt zu vernetzen, als eine sinnlose Medienpr\u00e4senz zu waren und sich bestenfalls, wenn es nicht &#8222;physisch&#8220; m\u00f6glich ist, mit intimen Medien z.B. Post, Telefon, oder Internet zu verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<h3>Das Netz und das Internet<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich zielt eine Vernetzung darauf ab, sich gegenseitig zu informieren, gleichgesinnte kennenzulernen, gemeinsam Projekte zu planen. Aber letztendlich ist die TAZ wirklich und physisch, sie verlangt Unmittelbarkeit und K\u00f6rperlichkeit. Das Netz kann nur ein Werkzeug sein, um das Potential f\u00fcr das Entstehen echter Autonomie, echtem Miteinander-leben zu maximieren. Die Hauptaufgabe eines funktionierenden Netzes sollte es sein, gegenseitige Hilfe, besonders in materieller Hinsicht, zu erm\u00f6glichen. Es ist die Suche nach einer alternativen \u00d6konomie, die eine (wenigstens zeitweilige) Abkoppelung von der Warenwelt erm\u00f6glicht. Bey schl\u00e4gt vor, bestehende G\u00fctertauschsysteme (z.B. Barter, Tauschringe &#8230;) auszuweiten und besser zu vernetzen, z.B. durch das Internet. <cite>&#8222;Was wir brauchen, ist eine Verbindung zwischen dem Internet und der wirklichen Welt. Wenn ich irgendetwas anbaue und es tauschen m\u00f6chte, z.B. Schinken, warum kann ich das immer noch nicht durch das Internet?&#8220;<\/cite> Das Internet ist nur als Chance zu begreifen, als Werkzeug die Autonomie einzelner Gruppen oder Lebensgemeinschaften voranzutreiben. Es sollte benutzt werden, weil es nunmal existiert, und solange genutzt werden, wie es sich als wirksam erweist ein selbstbestimmtes und freieres Leben zu erm\u00f6glichen. Die Frage, die immer wieder gestellt werden mu\u00df, und nicht ideologisch einseitig beantwortet werden darf ist: Inwieweit dient das Internet unserer &#8222;Selbsterm\u00e4chtigung&#8220; und f\u00f6rdert unsere Unabh\u00e4ngigkeit vom kommerziellen Moloch?<\/p>\n<p>Als Grund daf\u00fcr, warum das Internet genau diese Funktion im Moment noch nicht erf\u00fcllt, meint Bey die &#8222;falsche Transzendenz&#8220; des Internets ausgemacht zu haben. <cite>&#8222;Als am beunruhigensten empfinden wir die gnostische Qualit\u00e4t des Internets, seine Tendenz den K\u00f6rper auszuschlie\u00dfen, sein Versprechen der technologischen Transzendenz des Fleisches. Auch wenn einige Leute sich durch das Netz getroffen haben, geht die generelle Bewegung eher in Richtung Atomisierung &#8211; zusammengesunken, allein vor der Scheibe zu sitzen.&#8220;<\/cite> Es ist die Trennung von K\u00f6rper und Geist, von Intellekt und k\u00f6rperlicher Begierde, die Bey als Grund f\u00fcr das bisherige Versagen des Internets (mit)verantwortlich macht. Sollte es allerdings m\u00f6glich sein die anarchische und egalit\u00e4re Struktur des Netzes aufrechtzuerhalten oder zu vergr\u00f6\u00dfern, so k\u00f6nnte es dennoch potentielle Waffe im Kampf f\u00fcr ein emanzipiertes, freieres Leben sein. <cite>&#8222;Ich denke das Internet ist immernoch in eiem sehr chaotischen Zustand, und wert darum zu k\u00e4mpfen.&#8220;<\/cite><\/p>\n<h3>Religion und Revolution<\/h3>\n<p>Eine nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzende Rolle in Beys Denken spielt die Religion. Er sieht sich selbst in der Tradition islamischer H\u00e4retiker, und hat auch eine Studie \u00fcber dieses Thema verfa\u00dft (unter seinem b\u00fcrgerlichen Namen: Peter Lamborn Wilson: Ketzerei im Islam). Immer wieder ber\u00fchren seine Essays theologische oder philosophische Fragen, die seinen politischen Anschauungen als lebensanschauliches Fundament dienen. Es sind die befreienden Potentiale verschiedener religi\u00f6ser Traditionen die seine Essays auf die verschiedensten Arten inspirieren.<\/p>\n<p><cite>&#8222;Jede Idee (oder Ideologie) die nicht unter das kapitalistische &#8218;Ende der Geschichte&#8216; subsumiert werden kann ist dem Untergang geweiht. &#8230; Mit ziemlicher Sicherheit gilt das auch f\u00fcr f\u00fcr die Wieder-verbindung (Religio) des Bewu\u00dftseins mit dem Geist als nicht vermittelte Selbstbestimmung und Werte-Kreation &#8211; das urspr\u00fcngliche Ziel jedes Rituals oder jeder Anbetung.&#8220;<\/cite> Als Folge dessen erkennt Bey in Religionen ein Widerstandspotential gegen die nihilistische Tendenz verabsolutierter Marktmechanismen, sprich: Spiritualit\u00e4t und freie Religionen haben f\u00fcr ihn immer eine antikapitalistische Tendenz. <cite>&#8222;Die Religionen von heute sehen sich einer neuen Dichotomie gegen\u00fcber: Totale Kapitulation, oder Revolte.&#8220;<\/cite> Und seine Forderung an die Libert\u00e4ren\/Linken ist, diese neue Ausgangssituation zu verstehen und ihr Verh\u00e4ltnis zur Religion neu zu bestimmen. In einer Welt in der das Kapital die bestimmende Kraft ist, m\u00fcsse sich eine Allianz <em>der<\/em> Tendenzen ausbilden, die ihrer Natur nach nicht von der &#8222;Einen Welt&#8220; des \u00f6konomischen Kalk\u00fcls absorbiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und hier ist das Zentrum von Beys anarchistischem Glaubensbekenntnis. Die Vereinigung des nicht Einheitlichen um <em>f\u00fcr<\/em> die Verschiedenheit zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><cite> &#8222;Der Widerstand verlangt ein Vokabular, in welchem unsere gemeinsame Sache diskutiert werden kann, &#8230; und selbst dann w\u00fcrden wir immer noch weit von einem konkreten Aktionsplan entfernt sein. &#8230; Die neue Totalit\u00e4t und ihre Medien scheinen alles zu durchdringen, und alle Programme revolution\u00e4ren Inhalts schon im Vorfeld scheitern zu lassen, weil jede Nachricht selber Teil des Mediums, selber Teil des Kapitals ist. Nat\u00fcrlich ist die Situation hoffnungslos &#8211; aber nur Dummheit k\u00f6nnte das f\u00fcr einen Grund zum Verzweifeln halten oder f\u00fcr die endg\u00fcltige Langeweile der Niederlage.&#8220;<\/cite><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast acht Jahre ist es her, da\u00df Bey&#8217;s erstes Buch mit dem wunderlichen Titel &#8222;T.A.Z.: Die tempor\u00e4re autonome Zone und Ontologischer Anarchismus&#8220; als neuer Underground-Klassiker Kultstatus erreichte. 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