{"id":23564,"date":"2020-10-28T14:08:09","date_gmt":"2020-10-28T12:08:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/gefaengnisse-eine-alternativlose-realitaet\/"},"modified":"2020-11-17T11:20:09","modified_gmt":"2020-11-17T09:20:09","slug":"gefaengnisse-eine-alternativlose-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/gefaengnisse-eine-alternativlose-realitaet\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4ngnisse \u2013 eine alternativlose Realit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der russische Schriftsteller <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/tolstois-christlicher-anarchismus\/\">Leo Tolstoi<\/a> (1828\u20131910) stellt in einer im Jahr 1894 in deutscher \u00dcbersetzung erschienenen Schrift die Frage, \u201eob es l\u00f6blich, ob es eines Menschen w\u00fcrdig ist, (\u2026) sich damit zu besch\u00e4ftigen, (\u2026) ungl\u00fcckliche, verirrte, meist g\u00e4nzlich unwissende, betrunkene Menschen einzufangen, weil sie sich fremdes Eigentum in viel geringerem Ma\u00dfe aneignen, als wir uns aneignen, (\u2026) und sie daf\u00fcr ins Gef\u00e4ngnis zu werfen\u201c. ((1)) F\u00fcr Tolstoi steht die Antwort fest: \u201eWarum soll ich hingehen, an den Gerichten teilnehmen, an den Strafen (\u2026) der Menschen f\u00fcr ihre Verirrung, w\u00e4hrend ich doch wei\u00df, (\u2026) wenn ich ein gebildeter Mensch bin, da\u00df die Strafe die Menschen, die von ihnen betroffen werden, nicht besser, sondern schlechter macht.\u201c ((2)) Tolstoi kritisiert \u201edie vervollkommnete Methode, Menschen (\u2026) auf immer in die Einsamkeit des Gef\u00e4ngnisses zu sto\u00dfen, wo sie vor Menschen verborgen zu Grunde gehen und vergessen werden\u201c. ((3)) Er ist der \u00dcberzeugung, dass man sie \u201enicht strafen, sondern bessern m\u00fc\u00dfte\u201c ((4)) und betont \u201edie Sinnlosigkeit der Verh\u00e4ngung von Strafen (\u2026) in der Gestalt der Einschlie\u00dfung ins Gef\u00e4ngnis\u201c ((5)), denn \u201eweder Vergr\u00f6\u00dferung noch Verminderung der Strenge der Strafen, noch die Ver\u00e4nderung der Gef\u00e4ngnisse (\u2026) haben je die Zahl der Verbrechen vermindert oder vergr\u00f6\u00dfert\u201c ((6)). Daher lehnt Tolstoi alle \u201egrausamen Strafmethoden\u201c ((7)), zu denen er die Gef\u00e4ngnisstrafen z\u00e4hlt, grundlegend ab. Diese Reflexionen Tolstois sind meines Erachtens auch \u00fcber ein Jahrhundert nach ihrer Publikation immer noch aktuell, da sie uns daran erinnern, dass die Existenz von Gef\u00e4ngnissen keinem Naturgesetz, sondern staatlicher Autorit\u00e4t entspringt und daher keineswegs alternativlos ist. Genau zehn Jahre vor der Publikation der genannten Schrift von Tolstoi hat Friedrich Engels (1820\u20131895) \u2013 dessen 200. Geburtstag wir in K\u00fcrze begehen werden \u2013 sein Werk \u201eDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u201c ver\u00f6ffentlicht, in dem er f\u00fcr die pr\u00e4staatlichen \u201eGentilgesellschaften\u201c radikaldemokratische, partizipative Konfliktl\u00f6sungsstrategien, ganz ohne Gef\u00e4ngnisse, beschreibt: \u201eOhne (\u2026) Polizisten, ohne (\u2026) Richter, ohne Gef\u00e4ngnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang. Allen Zank und Streit entscheidet die Gesamtheit derer, die es angeht (\u2026).\u201c ((8)) Die Ausf\u00fchrungen Tolstois und Engels k\u00f6nnten uns zum Anlass dienen, die Notwendigkeit oder Sinnhaftigkeit von Gef\u00e4ngnisstrafen einer kritischen Analyse zu unterziehen und \u00fcber m\u00f6gliche Alternativen nachzudenken\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi (1828\u20131910) stellt in einer im Jahr 1894 in deutscher \u00dcbersetzung erschienenen Schrift die Frage, \u201eob es l\u00f6blich, ob es eines Menschen w\u00fcrdig ist, (\u2026) sich damit zu besch\u00e4ftigen, (\u2026) ungl\u00fcckliche, verirrte, meist g\u00e4nzlich unwissende, betrunkene Menschen einzufangen, weil sie sich fremdes Eigentum in viel geringerem Ma\u00dfe aneignen, als wir uns &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/10\/gefaengnisse-eine-alternativlose-realitaet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gef\u00e4ngnisse \u2013 eine alternativlose Realit\u00e4t? - graswurzelrevolution","description":"Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi (1828\u20131910) stellt in einer im Jahr 1894 in deutscher \u00dcbersetzung erschienenen Schrift die Frage, \u201eob es l\u00f6blich, ob es"},"footnotes":""},"categories":[1291,1028,1032],"tags":[1300,1298,1296,1299],"class_list":["post-23564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-453-november-2020","category-freunde-und-helfer","category-spurensicherung","tag-engels","tag-gefaengnis","tag-haft","tag-tolstoi"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23564"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23564\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}