{"id":23555,"date":"2020-10-28T14:08:08","date_gmt":"2020-10-28T12:08:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/ein-fragwuerdiger-suizid\/"},"modified":"2020-11-17T11:20:43","modified_gmt":"2020-11-17T09:20:43","slug":"ein-fragwuerdiger-suizid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/ein-fragwuerdiger-suizid\/","title":{"rendered":"Ein fragw\u00fcrdiger Suizid"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mitarbeiter:innen des Wachpersonals vom AnkER-Zentrum am Kasernenweg hatten ihn Polizeibeamt:innen \u00fcbergeben, weil er sich mit einem oder mehreren Somaliern recht laut und unter Alkoholeinfluss gestritten hatte. Ihm wurden die Arme auf dem R\u00fccken gefesselt, obwohl er sich kooperativ und ruhig verhielt und die Anweisungen der Beamt:innen kritiklos befolgte. \u00d6fter sagte er zu ihnen \u201eAlkohol, zuviel Alkohol\u201c. Der polizeiliche Vorwurf war \u201eRuhest\u00f6rung\u201c und \u201ezur Unterbindung weiterer Straftaten\u201c nahmen sie ihn in so genannten Sicherheitsgewahrsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zelle 2 befanden sich zu der Zeit eine Pritsche, eine Matratze, eine Toilette und eine Sitzgelegenheit. Rooble Muse Warsame musste sich bis auf die Unterhose ausziehen, bekam noch eine braune Polizeiwolldecke und wurde dann kurz nach 5.00 Uhr eingeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem Kontrollgang durch den im Keller gelegenen Zellentrakt fand ein Beamter ihn dann gegen 7.30 Uhr stranguliert vor: \u201eEr war so am Boden gekauert. Man k\u00f6nnte dazu sagen, dass er sich so gekniet oder halb gesessen war mit dem Gesicht Richtung Zellent\u00fcr.\u201c Wiederbelebungsversuche der Beamt:innen vor Ort und des gerufenen Notarztes blieben erfolglos. Um 8.10 Uhr wurde Rooble Muse Warsame vom Arzt f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Herr Warsame w\u00e4re am 2. M\u00e4rz 2019 23 Jahre alt geworden. Soweit die offizielle Version.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachricht vom Tod im Polizeigewahrsam verbreitete sich schnell \u00fcber facebook. Sie erreichte so auch einige seiner Verwandten, die zeitnah aus Schweden, Norwegen, \u00d6sterreich und England anreisten, um sich vor Ort Klarheit zu verschaffen. Sie stie\u00dfen auf unerwartete Schwierigkeiten. Die Widerspr\u00fcche in dieser Geschichte wurden f\u00fcr sie immer gr\u00f6\u00dfer. Zun\u00e4chst wurde ihnen gesagt, dass Rooble Muse Warsame sich mit einem Laken und einer Bettdecke stranguliert habe. Erst nach beharrlicher Nachfrage bei der Polizei und mehreren Telefonaten innerhalb der Beh\u00f6rde wurde es ihnen gestattet, die Todeszelle anzuschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muse Warsames Cousin Mohammad Yassin erinnert sich: \u201eDie Zelle war zwei bis drei Quadratmeter gro\u00df. Wir untersuchten alles. Doch es war nicht m\u00f6glich, in diesem Raum Suizid zu begehen. Au\u00dfer man schl\u00e4gt seinen Kopf immer wieder gegen die Wand, oder erw\u00fcrgt sich mit den eigenen H\u00e4nden. Es gab kein Material in dem Zimmer \u2026 keinen Haken, keine Seile, keine \u00d6ffnung, an der man etwas h\u00e4tte befestigen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Angeh\u00f6rigen konnten sich eine Selbstt\u00f6tung \u00fcberhaupt nicht vorstellen. Er pflegte einen engen Kontakt zu seiner Familie. Sie sagten, dass Rooble Muse Warsame keinerlei psychische Probleme gehabt habe, weder depressiv war, noch jemals Andeutungen gemacht h\u00e4tte, dass er sich umbringen wolle. Aus ihrer Sicht sei ein Suizid auch undenkbar, da sein sunnitischer Glaube ihm dieses verbiete. Es gab auch keinen ersichtlichen Grund zum Suizid im Zusammenhang mit seinem Asylverfahren, denn er war im Besitz einer Aufenthaltsgestattung, so der Rechtsanwalt der Familie H.-Eberhard Schultz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von den Beh\u00f6rden geplante Ein\u00e4scherung des Toten konnte mit Hilfe der Moscheegemeinde in Schweinfurt verhindert werden. Am 4. M\u00e4rz fand die rituelle Waschung des Gestorbenen nach islamischem Brauch in Anwesenheit eines Imams statt. Die Angeh\u00f6rigen waren ersch\u00fcttert \u00fcber das, was sie sahen: frische Wunden am K\u00f6rper, Schrammen an seinem Hals, eine Verletzung an seinem Knie und H\u00e4matome am Hals und an den Beinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wurde Rooble Muse Warsame auf einem Bereich des Schweinfurter Friedhofs beigesetzt, der von der Moscheegemeinde genutzt wird. Circa 40 Personen gaben ihm das letzte Geleit. Neben Freund:innen, Mitbewohner:innen und Gemeindemitgliedern war bemerkenswerterweise auch die Polizei mit mehreren zivilen und uniformierten Einsatzkr\u00e4ften vor Ort.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Offene Fragen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im April 2019 teilte die Staatsanwaltschaft Schweinfurt mit, dass die Obduktionsergebnisse darauf hindeuten w\u00fcrden, dass der Gefangene sich mit einem Stoffstreifen selbst stranguliert habe, weil Hinweise auf Fremdverschulden nicht vorl\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rooble Muse Warsame starb durch so genanntes atypisches Erh\u00e4ngen: Da das eine Ende des Stoffstreifens in der H\u00f6he von 1,50 Meter an einem Zellengitter verknotet war, Herr Warsame jedoch eine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von 1,78 Meter hatte, war er in hockender Haltung mit vollem Bodenkontakt vorgefunden worden. Als so genanntes Strangulationswerkzeug wird ein von einer br\u00e4unlichen Polizeidecke abgetrennter sechs Zentimeter breiter und 1,95 Meter langer Streifen identifiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Beamte, der den Toten fand und noch am Todestag verh\u00f6rt wurde, antwortete auf die Frage, ob er sich erkl\u00e4ren k\u00f6nne, wie es Herrn Muse Warsame m\u00f6glich war, diesen Streifen von der Wolldecke abzutrennen, mit \u201eNein\u201c. Ebenso sein Kollege, der erst zwei Wochen sp\u00e4ter verh\u00f6rt wurde. Der dritte Kollege, der Rooble Warsame in die Zelle eingewiesen und eingeschlossen hatte, ihn also eventuell als letzter lebend gesehen hat, wurde drei Wochen sp\u00e4ter lediglich zehn Minuten lang telefonisch befragt und ihm wurde diese Frage gar nicht erst gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich ist bis heute nicht gekl\u00e4rt, wie dieser Streifen von der Wolldecke abgetrennt werden konnte. Die Wolldecke der Marke Ibena ist speziell f\u00fcr den Einsatz in Haftzellen entwickelt worden, das hei\u00dft, sie ist so stabil, dass Gefangene sich nicht damit verletzen oder t\u00f6ten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verletzungen, die Muse Warsames Verwandte bemerkten, wurden vom Institut f\u00fcr Rechtsmedizin der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg nach der Obduktion teilweise best\u00e4tigt. Es wurden \u201ediskrete\u201c Bluterg\u00fcsse im Bereich der linken Schl\u00e4fe und des Jochbeinbogens und eine \u201erelativ kr\u00e4ftige Einblutung\u201c im Bereich des rechten Jochbeins, andere H\u00e4matome an der Au\u00dfenseite des linken Unterarms und im Bereich des rechten Ellenbogens beschrieben. Auch eine sch\u00fcrfartige Verletzung am linken Unterarm und \u201efrisches sowie angetrocknetes Blut\u201c im rechten \u00e4u\u00dferen Geh\u00f6rgang \u2013 weitere Blutspuren in der Nase, an den Wangen und H\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfende Beurteilung der Rechtsmediziner:innen: \u201eAufgrund der Sektionsbefunde und der von Seiten der Polizei mitgeteilten Auffindesituation ist im vorliegenden Fall von einem atypischen Erh\u00e4ngen in suizidaler Absicht auszugehen. Anhaltspunkte f\u00fcr eine dar\u00fcber hinausgehende todesurs\u00e4chliche Gewalteinwirkung ergab die Obduktion nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bluterg\u00fcsse am linken Unterarm wie auch die Einblutungen an der linken Schl\u00e4fe und dem linken Jochbein werden von den Rechtsmediziner:innen als \u201eAnschlagsverletzungen\u201c interpretiert. Da stellt sich die Frage, wie es zu diesen Verletzungen kommen kann, wenn ein Mensch bei dem Vorgang des atypischen Erh\u00e4ngens in die Knie und zu Boden sinkt, weil er durch Sauerstoffmangel ohnm\u00e4chtig wird. Tats\u00e4chlich kann es bei akutem Sauerstoffmangel durch Strangulieren zu so genannten tonisch-klonischen Kr\u00e4mpfen mit ungeordneten Bewegungen der Extremit\u00e4ten kommen, wodurch Bluterg\u00fcsse entstehen k\u00f6nnten. Theoretisch w\u00e4re aber auch eine andere M\u00f6glichkeit denkbar: n\u00e4mlich dass Herrn Muse Warsame von einer anderen Person (Rechtsh\u00e4nder:in) kr\u00e4ftig ins Gesicht geschlagen wurde und daraufhin weitere Schl\u00e4ge durch eine Abwehrbewegung des linken Unterarms abwenden wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine andere Merkw\u00fcrdigkeit f\u00e4llt beim Studium der Akten auf: W\u00e4hrend der Beamte, der ihn vorfand, aussagte, dass er und seine Kollegen die Matratze von der Pritsche gezogen hatten, um eine h\u00e4rtere Unterlage f\u00fcr die Reanimationsversuche des Erh\u00e4ngten auf der Pritsche zu haben, steht im Bericht der Schweinfurter Spurensicherung: \u201eEine Matratze befindet sich nicht in der Zelle.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fahrl\u00e4ssigkeit oder Absicht?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl es zu den Aufgaben der Beamt:innen der Morgenschicht geh\u00f6rt, zu Beginn der Schicht um 6.00 Uhr Haftzellen und deren Insass:innen zu \u00fcberpr\u00fcfen, machte der diensthabende Beamte den Kontrollgang erst eineinhalb Stunden sp\u00e4ter. Er rechtfertigte es damit, dass ihm bei der Schicht\u00fcbergabe gesagt wurde, dass keine Auff\u00e4lligkeiten bei den derzeit einsitzenden Gefangenen vorl\u00e4gen. Stellt sich allerdings die Frage, warum Herr Muse Warsame seine Kleidung bis auf die Unterhose abgeben musste \u2013 eine Regelung, die eigentlich eher bei Suizidgef\u00e4hrdeten angewendet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Zeitpunkt des Todes von Rooble Muse Warsame waren auch die Zellen 1 und 3 mit jeweils einem Somalier \u2013 auch Bewohner aus dem AnkER-Zentrum \u2013 belegt. Einer von ihnen, der nach Aussagen eines Beamten erst w\u00e4hrend des Schichtwechsels gegen 6 Uhr eingeschlossen worden war, wurde am Morgen des 26. Februar entlassen, ohne als Zeuge von der Polizei verh\u00f6rt worden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Mann berichtete dann den Angeh\u00f6rigen von Rooble Muse Warsame, dass er im Zellentrakt Schreie geh\u00f6rt habe, die pl\u00f6tzlich abbrachen. Er sagte auch, dass er gro\u00dfe Angst vor der Polizei habe und \u00e4u\u00dferte die Bef\u00fcrchtung, dass sich das, was er wusste beziehungsweise in der Nacht erlebt hatte, negativ auf sein Asylverfahren auswirken k\u00f6nne. Nach einigen Tagen verschwand er aus dem Lager, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Mitbewohner:innen vermuteten damals, dass es entweder durch beh\u00f6rdlich angeordnete Umquartierung geschah oder dass er sich entschlossen hatte, unterzutauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der dritte Somalier, der sich in der Nacht zum 26. Februar im Zellentrakt befand, wurde nicht verh\u00f6rt. Dieser ebenfalls wichtige Zeuge befand sich, laut Aussage des Staatsanwalts Axel Weihprecht, in Abschiebungshaft und wurde am 7. M\u00e4rz 2019 entsprechend dem Dublin-Verfahrens abgeschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass Herr Muse Warsame bereits am 5. Februar wegen Missbrauchs von Notrufen festgenommen worden war. In der Zelle der Polzeiinspektion Schweinfurt habe er \u2013 laut Aussagen der Beamt:innen \u2013 seinen Kopf mehrfach gegen Zellengitter geschlagen und ge\u00e4u\u00dfert, man m\u00f6ge ihn umbringen, sonst t\u00e4te er es selber. Daraufhin war er wegen \u201eSelbstgef\u00e4hrdung\u201c ins Krankenhaus f\u00fcr Psychiatrie nach Werneck gebracht worden, aus dem er am n\u00e4chsten Morgen wieder entlassen wurde. Die \u00c4rzt:innen sahen keine Selbst- oder Fremdgef\u00e4hrdung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Vorgang war den Beamt:innen nach seiner Festnahme am 26. Februar nicht bekannt, weil unterschiedliche Eintragungen seines Nachnamens in den beh\u00f6rdlichen Akten und Dokumenten existierten: W\u00e4hrend in seinem Ausweis f\u00fcr das AnkER-Zentrum als Nachname \u201eWarsame\u201c und als Vornamen \u201eRooble Muse\u201c verzeichnet waren, wurde er im Ausl\u00e4nderzentralregister mit dem Nachnamen \u201eMuse Warsame\u201c gef\u00fchrt. W\u00e4re der Name korrekt eingetragen gewesen, dann h\u00e4tte der Gefangene nach dem Einschluss wahrscheinlich \u00f6fter kontrolliert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz aller Widerpr\u00fcche und Ungereimtheiten hat die Staatsanwaltschaft Schweinfurt die Ermittlungsakte zum Tode von Rooble Muse Warsame im Oktober 2019 geschlossen. Offensichtlich aufgrund immer lauter werdender Kritik und Nachfragen vonseiten der \u00d6ffentlichkeit und Presse nahm der leitende Staatswanwalt Axel Weihprecht die Ermittlungen dann allerdings Anfang Juli 2020 wieder auf. Gegen\u00fcber der taz kommentiert er dies wie folgt: \u201eEs ist nicht so, dass ich etwas auff\u00e4llig oder verd\u00e4chtig f\u00e4nde &#8230;. Aber ich m\u00f6chte da einfach nichts mehr im Raum stehen haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Ermittlungsergebnisse stehen noch aus. Die zentrale Frage, wie ein angetrunkener Mann (1,2 Promille), der nur eine Unterhose tr\u00e4gt, in einer verletzungssicheren Ausn\u00fcchterungszelle in der Lage war, den 6\u00a0Zentimeter breiten und 1,95 Meter langen Streifen von einer Sicherheitswolldecke abzutrennen, ist noch nicht beantwortet. Untersuchungen, die dies kl\u00e4ren w\u00fcrden, w\u00e4ren z.B. der Nachweis von DNA-, Speichel- oder sonstigen Spuren an der Decke und am Wolldecken-Streifen. Auf die Frage, wie Rooble Muse Warsame den Streifen abgetrennt haben soll, erwiderte Staatsanwalt Weihprecht jetzt gegen\u00fcber der Antirassistischen Initiative Berlin am Telefon: \u201eDas wird wohl nie gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kein Einzelfall!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Geschichte vom Tode des Rooble Muse Warsame ist eine von vielen aus der aktuellen Dokumentation \u201eBundesdeutsche Fl\u00fcchtlingspolitik und ihre t\u00f6dlichen Folgen\u201c, die j\u00e4hrlich von der <a href=\"http:\/\/www.ari-berlin.org\/\">Antirassistischen Initiative Berlin<\/a> fortgesetzt wird. Im Focus der Pressemitteilung zur Fertigstellung der 27.\u00a0Auflage der Dokumentation steht das Thema: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/body-count\/\">Todesf\u00e4lle in Polizeigewahrsam und Polizeigewalt<\/a> (Death in Custody).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur selten gelingt es tats\u00e4chlich, Licht in dieses beh\u00f6rdliche Dunkelfeld zu bringen. Bei Todesf\u00e4llen in Polizeigewahrsam oder durch direkte Polizeigewalt werden Ermittlungen gegen Polizist:innen entweder gar nicht erst er\u00f6ffnet oder schnell eingestellt. Zeug:innen werden nicht vernommen oder Personen ohne g\u00fcltigen Aufenthalt bewusst abgeschoben. Beweise verschwinden, Akten werden gef\u00e4lscht \u2013 oft kommt es sogar zu einer T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, um T\u00f6tungen glaubw\u00fcrdig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist nur m\u00f6glich, weil keine unabh\u00e4ngigen Kontroll-Mechanismen existieren. Die Polizei ermittelt in solchen F\u00e4llen gegen sich selbst. Im Falle des Todes von Rooble Muse Warsame \u00fcbernahm das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA), Abteilung Interne Ermittlungen, die operative F\u00fchrung und wies die Kriminalpolizei Schweinfurt an, die Tatortarbeit und Leichenschau vor Ort zu machen. Bei der Obduktion waren jeweils ein Beamter der Kripo Schweinfurt und einer vom BLKA anwesend. Der offizielle Schriftverkehr zwischen den verschiedenen Ebenen der Beh\u00f6rde l\u00e4sst erkennen, dass sich die Kollegen gut kennen sollten, denn sie duzen sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine externe \u00dcberpr\u00fcfung der Zusammenh\u00e4nge ist dringend n\u00f6tig, um die vielen Widerspr\u00fcche und unbeantworteten Fragen aufzukl\u00e4ren. Die Angeh\u00f6rigen von Rooble Warsame sammeln derzeit Geld f\u00fcr ein solches unabh\u00e4ngiges Gutachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Antirassistische Initiative Berlin<br \/>\nDokumentationsstelle<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<style> #Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em;}<\/style>\n<div id=\"Kasten\">\n<p style=\"text-align: center;\">Gefl\u00fcchtet aus Elend und Verfolgung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rooble Muse Warsame wurde im M\u00e4rz 1996 in einem Dorf in Somalia geboren, das so klein ist, dass es keinen Namen tr\u00e4gt. Nachdem sein Vater 2010 von zwei Mitgliedern der islamistischen al-Shabaad-Miliz get\u00f6tet wurde, \u00fcbte Rooble Muse Warsames Onkel, der Bruder seines Vaters, Rache und t\u00f6tete 2014 einen der T\u00e4ter. Der Onkel musste daraufhin die Familie verlassen. Als einziges m\u00e4nnliches Familienmitglied blieb der 14-j\u00e4hrige Rooble mit seiner Mutter, seiner 5-j\u00e4hrigen und der 16-j\u00e4hrigen Schwester zur\u00fcck und wurde schlie\u00dflich von der Familie des get\u00f6teten Islamisten mit dem Tode bedroht. Die Mutter verkaufte das Haus und finanzierte so seine Flucht aus Somalia in Richtung Europa. Als zweiten Grund f\u00fcr die Flucht nannte Rooble Muse Warsame sp\u00e4ter den Hunger, unter dem die Familie litt: \u201eEs gab nichts zu essen und die Tiere waren schon alle gestorben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verlie\u00df das Land im Juni 2014 und kam \u00fcber \u00c4thiopien, Sudan, Libyen, Italien nach \u00d6sterreich, wo er im Mai 2015 einen Asylantrag stellte. Obwohl Rooble Muse Warsame nie eine Schule besucht hatte, nahm er an einem Deutschkurs teil und konnte sich in dieser Sprache fortan immer besser verst\u00e4ndigen. Im Oktober 2017 erfuhr er, da\u00df seine Gro\u00dfmutter und sein Onkel bei einem Bombenanschlag der al-Shabaad-Miliz in Mogadischu get\u00f6tet worden waren.<br \/>\nDie Perspektivlosigkeit in \u00d6sterreich, vor allem durch das absolute Arbeitsverbot f\u00fcr Asylbewerber:innen, und letztlich auch die Ablehnung seines Asylantrags trieben ihn nach dreieinhalb Jahren zu dem Entschluss, nach Deutschland weiterzureisen. Am 9. Dezember 2018 stellte er in Bayern einen Asylantrag und wurde im AnkER-Zentrum Schweinfurt untergebracht.<br \/>\nRooble Muse Warsame starb am 26. Februar 2019 in einer Arrestzelle der Schweinfurter Polizei durch atypisches Erh\u00e4ngen \u2013 drei Tage vor seinem 23. Geburtstag.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitarbeiter:innen des Wachpersonals vom AnkER-Zentrum am Kasernenweg hatten ihn Polizeibeamt:innen \u00fcbergeben, weil er sich mit einem oder mehreren Somaliern recht laut und unter Alkoholeinfluss gestritten hatte. 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