{"id":23562,"date":"2020-12-14T14:08:09","date_gmt":"2020-12-14T12:08:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/blockn-roll-for-climate-justice\/"},"modified":"2020-12-15T15:28:25","modified_gmt":"2020-12-15T13:28:25","slug":"blockn-roll-for-climate-justice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/blockn-roll-for-climate-justice\/","title":{"rendered":"Block\u2019n\u2019 Roll for climate justice!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im September 2020 fand im Rheinischen Braunkohlerevier die j\u00fcngste Massenaktion von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/09\/ende-gelaende-aktion-2020-im-rheinland\/\">Ende Gel\u00e4nde<\/a> gegen die Kohleinfrastruktur und f\u00fcr Klimagerechtigkeit statt. Die Aktionstage verliefen\u2006 \u2006 aufgrund der Corona-Pandemie dezentraler als in den vorigen Jahren. Aktions-Gruppen, Finger genannt, waren auf verschiedene Camps verteilt. Mit dabei der bunte Finger, der seinen Schwerpunkt auf inklusiven Protest legte. Der Finger ist offen f\u00fcr Menschen mit und ohne k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkungen oder Be_hinderungen*, f\u00fcr Rollstuhlfahrer*innen und Menschen, die gerade nicht die Kapazit\u00e4ten haben, kilometerlang \u00fcber Felder zu wandern oder an Abbruchkanten herunterzuspringen. Wie bei allen anderen Fingern geht es dabei um mehr als eine Laufdemonstration, es geht um direkte Aktion und zivilen Ungehorsam. Die Barrieren werden gemeinsam \u00fcberwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was auf dem Papier sch\u00f6n und inklusiv klingt, gestaltet sich in der Wirklichkeit schwieriger. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/agenda-fuer-klimagerechtigkeit\/\">Klimabewegung<\/a> ist nicht frei von ableistischen Haltungen, die Welt voll mit Barrieren. Und die Polizei bleibt gewaltt\u00e4tig. Die Geschichte vom bunten Finger begann vor zwei Jahren und es hat sich seitdem bei Ende Gel\u00e4nde vieles in eine positive Richtung entwickelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen, die bislang an den Aktionen nicht teilnehmen konnten, weil sie im Rollstuhl sitzen, erkundigten sich nach Teilhabem\u00f6glichkeiten. Die ersten R\u00fcckmeldungen fielen ern\u00fcchternd aus: \u201eIhr k\u00f6nnt gerne kommen und zum Beispiel bei der K\u00fcche f\u00fcr Alle (K\u00fcfA) mithelfen\u201c. Die Menschen schlossen eine Mitarbeit bei der K\u00fcfA, die f\u00fcr den Protest unabdingbar ist, nicht aus. Sie wollten aber nicht dort helfen, weil es f\u00fcr sie nichts anderes gibt, sondern weil sie selbst gew\u00e4hlt haben, den Widerstand in dieser Art und Weise zu unterst\u00fctzen. Vorliegend war es aber nicht ihre Entscheidung. Sie wollten am liebsten bei Aktionen mitten in den Blockaden aktiv mitwirken. Es dauerte eine Weile, bis ihr Anliegen von nicht Be_hinderten verstanden wurde. Die Idee des bunten Fingers wurde geboren und erste Aktionen durchgef\u00fchrt. Im vergangenen Jahr besetzte der bunte Finger erfolgreich die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/wir-blockieren-am-ort-der-zerstoerung\/\">Kohlebahn in der Lausitz<\/a> (die GWR berichtete).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Berlin gr\u00fcndete sich eine Inklusions AG, die eine hervorragende Arbeit leistet. Texte von Ende Gel\u00e4nde wurden in einfacher Sprache \u00fcbersetzt. Die AG betreibt Aufkl\u00e4rung zum Thema Be_hinderung und M\u00f6glichkeiten des Protestes. Und entwickelt das Konzept des bunten Fingers weiter. Neu in diesem Jahr war das Buddy-System, mit welchem Menschen miteinander in Kontakt gebracht wurden, die vor und\/oder in der Aktion Assistenz ben\u00f6tigten oder anbieten konnten. Die Menschen hatten die Gelegenheit, ihre Bed\u00fcrfnisse vorab zu melden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wir lassen uns nicht be_hindern<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Finger wurde auf dem Camp aufgestellt und es gab die M\u00f6glichkeit sich auf die Aktion mit einem Aktionstraining, Jura-workshops und Plena vorzubereiten. Die Aktion wurde m\u00f6glichst barrierearm geplant. Vollst\u00e4ndige Barrierefreiheit ist in einer Gesellschaft voll mit Barrieren unm\u00f6glich. Das Konzept des bunten Fingers besteht darin, dass die Barrieren gemeinsam mit Unterst\u00fctzung der nicht Be_hinderten Menschen, \u00fcberwunden werden. Hier war allerdings bereits bei der Fingeraufstellung auf dem Camp abzusehen, dass das Konzept nicht von allen verstanden wurde und m\u00f6glicherweise nicht reibungslos aufgehen w\u00fcrde. Es fanden sich viele Menschen ohne Aktionserfahrung und wenige mit stabilen Bezugsgruppen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDamit reproduziert Ende Gel\u00e4nde unbewusst, was die Gesellschaft schon macht. Der bunte Finger ist wie eine Art Sonderschule, in die alle Menschen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden in andere Fingerkonzepte nicht hinein passen, abgeschoben werden\u201c, blickte eine Aktivistin kritisch auf die Aktion zur\u00fcck. \u201eDer bunte Finger geht aber genauso in Aktion wie andere und braucht wie alle Finger erfahrene und entschlossene Menschen. Die Aufnahme von Menschen ohne Aktionserfahrung und der Wissenstransfer sollte Aufgabe aller Finger sein!\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>Vollst\u00e4ndige Barrierefreiheit ist<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>in einer Gesellschaft<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>voll mit Barrieren unm\u00f6glich.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um Barrieren \u00fcberwinden zu helfen, sind gerade Menschen mit Aktionserfahrung und stabile Bezugsgruppen wichtig. Der bunte Finger konnte trotzdem wertvolle Erfahrungen im \u00dcberwinden von Barrieren sammeln. Es musste zun\u00e4chst durchgesetzt werden, dass die Gruppe das Camp mit Bussen verlassen durfte. Die Polizei erkl\u00e4rte zun\u00e4chst, die Gruppe d\u00fcrfe selbst zu einer angemeldeten Mahnwache nicht mit dem Bus fahren und solle 30 Kilometer zu Fu\u00df gehen! Das offensive Auftreten einiger der Beteiligten gegen diese ableistische Haltung der Polizei trug seine Fr\u00fcchte. Der Bus wurde jedoch noch vor Erreichen einer Mahnwache durch die Polizei gestoppt und den Insassen wurde zun\u00e4chst untersagt auszusteigen. F\u00fcr die Menschen mit Be_hinderung gab es ein Zelt und einen Toilettenstuhl. F\u00fcr dessen Aufbau mussten einige Menschen den Bus verlassen. Irgendwann hatten es alle Beteiligten auf die Stra\u00dfe geschafft. Die Gruppe ging mit einer spontanen Demonstration in Richtung der nah gelegenen Kohlebahn los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Polizei-Barriere, ein Polizeifahrzeug mitten auf einem Feldweg, wurde problemlos \u00fcberwunden. Die Menschen im Rollstuhl wurden durch Demonstrant*innen um das Auto herum getragen. Die Polizei war in Unterzahl und reagierte mit \u00dcberforderung. Sie hatte damit gerechnet, das Auto w\u00fcrde die Gruppe stoppen. Es folgte der Polizeieinsatz mit Hunden als Waffe gegen die Gruppe. Der Angriff erfolgte ohne jegliche Vorwarnung. Eine brennzliche Situation f\u00fcr die Rollstuhlfahrer*innen in der Gruppe! Sie wurden gut durch die Gruppe gegen die Angriffe der Hunde gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle zeigte sich allerdings, dass das Konzept des Fingers, das zu Zeiten von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/10\/castortransporte-am-totensonntag\/\">Castortransporten<\/a> im <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/40-jahre-republik-freies-wendland-2\/\">Wendland<\/a> popul\u00e4r gemacht und effektiv eingesetzt wurde, nicht allen Beteiligten bekannt war. Es geht darum, dass eine geschlossene Gruppe sich f\u00fcr ein paar Hundert Meter aufteilt und eine Polizeikette auseinander zieht, um nach Durchflie\u00dfen der Kette wieder zusammen zu finden. \u2028Da nur der Feldweg f\u00fcr die Menschen mit Rollstuhl befahrbar war, w\u00e4re es nat\u00fcrlich keine einfache Sache gewesen. Die Gruppe entschied sich jedoch nach l\u00e4ngeren Debatten daf\u00fcr umzukehren. Nicht ohne sich auf dem Feld zu verteilen und bunte Raucht\u00f6pfe zu z\u00fcnden, um die Polizei etwas zu verwirren. Inzwischen war aber ein Durchkommen aussichtslos, \u00fcber 20 Polizei-Mannschaftswagen waren zur Verst\u00e4rkung eingetroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe wurde von Solibus e.V. abgeholt. Der Solibus verf\u00fcgt \u00fcber eine elektrische Rollstuhlrampe und wird von einem tollen Fahrer gesteuert. Der Bus steht politischen Gruppen f\u00fcr ihre Aktionen zur Verf\u00fcgung und finanziert sich durch Spenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bus wurde durch die Polizei in Cowboy-Manier in einem Ort angehalten und die Menschen zwei Stunden lang darin festgehalten. Die Polizei nannte keine Rechtsgrundlage und behauptete, es handelte sich nicht um eine freiheitsentziehende Ma\u00dfnahme. Doch der Bus durfte nicht weiter fahren und die Menschen nicht aussteigen. Selbst Toiletteng\u00e4nge waren nur in Polizeibegleitung erlaubt. Diese Form von Willk\u00fcr und psychischer Gewalt ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Einige der Beteiligten wollen dagegen vor Gericht klagen. Im Hinblick auf die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/albert-camus-die-pest-in-corona-zeiten\/\">Corona-Pandemie<\/a> und die Tatsache, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen, so genannte Risikopatient:innen, in den Bussen sa\u00dfen, war dieses Verhalten der Polizei unverantwortlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab den Schwierigkeiten zum Trotz viel positives Feedback seitens der Aktivist*innen. Wir k\u00f6nnen gespannt auf die k\u00fcnftigen Aktionen des bunten Fingers sein. Und es ist sch\u00f6n, dass Teilhabe und Inklusion St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Ber\u00fccksichtigung in der Klimabewegung finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Eichh\u00f6rnchen<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2020 fand im Rheinischen Braunkohlerevier die j\u00fcngste Massenaktion von Ende Gel\u00e4nde gegen die Kohleinfrastruktur und f\u00fcr Klimagerechtigkeit statt. 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